Nach 128 Jahren eröffnet das erste Kasino in Luzern
Den Anfang macht Luzern, eine der schönsten Städte der Schweiz. 33Millionen Franken hat man in den vermufften Kursaal gesteckt, einen neobarocken Palast am Ufer des Vierwaldstätter Sees: Der ursprüngliche Marmorboden wurde freigelegt, die Räume neu gestaltet und die Fassade mit frischem Gelb versehen. Wenn dort am heutigen Donnerstagabend zum ersten Mal die Roulette-Kugel rollt, ist das auch eine Premiere für das ganze Land. Das Casino Luzern, mit seinen Tischspielen und Slot-Machines mit beliebig hohem Einsatz, ist die erste echte Spielbank der Schweiz. Endlich dürfen also auch die Eidgenossen ihr Geld nach Herzenslust verzocken.
Aus moralischen Gründen war ihnen das seit 1874 verboten gewesen. 1928 ließ man zwar eine Art Mini-Roulette mit zwei Franken Einsatz zu, der 1958 auf fünf Franken erhöht wurde, doch für richtige Spieler ist das natürlich nichts. Die mussten sich im Ausland vergnügen. Ein Umstand, der grenznahen Spielstätten in Konstanz, Bregenz, Evian oder in der italienischen Exklave Campione zu traumhaften Umsätzen verhalf. Eine Milliarde Franken im Jahr soll auf diese Weise in die Nachbarstaaten geflossen sein – ein dauerndes Ärgernis für die Schweizer Regierung, die aber erst 1993 ihre Bedenken überwand und vorschlug, das Spielbanken-Verbot aufzuheben. Drei Viertel der Bürger stimmten zu.
Schnell herrschte Goldgräberstimmung, bald jede größere Stadt bewarb sich, denn Kasinos gelten als sichere Investitionen. Nach einem langwierigen Streit über die Auflagen für die neuen Spielstätten und die Verteilung der Steuermillionen sind die Lizenzen nun verteilt worden. Neben Luzern stehen den Spielern demnächst sechs weitere so genannte A-Kasinos mit unbeschränktem Einsatz offen: in Baden bei Zürich, Lugano, St. Gallen, Bern, Basel und Montreux. Alle wurden mit gewaltigen Investitionen um- oder neu gebaut. Zum Vorbild haben sie eher Las Vegas als Baden-Baden. Luzern zum Beispiel setzt auf "total entertainment" und will mit Bar, Restaurant, Club, Lounge und Live- Musik auch Nichtspieler und Touristen anziehen. Der Krawattenzwang ist abgeschafft.
14 Kursäle erhalten zudem eine B-Lizenz, hier bleibt es bei der Fünf- Franken-Grenze. Insgesamt hat die Schweiz damit die größte Kasino-Dichte Europas: eine Spielhölle pro 323000 Einwohner. Nicht alle Häuser werden überleben. Von den Einnahmen – gerechnet wird mit 900 Millionen Franken im Jahr – kassiert der Staat je nach Umsatz 40 bis 80 Prozent; das meiste fließt in die Rentenkasse.
Auch an die möglichen Opfer des teuren Freizeitspaßes haben die Schweizer gedacht. Das Personal der Spielbanken ist verpflichtet, den Gästen auf die Finger zu schauen und sie zum "vernünftigen Spielen" zu animieren. Süchtige riskieren eine Sperre in der ganzen Schweiz.
Auffällig viele der neuen Kasinos liegen an den Grenzen, wohl um die verlorenen Franken wieder zurückzuholen. Auf die Spielstätten im nahen Ausland kommen denn auch harte Zeiten zu. "Wir stellen uns der Konkurrenz", sagt Volker Zeitvogel, Direktor des Konstanzer Kasinos. Er glaubt an einen Vorteil durch den harten Franken, aber ein paar Angestellte werde er wohl entlassen müssen. Bisher kamen 60 Prozent der Gäste seines Hauses aus der Schweiz.
Thomas Kirchner