Spielbank finanziert Selbsthilfegruppe - Beratung in
Möhringen - Betroffene: "Engagement ein Feigenblatt"
Steigende Einspielergebnisse bei stagnierenden Besucherzahlen.
Was der Spielbank ein leichtes Runzeln bereitet, treibt vielen
Zockern den Angstschweiß auf die Stirn. Die jüngst
veröffentlichten Zahlen belegen: Die Kasinobesucher verspielen
immer mehr Geld. Für die Suchtberatungsstellen heißt das:
höchster Einsatz gegen das Laster.
VON TORSTEN SCHÖLL
Ein stickiger Raum, ein Stuhlkreis. 15 Menschen, die nichts
gemein haben außer ihrer Sucht, ringen nach Worten. Wie
erzähle ich meine Geschichte? Will sie überhaupt jemand hören?
Bin ich wirklich schon so weit? Fragen wie diese spiegeln sich
im Angesicht der Betroffenen wider, bleiben unausgesprochen.
Was wirklich durch die Köpfe der Teilnehmer an der
Spielsucht-Selbsthilfegruppe geht - wer will es beurteilen? Dann,
plötzlich, wie aus einem Vulkan, der endlich Druck ablassen
kann, sprudelt es aus einigen heraus. Sprechen will nicht jeder,
ein Motiv zu kommen, haben sie alle.
"Einen Grund", erklärt Andreas Renardy, Pressesprecher der
Spielbank Stuttgart, "einen Grund für unser finanzielles
Engagement an der Selbsthilfegruppe gibt es eigentlich nicht -
ein Thema ist die Spielsucht aber schon." Der rhetorische Salto
rückwärts gehört zur hohen Schule der Public Relations. Dass es
bei der Ergründung des Problems seitens des Kasinos
gelegentlich zu Artikulationsschwierigkeiten kommen kann, ist
aber kein Wunder. Irgendwie muss eben auch die Spielbank
Worte finden für etwas, das eigentlich nicht sein darf.
Für Frank Höppner, Suchtberater bei der Evangelischen
Gesellschaft (Eva), wo sich die Selbsthilfegruppe regelmäßig
trifft, war der Spagat, den die Spielbank jetzt geleistet hat, ein
längst überfälliger Schritt. Mit finanzieller Unterstützung des
kapitalstarken Möhringer Spielkasinos - immerhin spendiert die
Spielbank 20000 Mark - können sich seit geraumer Zeit aus der
Bahn geworfene Spielsüchtige unter Höppners Betreuung
treffen, um ihre Erfahrungen auszutauschen.
Zwar sind bei weitem nicht alle, die sich regelmäßig in den
Räumen der Eva in der Büchsenstraße 34 zusammenfinden,
kasinogeschädigt. Neben Spielbankgängern sind auch
Automatenspieler und Zocker da, die den illegalen Spielhöllen
den Vorzug geben. Nicht für alle diese Spielsüchtigen war das
Angebot der Stuttgarter Spielbank die Einstiegsdroge.
Gleichwohl war die Eröffnung des Kasinos für zahlreiche
Spielgefährdete, die sich von der anrüchigen Atmosphäre
illegaler Hinterhofkasinos abschrecken ließen, "eine
willkommene Gelegenheit". "Die Abschaffung des
Residenzverbots, wonach Spielbankbesucher mindestens 50
Kilometer entfernt wohnhaft sein mussten, tat sein Übriges",
sagt einer der Betroffenen. Das Kasino, das auf Wunsch auch in
den eigenen Räumen Beratungsgespräche anbietet, lässt dieses
Argument nicht gelten. Die Begründung: "Wer spielen will,
nimmt jeden Weg in Kauf."
Das Engagement der Spielbank hält Frank Höppner, trotz anders
lautender Meinungen aus dem Kreis der betroffenen
Spielsüchtigen, dennoch nicht nur "für ein Feigenblatt": "Das
Spielen", gibt der Suchtberater zu bedenken, "ist definitiv
politisch gewollt." Und vor diesem Hintergrund seien "radikale
Forderungen nach Abschaffung staatlicher Spielbetriebe
unrealistisch". Die Kugel rollt weiter: Faites vos jeux!
Spielsuchtgefährdeten bietet die Eva unter Telefon 2054-345
kostenlos Beratung an.