Newsindex
Wettspiele im Goldesel
Medium: 11. 03. 2000
Datum: Tagesspiegel
Eine Lizenz aus DDR-Zeiten macht's möglich: Hier wird auf alles gewettet, was schnell ist oder Tore macht

Thomas Loy

Invalidenrentner Jochen, der seine Leidenschaft für Pferde per Hosenträger-Grafik zur Schau trägt, hat jüngst einen Brief an Eberhard Diepgen geschrieben. Der Regierende möge endlich dafür sorgen, dass die unverzichtbare "Racing Post", die weltweit wichtigste Zeitung für Rennwetten, die sogar die Trikots der Jockeys in Farbe abbildet, über den Bahnhof Zoo hinaus Verbreitung findet. Von seiner Marzahner Einraum-Platte ist der Zoo wirklich zu weit weg, und im zehnten Jahr gesamtdeutscher Zeitrechnung kann man so viel informationelle Gleichberechtigung schon erwarten. Aber Diepgen ließ nichts von sich hören, und darüber wundert sich außer Jochen niemand im Wettbüro "Goldesel", denn Deutschland sei in der Branche ein Niemandsland, verdorben von Sparbuchmentalität und staatlicher Bevormundung. Nur wenn die Sache ganz sicher ist, wie beim Länderspiel gegen Holland, setzen risikoscheue Gelegenheits-Zocker auf den Favoriten und lassen ihren Buchmacher Bernd Hobiger, der aussieht wie ein asketischer Biologieprofessor, finanziell bluten.

In der Landsberger Allee, nicht weit vom gleichnamigen S-Bahnhof, schlägt das Herz der Berliner Wettspielszene. An schlichten Kneipentischen sitzen Männer aller Altersklassen, in Tabellen und selbstverfasste Notizen vertieft oder auf einen der zehn Bildschirme fixiert, auf denen Pferde rennen, als sei der Teufel hinter ihnen her. Am Wochenende flimmern dort die Spiele der Bundesliga und ermuntern bisweilen zu vierstelligen Einsätzen. Fußball, davon versteht in Deutschland jeder was, und deshalb sorgt das Leder inzwischen für den größten Batzen im Wettgeschäft.

Hobiger betreibt das einzige Wettbüro der Hauptstadt, das eigenmächtig Sportwetten aller Couleur unters Volk bringt. Während die Konkurrenz in den Lotto-Annahmestellen an das politisch begründete Monopol der staatlichen Klassenlotterie gebunden ist, also nur die Spiele des Totoblocks und so genannte Oddset-Sportwetten (siehe Kasten) im Programm hat, kann Hobiger auch Fans US-amerikanischer Basketball-Teams zum Spielen animieren und attraktivere Gewinnquoten festlegen.

Was er anderen voraus hat, ist ein Formular, das noch den Stempel des "Rates der Stadt" trägt, ausgefertigt am 18. September 1990. Darin wird ihm die Erlaubnis erteilt, neben den klassischen Pferde- auch Sportwetten anzubieten. Nur drei solcher Sondergenehmigungen, die nach dem Einigungsvertrag Bestandsschutz haben, sind nach Auskunft des Senats in Ostdeutschland im Umlauf.

Die Behörden dulden das Treiben ungern, denn Gewinne aus Glücksspielen müssen laut Lottogesetz vornehmlich dem Staatssäckel oder caritativen Einrichtungen zugute kommen. In den vergangenen Wochen hat die Polizei mehrere Wettbüros wegen des Verdachts auf illegales Glücksspiel dichtgemacht. Vor knapp einem Jahr hatte auch Hobiger Besuch von Vertretern der Staatsgewalt. Die Beamten seien "sehr überrascht gewesen", als er ihnen seine Lizenz zeigte. Hobiger hat kein Verständnis für die rigide Haltung des Gesetzgebers. "Überall auf der Welt dürfen Buchmacher alles Mögliche anbieten, nur in Deutschland nicht." Würde man das Wettgeschäft freigeben, wäre auch das illegale Treiben bald vorbei. "Das war 1922, als man privaten Buchmachern die Pferdewetten erlaubte, genauso", meint er.

