Von Nicola Siegmund-Schultze
Es ist fast dunkel in den Spielhallen, die Schaufenster sind meist von außen
zugeklebt. Man soll sie nicht sehen, die Menschen im Salon. Türme von
Geldmünzen vor sich aufgebaut, sitzen sie stumm auf ihren Barhockern. Den Ton
geben die Automaten an. Die grellbunten Zitronen, Kirschen, Himbeeren kreisen
surrend in exakt programmierter Folge, bis sie mit einem Tusch, der an klingende
Münze erinnert, angehalten werden. Die Kombination der Symbole bestimmt, ob
der Automat Münzen ausspuckt oder nicht.
"Letztlich werde ich gewinnen", sagen sich Glücksspieler und bleiben tapfer dabei,
auch wenn eine Pechsträhne anhält. Sie glauben, sie hätten das Spiel unter
Kontrolle. Das Gegenteil ist der Fall: Die Casino- und Spielhallen-Betreiber
verdienen in Deutschland jährlich 44 Milliarden, da müssen die Besucher häufig
verlieren.
Warum sind krankhafte Glücksspieler blind für diese Erkenntnis? Warum
manövrieren sie sich in eine Zukunft ohne Arbeit und ohne Geld hinein - mit einem
hohen Risiko, die Familie zu verlieren und sich aus Verzweiflung das Leben zu
nehmen? Die Suizidraten unter krankhaften Spielern sind mit zwölf bis 14 Prozent
so hoch wie bei Depressionen.
Menschen, die sich im mittleren bis seitlichen Bereich der Hirnrinde verletzt haben,
neigen zu risikoreichen Entscheidungen, von denen absehbar ist, dass sie große
Nachteile für sie selbst haben, im Übrigen aber sind sie normal geistig
leistungsfähig. Das fanden Antonio Damasio und Antoine Bechara, Professoren für
Neurologie an der Klinik der Universität von Iowa in Iowa City, Mitte der neunziger
Jahre heraus. Sie sahen Parallelen zu pathologischen Glücksspielern, die sich
sehenden Auges um Haus und Hof bringen. Jetzt verdichtet sich die Annahme,
dass diese Hirnregionen an einer krankhaften Neigung zum Glücksspiel beteiligt
sind.
Mehrere Forschergruppen haben die Hirnaktivitäten von krankhaften Spielern beim
Glücksspiel gemessen und die Ergebnisse beim Weltkongress für Neurologie in
London vorgestellt. Hans Breiter und sein Team von der Harvard Medical School in
Boston, Massachusetts, fanden heraus, dass der orbitofrontale Cortex, die
Hirnrinde um die Augen herum, sowie eine Region in der Tiefe des Großhirns, der
Nucleus accumbens, beim Spielen besonders aktiviert werden. Diese Bereiche
zeigen auch bei Kokainsüchtigen eine Aktivierung, wenn diese Entzugssymptome
haben und nach der Droge verlangen.
Rebecca Elliott von der University of Manchester hat herausgefunden, dass bei
Spielern, die eine Glückssträhne im Kartenspiel erwarten, nicht nur der Nuc- leus
accumbens, sondern auch der Mandelkern (Amygdala) und Teile des Mittelhirns
(Substantia nigra) stimuliert wurden, während in Erwartung einer Pechsträhne die
Insel besonders aktiv ist, ein Assoziationszentrum in der Großhirnrinde.
In den genannten Regionen überträgt der Botenstoff Dopamin die Reize zwischen
den Nervenzellen. Er ist Teil des Belohnungssystems, das den Menschen sich gut
fühlen lässt. Dabei erzeugt Dopamin nicht selbst Glücksgefühle, sondern steigert
die Aufmerksamkeit für neue Reize. Diese werden verstärkt und wirken dadurch
attraktiver. Drogen wie Amphetamin, Kokain, Opiate, aber auch Nikotin aktivieren
das Belohnungssystem. Bei Menschen mit Entzugssymptomen fällt die
Konzentration von Dopamin dagegen vorübergehend ab, ebenso wie die des
Serotonins. Das macht sie anfälliger für traurige Stimmung und Stress.
