Von unserer Mitarbeiterin
Marianne Kreikenbom
Der 37-jährige Martin ist ein angenehmer, sympathischer Gesprächspartner. Intelligent, gut gekleidet, freundlich und redegewandt. Vor allem Redegewandtheit und Fantasie brauche man, sagt er später einmal, um bei Freunden und Verwandten unter glaubhaften Vorwänden immer wieder Geld zu borgen. Geld für das leidenschaftliche Glücksspiel. „Diese Bettelei ist das Erniedrigendste an der Spielsucht.“
Rund eine Viertelmillion Mark, schätzt Martin, hat er seit seinem achtzehnten Lebensjahr an Automaten und beim Roulette verspielt. Übrig geblieben sind Schulden in Höhe von derzeit noch etwa 80000 Mark. Und der Gewinn? Martin lächelt. „Unterm Strich gewinnt immer die Bank.“
Glücksspiel ist ein Wirtschaftszweig mit Milliardenumsätzen, an dem Länder und Kommunen gut verdienen. Schließlich vergibt das Land die Spielkonzession und beteiligt die betreffenden Städte und Gemeinden an den alljährlichen Spielbankabgaben. In Hessen flossen 1999 laut Aussage des Statistischen Bundesamtes 136 Millionen D-Mark in die Landeskasse. Bundesweit waren es insgesamt 1428 Millionen D-Mark.
Natürlich verfällt nicht jeder der Spielsucht, wenn er eine Nacht am „einarmigen Banditen“ oder am Roulettetisch verbringt. Doch auf immerhin 120000 schätzen Experten die Zahl der behandlungsbedürftigen Glücksspieler in Deutschland. Betroffene gibt es in allen sozialen Schichten, meist aber sind es Männer. Ihre Sucht bedeutet weder Charakterschwäche noch hat sie mit lasterhaftem Lebenswandel zu tun, wie Laien oft glauben. Es handelt sich um eine schwerwiegende, inzwischen anerkannte Krankheit. Sie ist nicht einfach abstellbar, wenn man sich „nur ordentlich zusammenreißen“ würde.
Das pathologische Glücksspiel ist die häufigste nicht stoffgebundene Suchtform und neben Trunk- und Morphiumsucht die drittälteste in Europa. Wer daran leidet, dem geht es längst nicht mehr um Vergnügen, Unterhaltung oder Geld, sondern um die psychische Wirkung, ja den Rausch, den das Spiel erzeugt. Denn wie bei den Stoffsüchten kann auch die Tätigkeitssucht zum nicht mehr frei steuerbaren, zwanghaften und existenzbedrohenden Flucht- oder Betäubungsmittel werden. Trotz schon erlittener und aller noch bevorstehenden negativen Folgen hört dann der Konsum nicht auf, endet bei Spielsüchtigen aber häufig mit Selbstmord oder einer Familientragödie.
Bei den meisten fängt alles vermutlich ebenso harmlos an wie bei Martin, der als kleiner Junge in einer Kneipe dreimal zehn Pfennige in den Spielautomaten warf – und mit dem letzten Geldstück 70 Mark gewann. „Ich weiß noch, wie alle Leute staunten und mich bewunderten.“ Für kurze Zeit war Martin ein beneidenswertes Glückskind, dem Fortuna gelächelt hatte. Ein wundervolles Gefühl.
Achtzehnjährig ging er mit einem Freund immer regelmäßiger auf Spieltour. In den Automatenhallen gab es seine „Einstiegsdroge“. Sie befriedigte auch das Bedürfnis nach Unterhaltung, Freizeitbeschäftigung und Aktion. „Meist haben wir an mehreren Automaten gleichzeitig gespielt.“ Locker könne man da vierhundert Mark in zwei bis drei Stunden verlieren. Gegen Roulette habe er sich innerlich lange gewehrt. Es machte die Sache in seinen Augen erst „richtig“ ernst.
Martin kennt eine Menge Bücher von und über Spieler. Die Dispositionen der Betroffenen ähnelten sich auffallend: gestörte familiäre Beziehungen, fehlende Zuwendung, wenig Liebe, mangelnde Kommunikation im Elternhaus. Auch auf Martin trifft vieles davon zu. Trotzdem schiebt er seine späteren Probleme nicht ausschließlich auf eine schwierige Kindheit. „Irgendwann ist schließlich jeder selbst für sich verantwortlich.“ Als ihn nach zehnjähriger Ehe seine Frau verließ, war das nicht nur ein Schock, sondern Grund genug, endlich auszusteigen. „Unsere Beziehungsprobleme hatten ja immer mit Geld zu tun. Wir kamen auf keinen grünen Zweig.“ Seit 1992 besucht Martin eine Anonyme Spieler-Selbsthilfegruppe und seit einem Jahr zusätzlich eine Therapie. Beides soll ihm helfen, seine Sucht zum Stillstand zu bringen. Rückfälle kommen vor und sind normal.
An der Überzeugung, dass die Spielsucht irgendwie etwas ganz besonderes ist, hält Martin fest. „Viel weniger abstoßend als Alkoholismus oder Tablettenabhängigkeit.“ Eine „exklusive Sucht“ nennt er sie und meint nicht die Automaten, sondern das gesellschaftsfähigere Roulette. Bereut er nichts? „Nee, eigentlich nicht richtig. Mein Ausstieg und die Arbeit in der Selbsthilfegruppe sind ein großer persönlicher Gewinn. Ohne die Sucht hätte ich diesen Weg in ein bewussteres Leben nie erfahren.“
In Wiesbaden trifft sich die Anonyme Spieler-Selbsthilfegruppe dienstags und freitags von 20 bis 22 Uhr im Suchthilfezentrum, Schiersteiner Straße 4.