Eine Lizenz aus DDR-Zeiten
macht's möglich: Hier wird auf
alles gewettet, was schnell ist
oder Tore macht
Thomas Loy
Invalidenrentner Jochen, der seine
Leidenschaft für Pferde per
Hosenträger-Grafik zur Schau trägt, hat
jüngst einen Brief an Eberhard Diepgen
geschrieben. Der Regierende möge
endlich dafür sorgen, dass die
unverzichtbare "Racing Post", die
weltweit wichtigste Zeitung für
Rennwetten, die sogar die Trikots der
Jockeys in Farbe abbildet, über den
Bahnhof Zoo hinaus Verbreitung findet.
Von seiner Marzahner Einraum-Platte
ist der Zoo wirklich zu weit weg, und
im zehnten Jahr gesamtdeutscher
Zeitrechnung kann man so viel
informationelle Gleichberechtigung
schon erwarten. Aber Diepgen ließ
nichts von sich hören, und darüber
wundert sich außer Jochen niemand im
Wettbüro "Goldesel", denn
Deutschland sei in der Branche ein
Niemandsland, verdorben von
Sparbuchmentalität und staatlicher
Bevormundung. Nur wenn die Sache
ganz sicher ist, wie beim Länderspiel
gegen Holland, setzen risikoscheue
Gelegenheits-Zocker auf den Favoriten
und lassen ihren Buchmacher Bernd
Hobiger, der aussieht wie ein
asketischer Biologieprofessor,
finanziell bluten.
In der Landsberger Allee, nicht weit
vom gleichnamigen S-Bahnhof, schlägt
das Herz der Berliner Wettspielszene.
An schlichten Kneipentischen sitzen
Männer aller Altersklassen, in Tabellen
und selbstverfasste Notizen vertieft
oder auf einen der zehn Bildschirme
fixiert, auf denen Pferde rennen, als
sei der Teufel hinter ihnen her. Am
Wochenende flimmern dort die Spiele
der Bundesliga und ermuntern
bisweilen zu vierstelligen Einsätzen.
Fußball, davon versteht in Deutschland
jeder was, und deshalb sorgt das Leder
inzwischen für den größten Batzen im
Wettgeschäft.
Hobiger betreibt das einzige Wettbüro
der Hauptstadt, das eigenmächtig
Sportwetten aller Couleur unters Volk
bringt. Während die Konkurrenz in den
Lotto-Annahmestellen an das politisch
begründete Monopol der staatlichen
Klassenlotterie gebunden ist, also nur
die Spiele des Totoblocks und so
genannte Oddset-Sportwetten (siehe
Kasten) im Programm hat, kann
Hobiger auch Fans US-amerikanischer
Basketball-Teams zum Spielen
animieren und attraktivere
Gewinnquoten festlegen.
Was er anderen voraus hat, ist ein
Formular, das noch den Stempel des
"Rates der Stadt" trägt, ausgefertigt
am 18. September 1990. Darin wird
ihm die Erlaubnis erteilt, neben den
klassischen Pferde- auch Sportwetten
anzubieten. Nur drei solcher
Sondergenehmigungen, die nach dem
Einigungsvertrag Bestandsschutz
haben, sind nach Auskunft des Senats
in Ostdeutschland im Umlauf.
Die Behörden dulden das Treiben
ungern, denn Gewinne aus
Glücksspielen müssen laut Lottogesetz
vornehmlich dem Staatssäckel oder
caritativen Einrichtungen zugute
kommen. In den vergangenen Wochen
hat die Polizei mehrere Wettbüros
wegen des Verdachts auf illegales
Glücksspiel dichtgemacht. Vor knapp
einem Jahr hatte auch Hobiger Besuch
von Vertretern der Staatsgewalt. Die
Beamten seien "sehr überrascht
gewesen", als er ihnen seine Lizenz
zeigte. Hobiger hat kein Verständnis
für die rigide Haltung des
Gesetzgebers. "Überall auf der Welt
dürfen Buchmacher alles Mögliche
anbieten, nur in Deutschland nicht."
