Aktienfieber
Immer mehr Kleinanleger versuchen ihr
Glück an der Börse. In Amerika wird
verstärkt auf Kredit spekuliert
Svenja Wilke
Für viele Kleinaktionäre war es ein
Warnschuss: Der Dax und der Neue Markt
verloren zu Beginn der Woche kräftig an Wert.
"Der Markt hat gezeigt, dass er sich auch in die
andere Richtung bewegen kann", sagt Robert
Halver von der Bank Delbrück & Co. Vor allem
Technologiewerte haben nachgegeben. "Es
gab eine Umschichtung von der new economy
zurück zur old economy." Doch diese
Entwicklung ist laut Halver nur vorübergehend,
schon bald rechnet er wieder mit einer höheren
Nachfrage nach den jungen Wachstumswerten.
Der Trend geht weiter nach oben,
angeschoben von immer mehr Kleinaktionären,
die auf den fahrenden Zug aufspringen wollen.
Nach einer Studie des Deutschen
Aktieninstituts sind bereits fünf Millionen
Bundesbürger im Besitz von Wertpapieren.
Allein im vergangenen Jahr kamen rund eine
halbe Million Kleinanleger dazu. Damit ist die
Zahl der Aktionäre seit 1992 um fast 42
Prozent gestiegen.
"Viele Anleger treibt nur der Gedanke an
Aktien ein Euro-Zeichen in die Augen", sagt
Manfred Westphal, Finanzexperte bei der
Arbeitsgemeinschaft der
Verbraucherverbände. Angestachelt werden
sie von den hohen Renditen, die in
Fachzeitschriften und Informationsdiensten
angepriesen werden. "Die Hemmschwelle
sinkt. Es wird einfach blind gekauft." Dabei sei
es vor allem für Einsteiger mit einem geringen
Budget wichtig, nicht das ganze Vermögen auf
einen Wert zu setzen. Der Finanzexperte rät
daher zu den breiter gestreuten Aktienfonds.
Wer aber erstmal von dem Fieber angesteckt
ist, verliert laut Westphal schnell das
Augenmaß. "Um Aktienkäufe zu tätigen,
werden vermehrt Kredite aufgenommen. Das
ist eine ungesunde Entwicklung", warnt er. Der
Bundesweite Arbeitskreis Glücksspielsucht
sieht in der Aktienspekulation sogar einen
Suchtfaktor. Konkrete Fälle seien in
Deutschland zwar noch nicht bekannt, aber in
Amerika gebe es bereits Trader und
Kleinaktionäre, die in ärztlicher Behandlung
seien. Mit einer ähnlichen Entwicklung rechnet
die Vorsitzende Ilona Füchtenschnieder auch
hierzulande. Zur Glücksspielsucht sieht sie
deutliche Parallelen: "Es ist der Traum, durch
einen Gewinn vom Schicksal erlöst zu werden."
Gefährlich werde es dann, wenn die
Beschäftigung mit Aktien immer mehr Raum im
Leben einnimmt, mehr als sich mit Beruf und
Familienleben eigentlich vereinbaren lässt.
"Bei Einbrüchen gibt es dann das Bestreben,
zumindest den Verlust wieder reinzuholen",
erklärt Füchtenschnieder den Teufelskreis.
Dazu braucht der Anleger vor allem Geld. In
den USA wurden im Februar Kredite in Höhe
von 21,7 Milliarden Dollar aufgenommen, um
Aktien kaufen zu können. In Deutschland gibt
es dafür keine genauen Zahlen, aber der Wert
dürfte deutlich niedriger sein, da sich die
meisten Banken nach eigenen Angaben sehr
restriktiv verhalten. "Kunden machen bei
Kursverlusten ein doppeltes Minusgeschäft.
Neben dem Wertverlust müssen sie zusätzlich
einen Kredit zurück zahlen", sagt
Commerzbank-Sprecherin Angelika Plapper.
Bei der Commerzbank gibt es die Möglichkeit,
sein Wertpapierdepot bis zu 50 Prozent zu
beleihen. Doch davon machten nur wenige
Kunden Gebrauch. Auch die Bank 24 weist
nach Angaben ihres Sprechers Klaus Winker
nicht aktiv auf Kreditmöglichkeiten hin. Nur bei
einer sehr guten Bonität würde grünes Licht für
eine Kreditaufnahme gegeben."Man hat als
Bank eine gewisse Verantwortung, aber man
kann die Kunden auch nicht bevormunden",
sagt die Commerzbank-Sprecherin. Gerade
Neuanleger würden immer häufiger Aktien
zeichnen, ohne zu wissen, was für ein
Unternehmen dahinter steht. "Hauptsache ,net'
oder ,com' steht im Namen und schon wird
geordert."
Um möglichst schnell kaufen oder verkaufen zu
können, wechseln immer mehr Anleger zu
Direkt-Brokern im Internet. "Wir hatten in den
letzten Monaten jeweils bis zu 20 000
Neukunden", sagt Mathias Hajek, Sprecher der
Comdirect Bank. Dass Internet-Nutzer einen
Hang zur Spielermentalität haben, hört er nicht
gern. "Wir haben sehr aktive Wertpapierkäufer
als Kunden", sagt er. Neuerdings kämen aber
immer mehr blutige Anfänger dazu. Der
Beratungsbedarf habe dazu geführt, dass die
Telefondauer um das Fünffache gestiegen sei.
Gefragt werde vor allem nach Grundbegriffen,
wie zum Beispiel nach den Konsortialbanken,
die die Unternehmen an die Börse bringen.
"Neulich wollte einer wissen, ob
Konsortialführer irgendwas mit der Mafia zu tun
hat", erzählt Hajek.