Newsindex
"Fluch des Gewinners" trifft auch Wirschaftsprofis
Medium: Wiesbadener Kurier
Datum: 11. 05. 2000
Laborversuche zeigen: Bei Auktionen kommt es oft zu unprofitablen Angeboten / „Zuschlag erhalten, Verlust gebucht“ von Karl Schlieker

WIESBADEN Ruhig und gelassen sitzt der grauhaarige 69jährige in der Wiesbadener Spielbank am Rand des Roulettetisches. Fast unbemerkt setzt er alle Chips auf die „16“. „Nichts geht mehr“, lautet die Ansage des Croupiers. Die Kugel rollt und die „16“ gewinnt. Zufall? Immerhin hat der emeritierte Bonner Wirtschaftsprofessor Reinhard Selten für seine spieltheoretischen Überlegungen 1994 den Nobelpreis erhalten und mit dem kühnen Einsatz seine Konkurrenten am Tisch ausgestochen. Also gibt es vielleicht doch ein System? „Nein, nein“, wehrt Selten ab. Beim Roulette gebe es keine feste Zahlenfolge. Sie sei ebenso wenig vorhersehbar wie die Welt der Wirtschaft.

„Es gibt in der Ökonomie bestimmte Verhaltensmuster, aber letztlich wird bei Experimenten die Theorie regelmäßig widerlegt“, betont Selten. Mit der Spieltheorie hatte er Erkenntnisse über menschliches Verhalten bei Spielen wie Poker und Schach auf die Marktwirtschaft übertragen. In Bonn gründete der promovierte Mathematiker dafür ein Labor für experimentelle Wirtschaftsforschung. Versuchspersonen müssen sich dort in typischen Wirtschafts-Situationen bewähren.

Dem „Fluch des Gewinners“ entkommen auch Finanzmarktprofis nicht, lautet das Ergebnis des jüngsten Labor-Versuchs, dessen Gewinner in der Wiesbadener Spielbank von Selten und Spielbank-Direktor Klaus Gülker geehrt wurden. „Wer bei Auktionen den Zuschlag bekommt, hat oft zuviel geboten und bezahlt“, fasst Versuchsorganisatorin Dr. Elisabeth Hehn anschließend zusammen. In den Laborversuchen habe regelmäßig derjenige Bieter die fiktiven Wertpapiere ersteigert, der den Wert des Objekts am meisten überschätzt hatte. Deshalb lautete auch bei den beteiligten Bank- und Versicherungsmanagern der „Fluch des Gewinners“: Zuschlag erhalten, Verlust gebucht.

In diesen Fällen war der Verlust allerdings ebenso fiktiv und ohne Wert wie die Chips, mit denen Selten am Wiesbadener Roulette-Tisch gewann. Denn auch hier handelte es sich lediglich um ein Probespiel ohne reellen Einsatz.


Newsindex