Würde man das Wettgeschäft
freigeben, wäre auch das illegale
Treiben bald vorbei. "Das war 1922, als
man privaten Buchmachern die
Pferdewetten erlaubte, genauso",
meint er.
Dass sein "Goldesel" heftig Dukaten
auf sein Privatkonto kackt, dementiert
Bernd Hobiger. "Allein die
Übertragungen der englischen
Pferderennen kosten 12 000 Mark im
Monat." Sein Laden ist täglich
geöffnet, "sonst kriege ich die
Unkosten gar nicht mehr rein." Gewinn
mache er nur, "wenn die Quoten
stimmen". Stimmen sie nicht - etwa
wenn Hobiger entgangen ist, dass
Regionalligist FSV Zwickau kurz vor der
Auflösung steht und kaum eine Chance
gegen den Aufstiegsaspiranten VfB
Leipzig hat - werde das von der
Kundschaft sofort gnadenlos
ausgenutzt.
Hobiger hat sich langsam an das
Geschäft des Buchmachers
herangearbeitet. Als die DDR noch
lebte, nahm der gelernte Elektriker in
der Brunnenstraße Wetten für die
Berliner Trabrennbahnen Karlshorst und
Hoppegarten an. Damals wurden
Einsätze und Rennergebnisse einfach
übers Telefon durchgegeben - "und die
Leute waren auch zufrieden." Heute ist
der durchschnittliche Wetter
anspruchsvoller, drängt nach aktuellen
Informationen und will alles live
miterleben.
Viele haben einen Spleen, sehen sogar
englisch aus (mit Mütze und Wollweste
zumindest hanseatisch) und sind
unheimlich mitteilungsbedürftig, wenn
es um die Magie des Wettens geht. Mit
"Just a moment" drängt sich Heinz ins
Gespräch. Er verbreitet wirres Zeug
über die Boxbrüder Klitschko und
Sinatra und muss unbedingt loswerden,
dass nur viel "Horchen, was die
anderen machen" Erfolg verspricht. Ein
Kabelmonteur in grüner Steppweste
schwört auf Intuition oder "schöne
Namen" wie "Royal Snoopy" oder "Who
am I".
Frankie, in gestreiftem Hemd und
Krawatte, setzt mehr auf Wissen. Über
die Pferde und Jockeys,
Trainingsmethoden und Statistik.
Wichtig sei: "Nur bei hochdotierten
Rennen einsteigen." Doch dazu meint
Jochen: "Das ist wohl der hohlste
Kommentar, den ich bisher gehört
habe." Frankie und Jochen streiten sich
gern und viel. Sie kommen fast täglich,
"sonst wird das Informationsdefizit zu
groß", sagt Jochen. Das Spielen
ermögliche ihm ein nettes Zubrot zur
Invalidenrente. Von Einsamkeit redet
der alleinstehende Mann nicht. Frankie,
der den Rest seiner Zeit als Croupier in
einer Spielbank verbringt, sieht sich
selbst einfach als "Zocker, der Geld
machen will."
Jetzt läuft erstmal "Race 7" auf einem
Hinderniskurs in Wincanton. Jochen hat
30 Mark auf Sieg von "Spring Dawn"
gesetzt. "Zisch ab, Flynn." Doch Flynn,
der Jockey, muss schon in der Kurve
vor der Zielgeraden die Peitsche
zücken - ein schlechtes Zeichen, und
alle wissen, dass das Rennen damit
gelaufen ist. "Der Fuffi ist alle", und
damit auch die Zeit. Jochen packt
zusammen, steckt die Videokassette
über seinen Lieblingsjockey und die
Plastikflasche mit grünem Tee ein -
"für mein Cholesterin und den
Blutdruck."
Hinter ihm feixt ein zynischer
Beobachter, der aufs richtige Pferd
getippt hatte, nur leider nicht gesetzt.
Er spiele nur selten, nur "zur
Entspannung", sagt er und stellt sich
als ehemaliger Journalist des
"DDR-Radios" vor. "Alles kaputte Leute
hier. Strandgut", sagt er noch. Ob er
sich dazuzählt, lässt er offen.