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90-Jähriger Opfer von halbwüchsigen Erpressern
Medium: Main Echo
Datum: 29. 02. 2000
Diebesquartett seit zwei Jahren aktiv: Richter schickt 14 und 16 Jahre alte Haupttäter in Untersuchungs-Haft

Kreis Miltenberg. Trotz mehr als 50 aktenkundigen Delikten von Ladendiebstahl bis Einbruch hatten vier Jugendliche aus dem Kreis bisher nicht mehr als den mahnenden Zeigefinger von Polizei und Jugendamt gesehen. Doch als jetzt Raub und räuberische Erpressung eines fast 90-jährigen Mannes dazu kamen, hatte die Geduld des Haftrichters ein Ende. Die beiden Haupttäter, ein 16- und ein 14-Jähriger, landeten in U-Haft.

Dass ein 14-Jähriger hinter Gittern landet, ist für die Polizeiinspektion Miltenberg eine Premiere. Bereits im zarten Alter von zwölf Jahren, so der Dienststellenleiter der Polizeiinspektion, Reinhold Eilbacher, hätten die heute 14 bis 16 Jahre alten Jugendlichen den Grundstein für ihre kriminelle Karriere gelegt.

Das Spektrum reichte von Ladendiebstählen, über geklaute Geldbeträge aus Umkleideräumen, über Handys, die griffbereit in unverschlossenen Autos lagen, bis hin zu Einbruchdiebstahl und »Kleinigkeiten« wie dem Fahren mit einem nicht zugelassenen Moped. Die beiden Anführer brachten es in den vergangenen drei Jahren auf 50 und 55 aktenkundige Delikte.

Dass dieses Quartett dingfest gemacht werden konnte, verdankt die Polizei einem Hinweis aus der Bevölkerung. Ein knapp 90-jähriger Mann hatte seinem Nachbarn anvertraut, dass er von Jugendlichen ständig und immer aggressiver um Geld angebettelt werde. Die Recherchen der Polizei ergaben, dass dieser alte Mann vor einigen Wochen von zwei der polizeibekannten Jugendlichen eines Nachts hilflos aufgefunden und ein Stück nach Hause begleitet wurde.

Als Geldquelle angezapft

Aus Dankbarkeit zeigte sich der Mann spendabel und gab den beiden vermeintlich freundlichen Helfern Geld. Einige Tage später klingelten die beiden an der Türe des Mannes, erklärten knapp bei Kasse zu sein und wiederum gab es Bares. Diese Geldquelle war bald in den einschlägigen Kreisen bekannt, selbst aus dem Bereich Südspessart reiste man an, um sich »Benzingeld« zu holen.

Als es dem Mann zu viel wurde und er nichts mehr herausrücken wollte, brachen die Jugendlichen in die Wohnung ein und bedienten sich selbst. Eines Abends passten sie ihn vor der Wohnung ab, hielten ihn fest und nahmen ihm seine Barschaft ab. Diese Tat erfüllt den Tatbestand des Straßenraubes.

Doch selbst das konnten die Jungs noch steigern: Nachdem bei einer weiteren Bitte um Geld nur ein »Fuffi« heraussprang, drohten die Jugendlichen dem alten Mann, ihn zu töten, wenn er sich nicht weiterhin spendabel zeige und erpressten zwei 500-Mark-Scheine , die sie am nächsten Tag in einer Spielhalle »verzockten«.

Der alte Mann wandte sich in seiner Not an einen Nachbarn, der die Polizei informierte. Dank der Täterbeschreibung war schnell klar, dass es sich um »alte« Bekannte handelte. Der 16-Jährige war gleich geständig und wurde bei einem Hafttermin wegen Wiederholungsgefahr nicht wieder auf freien Fuß gesetzt.

Sein ebenfalls geständiger Kompagnon gelobte Besserung, war aber bereits am nächsten Tag mit einer gefälschten Kontovollmacht im Landkreis unterwegs und konnte nach einem entsprechenden Hinweis der Bank von der Polizei kassiert werden.

Gemeinsam mit einer Mitarbeiterin des Jugendamtes wurde der 14-Jährige ebenfalls dem Haftrichter vorgestellt, der ihn nicht mehr laufen ließ. Die beiden erwartet eine mindestens zwölfmonatige Jugendstrafe. Die Polizei hofft nun, dass durch die aus dem Verkehr gezogenen »Führer« des Quartetts die Diebstahlserie abreißt.

Raffiniert und unverfroren

Die vier Jugendlichen hatten ein Gespür für »passende« Situationen und gingen raffiniert und teilweise unverfroren vor: Handys in Autos waren immer einen Blick wert, allerdings ließ man nur die hochwertigen Exemplare mitgehen. In einer Aschaffenburger Zahnarztpraxis verschwand, während die Helferin nach einer Schmerztablette für den angeblich vom Zahnschmerz geplagten Jungen suchte, die Kaffeekasse. Aus Geldbörsen entwendete man nur einen Teil der Barschaft, damit der »Klau« nicht gleich auffiel.

Spielsucht als Triebfeder

Die Tatorte waren Kindergärten, Krankenhaus, Umkleideräume von Turnhallen, Gaststätten. Bei der Polizei wurde dann regelmäßig die »Reue- und Besserungs-Nummer« abgezogen, doch wechselte - wieder auf freiem Fuß - bereits Minuten später das nächste Handy oder Geldbörse den Besitzer. Die durch Spielsucht bedingte Gier nach Geld war unersättlich, so die Polizei. Da die ergaunerte Barschaft sofort in Spielhallen umgesetzt wurde, haben die Geschädigten das Nachsehen.

Unzufrieden macht die Polizei die Tatsache, dass sie über einen langen Zeitraum zuschauen musste, ohne Handlungsspielraum zu haben. Bei kleineren Delikten bleibe es bei der Verwarnung »und das kriegen die Burschen ganz schnell heraus«, so Reinhold Eilbacher. Den jungen Kriminellen fehle auch jegliche Einsicht in das Unrecht ihres Handelns.

Um solche jugendlichen Gaunerkarriere zu verhindern, ist die Miltenberger Polizei präventiv tätig und bietet Vorträge und Gesprächsabende in Kindergärten und Schulen an.


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