Newsindex
Geldwäsche im Casino - "das wäre eine grosse Affäre"
Medium: Der Bund
Datum: 01. 04. 2000
SPIELBANKEN / Heute tritt das Spielbankengesetz in Kraft. Die Gefahr besteht, dass sich das organisierte Verbrechen in den Casinos einnistet. Das nun folgende rigorose Konzessionsprozedere soll dies verhindern. Wenn im Jahr 2002 die ersten Roulettekugeln rollen und dann trotzdem Geldwäscher am Werk sind, «wäre das eine grosse Affäre», sagt der Präsident der Spielbankenkommission.

• PATRICK FEUZ

Noch in den Achtzigerjahren waren Teile von Las Vegas fest in der Hand der Mafia. Auch in Spielcasinos von Atlantic City wurde eifrig Geld gewaschen. Aus Frankreich, Deutschland und Italien sind keine grösseren Fälle bekannt. Was aber nicht heisst, dass hier keine Kriminellen mitgemischt hätten. Denn strenge Sicherheitsvorschriften kennen diese Länder erst seit ein paar Jahren.

«Die entscheidende Phase»

In den Schweizer Spielbanken sollen es Geldwäscher von Anfang an schwer haben. Ab sofort nimmt die eidgenössische Spielbankenkommission Konzessionsgesuche entgegen. Wer eine Konzession will, «muss sich bis aufs Hemd ausziehen», sagt Benno Schneider, Präsident der Kommission. Diese muss laut Gesetz das Vorleben und Umfeld der Gesuchsteller und deren Financiers genau unter die Lupe nehmen sowie Einkommens- und Vermögensverhältnisse auf zehn Jahre zurück durchleuchten. Die rigorose Überprüfung werde abschreckend wirken, sagt Schneider: «Wer etwas zu verbergen hat, riskiert entlarvt zu werden.» Für den Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth ist das Konzessionsverfahren die «entscheidende Phase». Pieth, international anerkannter Experte für die Bekämpfung von Geldwäscherei und Korruption, ist Mitglied der Spielbankenkommission. Er hat am Spielbankengesetz und an der Geldwäscherei-Verordnung für die Casinos und Kursäle mitgearbeitet. Aber Pieth sagt, das Abwehrdispositiv auf dem Papier sei das eine: «Das andere ist die Frage, ob wir wirklich vertiefte Abklärungen durchführen können.» Die Zeit ist knapp: In 18 Monaten muss die Kommission dem Bundesrat Vorschläge unterbreiten; zu prüfen hat sie voraussichtlich gegen 60 Gesuche. Pieth fordert deshalb: «Wir brauchen genügend Manpower.» Für ihre Recherchen wird die Kommission laut Schneider zwischen 20 und 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benötigen. Ausserdem sollen externe Spezialisten beigezogen werden, auch solche aus dem Ausland. Schneider gibt sich zuversichtlich, dass der Bundesrat die nötige Vorfinanzierung leisten wird. Später sollen die Kosten auf die Konzessionäre abgewälzt werden.

Sonst ist die Konzession weg

Wenn im Jahr 2002 unter dem neuen Gesetz die ersten Roulettekugeln rollen, soll laut Spielbankengesetz die Selbstverantwortung der Branche spielen. Die bestehenden Kursäle sind dabei, nach Vorbild anderer Berufsgruppen eine Selbstregulierungsorganisation aufzubauen. Die Spielbankenkommission wird die Casinos und Kursäle stichprobenweise kontrollieren. Deckt sie Mängel auf, verlieren die Betreiber im schlimmsten Fall die Konzession. «Dadurch werden Investitionen zerstört, und eine Einnahmequelle versiegt», sagt Schneider: «Die Spielbanken werden sich deshalb alle Mühe geben, ihre Sicherheitskonzepte sorgfältig umzusetzen.»

«Betrug wird auffliegen»

Trotzdem: Niemand kann ganz ausschliessen, dass kriminelle Organisationen in den Casinos Fuss fassen werden. «Das wäre dann eine grosse Affäre», räumt Schneider angesichts der erwarteten Umsätze in dreistelliger Millionenhöhe ein. Für Strafrechtler Pieth wäre es der «GAU». Sind die Casinos einmal in Betrieb, werden die Geldflüsse von Bern aus online überwacht, um die Spielbankenabgabe zu erheben. Casinobetreiber könnten aber höhere Bruttospielerträge eingeben als effektiv erzielt. «Der Betrug würde nach menschlichem Ermessen früher oder später auffliegen», sagt Schneider, denn eine Waschaktion im grossen Stil sei nur mit relativ vielen Mitwissern möglich. Zudem lohne sich ein solcher Trick nur begrenzt: Das gewaschene Geld müsste versteuert werden; der Bundesrat hat eine Abgabe von 50 Prozent festgelegt.

