Laborversuche zeigen: Bei Auktionen kommt es oft zu unprofitablen Angeboten /
Zuschlag erhalten, Verlust gebucht
von Karl Schlieker
WIESBADEN Ruhig und gelassen sitzt der grauhaarige 69jährige in der
Wiesbadener Spielbank am Rand des Roulettetisches. Fast unbemerkt setzt er
alle Chips auf die 16. Nichts geht mehr, lautet die Ansage des Croupiers. Die
Kugel rollt und die 16 gewinnt. Zufall? Immerhin hat der emeritierte Bonner
Wirtschaftsprofessor Reinhard Selten für seine spieltheoretischen Überlegungen
1994 den Nobelpreis erhalten und mit dem kühnen Einsatz seine Konkurrenten
am Tisch ausgestochen. Also gibt es vielleicht doch ein System? Nein, nein,
wehrt Selten ab. Beim Roulette gebe es keine feste Zahlenfolge. Sie sei ebenso
wenig vorhersehbar wie die Welt der Wirtschaft.
Es gibt in der Ökonomie bestimmte Verhaltensmuster, aber letztlich wird bei
Experimenten die Theorie regelmäßig widerlegt, betont Selten. Mit der
Spieltheorie hatte er Erkenntnisse über menschliches Verhalten bei Spielen wie
Poker und Schach auf die Marktwirtschaft übertragen. In Bonn gründete der
promovierte Mathematiker dafür ein Labor für experimentelle
Wirtschaftsforschung. Versuchspersonen müssen sich dort in typischen
Wirtschafts-Situationen bewähren.
Dem Fluch des Gewinners entkommen auch Finanzmarktprofis nicht, lautet
das Ergebnis des jüngsten Labor-Versuchs, dessen Gewinner in der
Wiesbadener Spielbank von Selten und Spielbank-Direktor Klaus Gülker geehrt
wurden. Wer bei Auktionen den Zuschlag bekommt, hat oft zuviel geboten und
bezahlt, fasst Versuchsorganisatorin Dr. Elisabeth Hehn anschließend
zusammen. In den Laborversuchen habe regelmäßig derjenige Bieter die fiktiven
Wertpapiere ersteigert, der den Wert des Objekts am meisten überschätzt hatte.
Deshalb lautete auch bei den beteiligten Bank- und Versicherungsmanagern der
Fluch des Gewinners: Zuschlag erhalten, Verlust gebucht.
In diesen Fällen war der Verlust allerdings ebenso fiktiv und ohne Wert wie die
Chips, mit denen Selten am Wiesbadener Roulette-Tisch gewann. Denn auch
hier handelte es sich lediglich um ein Probespiel ohne reellen Einsatz.