STUTTGART
26.02.2000
Fahnder brauchen langen Atem - Nach Monaten sechs
Täter am Omnibusbahnhof ausgehoben
Hütchenspieler - es gibt sie wieder. Die Opfer werden gleich
von einer ganzen Bande ausgenommen: durch Betrug im Spiel
und gleichzeitigen Taschendiebstahl. Nun gelang der Kripo die
Festnahme von sechs Serben und Bosniern, die am Zentralen
Omnibusbahnhof ihr falsches Spiel trieben.
VON WOLF-DIETER OBST
Zwei Bodyguards haben die Lage am Hauptbahnhof fest im
Blick. Damit die spielenden Komplizen stets in Deckung sind.
Es passiert zwischen zwei Reisebussen, und die Bilder ähneln
sich: Eine Gruppe von Männern schaut interessiert einem Mann
um die 30 zu, der am Boden kauert. Auf einem Teppich im
DIN-A-2-Format, mit drei Schachteln und einer Kugel lässt er
mit flinken Fingern die Umstehenden raten: Unter welcher
Schachtel liegt die Kugel?
Die Opfer werden zunächst mit kleinen Gewinnen gelockt.
Doch sie ahnen nicht: Mehrere der vermeintlichen Zuschauer
sind Komplizen des Hütchenspielers. Ist ein Gutgläubiger
gefunden, kümmern sich mindestens drei Taschendiebe um den
Inhalt seiner Jacke. "Die Hütchenspieler'', sagt ein Kenner der
Szene, "haben nur die Aufgabe, vom eigentlichen Diebstahl
abzulenken.'' Kein Zufall ist auch, dass sich die Täter gern an
Reisebussen mit geöffneten Türen aufhalten: Kommt die Polizei,
verschwinden sie als normale Reisende. Hin und wieder
werden dazu auch Busfahrer bestochen.
Seit März treiben Hütchenspieler in Stuttgart verstärkt ihr
Unwesen. Als zu Beginn des Kosovokrieges zahlreiche
Flüchtlinge mit Reisebussen in Stuttgart ankamen, tauchten
auch die Ganoven auf. Scheinbar sind es Kroaten. "Die haben
aber nur kroatische Pässe'', betont ein Kenner der Szene,
"weil sie damit in Deutschland kein Visum brauchen.'' Einer
hatte gar einen holländischen Ausweis. Die gleichen Gesichter
tauchen mal in Zürich, mal in Frankfurt, mal in Hamburg oder in
Mannheim auf.
Die Fahnder des Glücksspiel-Dezernats brauchten einen langen
Atem, ehe sie jetzt sechs Trickdiebe festnehmen konnten. Die
Täter kamen bevorzugt dienstags und donnerstags - aber nur
sporadisch, um dann plötzlich ganz von der Bildfläche zu
verschwinden. "Zu dieser Zeit'', sagt Polizeisprecher Hermann
Karpf, "war eine Gruppe in Mannheim aufgeflogen.'' Das hatte
Folgen: Auch in Stuttgart war vorläufig Ruhe.
Im Dezember begannen die Gaunereien von neuem. Bis die
Fahnder die Bewacher überlisten und die Spieler und Zieher
festnehmen konnten. Fünf der Trickdiebe um einen 50-Jährigen
aus Sarajewo sind inzwischen wieder auf freiem Fuß. Nur einer
sitzt noch in Untersuchungshaft.
Die Beweise sind auf Videos festgehalten, die von der Polizei
ausgewertet wurden. Für die Ermittler sind dies oft die einzigen
Nachweismöglichkeiten. Die Opfer sind wenig aussagebereit.
"Die haben einfach Angst'', weiß der Experte. Auch der
weißhaarige Herr, der kurz vor der Festnahme noch bestohlen
wurde, schweigt lieber. Den Betroffenen wird zwar empfohlen,
in ihrem Heimatland Anzeige zu erstatten - aber das wird von
vielen als aussichtslos angesehen. Wer weiß, welche
Beziehungen die Täter dort in den Staaten des früheren
Jugoslawien haben. Und dass die Polizei bei den Spielern
oftmals Waffen sicherstellt, zeigt: Die Herren verstehen sich
nicht nur aufs Hütchenspielen.