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Spielen ein Bombengeschäft
Medium: Dolomiten
Datum: 08. 03. 2000
Verdienstquelle für den Staat - und die Mafia

Wetten, raten, spielen - die Italiener können nicht genug davon kriegen. Bereits 1995 sah das Magazin "Panorama" das ganze Land als ein einziges "großes Casino". Beim Staatsfernsehen und noch mehr bei den kommerziellen TV-Sendern sind Quizsendungen mit faustdicker Werbung und Geldprämien "in". Im Superenalotto gibt es Jackpots in Rekordhöhe. Überhaupt wächst die wirtschaftliche Bedeutung des Spielfiebers.

von Bernhard Hülsebusch

1998 nahm allein die Lottoverwaltung in Italien rund 12.000 Mrd. Lire ein. Der Staat, der an dem Rummel mitverdient, heizt schon seit langem den Fanatismus weiter an. Etwa durch den Beschluss (1995), alle vordem verbotenen Sportwetten, die so genannten Totoscomesse, zu legalisieren. Damit wollte man eine neue Geldquelle für den Sport erschließen und der organisierten Kriminalität das Wasser abgraben.

Aber die illegalen Wetten wurden keineswegs ausgemerzt. Und inzwischen hat die Unterwelt eine neue Verdienstquelle entdeckt: Videopoker. Landesweit sind etwa 130.000 dieser Automaten "im Einsatz" - in Bars, Tabakgeschäften, Lotto- Annahmestellen, Spielsälen und privaten Clubs. Etwa 70 Prozent der Geräte werden von der organisierten Unterwelt kontrolliert.

Es ist ein Business, das der Staat unterschätzt. So kalkulierte das Finanzministerium, dass ein Videopoker-Automat pro Jahr (wenn man die Gewinne abzieht) etwa drei Mio. Lire einspielt. "Lächerlich", kommentierte ein Genueser Barbesitzer, der fünf dieser Apparate verwaltet. "So viel Geld kassieren wir manchmal an einem einzigen Tag."

Genua ist die Hochburg des elektronischen Glücksspiels, wobei die ligurischen "Statthalter" von Cosa Nostra und Ndrangheta den Ton angeben. Die kriminelle Präsenz hat zu wachsendem Misstrauen der Ordnungshüter gegenüber der Mode "Videopoker" geführt. Aber diese Mode stellt auch ein soziales Problem dar.

Über 700.000 Italiener, so schätzen Experten, leiden unter der "Pathologie des Glücksspiels". Sie verspielen mitunter Haus und Hof, ruinieren ihre Familien. Und ihr neuer Tick heißt Videopoker. Immerhin, es gibt Heilungschancen für die Spielsüchtigen. Zum Beispiel in einem medizinisch-psychologischen Zentrum, das der Arzt Cesare Guerreschi in Bozen leitet und das vor allem Gruppentherapie anbietet.

Inzwischen wird der Spielteufel in seiner elektronischen Version sogar Roms Politikern unheimlich. Die Rechtslage ist unklar. Einerseits besagt ein Gerichtsurteil, dass Videopoker ein Glücksspiel sei - was den Schluss nahelegt: außerhalb der erlaubten Spielkasinos "illegal". Aber es gibt auch Urteile, die andere Interpretationen zulassen.

Jetzt plant die Regierung ein Dekret, das die Videopoker-Automaten sozusagen unschädlich machen soll: Spielbeträge nicht mehr in Banknoten, sondern nur noch in Münzen, und Gewinne von maximal 5000 Lire. Laut Premier Massimo D'Alema müsse man alles tun, um illegales Treiben im Spielbetrieb zu verhindern. Also genaue Vorschriften für die Produktion der Geräte und ihre Aufstellung in öffentlichen Lokalen.

Hier und dort wurden bereits Automaten beschlagnahmt. "Unerhört", empört sich deshalb die Spielgerätebranche. Durch die Beschlagnahmen seien "Hunderte von Firmen" in Not geraten und hätten Personal entlassen müssen. Mario Negro vom piemontesischen Spielautomatenverband behauptet sogar: "Wir sind die Opfer einer Diffamierungskampagne."

In Italien existieren etwa 10.000 Herstellerfirmen von Spielautomaten - mit ungefähr 120.000 Mitarbeitern. Das Spielfieber gibt also nicht wenigen Menschen Arbeit und Brot. Die Regierung steht, wenn sie eingreift, vor einer schweren Aufgabe. Die Videopokersucht eindämmen, gleichzeitig die Mafia hinausdrängen und dabei keine Arbeitsplätze gefährden: das gleicht der Quadratur des Kreises.


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