Abendblatt Serie "Wie helfe ich meinem Kind" - heute Teil 1
Von PETER STRUCK
Wenn die Lebensbilanz junger Menschen nicht stimmt, werden sie
schwierig, entweder für uns oder auch für sich selbst. Kinder dürfen
nicht nur herausgefordert werden, sie brauchen auch Muße, also
Zeit für sich. Wir dürfen Kinder nicht permanent erziehen wollen,
das halten sie nicht aus, sie wollen auch für sich allein sein. Daher
müssen wir respektieren, wenn sie sich in ihr Zimmer
zurückziehen; sie haben ein Recht auf ihre eigene Ordnung, auf ihr
eigenes - aus unserer Sicht - zweckfreies Spiel, auf ihr Tagebuch,
das wir nicht einsehen dürfen, auf ihren Schrank, in den wir nicht
hineinschauen, auf ihre Musik und auf ihre Freunde.Manche Eltern
halten so etwas nicht aus; sie müssen ständig in den Sachen ihres
Kindes herumschnüffeln, sie wollen den Umgang ihres Kindes
mitbestimmen, verhindern oder befördern, sie wollen ihre Tochter
oder ihren Sohn zu einem bestimmten Musikinstrument oder zu
einer bestimmten Sportart zwingen.
Es gibt Eltern, die nicht ertragen können, dass ihr Kind gerade
einmal nichts aus ihrer Sicht Sinnvolles tut; und es gibt Lehrer, die
meinen, auf einer Klassenfahrt müsste jede Minute von ihnen
durchgeplant werden. Dabei wollen 15-jährige Hauptschüler am
Strand von Sylt auch einmal nicht fremdbestimmt miteinander
interagieren, ohne dass ihr Lehrer sie unentwegt einem Programm
unterwirft.
Muße ist ein oft unterschätzter Wert, dessen Vernachlässigung
zu Stress, zu Überforderung, zu einem Übermaß an
Fremdbestimmung führt. "Uhren und Kinder darf man nicht
beständig aufziehen wollen", sagt Ingo Würtl, "man muss sie
gelegentlich auch gehen lassen."
Wenn man sich beeindruckende, erzieherisch gelungene
18-Jährige anschaut, und wenn man bewundert, wie gut und locker
sie sich "noch" mit ihren Eltern verstehen, dann kommt man in der
Regel zu dem Schluss, dass die Eltern stets die Gabe besaßen,
ihre Kinder auch mal gehen zu lassen und Führung,
Anforderungen, Muße, Spiel und Selbstbestimmung zu einem
ausgewogenen Verhältnis geraten zu lassen.
Eltern, die jede Minute ihres Kindes verplanen, meinen es in der
Regel gut, aber sie machen das Kind abhängig von sich und von
Programmen. Das Gutgemeinte daran richtet sich auf die Zukunft
ihres Kindes, indem sie viel Zeit und Geld in die Karriere
investieren, indem sie jede Minute eines Tages als Chance zur
Frühförderung interpretieren, indem sie also an einem breiten
Fundament für vermeintliche spätere Erfolge bauen. Das Miese
daran ist jedoch, dass ihr Kind keine Chance hat auszuweichen,
um seine Balance und um sich selbst zu finden, sich selbst von
außen und von innen und im Spiegelbild der anderen Kinder zu
sehen, rückwärts zu gehen, um neue Anläufe zu nehmen und aus
Irr- und Umwegen zu lernen.
"Man darf den Moment nicht einer ungewissen Zukunft
aufopfern", so hat schon am Beginn des 19. Jahrhunderts Friedrich
Daniel Schleiermacher das Recht des Kindes auf das Ausleben
seiner Entwicklungsstufen zum Ausdruck gebracht.
In unserer immer schnelllebiger werdenden Zeit kommt dieses
Recht vielfach zu kurz, so dass der junge Mensch, um sein inneres
Gleichgewicht zu halten, unbewusst selbst um heimliche
Ausflüchte bemüht ist, und die können ihm zum Beispiel die
Drogen, die Musikwelt und einige Jugendkultnischen bieten. Wer
jahrelang immer nur getan hat, was die Eltern von ihm verlangten,
um sie nicht zu enttäuschen, hat mit 15 Jahren eine hohe
Prognose, gelegentlich stundenweise aus dem grauen Alltag mit
seinen Übererwartungen, Überforderungen und den ständigen
kleinen Niederlagen, vor allem aber aus der Freudlosigkeit der
Muße- und Spiellosigkeit und der Tristesse des Mangels an
zweckfreier Selbsterprobung und Selbstbestimmung
auszubrechen, indem er Hasch, Ecstasy, Alkohol, Nikotin,
Tabletten oder gar Kokain, Crack oder Heroin nimmt, in die
Spielsucht einsteigt oder sich durch Einschließen oder Weglaufen
zurückzieht.
Eltern sind nicht verantwortlich für die Zukunft ihrer Kinder, sie
sind nur mitverantwortlich; sie dürfen ihre Kinder ein Stück des
Lebens begleiten, indem sie sie gelegentlich an die Hand nehmen,
und indem sie sie immer dann von der Hand lassen, wenn der
junge Mensch es braucht, es sei denn, es geht dabei um sehr
kritische, unfallträchtige oder gesundheitsschädliche Situationen.
Kinder haben ein Recht auf ein eigenes Leben, sie müssen nicht
so werden wie ihre Eltern; sie dürfen ganz anders mit völlig anderen
Hobbys, beruflichen Interessen und Zukunftswünschen geraten. Sie
bereichern unser aller Leben mit ihrem Anderssein. Warum fällt
Eltern dieses Loslassen oft so schwer? Warum glauben sie, die
nächste Generation müsse wieder genauso werden wie ihre? Noch
nie gab es nur glückliche Zeiten, Gesellschaften oder Lebenswege;
jede Kindheit beginnt wieder von vorn und jede Generation
ebenfalls. Ein Kind muss nicht den Beruf des Vaters ergreifen,
muss nicht den Betrieb der Eltern übernehmen. Wahrscheinlicher
ist, dass das Kind beruflich etwas ganz anderes als die Eltern
machen will. Jedenfalls belegen das die Statistiken so.
Wenn man Kinder nur gehen lässt, ist es falsch; unerzogene
bzw. auch Straßenkinder kommen dabei in letzter Konsequenz
heraus. Kinder aber stets führen zu wollen, ist genauso falsch;
neurotische Störungen sind dann die Folge. Von ihren Eltern
restlos verplante Kinder sind meist seelische Krüppel, von den
Eltern vernachlässigte aber ebenfalls. Die Wahrheit liegt also wie
immer in der Mitte: "Führen und Wachsenlassen" hat Theodor Litt
deshalb den Seiltanz genannt, der gute Erziehung bedeutet.
Prof. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität
Hamburg