300 bis 600 Menschen im Kreis Paderborn
betroffen / Vernetztes Beratungsangebot
geplant
VON WOLFGANG STÜKEN
Paderborn. Es ist wie ein
Zwang. Jeder Fünfer, jede
Mark muss hinein in den
Automaten. Trügerische
Hoffnung auf eine große
Glückssträhne. Oft bleibt es
nicht bei der letzten Mark aus
der eigenen Geldbörse.
Der Spieler verschuldet sich, um mit geliehenem Geld
das Glück regelrecht zu erzwingen. Doch das Pech
bleibt ihm zumeist treu - die Jagd nach einem Ausgleich
der mittlerweile aufgetürmten Verluste erfolglos. Ein
Teufelskreis beginnt. Private Beziehungen können
zerbrechen, der Arbeitsplatz verloren gehen. Die Gefahr,
in die Kriminalität abzugleiten und sich durch ein
"krummes Ding" neues Geld für die immer hungrigen
Automaten zu beschaffen, ist nicht gering. 300 bis 600
Bürger im Kreisgebiet, so schätzt Friedhelm Hake,
Leiter der Suchtkrankenhilfe der Caritas Paderborn, sind
"pathologische Glücksspieler".
Sie gehören keiner besonderen sozialen Schicht an.
"Von oben bis unten", so Hake, "ist alles vertreten".
Eine typisch männliche Problematik allerdings: nach
wissenschaftlichen Untersuchungen sind 92 Prozent der
patholischen Glücksspieler Männer, und unter ihnen
dominieren die 25- bis 30-Jährigen.
Nicht selten haben sie Schuldenberge von 30.000 oder
40.000 Mark aufgetümt. Geld, das bis auf die letzte
Mark in Spielautomaten gewandert ist. Manche, die so
mit Riesenschritten auf ihren finanziellen Ruin
zusteuern, finden den Weg zur Schuldnerberatung. Sie
kann zwar Wege aus der finanziellen Krise aufzeigen -
doch besteht die Gefahr, dass der Spielsüchtige, sobald
sich eine Lösung für seine finanziellen Nöte abzeichnet,
erneut der magnetischen Anziehungskraft der
Automaten unterliegt.
Auf krankhafte Spielsucht passen die Beratungs- und
Behandlungskonzepte der Schuldnerberatung kaum.
Und die Suchtberatungsstelle der Caritas im Ükern?
Eine gute Adresse für Menschen, die alkohol- oder
medikamentenabhängig sind. Bei patholischen
Glücksspielern müssen auch hier die Berater bislang
passen. Sie schicken Hilfeschende nach Herford und
Bielefeld. Dort gibt es spezielle Beratungsangebote für
"Problemspieler". Doch Bielefeld und Herford winken bei
Hilfeersuchen aus dem Kreis Paderborn inzwischen ab:
Die dortigen Kapazitäten sind erschöpft.
Auch Selbsthilfegruppe soll angeboten werden
In dieser Situation wurde jetzt für Paderborn eine neue
Idee geboren. Friedhelm Hake: "Wir wollen für diese
Zielgruppe von Hilfesuchenden die Arbeit von
Suchtkrankenhilfe und Schulderberatung vernetzen." Die
Suchtkrankenhilfe des Caritasverbandes, die
Schuldnerberatung des Diakonischen Werkes und die
Schulderberatung der Caritas haben für patholische
Glücksspieler ein gemeinsames Konzept erarbeitet und
wollen als Kooperationspartner tätig werden. Gibt der
Kreis als Zuschussgeber das erhoffte "grünes Licht" und
den erhofften Zuschuss, soll in der Suchtkrankenhilfe
möglicht ab 2001 für patholische Glücksspieler die
Stelle eines Sozialarbeiters oder Sozialpädagogen mit
suchttherapeutischer Zusatzausbildung eingerichtet
werden. Schuldenproblematik und der Suchtproblematik
sollen nach einem zwischen Schuldner- und
Suchtberatung abgestimmten Beratungs- und
Behandlungsplan angegangen werden. Zum Angebot vor
Ort sollen angeleitete Gruppenarbeit, aber auch eine
Selbsthilfegruppe gehören.
Wo eine Therapie erforderlich ist, wird diese vermittelt.
Angehörige sollen einbezogen werden. Nicht selten sind
sie es, die einen patholischen Glücksspieler dazu
bewegen, endlich eine Beratungsstelle aufzusuchen.
Im Teufelskreis Glücksspiel droht derweil ein neues
Tempo. Friedhelm Hake: "Die Hersteller arbeiten an
einer neuen Automatengeneration mit schnelleren
Taktfolgen. Wer heute in kurzer Zeit 100 Mark verspielt,
wird künftig in der gleichen Zeit 180 Mark verspielen
können."