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Nichts geht mehr: Forscher fahnden im Gehirn nach Ursachen der Spielsucht
Medium: Frankfurter Rundschau
Datum: 25. 09. 2001
Von Nicola Siegmund-Schultze

Es ist fast dunkel in den Spielhallen, die Schaufenster sind meist von außen zugeklebt. Man soll sie nicht sehen, die Menschen im Salon. Türme von Geldmünzen vor sich aufgebaut, sitzen sie stumm auf ihren Barhockern. Den Ton geben die Automaten an. Die grellbunten Zitronen, Kirschen, Himbeeren kreisen surrend in exakt programmierter Folge, bis sie mit einem Tusch, der an klingende Münze erinnert, angehalten werden. Die Kombination der Symbole bestimmt, ob der Automat Münzen ausspuckt oder nicht.

"Letztlich werde ich gewinnen", sagen sich Glücksspieler und bleiben tapfer dabei, auch wenn eine Pechsträhne anhält. Sie glauben, sie hätten das Spiel unter Kontrolle. Das Gegenteil ist der Fall: Die Casino- und Spielhallen-Betreiber verdienen in Deutschland jährlich 44 Milliarden, da müssen die Besucher häufig verlieren.

Warum sind krankhafte Glücksspieler blind für diese Erkenntnis? Warum manövrieren sie sich in eine Zukunft ohne Arbeit und ohne Geld hinein - mit einem hohen Risiko, die Familie zu verlieren und sich aus Verzweiflung das Leben zu nehmen? Die Suizidraten unter krankhaften Spielern sind mit zwölf bis 14 Prozent so hoch wie bei Depressionen.

Menschen, die sich im mittleren bis seitlichen Bereich der Hirnrinde verletzt haben, neigen zu risikoreichen Entscheidungen, von denen absehbar ist, dass sie große Nachteile für sie selbst haben, im Übrigen aber sind sie normal geistig leistungsfähig. Das fanden Antonio Damasio und Antoine Bechara, Professoren für Neurologie an der Klinik der Universität von Iowa in Iowa City, Mitte der neunziger Jahre heraus. Sie sahen Parallelen zu pathologischen Glücksspielern, die sich sehenden Auges um Haus und Hof bringen. Jetzt verdichtet sich die Annahme, dass diese Hirnregionen an einer krankhaften Neigung zum Glücksspiel beteiligt sind.

Mehrere Forschergruppen haben die Hirnaktivitäten von krankhaften Spielern beim Glücksspiel gemessen und die Ergebnisse beim Weltkongress für Neurologie in London vorgestellt. Hans Breiter und sein Team von der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts, fanden heraus, dass der orbitofrontale Cortex, die Hirnrinde um die Augen herum, sowie eine Region in der Tiefe des Großhirns, der Nucleus accumbens, beim Spielen besonders aktiviert werden. Diese Bereiche zeigen auch bei Kokainsüchtigen eine Aktivierung, wenn diese Entzugssymptome haben und nach der Droge verlangen.

Rebecca Elliott von der University of Manchester hat herausgefunden, dass bei Spielern, die eine Glückssträhne im Kartenspiel erwarten, nicht nur der Nuc- leus accumbens, sondern auch der Mandelkern (Amygdala) und Teile des Mittelhirns (Substantia nigra) stimuliert wurden, während in Erwartung einer Pechsträhne die Insel besonders aktiv ist, ein Assoziationszentrum in der Großhirnrinde.

In den genannten Regionen überträgt der Botenstoff Dopamin die Reize zwischen den Nervenzellen. Er ist Teil des Belohnungssystems, das den Menschen sich gut fühlen lässt. Dabei erzeugt Dopamin nicht selbst Glücksgefühle, sondern steigert die Aufmerksamkeit für neue Reize. Diese werden verstärkt und wirken dadurch attraktiver. Drogen wie Amphetamin, Kokain, Opiate, aber auch Nikotin aktivieren das Belohnungssystem. Bei Menschen mit Entzugssymptomen fällt die Konzentration von Dopamin dagegen vorübergehend ab, ebenso wie die des Serotonins. Das macht sie anfälliger für traurige Stimmung und Stress.

