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Zeit zur Muße lassen und nicht alles verplanen
Medium: Hamburger Abendblatt
Datum: 28. 02. 2000

Abendblatt Serie "Wie helfe ich meinem Kind" - heute Teil 1 Von PETER STRUCK

Wenn die Lebensbilanz junger Menschen nicht stimmt, werden sie schwierig, entweder für uns oder auch für sich selbst. Kinder dürfen nicht nur herausgefordert werden, sie brauchen auch Muße, also Zeit für sich. Wir dürfen Kinder nicht permanent erziehen wollen, das halten sie nicht aus, sie wollen auch für sich allein sein. Daher müssen wir respektieren, wenn sie sich in ihr Zimmer zurückziehen; sie haben ein Recht auf ihre eigene Ordnung, auf ihr eigenes - aus unserer Sicht - zweckfreies Spiel, auf ihr Tagebuch, das wir nicht einsehen dürfen, auf ihren Schrank, in den wir nicht hineinschauen, auf ihre Musik und auf ihre Freunde.Manche Eltern halten so etwas nicht aus; sie müssen ständig in den Sachen ihres Kindes herumschnüffeln, sie wollen den Umgang ihres Kindes mitbestimmen, verhindern oder befördern, sie wollen ihre Tochter oder ihren Sohn zu einem bestimmten Musikinstrument oder zu einer bestimmten Sportart zwingen. Es gibt Eltern, die nicht ertragen können, dass ihr Kind gerade einmal nichts aus ihrer Sicht Sinnvolles tut; und es gibt Lehrer, die meinen, auf einer Klassenfahrt müsste jede Minute von ihnen durchgeplant werden. Dabei wollen 15-jährige Hauptschüler am Strand von Sylt auch einmal nicht fremdbestimmt miteinander interagieren, ohne dass ihr Lehrer sie unentwegt einem Programm unterwirft. Muße ist ein oft unterschätzter Wert, dessen Vernachlässigung zu Stress, zu Überforderung, zu einem Übermaß an Fremdbestimmung führt. "Uhren und Kinder darf man nicht beständig aufziehen wollen", sagt Ingo Würtl, "man muss sie gelegentlich auch gehen lassen." Wenn man sich beeindruckende, erzieherisch gelungene 18-Jährige anschaut, und wenn man bewundert, wie gut und locker sie sich "noch" mit ihren Eltern verstehen, dann kommt man in der Regel zu dem Schluss, dass die Eltern stets die Gabe besaßen, ihre Kinder auch mal gehen zu lassen und Führung, Anforderungen, Muße, Spiel und Selbstbestimmung zu einem ausgewogenen Verhältnis geraten zu lassen. Eltern, die jede Minute ihres Kindes verplanen, meinen es in der Regel gut, aber sie machen das Kind abhängig von sich und von Programmen. Das Gutgemeinte daran richtet sich auf die Zukunft ihres Kindes, indem sie viel Zeit und Geld in die Karriere investieren, indem sie jede Minute eines Tages als Chance zur Frühförderung interpretieren, indem sie also an einem breiten Fundament für vermeintliche spätere Erfolge bauen. Das Miese daran ist jedoch, dass ihr Kind keine Chance hat auszuweichen, um seine Balance und um sich selbst zu finden, sich selbst von außen und von innen und im Spiegelbild der anderen Kinder zu sehen, rückwärts zu gehen, um neue Anläufe zu nehmen und aus Irr- und Umwegen zu lernen. "Man darf den Moment nicht einer ungewissen Zukunft aufopfern", so hat schon am Beginn des 19. Jahrhunderts Friedrich Daniel Schleiermacher das Recht des Kindes auf das Ausleben seiner Entwicklungsstufen zum Ausdruck gebracht. In unserer immer schnelllebiger werdenden Zeit kommt dieses Recht vielfach zu kurz, so dass der junge Mensch, um sein inneres Gleichgewicht zu halten, unbewusst selbst um heimliche Ausflüchte bemüht ist, und die können ihm zum Beispiel die Drogen, die Musikwelt und einige Jugendkultnischen bieten. Wer jahrelang immer nur getan hat, was die Eltern von ihm verlangten, um sie nicht zu enttäuschen, hat mit 15 Jahren eine hohe Prognose, gelegentlich stundenweise aus dem grauen Alltag mit seinen Übererwartungen, Überforderungen und den ständigen kleinen Niederlagen, vor allem aber aus der Freudlosigkeit der Muße- und Spiellosigkeit und der Tristesse des Mangels an zweckfreier Selbsterprobung und Selbstbestimmung auszubrechen, indem er Hasch, Ecstasy, Alkohol, Nikotin, Tabletten oder gar Kokain, Crack oder Heroin nimmt, in die Spielsucht einsteigt oder sich durch Einschließen oder Weglaufen zurückzieht. Eltern sind nicht verantwortlich für die Zukunft ihrer Kinder, sie sind nur mitverantwortlich; sie dürfen ihre Kinder ein Stück des Lebens begleiten, indem sie sie gelegentlich an die Hand nehmen, und indem sie sie immer dann von der Hand lassen, wenn der junge Mensch es braucht, es sei denn, es geht dabei um sehr kritische, unfallträchtige oder gesundheitsschädliche Situationen. Kinder haben ein Recht auf ein eigenes Leben, sie müssen nicht so werden wie ihre Eltern; sie dürfen ganz anders mit völlig anderen Hobbys, beruflichen Interessen und Zukunftswünschen geraten. Sie bereichern unser aller Leben mit ihrem Anderssein. Warum fällt Eltern dieses Loslassen oft so schwer? Warum glauben sie, die nächste Generation müsse wieder genauso werden wie ihre? Noch nie gab es nur glückliche Zeiten, Gesellschaften oder Lebenswege; jede Kindheit beginnt wieder von vorn und jede Generation ebenfalls. Ein Kind muss nicht den Beruf des Vaters ergreifen, muss nicht den Betrieb der Eltern übernehmen. Wahrscheinlicher ist, dass das Kind beruflich etwas ganz anderes als die Eltern machen will. Jedenfalls belegen das die Statistiken so. Wenn man Kinder nur gehen lässt, ist es falsch; unerzogene bzw. auch Straßenkinder kommen dabei in letzter Konsequenz heraus. Kinder aber stets führen zu wollen, ist genauso falsch; neurotische Störungen sind dann die Folge. Von ihren Eltern restlos verplante Kinder sind meist seelische Krüppel, von den Eltern vernachlässigte aber ebenfalls. Die Wahrheit liegt also wie immer in der Mitte: "Führen und Wachsenlassen" hat Theodor Litt deshalb den Seiltanz genannt, der gute Erziehung bedeutet.

Prof. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg


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