Der historische Kessel ist im Kurhaus-Spielcasino zu bewundern
Ein Stück Spielbankgeschichte zum Anfassen, zu bewundern im
Wiesbadener Kurhaus-Casino, mit dem sich ein glänzendes Kapitel
städtischer Historie verbindet. Der Dostojewski-Kessel, eine
einzigartige Rarität, die in ganz Europa ihresgleichen suchen dürfte und
Spielbankbesuchern, wenn sie das Casino betreten, sofort ins Auge fällt.
Von
Kurt Buchholz
Möglich gemacht hat dies vor Jahren die Geschäftsführung des Hauses
Henkell&Söhnlein, die den restaurierten Roulette-Kessel der Spielbank
Wiesbaden als Dauerleihgabe überlassen hat. Das Verdienst, jenes
wunderschöne historische Stück unversehrt und in einem hervorragenden
Zustand erhalten zu haben, gebührt ihr ohnehin.
Wann genau der legendäre Kessel mit der Einfach- und der Doppel-Null einst
gebaut wurde, kann nur vermutet werden. Die Restauratoren tippen auf den
Zeitraum von 1830 bis 1840 und liegen damit vermutlich richtig. Jahre später war
es der russische Dichter Fjodor Dostojewski, der von 1862 an zu den
regelmäßigen Gästen im Kurhaus-Casino zählte und in Wiesbaden seine
unbezähmbare Spielleidenschaft entdeckte.
Gebangt und gelitten
An jenem Kessel, der im Kurhaus steht, hat er oft gesessen, gebangt und
gelitten. Hat seine gesamte Barschaft verspielt und geriet, wie die Chronisten
jener Tage festhielten, buchstäblich an den Rand seiner Existenz. 1865
beispielsweise sollen es rund 3000 Goldrubel gewesen sein, die der Dichter von
Schuld und Sühne beim Wiesbadener Roulette verloren hat.
Gleichwohl öffnete Fortuna dem russischen Literaten ihr Füllhorn, denn
Dostojewski sah sich des finanziellen Desasters am Spieltisch wegen
gezwungen, neue Geldquellen zu erschließen. Er tat dies dadurch, dass er in
nur vier Wochen die heute zur Weltliteratur zählende Selbstbiographie Der
Spieler schrieb. Die Spielbank Wiesbaden bedachte der russische Dichter dabei
liebevoll mit dem Namen Ruletenburg, so die originale Schreibweise.
1872 hieß es dann Rien ne va plus für das Casino Wiesbaden. Es wurde auf
allerhöchsten Befehl geschlossen, doch der Dostojewski-Kessel blieb nicht
lange unter Verschluss. Dafür sorgte Johann Jacob Söhnlein, Gründer der
Rheingauer Schaumweinfabrik in Schierstein, der schon damals nach neuen
Marktstrategien suchte, um sein Product, den Rheingold-Sect, zu vermarkten.
Er kaufte den Russentisch, wie der Kessel genannt wurde, und einen zweiten
Tisch, ließ die Kessel ausbauen und auf neobarocke Beine stellen. Auf dem
durch Glasplatten geschützten Kesseln reichte er Rheingold im Glase und
erzielte auf diese Weise den Effekt, dass man die verbotenen Spielgeräte wohl
anschauen, nicht aber daran spielen konnte. Ungewöhnlich genug.
Viel Erinnerung
Inzwischen ist das historische Roulette ins Kurhaus zurückgekehrt und damit
ins vertraute Ambiente der ursprünglichen Umgebung.
Erinnerung an glanzvolle Epochen und den, der ihm seinen Namen gab Fjodor
Dostojewski.