Zweieinhalb Jahre Haft für Ulmer Kriminalbeamten
165 000 Mark veruntreut - Richter: Ein schwerer Vertrauensverlust für
die Polizei
Zweieinhalb Jahre Haft hat das Ulmer Landgericht gestern gegen
einen Beamten der Kriminalpolizei verhängt. Der ehemalige Leiter
der Abteilung zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität hat
165 000 Mark Dienstgelder veruntreut und teilweise in Casinos
verzockt.
HANS-ULI MAYER
Alles war perfekt gewesen. Abitur, die Jugendfreundin geheiratet
und drei Kinder bekommen, beruflich erfolgreich, allseits beliebt:
Traumfrau, Traumberuf, Traumkarriere. So steil es für den heute
41-jährigen Kriminalbeamten nach oben gegangen war, so tief ist
der Mann gefallen, dem seine Vorgesetzten so viel zugetraut haben
und dem bereits mit 32 Jahren die Leitung des Dezernats zur
Bekämpfung von Banden- und organisierter Kriminalität
überantwortet wurde.
Am 20. Oktober vor zwei Jahren war alles vorbei. Da provozierte
der Beamte nach einer längeren Leidensgeschichte auf der
Ludwig-Erhardt-Brücke einen Verkehrsunfall. In
Selbstmordabsicht, wie er gestern vor Gericht sagte - um eine
falsche Fährte zu legen, wie der Staatsanwalt behauptete.
Der Unfall selbst ist nur der Endpunkt einer langen Geschichte und
Auslöser von Ermittlungen, die den schmalen Grad zwischen Erfolg
und Niedergang aufzeigten, auf dem der Kripo-Mann wandelte.
Schnell nach oben gekommen, war es ihm auch schnell wieder
langweilig geworden. Das Tempo auf der Karriereleiter wurde
langsamer, immer lauter seine Klagen über die quälende Routine
("Nichts ist langweiliger als der Alltag''). Als sich die Ehefrau
selbstständig macht, fühlt er sich zurückgesetzt - eine völlig neue
Erfahrung in seinem Leben.
Abenteuer Spielcasino
"In dieser Zeit war ich zum ersten Mal im Spielcasino'', sagte der
41-Jährige gestern vor dem Landgericht, "die Atmosphäre hat mir
gefallen, es war wie ein Abenteuer''. Aus heutiger Sicht war es
Pech, dass er auch noch gewonnen hatte. Einige tausend Mark
nahm er mehr mit, als er gebracht hatte und kam fortan immer
wieder und in immer kürzeren Abständen - meistens ohne Wissen
seiner Ehefrau.
Hoffnung auf Glückssträhne
Doch aus den Gewinnen wurden alsbald Verluste. Schließlich
verspielte er das Geld des gemeinsamen Kontos und musste seine
Eltern anpumpen. Immer tiefer wurde er von seiner
Spielleidenschaft nach unten gezogen, geplagt und getrieben von
der Hoffnung auf den einen großen Gewinn. Mit einem Mal alles
ausgleichen können. Doch wie meist in solchen Fällen, ging die
Reise immer weiter bergab.
1998 betrugen seine Schulden erneut 50 000 Mark. Die Ehe stand
auf der Kippe, seine Frau drängte ihn zu einer Therapie und drohte,
seinen Dienstherrn zu informieren, sollte er auch nur noch einmal
einen Fuß in ein Spielcasino setzen.
Er tat es dennoch und verspielte an zwei Abenden 80 000 Mark.
Geld, das nicht ihm gehörte und mit dem er in der Drogenszene
einen Deal anbahnen sollte, um die Hintermänner des
Drogenhandels zu überführen. Anstatt Kriminelle zu fangen, wurde
er selber kriminell. Er fingierte den Unfall auf der
Ludwig-Erhardt-Brücke und brachte einen Unfallhelfer in Verdacht,
das gesamte "Drogengeld'' in Höhe von 165 000 Mark gestohlen
zu haben.
Es dauerte vier Monate, bis der unbeteiligte Kraftfahrer rehabilitiert
und der Kriminalbeamte von seinen Kollegen der Tübinger
Landespolizeidirektion überführt worden war. Erst dann legte er ein
Geständnis ab, gab seine Spielsucht zu und wurde sofort bei
reduzierten Bezügen beurlaubt. Heute ist er geschieden und hat für
die Zeit nach der Haftentlassung eine Stelle als Möbelverkäufer in
Aussicht.
Widerspruch von Gericht
Die Selbstmord-Theorie glaubte das Gericht dem Angeklagten
indes nicht. Vielmehr habe der Unfall dazu gedient, die Spielsucht
zu verschleiern und eine Erklärung für die fehlenden 165 000 Mark
an Dienstgeldern zu haben. "Ein ungeheuerlicher Vorgang'', sagte
Richter Franz Frick. "Wenn die Polizei nicht sauber ist, dann
besteht für das Staatswesen allerhöchste Gefahr'', sagte er in seiner
Urteilsbegründung.