Newsindex
"Juze" kollidiert mit Spielothek
Medium: Augsburger Allgemeine
Datum: 26. 02. 2000
Spielsalon und neues Jugendzentrum unter einem Dach ­ Getrübte Vorfreude

Wertingen (bäs/hek). In die Vorfreude auf das neue Wertinger Jugendzentrum, das derzeit im Keller der ehemaligen Molkerei entsteht, ist ein Wermutstropfen gefallen: Im gleichen Gebäude soll eine Spielothek einziehen. Während Bürgermeister Dietrich Riesebeck hier keine Interessenskollission erkennen kann, sieht Sozialpädagoge Robert Keiß, der das Jugendzentrum fachlich betreut, die Gefahr eines schlechten Einflusses.

"Natürlich ist es nicht erfreulich, dass in dem Haus auch ein Spielsalon einzieht. Der Stadtrat und ich wünschen dies nicht und forcieren diese Dinge auch nicht", erklärt der Bürgermeister zu dem Thema. Doch die Stadt könne Spielotheken rein rechtlich nicht verhindern, da sie laut Verordnung in Mischgebieten zulässig seien. Und das Areal rund um das einstige Molkereigebäude, das von einem Bauträger erworben wurde und umgebaut wird, sei ein Mischgebiet.

Getrennte Eingänge

Er habe mit dem Hausherrn ­ dem Bauträger ­ ausgiebig verhandelt und wesentliche Verbesserungen erreicht, berichtet der Bürgermeister. So sei der ursprünglich gemeinsame Eingang nun getrennt worden ­ "es darf keinen gemeinsamen Eingang von Spielothek und Jugendzentrum geben", sagt Riesebeck. Beide Eingänge liegen zwar auf derselben Seite des Gebäudes, seien jedoch getrennt. Zur Spielothek gehe man in den ersten Stock hinauf, zum Jugendtreff hinunter in den Kellerbereich. Der Bürgermeister erinnert auch daran, dass Spielhallen im Sinne des Jugendschutzgesetzes bestimmten Auflagen unterliegen: Sie dürfen nur von über 18-Jährigen besucht werden und es darf dort kein Alkohol ausgeschenkt werden. Eine Spielhalle in Nachbarschaft des Jugendzentrums sei zwar nicht erstrebenswert, doch könne man Jugendliche nicht generell vor Einflüssen schützen, so Riesbeck weiter zum Thema.

Sozialpädagoge Robert Keiß sieht in der Nachbarschaft zwischen Jugendzentrum und Spielothek allerdings "ein Dilemma". Keiß, Angestellter der katholischen Waisenhausstiftung in Augsburg, betreut das Jugendzentrum im Auftrag der Stadt stundenweise und erklärt: "Jugendarbeit kann man in so einer Umgebung nicht durchführen."

Schwellenängste

Im neuen "Juze" sollten auch jüngere Jugendliche ­ zwölf- bis 14-Jährige ­ Zugang finden, so das pädagogische Konzept von Keiß. Für diese könnten nun durch das ältere Publikum der Spielothek Schwellenängste entstehen. Auch bestehe die Gefahr, dass sich die Spielhallen-Besucher mit billigen Juze-Getränken versorgen, befürchtet der Sozialpädagoge eine ständige Vermischung von Juze- und Spielhallen-Publikum. Geplant sei auch, dass die Jugendlichen ihren Betrieb selbst verwalten, also kein Jugendpfleger während der Öffnnungszeit ständig anwesend ist. "Kann man die Jugendlichen unter diesen Umständen noch alleine lassen?" fragt sich Keiß nun.

Auch die Jugendlichen selbst, die mit finanzieller Unterstützung der Stadt die Räume in ihrer Freizeit renoviert haben, befänden sich in einem Dilemma. Einerseits hätten sie sich schöne Räume geschaffen, die sie nicht mehr hergeben wollten, andererseits befürchten sie Schwierigkeiten wegen der Spielhalle. "Die Besucher der Spielothek werden nicht zu den Jugendtreff-Besuchern passen", glaubt Franz Klingler, zweiter Vorsitzender des Jugendtreffs.

"Alles hatte so gut angefangen", berichtet erste Vorsitzende Ulrike Laux. Nachdem die Zustände im alten Jugendtreff am Alten Turnplatz unerträglich geworden waren, hatte sich die Stadt um neue Räume bemüht . Im Gebäude der ehemaligen Molkerei in der Augsburger Straße fand sich die Lösung. Die frühere Besitzerin des Gebäudes, "Cema", bot die Kellerräume zum Mieten an.

Stadtrat packte mit an

"In dem Keller sah es damals verheerend aus, es gab schimmelige Wände und eine einzige, schlecht funktionierende Toilette", erinnert sich Franz Klingler. Fast täglich schuftete daraufhin ein Stamm von etwa 15 Leuten ­ alle im Alter von 14 bis 20 Jahren ­ bei der Renovierung. Auch ein Stadtratsmitglied stellte sich zur Verfügung: Markus Ehm, gelernter Schreiner, packte überall mit an. Elektroinstallation, Fließen, Toiletten- und Heizkörpermontage, Kücheneinrichtung sowie Wand- und Deckenarbeiten meisterten die Jugendlichen in vielen ehrenamtlichen Stunden.

Die Stadt ließ Wände einziehen und bezahlte die Materialkosten in Höhe von bisher 80 000 Mark. Eine kleine Küche mit Durchreiche sowie eine Theke mit Barhocker und eine moderne Deckenbeleuchtung sind der ganze Stolz der Jugendlichen. Durch die Spielothek sei die Vorfreude auf die Juze-Eröffnungsparty am 18. März nun allerdings getrübt, bedauern Laux und Klingler.


Newsindex