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Börsenspekulanten in der Psychofalle
Medium: Saarbrücker Zeitung
Datum: 14. 06. 2000
Vor allem Risiko-Anleger sind extrem suchtgefährdet - Die Banken sind für das Thema noch nicht sensibilisiert

Das Auf und Ab der Börsen kann Nerven kosten. Es mehrt sich die Zahl der Leute, die süchtig nach dem schnellen Erfolg werden und dabei hohe Summen riskieren, wenn die Kurse in den Keller fallen.

- Von MANFRED ROLFSMEIER -

Börsen-Zockern droht auf der Jagd nach dem schnellen Geld eine verhängnisvolle Psycho-Falle. Die möglichen Folgen reichten von der krankhaften Spielsucht bis zum finanziellen Ruin, warnt der Psychologe Gerhard Meyer von der Uni Bremen. Gefährdet seien insbesondere Daytrader (Leute, die das Kursgeschehen laufend verfolgen und darauf per PC regagieren) und alle, die auf hochspekulative Termingeschäfte setzten, die eindeutigen Glücksspielcharakter hätten. "Psychotrope Wirkungen" nennt der Glücksspiel-Experte die Mechanismen, vor denen weder Profi-Zocker noch Feierabend-Börsianer gefeit sind.

Diese psychotropen Wirkungen machen sich bei vielen Börsenzockern zunächst als Nervenkitzel und die lustvoll-euphorische Gewinnerwartung bemerkbar. Viele schätzten, ähnlich wie Roulettespieler, den "prickelnden Reiz der Ungewissheit", unabhängig vom Ausgang der Spekulation, sagt Meyer. "Und ist ein Geschäft erfolgreich, stellen sich Wohlbefinden, Euphoriegefühle, Machtphantasien und die Hoffnung auf weitere Gewinne ein".

Läuft der Markt jedoch gegen den Spekulanten, machen sich Angst und Verzweiflung breit und es droht die Spielsucht. "Die enorme Belastung lässt sich nur durch neuerliche Abschlüsse ausblenden, und es muss Geld für neue lustvolle Erwartungen her", sagt Meyer. "Es gilt das Motto: Irgendwann werden die Kurse schon wieder steigen". Dabei unterliegen die Spekulanten einem fatalen Irrtum. "Fast alle glauben, mit komplexen Strategien kurzfristige Marktentwicklungen vorhersagen zu können, aber das ist eine Illusion."

Nur selten werden die fatalen Folgen dieser Psycho-Falle so bekannt wie bei dem Börsenmakler Nick Leeson, der 1996 mit einem Spekulationsverlust von 1,4 Milliarden Mark die altehrwürdige britische Barings-Bank ruinierte. Weniger öffentlichkeitswirksam verlief jüngst ein Fall in Bremen, wo zwei Sparkassen-Angestellte 28 Millionen Mark von einem Konto ihre Arbeitgebers verspielten. Und beim "Arbeitskreis gegen Spielsucht" in Unna meldete sich erst kürzlich ein 24-jähriger Immobilienkaufmann, der innerhalb eines Jahres 140 000 Mark an der Börse verloren hatte, wie der Geschäftsführer des Arbeitskreises, Jürgen Trümper, berichtet.

Wie viele Börsianer sich unter den rund 150 000 Spielsüchtigen befinden, ist nicht bekannt. In Selbsthilfegruppen und ambulanten Einrichtungen sind es nach einer Untersuchung Meyers derzeit knapp zwei Prozent der Betroffenen. Besorgnis erregend sei insbesondere, dass die Banken zwar gern bereit seien, Kredite für Börsenspekulationen zur Verfügung zu stellen, es aber an der Aufklärung der Anleger mangeln ließen.

Wie gering das Informationsinteresse ist, erlebte Trümper bei der Planung eines Seminars zur Spielsucht. Die Erfahrungen mit den tragischen Folgen ruinöser Spekulationen reichten aus, um darüber ein ganzes Buch zu füllen, ließ man ihm beim Frankfurter Börsenverein wissen. Die Teilnahme eines Fachreferenten wurde jedoch kurz darauf wieder abgesagt. "Das Thema könnte die Geschäfte stören", vermutet Trümper.

Die Adresse: Arbeitskreis gegen Spielsucht, Wasserstraße 25, 59423 Unna, (0 23 03) 89 66 9, Fax (0 23 03) 89 67 0.


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