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Am Spieltisch unter Wölfen
Medium: Neue Zürcher Zeitung / CH
Datum: 13. 05. 2002
«Der Spieler» im UG des Luzerner Theaters

Regisseurin Monika Gintersdorfer macht mit fünf Schauspielern aus Dostojewskis «Der Spieler» ein Stück körperbetonten Theaters. Die Spielleidenschaft zeigt sich in leidenschaft-lichem Spiel.

21 neue Spielcasinos werden im Juni in der Schweiz eröffnet. Im UG des Luzerner Theaters ist schon jetzt die Bühne zum Roulette-Tisch geworden (Raum: Viva Schudt, Bühne/Kostüme Jelka Plate). Alexej Iwanowitsch, Hauslehrer beim General und der Spielsucht verfallen, soll für Paulina spielen, die er liebt und die mit ihm ihr Spiel treibt. Er verliert, er will für sich spielen und gewinnt. Fjodor Dostojewski hat in seinem Roman «Der Spieler» das genaue Psychogramm des Spielers geschrieben, den der Gewinn zum Weiterspielen und folgerichtig zum Verlieren zwingt, und er hat die subtilen Züge einer verästelten Familienkonstellation skizziert. Da ist der General, der Mademoiselle Blanche liebt und heiraten möchte - doch er ist tief verschuldet, der Franzose de Grieux sein Gläubiger. Pauline ist die Stieftochter des Generals, unterwürfig liebt und begehrt Alexej die Unerreichbare, die sich an den reichen Engländer Mister Astley hält. Liebt sie ihn, braucht sie ihn bloss um seines Geldes wegen?

Verlust Aus Moskau kommen Hoffnungstelegramme: Die Tante des Generals sei gestorben, heisst es zuerst, dann wieder, sie liege im Sterben. Sie kommt höchstselbst nach Roulettenburg, stürzt die ganze Gesellschaft, die auf ihren Tod und das Erbe lauert, in Verwirrung, verspielt all ihr Geld und reist wieder ab. Auch der im Spiel glückliche Alexej reist ab, geht mit Mademoiselle Blanche nach Paris, wo sie sein Geld in Kürze verschleudern. Der General fährt ihnen nach und heiratet nun doch noch Mademoiselle Blanche. Alexej, der Spieler, wird Paris wieder verlassen, zurück an die Spieltische kehren, ein Gefangener seiner Leidenschaft und glücklos im Glück. «Der Spieler» ist ein grosses Buch, die Dramatisierung kann es nur kleiner machen. Sie kann verdeutlichen, was Regisseurin Monika Gintersdorfer mit drastischen Signalen der Körpersprache tut, und sie muss es bei Andeutungen bewenden lassen. Das Theater kann ausschmücken, den Raum öffnen mit Videoeinspielungen (Florian Olloz), kann übertreiben mit sitzkissengrossen Jetons, einem auf den Bühnenboden gemalten Spieltisch, einer riesenhaften Kugel, die auf den Schultern eines Schauspielers ihren Weg zu Zahl und Farbe sucht.

Erniedrigung Die Dramatisierung vergröbert - und gibt so ein Bild der Spielsucht, die die hässlichen Züge der ihr Verfallenen genauso vulgarisiert. Die Tante (Karsten Müller) verliert jede Haltung, Paulina (Carina Braunschmidt) leckt Alexej grob übers Gesicht, wird vom Schluckauf geschüttelt, ist ausgesetzt ihren widersprüchlichen Regungen. Alexej (Matthias Buss) unterwirft sich hündisch der aussichtslos Geliebten, erniedrigt sich aus Leidenschaft, wird von seiner Leidenschaft erniedrigt. Der General (Erich Wyss), in tarnfarbener Jacke und mit Designerbrille, bietet nur ein fades Abziehbild früherer Aristokratie, seine Umgangsformen sind blasierte Reste von Stil und nichts als behauptete Überlegenheit. Mademoiselle Blanche (Julia Schmidt) spielt die mondäne Dame und entlarvt sich als vulgär und geldgierig. Überdeutlich markiert ihr rotes Kleid Luxus und Ausschweifung. Das Spiel geht zwischen angedeuteter Langeweile temporeich über die Bühne; mit akrobatischen Einlagen setzen die Spieler auf Rouge und auf Zero, kühl dirigieren die Croupiers die Einsätze, die Zuschauer drängeln sich um den Tisch. Dann flacht das Spiel wieder ab in die Ödnis und Leere des Verlierens, Alexej und Paulina spielen ihr Roulette von Verlockung und Abweisung, das keinen Gewinn kennt, nur Verlust. Unvermittelt ist das Spiel zu Ende, noch einmal ist Matthias Buss aus der Rolle des Alexej in jene des Erzählers geschlüpft, der bei Dostojewski Bericht gibt über die ihm widerfahrenen Geschicke. Ein farbenreicher Abend, der doch nicht mehr als Skizze bleiben kann. Im leidenschaftlichen Spiel macht er die Spielleidenschaft sichtbar und entwirft anhand der Figuren dieses Spiels ein zwar unscharf konturiertes, aber mehrdimensionales Phantombild des Spielers und seiner Sucht.

VON URS BUGMANN


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