"Das Spiel beschäftigt einen ununterbrochen" - Wenn
der Spielautomat zur Sucht wird: Betroffene erzählen
- Von GERD MEISER -
"In einer Stunde sind da schnell 96 Mark weg, wenn du das
Spiel laufen lässt. Doch meistens spielst du an mehreren
Automaten, da kommen dann schnell 300 Mark und mehr
zusammen. Zurück kommen etwa zwanzig bis dreißig
Prozent an kleineren Gewinnen, vielleicht ist mal eine
größere Serie dabei." Der 45-jährige Landschafts- und
Gartengestalter aus dem Raum Saarbrücken kennt sich aus
im Automatenspiel. Auch der 49-jährige Kaufmann weiß,
wie viele "Pausen" man spielt, wie viele Einsätze man wagt,
wie die Automaten beschaffen sind, zu welcher Kategorie
sie gehören, was sie auswerfen. Das alles ist eine
Wissenschaft für sich, die zur Sucht führen und Menschen
zerstören kann.
Fachkenntnisse im Automatenspiel haben auch der
34-jährige Heizungsbauer und der 43-Jährige, der in einem
Unternehmen "der Finanzdienstleistungen arbeitet". Sie
sind Experten im Glücksspiel und könnten so manche gute
Tipps geben, auf was alles beim Automatenspiel zu achten
ist. Inzwischen geben sie nur einen Tipp: "Lasst die Finger
von den Automaten, wenn ihr euch nicht im Griff habt!" Sie
sind Mitglieder einer Therapiegruppe der Psychosozialen
Beratungs- und Behandlungsstelle und Fachambulanz für
Suchtkranke des Caritasverbandes für Saarbrücken und des
Diakonischen Werkes an der Saar. Sie haben ihr Herz in
beide Hände genommen und wollen, teils aus eigenem
Antrieb, teils auf Betreiben des Ehepartners, von der Sucht
weg.
Der "Grüne" unter den Gesprächsteilnehmern spielte
vornehmlich an den Automaten in normalen Kneipen, da er
auch alkoholabhängig war. Die anderen bevorzugten das
Ambiente der Spielotheken. Der Finanzexperte ist allerdings
"nicht nur durch die Atmosphäre in den Spielotheken zum
Spiel verleitet worden" . Ihm ging es auch um die erhöhten
Gewinnchancen. In den Spielotheken spielten die
Automaten "ohne Begrenzer", also mit mehr
"Sonderspielen" als in den Kneipenautomaten.
Dem Finanzdienstleister wurde die Einsamkeit zum
Verhängnis. "Ich spielte schon immer gern an
Geldspielautomaten, doch dann kam hinzu, dass ich in
meiner Branche oft etwas Zeit habe, mit der ich nichts
anzufangen wusste. Da vertrödelte ich die Zeit in der
Spielothek". Wenn er allein in fremden Städten war, weg
von der Familie, war es schlimmer: "Da ging ich zu den
Automaten, gewann, verlor, wollte das Verlorene wieder
zurückgewinnen und war bald süchtig." Der Heizungsbauer
kam zur Sucht, weil er beim Glücksspiel "seinen Frust,
seinen Stress am Arbeitsplatz, abbauen konnte". Der
Kaufmann hingegen war von jungen Jahren an ein
Spielertyp, "vom Mensch-ärgere-dich-nicht angefangen".
Dann geriet er an die Automaten, obwohl er "sich früher aus
solch einem Kasten nie etwas gemacht hat". Er macht eine
Pause und sagt dann: "Zunächst habe ich mal was
gewonnen und dann habe ich verwonnen!". Er habe nämlich
irgendwann angefangen, Schulden zu machen. "Das wurde
dann eine Geschichte ohne Ende!" Der Gartengestalter war
über die Alkoholabhängigkeit zum Spiel gekommen.
"Anfangs spielte ich nur der Gesellschaft wegen. Doch
durch meinen Alkoholkonsum verlor ich die Kontrolle über
das Spiel. Ich bin an die Automaten geraten und verfiel
diesen. Der Alkohol hat mich aus der Bahn geworfen. Ich
verbuchte nur noch Verluste!"
Als er eines Tages krank wurde, hörte der 45-Jährige die
Alarmglocken läuten. "Da war höchste Eisenbahn" sagte er
sich und ging in die "Spielergruppe" in der Karcherstraße.
Auch der Kaufmann fasste eines Tages den Entschluss:
"So kann es nicht weitergehen!" "Ich hatte mir nur noch
Gedanken gemacht, wie ich an den Autoamten zu Geld
kommen kann. Da habe ich bald das Arbeiten sein lassen,
Schulden gemacht und mich nur noch mit dem Spiel
beschäftigt. Ich habe nachts nicht mehr geschlafen und war
gestresst", berichtet er. Heute ist der Kaufmann zu
"tausend Prozent" davon überzeugt, dass man von seiner
Sucht wegkommen kann, wenn der Partner mitzieht. Der
43-Jährige, der in der Finanzdienstleistung tätig ist, fand
durch seine Ehefrau zur Beratungsstelle. Und auch dem
Heizungsbauer hat die Ehefrau "die Pistole auf die Brust
gesetzt".
"Es ist unheimlich schwer", sagt der Kaufmann auf die
Frage, ob man leichter von dieser Sucht loskommt als von
anderen. Heute könne er zwar an Spielotheken vorbeifahren,
doch das Risiko, sie zu betreten, wolle er nicht eingehen.
Informationen: Psychosoziale Beratungs- und
Behandlungsstelle, Karcherstraße 13, 66111 Saarbrücken,
Tel. (0681) 379983-0,Tel. (0681) 379983- 2.
(Lesen Sie morgen: Was Psychologen und Therapeuten
zum Thema Spielsucht sagen)