Frankfurt/Main (AP) Es ist ein scheinbar simples Spiel: Drei kleine
Schachteln werden auf dem Gehweg hin- und hergeschoben, unter einer ist
ein Kügelchen versteckt. Glaubt ein Passant zu wissen, wo die Kugel ist,
wettet er. Ruckzuck wechseln bei dieser Zockerei die Hundertmarkscheine
den Besitzer - mal in die eine, mal in die andere Richtung. "Doppelt oder
nichts" heißt die Grundregel beim Hütchenspiel. "Auf unserer Wache kamen
Leute, die haben so innerhalb einer halben Stunde 8.000 Mark verloren",
berichtet der Frankfurter Polizeisprecher Peter Borchert. Was die
Geprellten meist zu spät begreifen: Das harmlos erscheinende Spielchen ist
in Wirklichkeit handfester Betrug, betrieben von Kriminellen.
"Wer da mitspielt, hat schon verloren", sagt Borchert. "Aber die Dummen
sterben offenbar nicht aus." Allein im Bahnhofsviertel der Mainmetropole
tummeln sich nach Polizeischätzungen jeden Sommer bis zu 20
Hütchenspieler, die meisten von ihnen Kosovo-Albaner. Wenn das
Geschäft läuft, verdienen sie nach Erfahrungen der Polizei pro Tag bis zu
15.000 Mark, wovon oft ein Großteil weiter an Hintermänner fließt. "Viele
Hütchenspieler sind quasi untere Vasallen des organisierten Verbrechens",
erläutert Borchert. "Diese Intensivtäter fallen auch mit Delikten wie
Körperverletzung und Autodiebstahl auf."
Auch in anderen deutschen Städten ziehen die Banden ahnungslosen
Passanten oder unbedachten Glücksrittern reihenweise das Geld aus der
Tasche - allerdings nicht mehr im selben Ausmaß wie früher. Eine Umfrage
der Nachrichtenagentur AP zeigt, dass die Hütchenspieler seltener als noch
Anfang der 90er Jahre auffallen. Dies berichteten auf Anfrage unter
anderem Polizeisprecher in Berlin, Hamburg, Dresden, Rostock, Schwerin,
Bremen, Lübeck, Kiel, Neumünster und Stuttgart.
Damals stieß man in der West-Berliner City um den Kurfürstendamm und
auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz auf ganze Scharen der Spieler. "Aus
dem Berliner und Brandenburger Raum scheinen sie verdrängt zu sein",
sagte ein Polizeisprecher. Damals habe man Zivilbeamte eingesetzt, deren
Aufgabe es war, den Spielern Betrug nachzuweisen. Zudem machten auch
Berliner Geschäftsleute mobil: In den Schaufenstern wurden Aufkleber mit
Warnungen angebracht. Unterstützt wurde dies von
Lautsprecherdurchsagen.
Seit Jahren gehen die Trickbetrüger nach demselben Konzept vor: Der
"Spielleiter" wird stets von mehreren Komplizen unterstützt: Einige stehen
Schmiere, andere sprechen Passanten an, wieder andere spielen zum
Schein mit, um Glücksritter mit der Aussicht auf vermeintlich leichte
Gewinne zu locken. Darauf fallen oft ahnungslose Besucher von außerhalb
herein. In Frankfurt kann man inzwischen aber auch japanische Touristen
beobachten, die sich mit Hütchenspielern fotografieren lassen, die sie
offenbar als besondere Attraktion betrachten.
Die Mogeleien sind nur schwer zu beweisen
Mit Recht und Gesetz ist Hütchenspielern nur schwer beizukommen, wie
der Frankfurter Oberstaatsanwalt Job Tilmann erläutert. "Meist erfüllen sie
zwar den Betrugstatbestand, weil sie nicht fair spielen, sondern mogeln.
Aber das ist in der Praxis nur sehr schwer zu beweisen." Davon kann auch
Polizeisprecher Borchert berichten: In Frankfurt gebe es zwar speziell
geschulte Beamte, die die Betrüger heimlich beobachten und darüber später
vor Gericht als Zeugen aussagen. "Doch deren Gesichter merken sich die
Spieler ganz schnell. Wenn die ein zweites Mal auftauchen, wird das Spiel
ganz schnell abgebrochen." Bei ausländischen Wiederholungstätern versucht
die Polizei daher auch, sie über den Umweg des Ausländerrechts unter
Druck zu setzen.
Wie gefährlich das Hütchenspiel sein kann, zeigen mehrere Fälle aus
Stuttgart, wo es beim Hütchenspiel auch zu regelrechtem Straßenraub kam:
Als die Opfer ihr Portemonnaie zogen, wurde ihnen das Geld aus der
Geldbörse geklaut. Nach Polizeiangaben wurde ein Mann dabei um 12.000
Mark erleichtert. Mit dem Geld habe er eigentlich seinem Sohn beim
Hausbau im ehemaligen Jugoslawien helfen wollen.
Von AP-Korrespondent Torsten Holtz