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Wenn die Lust zur Last wird
Medium: Tagblatt / CH
Datum: 30. 05. 2000
Interview mit der Psychologin Daniela Dombrowski über Spielsucht

Frau Dombrowski, die meisten Menschen spielen gern - auch um Geld. Wann wird die Lust am Spielen zur Sucht?

Daniela Dombrowski: Es gibt eindeutige klinische Kriterien dafür: Spielsüchtige sind vom Spielen überaus stark eingenommen. Sie beschäftigen sich gedanklich ständig damit, wie sie Geld fürs Spiel beschaffen können. Sie versuchen mit immer höheren Einsätzen, die gewünschte Erregung zu erreichen. Die meisten Spielsüchtigen haben schon mehrmals versucht, vom Spiel loszukommen. Sie sind sehr unruhig, spielen auch, um Problemen zu entkommen, zur Spannungsabfuhr. Sie versuchen immer wieder, ihre Verluste hereinzuspielen, belügen dabei die Familie, pumpen Geld von Kollegen. Sie stehlen und unterschlagen, um an Geld zu kommen und weiterspielen zu können.

Was löst denn Spielsucht aus?

Daniela Dombrowski: Dafür sind im Allgemeinen mehrere Faktoren verantwortlich: Die spezifischen Eigenschaften des Glücksspiels, der Spieler und sein soziales Umfeld.

Welche Personen sind denn am ehesten durch Spielsucht gefährdet?

Daniela Dombrowski: Es handelt sich meist um Männer, um junge Männer. Zum Glücksspiel sind denn auch nach Gesetz Jugendliche unter 18 Jahren nicht zugelassen. Wir wissen, dass Probleme bei der Konfliktlösung häufig zu Suchtverhalten führen: Es wird gar nicht versucht, Probleme anzugehen, sondern es wird in die Sucht ausgewichen.

Wie unterscheidet sich denn Spielsucht etwa von Alkohol- oder Drogensucht?

Daniela Dombrowski: Im Wesentlichen durch die Substanz. Es gibt eben Süchte, die an eine Substanz wie Alkohol, Tabak oder Heroin gebunden sind, und nicht substanzgebundene Süchte. Dazu gehören die Spielsucht und zum Beispiel auch Essstörungen. Bei der Primärprävention - für all jene, die noch keine Suchtprobleme haben - gilt denn auch allgemein: Stärkung der Ressourcen, Stärkung der sozialen Kompetenzen und Erlernen von Konfliktlösungsstrategien.

In Ihrem Sozialkonzept schlagen Sie für die Primärprävention für Menschen, die keine Probleme mit dem Spiel haben, vor allem sachliche Informationen über die Spielsucht vor. Ist das denn wirksam? Jeder Raucher weiss doch, dass er seine Gesundheit gefährdet. Er raucht aber trotzdem.

Daniela Dombrowski: Mit den vorgesehenen Informations-Kampagnen soll die Öffentlichkeit sensibilisiert werden. Es entfällt die Hemmschwelle, sich bei Gefährdung um Hilfe zu bemühen. Es wird bewusster mit dem Problem umgegangen. Das Konzept bringt etwas für jene, die Hilfe suchen. Und wer Hilfe sucht, soll unbürokratische Hilfe bekommen.

Und wie wird jenen geholfen, die schon Probleme haben?

Daniela Dombrowski: Es soll eine kostenlose Hotline eingerichtet werden, die von psychologisch geschulten Beratern betrieben wird. Sie geben Informationen und Kontaktadressen. Weiter wird ein Sozialfonds eingerichtet, um jenen, die etwa schon alles verspielt haben, bei der Finanzierung der Therapie zu helfen. Über Internet können Spielerinnen und Spieler eine Checkliste ausfüllen und auf diese Weise selbst diagnostizieren, inwieweit sie spielsuchtgefährdet sind. Sie können sich dann zum Beispiel freiwillig vom Casino sperren lassen.

Und was geschieht mit Problemfällen?

Daniela Dombrowski: Im Notfall werden Spielsüchtige, die keine Einsicht zeigen, ohne ihre Zustimmung vom Spiel ausgeschlossen. Das Personal in den Casinos sollte so geschult sein, dass es auffällige Spieler erkennt und sie über entsprechende Hilfe informiert. Dann können die Betroffenen einer Therapie zugeführt werden.

Wie sieht denn im Fall der Spielsucht eine Therapie aus?

Daniela Dombrowski: Es geht bei der Therapie von Spielsüchtigen wohl in erster Linie um eine gedankliche Restrukturierung. Alle Gedanken des Spielsüchtigen drehen sich nämlich ums Spielen. Er verliert dabei seinen Sinn für die Realität, er verzerrt die Wirklichkeit. Seine Betrügereien rechtfertigt der Spieler zum Beispiel damit, dass er Geld brauche, um Verluste wieder hereinzuspielen. In der Therapie werden diese Verzerrungen korrigiert, der Spielsüchtige kann wieder klar denken, er kommt der Realität näher.

Sie sagten bereits, dass Spielsucht auch eine Folge des Glücksspiels ist. Besteht die Gefahr, dass die Spielsucht in der Schweiz zunimmt, wenn um höhere Beträge gespielt werden kann?

Daniela Dombrowski: Man weiss aus verschiedenen Untersuchungen im Ausland, dass etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung durch Spielsucht sehr stark gefährdet ist. Weitere drei bis fünf Prozent sind bedingt gefährdet. In der Schweiz ist man bisher auf Schätzungen und Hochrechnungen angewiesen, weil es nur kleinere Casinos gibt. Es ist aber anzunehmen, dass Spielautomaten, die meist ohne Überwachung betrieben werden und für alle öffentlich zugänglich sind, unter Umständen eine grössere Gefährdung darstellen als Casinos. Und das grösste Interesse am Glücksspiel erwecken sicher Lotterien, die staatlich anerkannt und akzeptiert sind. Sie bergen das grösste Suchtpotenzial.

Interview: Eleonore Baumberger Daniela Dombrowski arbeitet am Institut für Suchtforschung in Zürich. Dieses hat im Auftrag der Grand Casino AG und unter Leitung von Professor Ambros Uchtenhagen ein Sozialkonzept mit Massnahmen zur Vorbeugung der Spielsucht erarbeitet.


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