Vielen gilt die Spielsucht als minder schwere Abhängigkeit - Ein Betroffener erzählt von seinem Weg in Schulden und Einsamkeit
Sascha Antic (Name geändert) hat immer auf den großen Gewinn gewartet wie so viele andere Spieler. Seine Sucht hat ihn ruiniert, ihm die Freunde geraubt und der Frau entfremdet. Nach einer Therapie versucht er, sein Leben zu ordnen.
Von Erik Raidt
Die Stunden, die Sascha Antic vor den Spielautomaten gestanden hat, kann er nach tausenden zählen. Dem Industriemechaniker verrann so viel Zeit vor den glucksenden und blinkenden Maschinen, dass diese in seinen Augen menschliche Züge annahmen. "Das war manchmal wie bei einer Liebesbeziehung", erzählt Antic und steckt sich hastig eine Zigarette an. Und wie bei jeder Beziehung gab es auch schlechte Momente. Dann fluchte der heute 44-Jährige, drohte der gleichgültigen Apparatur, "ich reiß dich von der Wand und schmeiß dich raus". Doch wieder und wieder fütterte er die Automaten in der Stuttgarter Spielbank mit Geld.
Wenn er in diesem aussichtslosen Spiel gegen die Technik gewann, spielte er so lange weiter, bis er die Spielbank frühmorgens doch mit leeren Taschen verließ. Als nach solchen Nächten der Morgen graute, wälzte sich Antic zwischen Vorwürfen und Selbstmordabsichten in seinem Bett hin und her. Doch wie jeder Süchtige besorgte er sich schnell wieder seinen Stoff, der es ihm ermöglichte, aus der Wirklichkeit zu fliehen. "Die Atmosphäre in den Spielbanken zieht mich magisch an", erzählt er und er redet von den feuchten Händen, mit denen er vor den Geräten stand und auf den Gewinn wartete. Der musste irgendwann kommen und dann, so seine Illusion, sollte sich sein Leben ändern, alles besser werden.
Als er zwölf Jahre alt war, nahm ihn sein Vater mit in die Kneipen, wo er mit seinen Freunden Karten spielte. Dann steckte er seinem Sohn fünf Mark zu, die warf der Junge in die Münzschlitze der "Daddelautomaten", die so auffordernd blinkten und tönten. Mit den Jahren entdeckte Sascha Antic seine Leidenschaft für Poker und Skat, aus ihm wurde ein echter Zocker, der sich nie darüber sorgte, dass er auf den falschen Weg geraten könnte - obwohl er sein Gehalt regelmäßig verspielte. Wenn er pokerte oder die erbarmungslose Mechanik der Automaten zu überlisten versuchte, war es auch ein Spiel auf der Klaviatur der Emotionen.
"Dann stieg mein Adrenalinspiegel, ich war von Glücksgefühlen berauscht und kurz darauf zu Tode betrübt." Je länger er spielte, desto mehr wandte er sich von den Zockerrunden ab und den Geräten zu. Er unterhielt sich mit den Automaten, steckte sich dabei eine Zigarette nach der anderen an. Oft kam er direkt nach seinem Schichtdienst, kam, wenn die Spielbank öffnete, und ging erst, wenn sie schloss. Er träumte den Traum aller Spieler, tüftelte Systeme aus, mit denen er gegen die Maschine gewinnen sollte. Zweimal knackte er den Jackpot der Automaten, gewann jeweils 20 000 Mark, nur um sie noch am selben oder am darauf folgenden Tag wieder zu verlieren.
Mitte der achtziger Jahre war Antic an einem schweren Verkehrsunfall beteiligt, seitdem fraß er die unbewältigten Schuldgefühle in sich hinein. Sein Leben lag unter einem fein gewobenen Grauschleier, nur wenn er spielte, konnte er sich entspannen. Draußen wurde ihm sein Alltag zu kompliziert, in der Spielbank gab es nur schwarz oder weiß: Die Mechanik des Automaten entschied alle zehn Sekunden über Sieg oder Niederlage, "sobald die Kiste lief, war ich hellwach". Dabei ruinierte er seine Gesundheit, trank zwischen den Zigaretten literweise Kaffee, "ich war körperlich ein Wrack". Auch die Finanzen entglitten seiner Kontrolle - Antic verkaufte drei Lebensversicherungen und einen Bausparvertrag, bei den Banken nahm er Kredite in Höhe von mehr als 50 000 Euro auf.
Als die Banken die Geduld verloren, nahm Sascha Antic einen hohen Geldbetrag von Verwandten - ohne zu fragen: "Ich hätte nie gedacht, dass ich zu so etwas in der Lage bin." Allein zwischen Januar und April des vergangenen Jahres verspielte der Industriemechaniker, der seit 15 Jahren im selben Betrieb arbeitet, 45 000 Euro. Wenn seine Frau Fragen stellte, log er das Blaue vom Himmel, nachts blieb ihm der Schlaf versagt, oft lag er schweißgebadet im Bett. Im ständigen Mühlrad von Arbeit und Spielsucht hatte er Freundschaften und Interessen verloren.
Sascha Antic zog die Notbremse, auch weil ihm seine Frau eine letzte Chance einräumte. Vorher hatte er nie die Kraft gefunden, anderen seine Sucht einzugestehen, "es war wahnsinnig schwer, sich selbst als Verlierer zu sehen". Er gab der Bank seine EC-Karte zurück, er ließ sich die Kontovollmacht entziehen und bei der Spielbank sperren: Es sollten keine Hintertürchen mehr offen stehen, die es ihm ermöglichten, wieder mit dem Spielen anzufangen. Der 44-Jährige ging einen harten Weg, war monatelang in einer Fachklinik für abhängige Männer.
Noch immer wird die Spielsucht milde bewertet; Glanz und Glamour, die zumindest den Spielbanken zugeschrieben werden, verdecken die dunklen Seiten der Abhängigkeit. Das Elend kommt weniger offensichtlich daher als bei Trinkern und Junkies. Sascha Antic flickt mühsam an seiner zerrissenen Biografie, die Schulden will er abbauen und Versäumtes nachholen. "Meine Frau und ich wollen es noch einmal miteinander versuchen", sagt er. Seine Gefühle sollen künftig Menschen, nicht Maschinen gehören. Doch auch wenn er heute an einer Kneipe vorbeigeht und der Automat gluckst, beschleicht ihn ein Gefühl, "als ob der auf mich wartet".