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Wo Dostojewski alles verlor
Medium: Main Rheiner
Datum: 03. 10. 2001
Der historische Kessel ist im Kurhaus-Spielcasino zu bewundern

Ein Stück Spielbankgeschichte zum Anfassen, zu bewundern im Wiesbadener Kurhaus-Casino, mit dem sich ein glänzendes Kapitel städtischer Historie verbindet. Der „Dostojewski-Kessel“, eine einzigartige Rarität, die in ganz Europa ihresgleichen suchen dürfte und Spielbankbesuchern, wenn sie das Casino betreten, sofort ins Auge fällt. Von

Kurt Buchholz

Möglich gemacht hat dies vor Jahren die Geschäftsführung des Hauses Henkell&Söhnlein, die den restaurierten Roulette-Kessel der Spielbank Wiesbaden als Dauerleihgabe überlassen hat. Das Verdienst, jenes wunderschöne historische Stück unversehrt und in einem hervorragenden Zustand erhalten zu haben, gebührt ihr ohnehin.

Wann genau der legendäre Kessel mit der Einfach- und der Doppel-Null einst gebaut wurde, kann nur vermutet werden. Die Restauratoren tippen auf den Zeitraum von 1830 bis 1840 und liegen damit vermutlich richtig. Jahre später war es der russische Dichter Fjodor Dostojewski, der von 1862 an zu den regelmäßigen Gästen im Kurhaus-Casino zählte und in Wiesbaden seine unbezähmbare Spielleidenschaft entdeckte.

Gebangt und gelitten

An jenem Kessel, der im Kurhaus steht, hat er oft gesessen, gebangt und gelitten. Hat seine gesamte Barschaft verspielt und geriet, wie die Chronisten jener Tage festhielten, buchstäblich an den Rand seiner Existenz. 1865 beispielsweise sollen es rund 3000 Goldrubel gewesen sein, die der Dichter von „Schuld und Sühne“ beim Wiesbadener Roulette verloren hat.

Gleichwohl öffnete Fortuna dem russischen Literaten ihr Füllhorn, denn Dostojewski sah sich des finanziellen Desasters am Spieltisch wegen gezwungen, neue Geldquellen zu erschließen. Er tat dies dadurch, dass er in nur vier Wochen die heute zur Weltliteratur zählende Selbstbiographie „Der Spieler“ schrieb. Die Spielbank Wiesbaden bedachte der russische Dichter dabei liebevoll mit dem Namen „Ruletenburg“, so die originale Schreibweise.

1872 hieß es dann „Rien ne va plus“ für das Casino Wiesbaden. Es wurde auf „allerhöchsten Befehl“ geschlossen, doch der Dostojewski-Kessel blieb nicht lange unter Verschluss. Dafür sorgte Johann Jacob Söhnlein, Gründer der Rheingauer Schaumweinfabrik in Schierstein, der schon damals nach neuen Marktstrategien suchte, um sein „Product“, den Rheingold-Sect, zu vermarkten.

Er kaufte den „Russentisch“, wie der Kessel genannt wurde, und einen zweiten Tisch, ließ die Kessel ausbauen und auf neobarocke Beine stellen. Auf dem durch Glasplatten geschützten Kesseln reichte er „Rheingold“ im Glase und erzielte auf diese Weise den Effekt, dass man die verbotenen Spielgeräte wohl anschauen, nicht aber daran spielen konnte. Ungewöhnlich genug.

Viel Erinnerung

Inzwischen ist das historische Roulette ins Kurhaus zurückgekehrt und damit ins vertraute Ambiente der ursprünglichen Umgebung.

Erinnerung an glanzvolle Epochen und den, der ihm seinen Namen gab – Fjodor Dostojewski.


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