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"Wer da mitspielt, hat schon verloren" Hütchenspieler ergaunern sich bis zu 15.000 Mark am Tag
Medium: Kieler Nachrichten
Datum: 28. 04. 2000
Frankfurt/Main (AP) Es ist ein scheinbar simples Spiel: Drei kleine Schachteln werden auf dem Gehweg hin- und hergeschoben, unter einer ist ein Kügelchen versteckt. Glaubt ein Passant zu wissen, wo die Kugel ist, wettet er. Ruckzuck wechseln bei dieser Zockerei die Hundertmarkscheine den Besitzer - mal in die eine, mal in die andere Richtung. "Doppelt oder nichts" heißt die Grundregel beim Hütchenspiel. "Auf unserer Wache kamen Leute, die haben so innerhalb einer halben Stunde 8.000 Mark verloren", berichtet der Frankfurter Polizeisprecher Peter Borchert. Was die Geprellten meist zu spät begreifen: Das harmlos erscheinende Spielchen ist in Wirklichkeit handfester Betrug, betrieben von Kriminellen.

"Wer da mitspielt, hat schon verloren", sagt Borchert. "Aber die Dummen sterben offenbar nicht aus." Allein im Bahnhofsviertel der Mainmetropole tummeln sich nach Polizeischätzungen jeden Sommer bis zu 20 Hütchenspieler, die meisten von ihnen Kosovo-Albaner. Wenn das Geschäft läuft, verdienen sie nach Erfahrungen der Polizei pro Tag bis zu 15.000 Mark, wovon oft ein Großteil weiter an Hintermänner fließt. "Viele Hütchenspieler sind quasi untere Vasallen des organisierten Verbrechens", erläutert Borchert. "Diese Intensivtäter fallen auch mit Delikten wie Körperverletzung und Autodiebstahl auf."

Auch in anderen deutschen Städten ziehen die Banden ahnungslosen Passanten oder unbedachten Glücksrittern reihenweise das Geld aus der Tasche - allerdings nicht mehr im selben Ausmaß wie früher. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur AP zeigt, dass die Hütchenspieler seltener als noch Anfang der 90er Jahre auffallen. Dies berichteten auf Anfrage unter anderem Polizeisprecher in Berlin, Hamburg, Dresden, Rostock, Schwerin, Bremen, Lübeck, Kiel, Neumünster und Stuttgart.

Damals stieß man in der West-Berliner City um den Kurfürstendamm und auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz auf ganze Scharen der Spieler. "Aus dem Berliner und Brandenburger Raum scheinen sie verdrängt zu sein", sagte ein Polizeisprecher. Damals habe man Zivilbeamte eingesetzt, deren Aufgabe es war, den Spielern Betrug nachzuweisen. Zudem machten auch Berliner Geschäftsleute mobil: In den Schaufenstern wurden Aufkleber mit Warnungen angebracht. Unterstützt wurde dies von Lautsprecherdurchsagen.

Seit Jahren gehen die Trickbetrüger nach demselben Konzept vor: Der "Spielleiter" wird stets von mehreren Komplizen unterstützt: Einige stehen Schmiere, andere sprechen Passanten an, wieder andere spielen zum Schein mit, um Glücksritter mit der Aussicht auf vermeintlich leichte Gewinne zu locken. Darauf fallen oft ahnungslose Besucher von außerhalb herein. In Frankfurt kann man inzwischen aber auch japanische Touristen beobachten, die sich mit Hütchenspielern fotografieren lassen, die sie offenbar als besondere Attraktion betrachten.

Die Mogeleien sind nur schwer zu beweisen

Mit Recht und Gesetz ist Hütchenspielern nur schwer beizukommen, wie der Frankfurter Oberstaatsanwalt Job Tilmann erläutert. "Meist erfüllen sie zwar den Betrugstatbestand, weil sie nicht fair spielen, sondern mogeln. Aber das ist in der Praxis nur sehr schwer zu beweisen." Davon kann auch Polizeisprecher Borchert berichten: In Frankfurt gebe es zwar speziell geschulte Beamte, die die Betrüger heimlich beobachten und darüber später vor Gericht als Zeugen aussagen. "Doch deren Gesichter merken sich die Spieler ganz schnell. Wenn die ein zweites Mal auftauchen, wird das Spiel ganz schnell abgebrochen." Bei ausländischen Wiederholungstätern versucht die Polizei daher auch, sie über den Umweg des Ausländerrechts unter Druck zu setzen.

Wie gefährlich das Hütchenspiel sein kann, zeigen mehrere Fälle aus Stuttgart, wo es beim Hütchenspiel auch zu regelrechtem Straßenraub kam: Als die Opfer ihr Portemonnaie zogen, wurde ihnen das Geld aus der Geldbörse geklaut. Nach Polizeiangaben wurde ein Mann dabei um 12.000 Mark erleichtert. Mit dem Geld habe er eigentlich seinem Sohn beim Hausbau im ehemaligen Jugoslawien helfen wollen. Von AP-Korrespondent Torsten Holtz


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