Ein Berliner Professor
forscht über Menschen,
die ohne Netz nicht
mehr leben können
Amelie von Heydebreck
Die Schlagzeile war gewohnt
prägnant: "Internet-Sucht: Der
erste Tote" so titelte unlängst
die "Bild"-Zeitung. Darauf
folgte die knappe Meldung: "In
Südkorea starb ein Mann, weil
er nur noch vorm Computer
saß! Die Polizei hatte den
37-Jährigen tot vor dem
Rechner gefunden."
Über solche Geschichten kann
Matthias Jerusalem nur den
Kopf schütteln. "Mir würden
spontan eine ganze Reihe von
Gründen einfallen, warum der
Mann gestorben ist, die nichts
mit der Internetsucht zu tun
haben." Matthias Jerusalem
muss es wissen: Er ist
Professor am Institut für
Pädagogische Psychologie und
Gesundheitspsychologie der
Humboldt-Universität. Und er
beschäftigt sich mit dem
Thema "Internetsucht" -
allerdings seriös,nüchtern und
sachlich, als Wissenschaftler
eben.
Überzogene Horror-Szenarien
Im Juli vergangenen Jahres
haben Jerusalem, ein paar
Internet-versierte
Diplomanden und ein
wissenschaftlicher Mitarbeiter
ihre Studienreihe zu "Stress
und Sucht im Netz" begonnen.
Schon damals, sagt er,
"geisterten Schätzungen durch
die Wissenschaftswelt", in
denen bis zu zwanzig Prozent
der Internetnutzer als süchtig
bezeichnet wurden. Jerusalem
wollte das nicht glauben.
Mit seinem Projektteam ging
er der Sache deshalb auf den
Grund. Die Wissenschaftler
entwarfen einen komplexen
Fragebogen, stellten ihn ins
Netz und warteten ab. In nur
drei Monaten hatten sich rund
14 000 Personen beteiligt.
Früher als geplant konnten die
Psychologen deshalb mit der
Auswertung beginnen.
Vorläufiges Ergebnis: Die
ersten Horror-Szenarien
waren offenbar überzogen.
Nach den Befunden der
Berliner Wissenschaftler sind
lediglich 2,5 bis drei Prozent
der deutschen Netzsurfer
süchtig nach permanenten
Online-Erlebnissen.
Andererseits: "Geht man von
zehn Millionen Internetnutzern
aus, heißt das, dass 250 000
Menschen möglicherweise
betroffen sind", erklärt
Jerusalem. Soeben ist deshalb
der zweite Teil der Erhebung
angelaufen, von der sich der
Professor erste Hinweise auf
die Hintergründe der
Krankheit verspricht - denn
darüber, sagt Jerusalem, sei
bisher noch gar nichts bekannt.
Über seine Vermutungen will
Jerusalem, ganz
Wissenschaftler, nicht
sprechen - obwohl er, wie er
sagt, im Zuge der Studie
"schon etliche Tausend
E-Mails mit Berichten über
persönliche Betroffenheit
bekommen habe". Wer
insistiert, erfährt immerhin:
Unter den Süchtigen seien
"mehr Heranwachsende",
darunter mehr Jungen als
Mädchen. Personen mit
geringem Sozialstatus, etwa
ohne Schulabschluss, seien
"deutlich gefährdeter" als
andere, genauso wie
Arbeitslose und
Teilzeitbeschäftigte. Außerdem
verfielen der Sucht "mehr
Menschen, die allein und
isoliert leben". Im
Durchschnitt, so Jerusalem,
seien die Surfabhängigen in
ihrer Freizeit rund 35 Stunden
online. Fesseln würden sie vor
allem Chats und andere
Kommunikationssysteme, aber
auch Spiele und Musik.
Besonders die interaktiven
Möglichkeiten des Mediums
seien verführerisch.
Jerusalem beklagt, dass das,
was andere bisher zum Thema
veröffentlicht hätten, "aus
wissenschaftlicher Sicht nicht
so überzeugend war, wie man
sich das wünschen würde".
Seiner Kollegin Kimberly S.
Young,
Psychologie-Professorin an
der University of Pittsburgh
und Autorin des Buches
"Caught in the Net -
Suchtgefahr im Internet"
bescheinigt er vor allem eins:
Geschäftstüchtigkeit. Young
war zu dem Ergebnis
gekommen, dass der Anteil
der Online-Süchtigen etwa so
hoch liege wie bei
Alkoholikern, nämlich
zwischen 5 und 10 Prozent.
Das Manko solcher
Erhebungen besteht aus Sicht
des Berliner Wissenschaftlers
darin, dass jene Forscher
"keine repräsentativen
Stichproben, sondern
selektierte Stichproben von
überwiegend betroffenen
Menschen" berücksichtigt
hätten. Bewusst werben die
Wissenschaftler der
Humboldt-Universität deshalb
Teilnehmer für ihre Studien
nicht nur übers Netz.
Hier forscht kein
Kulturpessimist
Andererseits muss der
Professor einräumen, dass
seine Ergebnisse auch deshalb
vergleichsweise niedrig sind,
weil er besonders strenge
Maßstäbe anlegt. Mehrere
Kriterien müssten erfüllt sein,
damit man überhaupt von
einem Süchtigen sprechen
könne, so Jerusalem. "Das
sind Kriterien, die für so
genannte stoffungebundene
Süchte wie Spielsucht oder
Kaufrausch aufgestellt
wurden." Da sei zum Beispiel
der Kontrollverlust: "Der
Surfer sagt sich um acht, dass
er jetzt aufhören will, und dann
hängt er um eins immer noch
vor dem PC." Weitere Indizien
sind eine ständig zunehmende
Surf-Dauer sowie negative
soziale Konsequenzen - wenn
etwa die Arbeit oder private
Beziehungen vernachlässigt
werden. Auch wenn
Betroffene vor lauter Internet
nicht mehr zum Einkaufen,
Putzen oder Lesen kommen,
kann das auf eine Sucht
hinweisen. Und wer in
Abwesenheit eines
Internet-Zugangs nervös und
unzufrieden wird, leidet
womöglich bereits unter
suchttypischen
Entzugserscheinungen.
Wie immer das Ergebnis der
Studien-Reihe ausfällt -
Jerusalem will seine
Forschungsergebnisse "positiv
nutzen". Es gehe darum, den
Menschen zu vermitteln, wie
man das neue Medium richtig
und "psychosozial verträglich"
gebraucht. Dabei will
Jerusalem keinesfalls als
Kulturpessimist gelten: "Mir ist
wichtig, dass wir nicht
hingehen und sagen: Das
Internet ist schlecht. Ich bin
keinesfalls dafür,
Internetzugänge zu
beschränken."