Misserfolg vereint
1960 kam Sourounis nach Köln, 18-jährig. Da waren seine
Eltern Gastarbeiter. Er verdiente sein Geld gelegentlich als
Waldarbeiter, Hotelboy, Barkeeper, als Matrose, Tavernenwirt
oder Bankangestellter. Seine eigentliche Passion aber war -
neben dem Schreiben - immer das Spiel im Kasino. Er legte
seine Abendgarderobe an wie ein alter Krieger seine Rüstung,
machte die Nacht zum Tag und gab sich die Kugel.
So viel er erlebt hat, soviel hat er zu erzählen. Dafür liebt man ihn
in Griechenland. Tiefgründig und zärtlich nannte die griechische
Tageszeitung Eleftherotipia seinen Blick auf die Menschen am
Rand der Gesellschaft, den er kennt wie seine Westentasche.
Dass er 1995 den Staatspreis für Literatur erhielt, hält "der
Zocker" - der selbst nicht liest - für einen Irrtum.
Aber er musste erst nach Griechenland und ins Griechische
zurückgehen, um ins Schreiben zu kommen. Dabei spielen seine
Bücher in Deutschland. Bevor er sich als professioneller
Schriftsteller auf die Insel Hydra absetzte, hat er es am längsten
in Frankfurt ausgehalten und im Kasino von Wiesbaden, wo
schon Dostojewski sein letztes Hemd verlor. Hier spielt auch
Sourounis Roman "Der Rosenball". Die Spielsucht schiebt er
seiner Hauptfigur Noussis in die Schuhe, der wie Sourounis
selbst die Vorstädte Thessalonikis gegen die Spielkasinos
Europas eingetauscht hat. Beim trockenen Klang der Kugel und
der einsamen Stimme des Croupiers hängen Noussis Hände
nutzlos herunter, sobald sie keine Jetons halten. Er hofft nicht auf
das ewige Leben, er hofft auf den täglichen Gewinn. Ein
altersschwacher Roulettetisch löst in ihm Rührung aus wie der
Anblick eines toten Freundes.
Aber letztlich sind es nicht allein derartige Interna, ist es nicht nur
die Psychopathologie des Spielers als eines Besessenen, die
Sourounis fesseln. Es sind ebenso die "Mitspieler" - so der Titel
seines ersten Romans von 1977, der in Köln spielt. Diese
Stammkunden knüpfen ihre Beziehungen in den Pissoirs an, wo
sie einander zur Seite stehen. Keiner weiß viel vom anderen, sie
sind nur unter Spitznamen bekannt, ihre Vergangenheit bleibt ihr
Geheimnis, ihr einziger gemeinsamer Nenner ist das Spiel.
Abgehalfterte, exzentrische Kreaturen, deren Gestiken und
Mimiken, deren Idiosynkrasien Sourounis studiert hat, und die er
darum mit größter Treffsicherheit beschreiben kann. Ungeduldig,
aber beharrlich arbeiten sie zielstrebig auf ihren eigenen
Untergang hin. Vor Erwartung und Unruhe altern sie schneller
und in kürzester Zeit verlieren sie alles, auch ihre Jugend und
Schönheit. Sie vergessen sogar, welches Geschlecht sie haben.
Doch umso mehr sie verlieren, desto ruhiger, nachdenklicher und
sanfter werden sie. Neben dem Neid können sie eine ungeahnte
Solidarität empfinden. Wenn einer aus ihren Reihen ein gutes
Spiel verliert, dann wogt die Enttäuschung, "als wäre vor ihren
Augen jemand umgebracht worden, der für ihre Rechte
kämpfte". Der Misserfolg vereint, und sie beginnen einander zu
ähneln "wie verschollene Geschwister aus einer
auseinandergebrochenen Familie". Bis sie eines schrecklich
schönen Tages nichts mehr zu verlieren haben.
Darum geht es: Wenn Noussis um halb vier Uhr morgens
Feierabend hat, betritt er am Frankfurter Hauptbahnhof eine
Halbwelt aus Betrunkenen, Fixern, Huren, Zuhältern und
Obdachlosen, von Schlafenden und im Sterben Liegenden.
Hinter allen Städteporträts und intimen Milieuschilderungen geht
es Sourounis um die Menschen, und hinter jedem Spiel sieht er
ihr Schicksal.
Sourounis hat auf Hydra die Nächte seines urbanen Lebens im
Bauch der Kasinos gegen Tage in griechischer Landschaft
vertauscht, Glücks- und Pechsträhnen gegen Ebbe und Flut. Der
Nachtmensch ist zum Frühaufsteher geworden. In den
Morgenstunden diktieren ihm seine Figuren den Romanverlauf.
Er zerbricht sich nicht länger den Kopf und schreibt "ohne zu
denken" Bücher, die sogar er selbst lesen würde.
MANUEL GOGOS
"Der Rosenball". Roman. Aus dem Griechischen von Gesa
Schröder, Piper 2001, 480 S., 43,99 DM (22,49 )
"Kleine Worte - Große Worte". Eleni Torossi im Gespräch mit
griechischen Schriftstellern. Romiosini Verlag, Köln 2001,
32,80 DM, (13,70 )
C. Gianacacos, St. Georgiorgakis (Hrsg.): "Deutschland, Deine
Griechen". Anthologie. Baden, Gutach 1998, 444 S., 39,80 DM
(20,35 )
taz Nr. 6570 vom 10.10.2001, Seite V, 147 Zeilen Kommentar MANUEL
GOGOS , Rezension