Vor allem Risiko-Anleger sind extrem suchtgefährdet -
Die Banken sind für das Thema noch nicht
sensibilisiert
Das Auf und Ab der Börsen kann Nerven kosten. Es mehrt
sich die Zahl der Leute, die süchtig nach dem schnellen
Erfolg werden und dabei hohe Summen riskieren, wenn die
Kurse in den Keller fallen.
- Von MANFRED ROLFSMEIER -
Börsen-Zockern droht auf der Jagd nach dem schnellen
Geld eine verhängnisvolle Psycho-Falle. Die möglichen
Folgen reichten von der krankhaften Spielsucht bis zum
finanziellen Ruin, warnt der Psychologe Gerhard Meyer von
der Uni Bremen. Gefährdet seien insbesondere Daytrader
(Leute, die das Kursgeschehen laufend verfolgen und darauf
per PC regagieren) und alle, die auf hochspekulative
Termingeschäfte setzten, die eindeutigen
Glücksspielcharakter hätten. "Psychotrope Wirkungen"
nennt der Glücksspiel-Experte die Mechanismen, vor denen
weder Profi-Zocker noch Feierabend-Börsianer gefeit sind.
Diese psychotropen Wirkungen machen sich bei vielen
Börsenzockern zunächst als Nervenkitzel und die
lustvoll-euphorische Gewinnerwartung bemerkbar. Viele
schätzten, ähnlich wie Roulettespieler, den "prickelnden
Reiz der Ungewissheit", unabhängig vom Ausgang der
Spekulation, sagt Meyer. "Und ist ein Geschäft erfolgreich,
stellen sich Wohlbefinden, Euphoriegefühle,
Machtphantasien und die Hoffnung auf weitere Gewinne
ein".
Läuft der Markt jedoch gegen den Spekulanten, machen
sich Angst und Verzweiflung breit und es droht die
Spielsucht. "Die enorme Belastung lässt sich nur durch
neuerliche Abschlüsse ausblenden, und es muss Geld für
neue lustvolle Erwartungen her", sagt Meyer. "Es gilt das
Motto: Irgendwann werden die Kurse schon wieder steigen".
Dabei unterliegen die Spekulanten einem fatalen Irrtum.
"Fast alle glauben, mit komplexen Strategien kurzfristige
Marktentwicklungen vorhersagen zu können, aber das ist
eine Illusion."
Nur selten werden die fatalen Folgen dieser Psycho-Falle so
bekannt wie bei dem Börsenmakler Nick Leeson, der 1996
mit einem Spekulationsverlust von 1,4 Milliarden Mark die
altehrwürdige britische Barings-Bank ruinierte. Weniger
öffentlichkeitswirksam verlief jüngst ein Fall in Bremen, wo
zwei Sparkassen-Angestellte 28 Millionen Mark von einem
Konto ihre Arbeitgebers verspielten. Und beim "Arbeitskreis
gegen Spielsucht" in Unna meldete sich erst kürzlich ein
24-jähriger Immobilienkaufmann, der innerhalb eines Jahres
140 000 Mark an der Börse verloren hatte, wie der
Geschäftsführer des Arbeitskreises, Jürgen Trümper,
berichtet.
Wie viele Börsianer sich unter den rund 150 000
Spielsüchtigen befinden, ist nicht bekannt. In
Selbsthilfegruppen und ambulanten Einrichtungen sind es
nach einer Untersuchung Meyers derzeit knapp zwei
Prozent der Betroffenen. Besorgnis erregend sei
insbesondere, dass die Banken zwar gern bereit seien,
Kredite für Börsenspekulationen zur Verfügung zu stellen,
es aber an der Aufklärung der Anleger mangeln ließen.
Wie gering das Informationsinteresse ist, erlebte Trümper
bei der Planung eines Seminars zur Spielsucht. Die
Erfahrungen mit den tragischen Folgen ruinöser
Spekulationen reichten aus, um darüber ein ganzes Buch
zu füllen, ließ man ihm beim Frankfurter Börsenverein
wissen. Die Teilnahme eines Fachreferenten wurde jedoch
kurz darauf wieder abgesagt. "Das Thema könnte die
Geschäfte stören", vermutet Trümper.
Die Adresse: Arbeitskreis gegen Spielsucht,
Wasserstraße 25, 59423 Unna, (0 23 03) 89 66 9,
Fax (0 23 03) 89 67 0.