Verdienstquelle für den Staat - und die Mafia
Wetten, raten, spielen - die Italiener können nicht genug davon kriegen. Bereits
1995 sah das Magazin "Panorama" das ganze Land als ein einziges "großes Casino".
Beim Staatsfernsehen und noch mehr bei den kommerziellen TV-Sendern sind
Quizsendungen mit faustdicker Werbung und Geldprämien "in". Im Superenalotto
gibt es Jackpots in Rekordhöhe. Überhaupt wächst die wirtschaftliche Bedeutung
des Spielfiebers.
von Bernhard Hülsebusch
1998 nahm allein die Lottoverwaltung in Italien rund 12.000 Mrd. Lire ein. Der Staat, der an
dem Rummel mitverdient, heizt schon seit langem den Fanatismus weiter an. Etwa durch den
Beschluss (1995), alle vordem verbotenen Sportwetten, die so genannten Totoscomesse, zu
legalisieren. Damit wollte man eine neue Geldquelle für den Sport erschließen und der
organisierten Kriminalität das Wasser abgraben.
Aber die illegalen Wetten wurden keineswegs ausgemerzt. Und inzwischen hat die Unterwelt
eine neue Verdienstquelle entdeckt: Videopoker. Landesweit sind etwa 130.000 dieser
Automaten "im Einsatz" - in Bars, Tabakgeschäften, Lotto- Annahmestellen, Spielsälen und
privaten Clubs. Etwa 70 Prozent der Geräte werden von der organisierten Unterwelt
kontrolliert.
Es ist ein Business, das der Staat unterschätzt. So kalkulierte das Finanzministerium, dass ein
Videopoker-Automat pro Jahr (wenn man die Gewinne abzieht) etwa drei Mio. Lire einspielt.
"Lächerlich", kommentierte ein Genueser Barbesitzer, der fünf dieser Apparate verwaltet. "So
viel Geld kassieren wir manchmal an einem einzigen Tag."
Genua ist die Hochburg des elektronischen Glücksspiels, wobei die ligurischen "Statthalter" von
Cosa Nostra und Ndrangheta den Ton angeben. Die kriminelle Präsenz hat zu wachsendem
Misstrauen der Ordnungshüter gegenüber der Mode "Videopoker" geführt. Aber diese Mode
stellt auch ein soziales Problem dar.
Über 700.000 Italiener, so schätzen Experten, leiden unter der "Pathologie des Glücksspiels".
Sie verspielen mitunter Haus und Hof, ruinieren ihre Familien. Und ihr neuer Tick heißt
Videopoker. Immerhin, es gibt Heilungschancen für die Spielsüchtigen. Zum Beispiel in einem
medizinisch-psychologischen Zentrum, das der Arzt Cesare Guerreschi in Bozen leitet und das
vor allem Gruppentherapie anbietet.
Inzwischen wird der Spielteufel in seiner elektronischen Version sogar Roms Politikern
unheimlich. Die Rechtslage ist unklar. Einerseits besagt ein Gerichtsurteil, dass Videopoker ein
Glücksspiel sei - was den Schluss nahelegt: außerhalb der erlaubten Spielkasinos "illegal".
Aber es gibt auch Urteile, die andere Interpretationen zulassen.
Jetzt plant die Regierung ein Dekret, das die Videopoker-Automaten sozusagen unschädlich
machen soll: Spielbeträge nicht mehr in Banknoten, sondern nur noch in Münzen, und Gewinne
von maximal 5000 Lire. Laut Premier Massimo D'Alema müsse man alles tun, um illegales
Treiben im Spielbetrieb zu verhindern. Also genaue Vorschriften für die Produktion der Geräte
und ihre Aufstellung in öffentlichen Lokalen.
Hier und dort wurden bereits Automaten beschlagnahmt. "Unerhört", empört sich deshalb die
Spielgerätebranche. Durch die Beschlagnahmen seien "Hunderte von Firmen" in Not geraten
und hätten Personal entlassen müssen. Mario Negro vom piemontesischen
Spielautomatenverband behauptet sogar: "Wir sind die Opfer einer Diffamierungskampagne."
In Italien existieren etwa 10.000 Herstellerfirmen von Spielautomaten - mit ungefähr 120.000
Mitarbeitern. Das Spielfieber gibt also nicht wenigen Menschen Arbeit und Brot. Die
Regierung steht, wenn sie eingreift, vor einer schweren Aufgabe. Die Videopokersucht
eindämmen, gleichzeitig die Mafia hinausdrängen und dabei keine Arbeitsplätze gefährden: das
gleicht der Quadratur des Kreises.