Ab 15 000 Fr. Ausweis zeigen

Weniger bedrohlich als Kriminelle in der Chefetage des Casinos sind Geldwäscher, die ihr Glück direkt am Spieltisch suchen. Wer an der Kasse Jetons im Wert von über 15 000 Franken holt, muss sich ausweisen und wird registriert. Die Casinos müssen dafür sorgen, dass diese Limite nicht umgangen wird, indem zum Beispiel ein Besucher pro Abend mehrmals kleinere Beträge einwechselt.

Videokameras spielen mit

Um nicht als saubere Quelle schmutziger Gelder angegeben zu werden, dürfen die Casinos und Kursäle Spielgewinne nicht bestätigen, es sei denn, eine Steuerbehörde erkundigt sich danach. So soll auch dem Handel mit «Sauberes Geld»-Zertifikaten vorgebeugt werden. Damit niemand Spielgewinne vorgaukeln kann, wird das Geschehen am Spieltisch von Videokameras überwacht und das Filmmaterial archiviert. Anders als im Ausland ist es in der Schweiz ausserdem untersagt, Spielguthaben stehen zu lassen und von einem Casino ins andere zu transferieren. Noch unattraktiver als der Roulette- oder Pokertisch sind für Geldwäscher die Spielautomaten. Gauner müssten mit dem Koffer voller Münz anreisen, und zwar ohne Aussicht auf effizienten Waschgang: Die Rückzahlquote liegt hier im Schnitt bei 80 Prozent. Angesichts des ausgeklügelten Konzessions- und Kontrollsystem glaubt Benno Schneider sagen zu können: «Ich rate den Geldwäschern, zuhause zu bleiben.»

Mulmiges Gefühl trotz flott sprudelnder Geldquelle

paf. Zu den Schattenseiten des absehbaren Spielbooms äussert sich Justizministerin Ruth Metzler diplomatisch. «Das Spielbankengesetz enthält Zielsetzungen, die teilweise miteinander in Konflikt stehen», sagte sie kürzlich.

Mehr Spielsüchtige

Bund und Kantone wollen am Spieltisch abräumen: Die vier bis acht Casinos und 15 bis 20 Kursäle, die eine Konzession erhalten sollen, werden nach Schätzungen des Bundesrats 600 bis 800 Millionen pro Jahr abtischen. Davon will der Fiskus 300 bis 400 Millionen einkassieren. 150 bis 200 Millionen werden in die AHV fliessen. Ausserdem soll das 1993 vom Stimmvolk aufgehobene Glücksspielverbot den Tourismus fördern: Bewilligungen für Kursäle will der Bundesrat vor allem klassischen Tourismusregionen erteilen. Die Casinos dagegen sieht er grenznah auf Nordostschweiz, Westschweiz und Tessin verteilt, je nach Marktpotenzial kommen auch der Raum Bern, die Zentral- und Ostschweiz zum Zug. Gleichzeitig steht schon heute fest: Sobald im Jahr 2002 unter dem neuen Gesetz die ersten Roulettekugeln rollen, wird die Zahl der Spielsüchtigen steigen. Schätzungen gibt es keine, aber die Fürsorgefälle werden zunehmen. Benno Schneider, Präsident der Spielbankenkommission, macht sich keine Illusionen: «Wir erwarten grössere soziale Probleme.» Schon heute gibt es laut einer Westschweizer Studie 120 000 bis 230 000 Spielsüchtige in der Schweiz. Um eine Konzession zu erhalten, müssen die Spielbanken ein «Sozialkonzept» vorlegen und darin zum Beispiel aufzeigen, wie sie Spielsüchtige betreuen und Spielsperren durchsetzen wollen. Laut Schneider sollen Spielbankenbetreiber zudem einen Fonds für verarmte Spieler speisen. Potenziell sind die Casinos auch gigantische Geldwaschanlagen.


Newsindex