Interview mit der Psychologin Daniela
Dombrowski über Spielsucht
Frau Dombrowski, die meisten Menschen spielen
gern - auch um Geld. Wann wird die Lust am
Spielen zur Sucht?
Daniela Dombrowski: Es gibt eindeutige klinische
Kriterien dafür: Spielsüchtige sind vom Spielen
überaus stark eingenommen. Sie beschäftigen sich
gedanklich ständig damit, wie sie Geld fürs Spiel
beschaffen können. Sie versuchen mit immer höheren
Einsätzen, die gewünschte Erregung zu erreichen. Die
meisten Spielsüchtigen haben schon mehrmals
versucht, vom Spiel loszukommen. Sie sind sehr
unruhig, spielen auch, um Problemen zu entkommen,
zur Spannungsabfuhr. Sie versuchen immer wieder,
ihre Verluste hereinzuspielen, belügen dabei die
Familie, pumpen Geld von Kollegen. Sie stehlen und
unterschlagen, um an Geld zu kommen und
weiterspielen zu können.
Was löst denn Spielsucht aus?
Daniela Dombrowski: Dafür sind im Allgemeinen
mehrere Faktoren verantwortlich: Die spezifischen
Eigenschaften des Glücksspiels, der Spieler und sein
soziales Umfeld.
Welche Personen sind denn am ehesten durch
Spielsucht gefährdet?
Daniela Dombrowski: Es handelt sich meist um
Männer, um junge Männer. Zum Glücksspiel sind denn
auch nach Gesetz Jugendliche unter 18 Jahren nicht
zugelassen. Wir wissen, dass Probleme bei der
Konfliktlösung häufig zu Suchtverhalten führen: Es wird
gar nicht versucht, Probleme anzugehen, sondern es
wird in die Sucht ausgewichen.
Wie unterscheidet sich denn Spielsucht etwa von
Alkohol- oder Drogensucht?
Daniela Dombrowski: Im Wesentlichen durch die
Substanz. Es gibt eben Süchte, die an eine Substanz
wie Alkohol, Tabak oder Heroin gebunden sind, und
nicht substanzgebundene Süchte. Dazu gehören die
Spielsucht und zum Beispiel auch Essstörungen. Bei
der Primärprävention - für all jene, die noch keine
Suchtprobleme haben - gilt denn auch allgemein:
Stärkung der Ressourcen, Stärkung der sozialen
Kompetenzen und Erlernen von
Konfliktlösungsstrategien.
In Ihrem Sozialkonzept schlagen Sie für die
Primärprävention für Menschen, die keine
Probleme mit dem Spiel haben, vor allem
sachliche Informationen über die Spielsucht vor.
Ist das denn wirksam? Jeder Raucher weiss
doch, dass er seine Gesundheit gefährdet. Er
raucht aber trotzdem.
Daniela Dombrowski: Mit den vorgesehenen
Informations-Kampagnen soll die Öffentlichkeit
sensibilisiert werden. Es entfällt die Hemmschwelle,
sich bei Gefährdung um Hilfe zu bemühen. Es wird
bewusster mit dem Problem umgegangen. Das
Konzept bringt etwas für jene, die Hilfe suchen. Und
wer Hilfe sucht, soll unbürokratische Hilfe bekommen.
Und wie wird jenen geholfen, die schon
Probleme haben?
Daniela Dombrowski: Es soll eine kostenlose Hotline
eingerichtet werden, die von psychologisch geschulten
Beratern betrieben wird. Sie geben Informationen und
Kontaktadressen. Weiter wird ein Sozialfonds
eingerichtet, um jenen, die etwa schon alles verspielt
haben, bei der Finanzierung der Therapie zu helfen.
Über Internet können Spielerinnen und Spieler eine
Checkliste ausfüllen und auf diese Weise selbst
diagnostizieren, inwieweit sie spielsuchtgefährdet
sind. Sie können sich dann zum Beispiel freiwillig vom
Casino sperren lassen.
Und was geschieht mit Problemfällen?
Daniela Dombrowski: Im Notfall werden Spielsüchtige,
die keine Einsicht zeigen, ohne ihre Zustimmung vom
Spiel ausgeschlossen. Das Personal in den Casinos
sollte so geschult sein, dass es auffällige Spieler
erkennt und sie über entsprechende Hilfe informiert.
Dann können die Betroffenen einer Therapie zugeführt
werden.
Wie sieht denn im Fall der Spielsucht eine
Therapie aus?
Daniela Dombrowski: Es geht bei der Therapie von
Spielsüchtigen wohl in erster Linie um eine
gedankliche Restrukturierung. Alle Gedanken des
Spielsüchtigen drehen sich nämlich ums Spielen. Er
verliert dabei seinen Sinn für die Realität, er verzerrt
die Wirklichkeit. Seine Betrügereien rechtfertigt der
Spieler zum Beispiel damit, dass er Geld brauche, um
Verluste wieder hereinzuspielen. In der Therapie
werden diese Verzerrungen korrigiert, der
Spielsüchtige kann wieder klar denken, er kommt der
Realität näher.
Sie sagten bereits, dass Spielsucht auch eine
Folge des Glücksspiels ist. Besteht die Gefahr,
dass die Spielsucht in der Schweiz zunimmt,
wenn um höhere Beträge gespielt werden kann?
Daniela Dombrowski: Man weiss aus verschiedenen
Untersuchungen im Ausland, dass etwa ein bis zwei
Prozent der Bevölkerung durch Spielsucht sehr stark
gefährdet ist. Weitere drei bis fünf Prozent sind
bedingt gefährdet. In der Schweiz ist man bisher auf
Schätzungen und Hochrechnungen angewiesen, weil
es nur kleinere Casinos gibt. Es ist aber anzunehmen,
dass Spielautomaten, die meist ohne Überwachung
betrieben werden und für alle öffentlich zugänglich
sind, unter Umständen eine grössere Gefährdung
darstellen als Casinos. Und das grösste Interesse am
Glücksspiel erwecken sicher Lotterien, die staatlich
anerkannt und akzeptiert sind. Sie bergen das grösste
Suchtpotenzial.
Interview: Eleonore Baumberger Daniela
Dombrowski arbeitet am Institut für Suchtforschung in
Zürich. Dieses hat im Auftrag der Grand Casino AG
und unter Leitung von Professor Ambros Uchtenhagen
ein Sozialkonzept mit Massnahmen zur Vorbeugung
der Spielsucht erarbeitet.