"Neurobiologisch scheint es viele Parallelen zu geben zwischen krankhaftem
Spielverhalten als nicht stoffgebundener Sucht und Drogenabhängigkeit", sagt Mark
N. Potenza von der Yale University School of Medicine in New Haven im
US-Bundesstaat Connecticut. Das betreffe das Wechselspiel der Botenstoffe und
die beteiligten Hirnregionen. "Wir wissen zudem, dass bestimmte Varianten von
Genen - zum Beispiel enthalten sie die Information für Serotonin-Bindeproteine oder
für Dopamin-Transportmoleküle - ein ungünstiges Mengenverhältnis dieser
Botenstoffe im Gehirn erzeugen können", so Potenza.
Eine Störung im System der Botenstoffe (Neurotransmitter) könnte die belohnende
Wirkung des Spielens verstärken, da eine durch den Reiz verursachte
Transmitterfreisetzung auf ein gewissermaßen schon "darauf wartendes"
Belohnungssystem trifft. So fand Potenza heraus, dass sich pathologische Spieler
im Gegensatz zu Kontrollpersonen nach der Verabreichung einer Substanz, die
vortäuscht, Serotonin zu sein, "high" fühlten. Dieser Stoff, das
Meta-Chlorophenylpiperazin, aktiviert Bindungspartner für Serotonin auf der
Oberfläche der Nervenzellen.
Die genetischen Befunde könnten mit erklären, warum Süchte in bestimmten
Familien gehäuft vorkommen. Aber auch seelische Krankheiten wie
Angststörungen, Depressionen oder eine antisoziale Persönlichkeit begünstigen
die Entwicklung einer Sucht, und auch diese seelischen Störungen können die
Aktivität der Nervenbotenstoffe im Gehirn verändern, so die Erkenntnis.
Für die Therapie bedeute dies, folgert Potenza, dass Arzneimittel, die die Wirkung
des Serotonins und des Dopamins beeinflussen, viel versprechende Kandidaten
seien, um eine psychotherapeutische und psychosoziale Behandlung der Sucht zu
ergänzen. Erste klinische Erfolge mit den selektiven
Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern zur Behandlung von Menschen, die dem
Glücksspiel verfallen sind, gebe es schon.
Sucht und Schuldfähigkeit
Nach der Klassifikation der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft (DSM
IV) gehört zu krankhafter Spielsucht, dass der Betroffene dem Glücksspiel
zunehmend nicht widerstehen kann, immer mehr Geld investiert, ruhelos und
depressiv wird, wenn er nicht spielen kann, Schulden macht, die Familie und
andere Vertraute anlügt, um Geld zu bekommen oder um das Problem
herunterzuspielen, persönliche Beziehungen und/oder seinen Job verliert.
Daraus lasse sich aber nicht ableiten, dass exzessive Spieler automatisch
vermindert schuldfähig bei der Begehung von Straftaten zur Geldbeschaffung seien,
so Stefan Sutarski von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität
Dresden. Exzessive Zocker seien vermutlich hinsichtlich des Glücksspiels
vermindert steuerungsfähig, das gelte aber nicht unbedingt auch für Stehlen,
Betrügen und Rauben. Infolge der Glücksspielsucht kann sich aber die
Persönlichkeit verändern und zu starker emotionaler Labilität, einem Verlust der
Selbstachtung, Antriebsminderung und wegen privater und beruflicher Konflikte zu
anhaltenden Erregungszuständen führen. Diese Persönlichkeitsveränderungen
können im Einzelfall die Schuldfähigkeit für Straftaten vermindern, sofern sie in
engem zeitlichen Zusammenhang mit dem Spielen begangen wurden. In
Deutschland gibt es zirka 150 000 Glücksspielsüchtige. nsi
Weitere Informationen: Fachverband Glücksspielsucht, 32052 Herford, Tel. 0 52 21
/ 599850, Internet: www.glücksspielsucht.de; Zentrale Kontaktstelle Anonyme
Spieler in Deutschland, 22089 Hamburg, Tel. 040 / 20 9900 9 oder 040 / 20 99 01
9. Buchtipps: Gerhard Meyer, Meinolf Bachmann: Spielsucht. Ursachen und
Therapie. Springer Verlag, Heidelberg 2000, 366 Seiten, 89,90 Mark; Andreas
Marneros, Dieter Rössner, Annette Haring, Peter Brieger (Hrsg.): Psychiatrie
und Justiz, Zuckschwerdt Verlag, Germering 2001, 250 Seiten., 97,80 Mark.