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Casino ohne Krawattenzwang
Medium: Neue Ruhr Zeitung
Datum: 14. 02. 2003
Von der katholischen Theologie zu Spielautomaten: Claudia Bieling, die Leiterin des Duisburger Spielcasinos, hat eine außergewöhnliche Karriere gemacht.(Foto: Foltin) GLÜCKSSPIEL I / In Duisburgs Amüsier-Tempel setzt man zwar auf Stil. Eine strenge Kleiderordnung gibt´s jedoch nicht.

DUISBURG. Irgendwie ist es wie früher, in den Tagen vor Weihnachten. Vor der Türe stehen Menschen morgens um 11 Uhr Schlange. Warten darauf, eingelassen zu werden. Doch innen, im ehemaligen Duisburger Postgebäude, werden keine Briefe, Päckchen und Pakete mehr in alle Welt verschickt. Heute blitzt und blinkt es innen blau wie in der Hölle. Genauer gesagt: in der Spielhölle. Die 500 Quadratmeter große frühere Schalterhalle hat sich in ein schniekes Casino verwandelt.

Kein Black Jack, kein Baccara

Dort hat vor rund einem halben Jahr das vierte in Nordrhein-Westfalen eröffnet. Allerdings ohne Roulette-Tisch, ohne Black Jack oder Baccara. Bis in zwei Jahren der "Casino-Liner" an der Stelle der Mercator-Halle anlegt, müssen sich die Zocker mit einem Schnupperangebot auf Automatenbasis begnügen.

Hinter der schicken Fassade erwartet die Spieler zunächst ein Drehkreuz, das erst mit einer Tageskarte (1 Euro) gefüttert werden muss. Dahinter ein höflicher, junger Mann der Marke Schrankwand. Zur Sicherheit. Damit nur gern gesehene Kundschaft den Weg in das vollelektronische Vegas suchen. "Wir haben keine Kunden, wir haben Gäste", korrigiert Claudia Bieling sofort.

Die 42-Jährige ist die Chefin von mehr als 20 Angestellten und Frau über 139 Spielautomaten. Große, bunt-leuchtende Kästen, pro Stück zwischen 8000 und 24 000 Euro teuer. Vom einarmigen Banditen über den "Mystery Jackpot" und Moorhuhn-Automaten bis zum elektronischen Roulette ist in den abgedunkelten, aber nicht schummrigen Nischen alles zu finden, was die Geräte-Hersteller zu bieten haben.

Zwischen 300 und 400 Gäste kommen pro Tag, erspielten im ersten halben Jahr einen Gewinn von rund 10 Millionen Euro. "Wir sind mit dem Start sehr zufrieden", sagt Bieling.

Im Casino Duisburg geht´s nicht so elegant zu wie in Hohensyburg oder Bad Oeynhausen. Schlips, Kragen oder Abendkleid dürfen im Schrank bleiben, der ballonseidene Freizeitanzug ist aber auch nicht angesagt. Westspiel legt Wert auf etwas Stil. Das sieht man: Dicke, blaue Teppiche auf dem Boden, edle Hölzer und Säulen an den Wänden. Ebenso wichtig: "Die Mischung der Gäste", sagt die Chefin. Sie ist stolz darauf, dass vom Angestellten über die Hausfrau bis zum Rentner-Ehepaar alle sozialen Schichten bei ihr verkehren. "Einige Gäste spielen gar nicht oder nur wenig, Sie wollen einfach nur an der Bar in außergewöhnlicher Atmosphäre was trinken."

Die Duisburgerin hätte sich nie träumen lassen, ein Casino zu leiten. Diese Karriere konnte nur die Lehrerschwemme schreiben. Anfang der achtziger Jahre studierte Claudia Bieling Englisch, Sport und katholische Theologie für die Sekundarstufe II. Ohne Aussicht, später einen Job als Lehrerin zu bekommen.

Also sattelte sie nach dem Studium um und heuerte bei einem Spielautomaten-Aufsteller an. Später arbeitete sie sich bei "Westspiel" bis zur Casino-Leiterin hoch. Ihr Herz, gesteht sie, hängt am Automaten. "Die Umsätze in dieser Sparte haben längst die Erträge aus dem klassischen Spiel überflügelt." Kein Wunder, die Spieler können mit geringem Einsatz einsteigen.

Diskretion im Hinterzimmer

Dass die vorgeschriebenen 92 Prozent tatsächlich ausgeschüttet werden, darüber wacht Klaus-Dieter Kellmann und 14 weitere Beamte des Finanzamts Duisburg-Süd, das innerhalb des Casinos ein Büro betreibt. Wer den Mann vom Finanzamt zu sehen bekommt, hat Glück gehabt: Kellmann zahlt - auf Wunsch im diskreten Hinterzimmer - alle Gewinne über 200 Euro aus. Das gilt auch für den Automaten-Jackpot von mehr als 76 000 Euro, der kürzlich in Duisburg geknackt wurde. Ausgerechnet von einem Ratinger Arzt. "Der Esel kackt auch immer auf den größten Haufen", motzt eine Spielerin am Gerät in der Nähe, während sie den Automaten mit der nächsten Münze füttert. Neues Spiel, neues Glück. (NRZ)

MARKUS PETERS


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