Aktuell :: Wissen :: Geist/Kultur
Der Tagesspiegel
vom 1. März 2000
Psychologen-Kongress in Berlin
Rosemarie Stein
Eine Frau Mitte dreißig fühlt sich elend, hat
ständig Schmerzen überall und nirgends,
beobachtet ängstlich ihren Körper und läuft
dauernd zu den Ärzten. Die finden nichts -
nichts Organisches, nichts, was die
Beschwerden erklären könnte. So schicken sie
die Frau schließlich zu einem
Psychotherapeuten. Der stellt fest, dass sie
seelische Schwierigkeiten auf den Körper
projiziert. "Somatisierungsstörung" heißt das
diagnostische Etikett dafür, und das Leiden ist
nicht geringer als bei organischer Ursache.
Der Therapeut schlägt der Patientin ein
verhaltenstherapeutisches Verfahren vor:
Übungen zum Ablenken der Aufmerksamkeit
weg vom Schmerz. Davon hält sie nichts: Mit
Ablenkung habe sie es selbst schon vergeblich
versucht. Eher nebenbei erfährt der Therapeut,
in welch prekärer Lage die Frau lebt. Drei
kleine Kinder in viel zu enger Wohnung - und
der Mann ist arbeitsloser Alkoholiker, was sie
aus Scham lange verschwieg. Wenn die Kinder
in der Schule oder im Kindergarten sind, geht
sie putzen. Sie lebt immer in der Angst vor
Krankheit und damit Verdienstausfall. Nur
deshalb geht sie schon bei jedem
Missbefinden zum Arzt, nicht wegen einer vom
Therapeuten vermuteten
"Persönlichkeitsstörung".
Ist ein Hausbesuch angebracht?
Diese Fallgeschichte erzählt er in einer
Supervisionsgruppe für Psychotherapeuten.
Deren Leiter fragt ihn, ob er nicht daran
gedacht habe, die Frau zu besuchen, um sich
ein Bild von ihren Lebensbedingungen zu
machen. Darauf kommen aus der
Therapeutengruppe drei irritierte Gegenfragen:
"Wird ein Hausbesuch von der Krankenkasse
bezahlt?" -"Ist denn das noch Psychotherapie?"
- "Dringen wir damit nicht zu sehr in die
Privatsphäre der Betroffenen ein?"
Die Bedenken kennzeichnen die Lage
behandelnder Psychologen. Zwei Jahrzehnte
haben sie auf das Psychotherapeuten-Gesetz
gewartet, das zur Auslichtung des unnützen
oder gar schädlichen Wildwuchses in der
Psycho-Szene dringend nötig war. Erst seit
Anfang 1999 haben sie es, und schon merken
manche, wie es ihre Tätigkeit formiert und
vielleicht deformiert bis zum
"Reparaturbetrieb". Dieser Eindruck drängte
sich dem Beobachter auf, als gleich zu Beginn
des 13. Kongresses für Klinische Psychologie
und Psychotherapie die Situation des Fachs
sondiert und Bilanz gezogen wurde. Fast eine
Woche lang bis zum 1. März tagt die "Deutsche
Gesellschaft für Verhaltenstherapie" in der
Freien Universität Berlin, erstmals zusammen
mit der "Gesellschaft für
Gemeindepsychologische Forschung und
Praxis", was für eine neue Hinwendung zu
psychosozialen Problemen spricht.
Die aufschlussreiche Fallgeschichte stammt
aus einem der Schlüsselvorträge, den der
Heidelberger Hochschulpsychologe Peter
Fiedler hielt. Er übte harte Kritik an der eigenen
Zunft: "Angesichts der Probleme, mit denen
viele Patienten heute in die Behandlung
kommen, gleicht die Psychotherapie einem
alten Auto, das den nächsten TÜV nicht
übersteht." Düster fiel das Panorama dieser
Probleme aus. Sie hängen sehr oft mit den
sozialen Umbrüchen zusammen, wie Fiedler
ausführte: Radikale Veränderungen in der
Arbeitswelt, hohe Arbeitslosigkeit, anonyme
Wohnverhältnisse, die neuen Medien mit ihrer
Informationsflut, räumliche und soziale
Bindungen. Die Folgen sind
Gesundheitsstörungen, Alkohol- und
Drogenkonsum, Spielsucht, Kriminalität,
Gewalt und gehässige Ablehnung
Andersartiger wie Ausländer oder psychotisch
Kranke.
An diese Stelle gehören kurze Einblendungen
aus anderen Kongressreferaten: Die Auflösung
der psychiatrischen Großkrankenhäuser mit
ihrem alten, schlechten Verwahranstalt-Stil sei
zwar - fast unbemerkt von der Öffentlichkeit -
weit fortgeschritten, sagte Lothar R. Schmidt,
Professor für Klinische Psychologie an der
Universität Trier. Oft gebe es aber
Rückschläge, weil die in die Freiheit
Entlassenen draußen abgelehnt werden.
Eng verknüpft mit der Angst vor den
"Verrückten" ist die Fremdenfeindlichkeit - in
den neuen Bundesländern bekanntlich weit
stärker verbreitet als in den alten. Erklärt sich
die "flächendeckende rechtsradikale
Jugendkultur" im Osten damit, dass trotz aller
antifaschistischen Lippenbekenntnisse in der
DDR eine Auseinandersetzung mit der
Holocaust-Schuld noch weniger stattfand als in
der Bundesrepublik? Diese Frage stellte sich
nach dem Vortrag des Heidelberger
Sozialpädagogen Michael Brumlik über die
Massenvernichtungen und die daraus
resultierende "traumatische Kultur". Psychische
Traumata aber seien durch Hilflosigkeit,
Verlassenheit, Abkapselung und Aggressivität
gekennzeichnet.
Widerspiegelungen der Wirklichkeit
Vor diesem Hintergrund muss sich das
herkömmliche "Setting" einer
Psychotherapiesitzung als unzulänglich
erweisen. Die meisten psychischen Probleme
seien Widerspiegelungen des
gesellschaftlichen Szenarios, sagte Peter
Fiedler. Und dann attackierte er drei "heimliche
Mythen" der Psychotherapie in den Köpfen der
Therapeuten: 1. Den Glauben, der Patient
brauche nur einen geschulten, geduldigen,
einfühlsamen, neuen Sinn setzenden Zuhörer,
dann werde er im Laufe der Behandlung ganz
von selbst sein Leben neu regeln. 2. Die
Überzeugung, Erfolge gebe es nur im sicher
abgeschirmten Therapieraum, in dem der
Psychotherapeut ungestört von äußeren
Einflüssen seine Stunden absolviert - "mit dem
Patienten allein und weit entfernt von der
Wirklichkeit". 3. Schließlich den Mythos, dass
die "therapeutische Beziehung" ein Allheilmittel
sei. Mit guten Argumenten rief Fiedler dazu auf,
die Isolation des Elfenbeinturms zu
durchbrechen. Unter Psychotherapeuten gebe
es viel Widerstand dagegen, außer dem
Patienten selbst auch die hinter seinen
seelischen Störungen stehenden
Lebensumstände zu erkennen. Damit kehren
die Verhaltenstherapeuten zu ihren 68er
Anfängen zurück; nicht so weit, dass an
Störungen nun wieder "nur die Gesellschaft
schuld" wäre, aber weit genug, um die Umwelt
der zu Behandelnden wahrzunehmen.