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Börsenspekulanten geraten leicht in Psycho-Falle
Medium: Die Welt
Datum: 29. 05. 2000
Risiko-Anleger sind extrem suchtgefährdet - Bremer Psychologe warnt vor illusionären Börsen-Strategien

Von Manfred Rolfsmeier

Hamburg - Börsenzockern droht auf der Jagd nach dem schnellen Geld eine verhängnisvolle Psychofalle. Die möglichen Folgen reichten von der krankhaften Spielsucht bis zum finanziellen Ruin, warnt der Psychologe Gerhard Meyer von der Universität Bremen. Gefährdet seien insbesondere Day-Trader und alle, die auf hochspekulative Termingeschäfte setzten, die eindeutigen Glücksspielcharakter hätten. "Psychotrope Wirkungen" nennt der renommierte Glücksspielexperte die psychologischen Mechanismen, vor denen weder Profizocker noch Feierabendbörsianer gefeit sind.

Diese psychotropen Wirkungen machen sich bei vielen Börsenzockern zunächst als Nervenkitzel und lustvoll-euphorische Gewinnerwartung bemerkbar. Viele schätzten, ähnlich wie Roulettespieler, den "prickelnden Reiz der Ungewissheit", unabhängig vom Ausgang der Spekulation, sagt Meyer. "Und ist ein Geschäft erfolgreich, stellen sich Wohlbefinden, Euphoriegefühle, Machtfantasien und die Hoffnung auf weitere Gewinne ein." Läuft der Markt jedoch gegen den Spekulanten, machen sich Angst und Verzweiflung breit, und es droht die Spielsucht. "Die enorme Belastung lässt sich nur durch neuerliche Abschlüsse ausblenden", sagt Meyer. "Es gilt das Motto: Irgendwann werden die Kurse schon wieder steigen." Dabei unterlägen die Spekulanten einem fatalen Irrtum. "Fast alle glauben, mit komplexen Strategien kurzfristige Marktentwicklungen vorhersagen zu können."

Nur selten werden die fatalen Folgen dieser Psychofalle so bekannt wie bei dem Börsenmakler Nick Leeson, der 1996 mit einem Spekulationsverlust von 1,4 Mrd. DM die britische Barings-Bank ruinierte. Weniger öffentlichkeitswirksam verlief jüngst ein Fall in Bremen, wo zwei Sparkassen-Angestellte 28 Mio. DM von einem Konto ihres Arbeitgebers verspielten. Und beim "Arbeitskreis gegen Spielsucht" in Unna meldete sich erst kürzlich ein 24-jähriger Immobilienkaufmann, der innerhalb eines Jahres 140 000 DM an der Börse verloren hatte.

Wie viele Börsianer sich unter den rund 150 000 Spielsüchtigen befinden, ist nicht bekannt. In Selbsthilfegruppen und ambulanten Einrichtungen sind es nach einer Untersuchung Meyers derzeit knapp zwei Prozent der Betroffenen. Besorgnis erregend sei insbesondere, dass die Banken zwar gern bereit seien, Kredite für Börsenspekulationen zur Verfügung zu stellen, es aber an der Aufklärung der Anleger mangeln ließen. AP


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