Dass sein "Goldesel" heftig Dukaten auf sein Privatkonto kackt, dementiert Bernd Hobiger. "Allein die Übertragungen der englischen Pferderennen kosten 12 000 Mark im Monat." Sein Laden ist täglich geöffnet, "sonst kriege ich die Unkosten gar nicht mehr rein." Gewinn mache er nur, "wenn die Quoten stimmen". Stimmen sie nicht - etwa wenn Hobiger entgangen ist, dass Regionalligist FSV Zwickau kurz vor der Auflösung steht und kaum eine Chance gegen den Aufstiegsaspiranten VfB Leipzig hat - werde das von der Kundschaft sofort gnadenlos ausgenutzt.

Hobiger hat sich langsam an das Geschäft des Buchmachers herangearbeitet. Als die DDR noch lebte, nahm der gelernte Elektriker in der Brunnenstraße Wetten für die Berliner Trabrennbahnen Karlshorst und Hoppegarten an. Damals wurden Einsätze und Rennergebnisse einfach übers Telefon durchgegeben - "und die Leute waren auch zufrieden." Heute ist der durchschnittliche Wetter anspruchsvoller, drängt nach aktuellen Informationen und will alles live miterleben.

Viele haben einen Spleen, sehen sogar englisch aus (mit Mütze und Wollweste zumindest hanseatisch) und sind unheimlich mitteilungsbedürftig, wenn es um die Magie des Wettens geht. Mit "Just a moment" drängt sich Heinz ins Gespräch. Er verbreitet wirres Zeug über die Boxbrüder Klitschko und Sinatra und muss unbedingt loswerden, dass nur viel "Horchen, was die anderen machen" Erfolg verspricht. Ein Kabelmonteur in grüner Steppweste schwört auf Intuition oder "schöne Namen" wie "Royal Snoopy" oder "Who am I".

Frankie, in gestreiftem Hemd und Krawatte, setzt mehr auf Wissen. Über die Pferde und Jockeys, Trainingsmethoden und Statistik. Wichtig sei: "Nur bei hochdotierten Rennen einsteigen." Doch dazu meint Jochen: "Das ist wohl der hohlste Kommentar, den ich bisher gehört habe." Frankie und Jochen streiten sich gern und viel. Sie kommen fast täglich, "sonst wird das Informationsdefizit zu groß", sagt Jochen. Das Spielen ermögliche ihm ein nettes Zubrot zur Invalidenrente. Von Einsamkeit redet der alleinstehende Mann nicht. Frankie, der den Rest seiner Zeit als Croupier in einer Spielbank verbringt, sieht sich selbst einfach als "Zocker, der Geld machen will."

Jetzt läuft erstmal "Race 7" auf einem Hinderniskurs in Wincanton. Jochen hat 30 Mark auf Sieg von "Spring Dawn" gesetzt. "Zisch ab, Flynn." Doch Flynn, der Jockey, muss schon in der Kurve vor der Zielgeraden die Peitsche zücken - ein schlechtes Zeichen, und alle wissen, dass das Rennen damit gelaufen ist. "Der Fuffi ist alle", und damit auch die Zeit. Jochen packt zusammen, steckt die Videokassette über seinen Lieblingsjockey und die Plastikflasche mit grünem Tee ein - "für mein Cholesterin und den Blutdruck."

Hinter ihm feixt ein zynischer Beobachter, der aufs richtige Pferd getippt hatte, nur leider nicht gesetzt. Er spiele nur selten, nur "zur Entspannung", sagt er und stellt sich als ehemaliger Journalist des "DDR-Radios" vor. "Alles kaputte Leute hier. Strandgut", sagt er noch. Ob er sich dazuzählt, lässt er offen.


Newsindex