"Neurobiologisch scheint es viele Parallelen zu geben zwischen krankhaftem Spielverhalten als nicht stoffgebundener Sucht und Drogenabhängigkeit", sagt Mark N. Potenza von der Yale University School of Medicine in New Haven im US-Bundesstaat Connecticut. Das betreffe das Wechselspiel der Botenstoffe und die beteiligten Hirnregionen. "Wir wissen zudem, dass bestimmte Varianten von Genen - zum Beispiel enthalten sie die Information für Serotonin-Bindeproteine oder für Dopamin-Transportmoleküle - ein ungünstiges Mengenverhältnis dieser Botenstoffe im Gehirn erzeugen können", so Potenza.

Eine Störung im System der Botenstoffe (Neurotransmitter) könnte die belohnende Wirkung des Spielens verstärken, da eine durch den Reiz verursachte Transmitterfreisetzung auf ein gewissermaßen schon "darauf wartendes" Belohnungssystem trifft. So fand Potenza heraus, dass sich pathologische Spieler im Gegensatz zu Kontrollpersonen nach der Verabreichung einer Substanz, die vortäuscht, Serotonin zu sein, "high" fühlten. Dieser Stoff, das Meta-Chlorophenylpiperazin, aktiviert Bindungspartner für Serotonin auf der Oberfläche der Nervenzellen.

Die genetischen Befunde könnten mit erklären, warum Süchte in bestimmten Familien gehäuft vorkommen. Aber auch seelische Krankheiten wie Angststörungen, Depressionen oder eine antisoziale Persönlichkeit begünstigen die Entwicklung einer Sucht, und auch diese seelischen Störungen können die Aktivität der Nervenbotenstoffe im Gehirn verändern, so die Erkenntnis.

Für die Therapie bedeute dies, folgert Potenza, dass Arzneimittel, die die Wirkung des Serotonins und des Dopamins beeinflussen, viel versprechende Kandidaten seien, um eine psychotherapeutische und psychosoziale Behandlung der Sucht zu ergänzen. Erste klinische Erfolge mit den selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern zur Behandlung von Menschen, die dem Glücksspiel verfallen sind, gebe es schon.

Sucht und Schuldfähigkeit

Nach der Klassifikation der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft (DSM IV) gehört zu krankhafter Spielsucht, dass der Betroffene dem Glücksspiel zunehmend nicht widerstehen kann, immer mehr Geld investiert, ruhelos und depressiv wird, wenn er nicht spielen kann, Schulden macht, die Familie und andere Vertraute anlügt, um Geld zu bekommen oder um das Problem herunterzuspielen, persönliche Beziehungen und/oder seinen Job verliert.

Daraus lasse sich aber nicht ableiten, dass exzessive Spieler automatisch vermindert schuldfähig bei der Begehung von Straftaten zur Geldbeschaffung seien, so Stefan Sutarski von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Dresden. Exzessive Zocker seien vermutlich hinsichtlich des Glücksspiels vermindert steuerungsfähig, das gelte aber nicht unbedingt auch für Stehlen, Betrügen und Rauben. Infolge der Glücksspielsucht kann sich aber die Persönlichkeit verändern und zu starker emotionaler Labilität, einem Verlust der Selbstachtung, Antriebsminderung und wegen privater und beruflicher Konflikte zu anhaltenden Erregungszuständen führen. Diese Persönlichkeitsveränderungen können im Einzelfall die Schuldfähigkeit für Straftaten vermindern, sofern sie in engem zeitlichen Zusammenhang mit dem Spielen begangen wurden. In Deutschland gibt es zirka 150 000 Glücksspielsüchtige. nsi

Weitere Informationen: Fachverband Glücksspielsucht, 32052 Herford, Tel. 0 52 21 / 599850, Internet: www.glücksspielsucht.de; Zentrale Kontaktstelle Anonyme Spieler in Deutschland, 22089 Hamburg, Tel. 040 / 20 9900 9 oder 040 / 20 99 01 9. Buchtipps: Gerhard Meyer, Meinolf Bachmann: Spielsucht. Ursachen und Therapie. Springer Verlag, Heidelberg 2000, 366 Seiten, 89,90 Mark; Andreas Marneros, Dieter Rössner, Annette Haring, Peter Brieger (Hrsg.): Psychiatrie und Justiz, Zuckschwerdt Verlag, Germering 2001, 250 Seiten., 97,80 Mark.


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