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Der Wertpapierhandel kann zur Spielsucht werden
Medium: Tagesspiegel
Datum: 17. 03. 2000
Aktienfieber Immer mehr Kleinanleger versuchen ihr Glück an der Börse. In Amerika wird verstärkt auf Kredit spekuliert

Svenja Wilke

Für viele Kleinaktionäre war es ein Warnschuss: Der Dax und der Neue Markt verloren zu Beginn der Woche kräftig an Wert. "Der Markt hat gezeigt, dass er sich auch in die andere Richtung bewegen kann", sagt Robert Halver von der Bank Delbrück & Co. Vor allem Technologiewerte haben nachgegeben. "Es gab eine Umschichtung von der new economy zurück zur old economy." Doch diese Entwicklung ist laut Halver nur vorübergehend, schon bald rechnet er wieder mit einer höheren Nachfrage nach den jungen Wachstumswerten.

Der Trend geht weiter nach oben, angeschoben von immer mehr Kleinaktionären, die auf den fahrenden Zug aufspringen wollen. Nach einer Studie des Deutschen Aktieninstituts sind bereits fünf Millionen Bundesbürger im Besitz von Wertpapieren. Allein im vergangenen Jahr kamen rund eine halbe Million Kleinanleger dazu. Damit ist die Zahl der Aktionäre seit 1992 um fast 42 Prozent gestiegen.

"Viele Anleger treibt nur der Gedanke an Aktien ein Euro-Zeichen in die Augen", sagt Manfred Westphal, Finanzexperte bei der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände. Angestachelt werden sie von den hohen Renditen, die in Fachzeitschriften und Informationsdiensten angepriesen werden. "Die Hemmschwelle sinkt. Es wird einfach blind gekauft." Dabei sei es vor allem für Einsteiger mit einem geringen Budget wichtig, nicht das ganze Vermögen auf einen Wert zu setzen. Der Finanzexperte rät daher zu den breiter gestreuten Aktienfonds.

Wer aber erstmal von dem Fieber angesteckt ist, verliert laut Westphal schnell das Augenmaß. "Um Aktienkäufe zu tätigen, werden vermehrt Kredite aufgenommen. Das ist eine ungesunde Entwicklung", warnt er. Der Bundesweite Arbeitskreis Glücksspielsucht sieht in der Aktienspekulation sogar einen Suchtfaktor. Konkrete Fälle seien in Deutschland zwar noch nicht bekannt, aber in Amerika gebe es bereits Trader und Kleinaktionäre, die in ärztlicher Behandlung seien. Mit einer ähnlichen Entwicklung rechnet die Vorsitzende Ilona Füchtenschnieder auch hierzulande. Zur Glücksspielsucht sieht sie deutliche Parallelen: "Es ist der Traum, durch einen Gewinn vom Schicksal erlöst zu werden." Gefährlich werde es dann, wenn die Beschäftigung mit Aktien immer mehr Raum im Leben einnimmt, mehr als sich mit Beruf und Familienleben eigentlich vereinbaren lässt. "Bei Einbrüchen gibt es dann das Bestreben, zumindest den Verlust wieder reinzuholen", erklärt Füchtenschnieder den Teufelskreis.

Dazu braucht der Anleger vor allem Geld. In den USA wurden im Februar Kredite in Höhe von 21,7 Milliarden Dollar aufgenommen, um Aktien kaufen zu können. In Deutschland gibt es dafür keine genauen Zahlen, aber der Wert dürfte deutlich niedriger sein, da sich die meisten Banken nach eigenen Angaben sehr restriktiv verhalten. "Kunden machen bei Kursverlusten ein doppeltes Minusgeschäft. Neben dem Wertverlust müssen sie zusätzlich einen Kredit zurück zahlen", sagt Commerzbank-Sprecherin Angelika Plapper. Bei der Commerzbank gibt es die Möglichkeit, sein Wertpapierdepot bis zu 50 Prozent zu beleihen. Doch davon machten nur wenige Kunden Gebrauch. Auch die Bank 24 weist nach Angaben ihres Sprechers Klaus Winker nicht aktiv auf Kreditmöglichkeiten hin. Nur bei einer sehr guten Bonität würde grünes Licht für eine Kreditaufnahme gegeben."Man hat als Bank eine gewisse Verantwortung, aber man kann die Kunden auch nicht bevormunden", sagt die Commerzbank-Sprecherin. Gerade Neuanleger würden immer häufiger Aktien zeichnen, ohne zu wissen, was für ein Unternehmen dahinter steht. "Hauptsache ,net' oder ,com' steht im Namen und schon wird geordert."

Um möglichst schnell kaufen oder verkaufen zu können, wechseln immer mehr Anleger zu Direkt-Brokern im Internet. "Wir hatten in den letzten Monaten jeweils bis zu 20 000 Neukunden", sagt Mathias Hajek, Sprecher der Comdirect Bank. Dass Internet-Nutzer einen Hang zur Spielermentalität haben, hört er nicht gern. "Wir haben sehr aktive Wertpapierkäufer als Kunden", sagt er. Neuerdings kämen aber immer mehr blutige Anfänger dazu. Der Beratungsbedarf habe dazu geführt, dass die Telefondauer um das Fünffache gestiegen sei. Gefragt werde vor allem nach Grundbegriffen, wie zum Beispiel nach den Konsortialbanken, die die Unternehmen an die Börse bringen. "Neulich wollte einer wissen, ob Konsortialführer irgendwas mit der Mafia zu tun hat", erzählt Hajek.


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