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Spielsucht: Das Kasino gibt Kontra
Medium: Stuttgarter Nachrichten
Datum: 24. 03. 2000
Spielbank finanziert Selbsthilfegruppe - Beratung in Möhringen - Betroffene: "Engagement ein Feigenblatt"

Steigende Einspielergebnisse bei stagnierenden Besucherzahlen. Was der Spielbank ein leichtes Runzeln bereitet, treibt vielen Zockern den Angstschweiß auf die Stirn. Die jüngst veröffentlichten Zahlen belegen: Die Kasinobesucher verspielen immer mehr Geld. Für die Suchtberatungsstellen heißt das: höchster Einsatz gegen das Laster.

VON TORSTEN SCHÖLL

Ein stickiger Raum, ein Stuhlkreis. 15 Menschen, die nichts gemein haben außer ihrer Sucht, ringen nach Worten. Wie erzähle ich meine Geschichte? Will sie überhaupt jemand hören? Bin ich wirklich schon so weit? Fragen wie diese spiegeln sich im Angesicht der Betroffenen wider, bleiben unausgesprochen. Was wirklich durch die Köpfe der Teilnehmer an der Spielsucht-Selbsthilfegruppe geht - wer will es beurteilen? Dann, plötzlich, wie aus einem Vulkan, der endlich Druck ablassen kann, sprudelt es aus einigen heraus. Sprechen will nicht jeder, ein Motiv zu kommen, haben sie alle.

"Einen Grund", erklärt Andreas Renardy, Pressesprecher der Spielbank Stuttgart, "einen Grund für unser finanzielles Engagement an der Selbsthilfegruppe gibt es eigentlich nicht - ein Thema ist die Spielsucht aber schon." Der rhetorische Salto rückwärts gehört zur hohen Schule der Public Relations. Dass es bei der Ergründung des Problems seitens des Kasinos gelegentlich zu Artikulationsschwierigkeiten kommen kann, ist aber kein Wunder. Irgendwie muss eben auch die Spielbank Worte finden für etwas, das eigentlich nicht sein darf.

Für Frank Höppner, Suchtberater bei der Evangelischen Gesellschaft (Eva), wo sich die Selbsthilfegruppe regelmäßig trifft, war der Spagat, den die Spielbank jetzt geleistet hat, ein längst überfälliger Schritt. Mit finanzieller Unterstützung des kapitalstarken Möhringer Spielkasinos - immerhin spendiert die Spielbank 20000 Mark - können sich seit geraumer Zeit aus der Bahn geworfene Spielsüchtige unter Höppners Betreuung treffen, um ihre Erfahrungen auszutauschen.

Zwar sind bei weitem nicht alle, die sich regelmäßig in den Räumen der Eva in der Büchsenstraße 34 zusammenfinden, kasinogeschädigt. Neben Spielbankgängern sind auch Automatenspieler und Zocker da, die den illegalen Spielhöllen den Vorzug geben. Nicht für alle diese Spielsüchtigen war das Angebot der Stuttgarter Spielbank die Einstiegsdroge. Gleichwohl war die Eröffnung des Kasinos für zahlreiche Spielgefährdete, die sich von der anrüchigen Atmosphäre illegaler Hinterhofkasinos abschrecken ließen, "eine willkommene Gelegenheit". "Die Abschaffung des Residenzverbots, wonach Spielbankbesucher mindestens 50 Kilometer entfernt wohnhaft sein mussten, tat sein Übriges", sagt einer der Betroffenen. Das Kasino, das auf Wunsch auch in den eigenen Räumen Beratungsgespräche anbietet, lässt dieses Argument nicht gelten. Die Begründung: "Wer spielen will, nimmt jeden Weg in Kauf."

Das Engagement der Spielbank hält Frank Höppner, trotz anders lautender Meinungen aus dem Kreis der betroffenen Spielsüchtigen, dennoch nicht nur "für ein Feigenblatt": "Das Spielen", gibt der Suchtberater zu bedenken, "ist definitiv politisch gewollt." Und vor diesem Hintergrund seien "radikale Forderungen nach Abschaffung staatlicher Spielbetriebe unrealistisch". Die Kugel rollt weiter: Faites vos jeux!

Spielsuchtgefährdeten bietet die Eva unter Telefon 2054-345 kostenlos Beratung an.


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