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Späte Rache am Weißen Mann: Großes Zocken in Kalifornien
Medium: Berliner Morgenpost
Datum: 09. 03. 2000
Von Helmut Voss

SAD Los Angeles - Klotzige weiße und rosa Villen beherrschen eine mit Wüstenvegetation bedeckte Hügellandschaft bei San Bernardino in Südkalifornien: künstlich bewässerte Palmen und dramatische, verglaste Terrassen mit Fernblick, Swimming-Pools und Garagen mit Platz für drei und vier Autos. Die Los Angeles Times beschrieb die Häuser mit dem Wort «palastartig».

Die «Paläste» symbolisieren eine neue Phase in der großenteils leidvollen jüngeren Geschichte der indianischen Ureinwohner der USA. Sie gehören den nur 25 Mitgliedern des Stammes der kalifornischen San Manuel-Indianer - eines von zahlreichen US-Indianerstämmen, die seit Inkrafttreten eines neuen Bundesgesetzes vor zwölf Jahren als Kasinounternehmer Millionen verdient haben. Das kleine Häuflein ist so wohlhabend, dass es kürzlich 27,8 Millionen Dollar, mehr als eine Million Dollar pro Stammesmitglied, in einen Wahlkampf pumpen konnte.

Jetzt können sie sich auf noch mehr Geld freuen. Bei Vorwahlen in Kalifornien am Mittwoch gaben die Wähler in Amerikas volkreichstem Bundesstaat grünes Licht für eine drastische Ausweitung des Glücksspiels auf kalifornischen Indianerreservaten. Die Abstimmung wird Experten zur Folge haben, dass Kalifornien bald dem benachbarten Bundesstaat Nevada seinen Ruf als Amerikas Top-Glücksspieladresse wird streitig machen können. Es wird geschätzt, dass es auf den Reservaten bald 200 Kasinos und über 100 000 Spielautomaten geben wird - eine 4,7 Milliarden Dollar-Industrie.

Glücksspiel in größerem Umfang gab es in den USA bis vor Kurzem nur in zwei Bundesstaaten - Nevada und New Jersey. Dann aber erreichten die kalifornischen Cabazon-Indianer 1988 mit einer von ihnen beim Obersten Bundesgericht in Washington eingereichten Klage, dass das Gericht ihnen und anderen Indianern das Recht einreichte, auf ihren weitgehend souveränen Reservaten harmlose Formen von Glücksspiel wie Bingo zu organisieren.

Aus diesem «kleinen Finger» wurde mit der Zeit in einigen Bundesstaaten «die ganze Hand» - meist illegal. Bereits 1997 betrugen die Glücksspieleinnahmen kalifornischer Indianer nach eigenen Schätzungen 1,4 Milliarden Dollar - 77 800 Dollar pro Mitglied der im Glücksspiel tätigen Stämme. Heute sind nicht weniger als 41 kalifornische Indianerstämme mit 18 000 Mitgliedern im Glücksspiel tätig.

Den Indianern kam dabei zugute, dass viele Politiker ihnen aufgrund eines späten schlechten Gewissens keine Steine in den Weg zu legen wagten. In Kalifornien, wo die Indianer zur der Zeit des Goldrausches praktisch wie Ungeziefer behandelt worden waren - ihre Zahl fiel von 175 000 im Jahre 1848 auf 30 000 im Jahre 1870 - und wo die Reservate der überlebenden Stämme sich meist in trostlosen, unwirtlichen Gebieten befinden, machten sich von Gouverneur Davis abwärts fast alle führenden Landespolitiker für das Monopol der indianischen Glücksspielunternehmer stark.

Die indianischen Unternehmer halfen nach, indem sie in ihrer Wahlkampfwerbung den Eindruck erweckten, als ginge es bei der Abstimmung nur um den Bau von Schulen und Krankenhäusern auf ihren Reservaten und um finanzielle Unabhängigkeit.

Bei der Abstimmung über die sogenannte «Proposition 1A» am 7. März erhielten sie auf das, was bisher weitgehend illegal betrieben wurde, den offiziellen Stempel. Von keiner staatlichen Behörde überwacht oder auch nur besteuert, dürfen alle 105 anerkannten kalifornischen Indianerstämme jetzt auf ihren Reservaten Glücksspiel à la Las Vegas anbieten. Stämme, die kein Interesse an eigenen Kasinos haben, können ihre Rechte an andere Stämme verkaufen. Die indianischen Kasinounternehmer können sogar Grundstücke in der Nähe von Großstädten erwerben, sie zu Reservaten erklären und dann auf ihnen Spielhöllen errichten.

Die Maßnahme dürfte viele Gegenden des insgesamt 33 Millionen Einwohner zählenden Kalifornien drastisch verändern. Der Stamm der Barona in Südkalifornien plant bereits ein 120 Millionen Dollar-Glücksspielmekka mit eigenem Golfplatz, Hotel und autobahnähnlicher Zubringerstraße. In dem verschlafenen Wüstenkurort Palm Springs, zwei Autostunden östlich von Los Angeles, wollen die Agua Caliente-Indianer auf ihnen gehörenden Grundstücken im Innenstadtbereich einen 100 Millionen Dollar teuren Kasinokomplex hochziehen.


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