Von Helmut Voss
SAD Los Angeles - Klotzige weiße und rosa Villen
beherrschen eine mit Wüstenvegetation bedeckte
Hügellandschaft bei San Bernardino in Südkalifornien:
künstlich bewässerte Palmen und dramatische,
verglaste Terrassen mit Fernblick, Swimming-Pools und
Garagen mit Platz für drei und vier Autos. Die Los
Angeles Times beschrieb die Häuser mit dem Wort
«palastartig».
Die «Paläste» symbolisieren eine neue Phase in der
großenteils leidvollen jüngeren Geschichte der
indianischen Ureinwohner der USA. Sie gehören den
nur 25 Mitgliedern des Stammes der kalifornischen San
Manuel-Indianer - eines von zahlreichen
US-Indianerstämmen, die seit Inkrafttreten eines neuen
Bundesgesetzes vor zwölf Jahren als
Kasinounternehmer Millionen verdient haben. Das kleine
Häuflein ist so wohlhabend, dass es kürzlich 27,8
Millionen Dollar, mehr als eine Million Dollar pro
Stammesmitglied, in einen Wahlkampf pumpen konnte.
Jetzt können sie sich auf noch mehr Geld freuen. Bei
Vorwahlen in Kalifornien am Mittwoch gaben die Wähler
in Amerikas volkreichstem Bundesstaat grünes Licht für
eine drastische Ausweitung des Glücksspiels auf
kalifornischen Indianerreservaten. Die Abstimmung wird
Experten zur Folge haben, dass Kalifornien bald dem
benachbarten Bundesstaat Nevada seinen Ruf als
Amerikas Top-Glücksspieladresse wird streitig machen
können. Es wird geschätzt, dass es auf den Reservaten
bald 200 Kasinos und über 100 000 Spielautomaten
geben wird - eine 4,7 Milliarden Dollar-Industrie.
Glücksspiel in größerem Umfang gab es in den USA
bis vor Kurzem nur in zwei Bundesstaaten - Nevada und
New Jersey. Dann aber erreichten die kalifornischen
Cabazon-Indianer 1988 mit einer von ihnen beim
Obersten Bundesgericht in Washington eingereichten
Klage, dass das Gericht ihnen und anderen Indianern
das Recht einreichte, auf ihren weitgehend souveränen
Reservaten harmlose Formen von Glücksspiel wie
Bingo zu organisieren.
Aus diesem «kleinen Finger» wurde mit der Zeit in
einigen Bundesstaaten «die ganze Hand» - meist
illegal. Bereits 1997 betrugen die
Glücksspieleinnahmen kalifornischer Indianer nach
eigenen Schätzungen 1,4 Milliarden Dollar - 77 800
Dollar pro Mitglied der im Glücksspiel tätigen Stämme.
Heute sind nicht weniger als 41 kalifornische
Indianerstämme mit 18 000 Mitgliedern im Glücksspiel
tätig.
Den Indianern kam dabei zugute, dass viele Politiker
ihnen aufgrund eines späten schlechten Gewissens
keine Steine in den Weg zu legen wagten. In
Kalifornien, wo die Indianer zur der Zeit des
Goldrausches praktisch wie Ungeziefer behandelt
worden waren - ihre Zahl fiel von 175 000 im Jahre 1848
auf 30 000 im Jahre 1870 - und wo die Reservate der
überlebenden Stämme sich meist in trostlosen,
unwirtlichen Gebieten befinden, machten sich von
Gouverneur Davis abwärts fast alle führenden
Landespolitiker für das Monopol der indianischen
Glücksspielunternehmer stark.
Die indianischen Unternehmer halfen nach, indem sie in
ihrer Wahlkampfwerbung den Eindruck erweckten, als
ginge es bei der Abstimmung nur um den Bau von
Schulen und Krankenhäusern auf ihren Reservaten und
um finanzielle Unabhängigkeit.
Bei der Abstimmung über die sogenannte «Proposition
1A» am 7. März erhielten sie auf das, was bisher
weitgehend illegal betrieben wurde, den offiziellen
Stempel. Von keiner staatlichen Behörde überwacht
oder auch nur besteuert, dürfen alle 105 anerkannten
kalifornischen Indianerstämme jetzt auf ihren
Reservaten Glücksspiel à la Las Vegas anbieten.
Stämme, die kein Interesse an eigenen Kasinos haben,
können ihre Rechte an andere Stämme verkaufen. Die
indianischen Kasinounternehmer können sogar
Grundstücke in der Nähe von Großstädten erwerben,
sie zu Reservaten erklären und dann auf ihnen
Spielhöllen errichten.
Die Maßnahme dürfte viele Gegenden des insgesamt
33 Millionen Einwohner zählenden Kalifornien drastisch
verändern. Der Stamm der Barona in Südkalifornien
plant bereits ein 120 Millionen Dollar-Glücksspielmekka
mit eigenem Golfplatz, Hotel und autobahnähnlicher
Zubringerstraße. In dem verschlafenen Wüstenkurort
Palm Springs, zwei Autostunden östlich von Los
Angeles, wollen die Agua Caliente-Indianer auf ihnen
gehörenden Grundstücken im Innenstadtbereich einen
100 Millionen Dollar teuren Kasinokomplex hochziehen.