Psychologen warnen Spekulanten vor Spielsucht
Mit Sorge beobachten Psychologen das anhaltende Aktienfieber in
Deutschland. In der Ärzte-Zeitung warnten am Wochenende mehrere
Experten vor allem die so genannten Feierabend-Börsianer davor, in die
Suchtfalle zu tappen.
FRANKFURT A. M., 25. Juni. Fachleute machen beim Verhalten von
Aktien-Spekulanten eindeutige Parallelen zur Spielsucht aus. "Viele mögen den
prickelnden Reiz der Ungewissheit, unabhängig vom Ausgang der Spekulation,
ähnlich Roulettespielern", sagte der Psychologe Gerhard Meyer von der Universität
Bremen dem Fachblatt. Ein erfolgreiches Geschäft erzeuge Machtfantasien und die
Hoffnung auf weitere Gewinne. Laufe der Markt jedoch gegen den Spekulanten,
machten sich Angst und Verzweiflung breit, die durch neuerliche Abschlüsse
auszublenden sei - und so müsse Geld für neue lustvolle Erwartungen her, erklärte
Meyer. Besonders gefährdet seien die so genannten Day-Trader, die auf hoch
spekulative Termingeschäfte wie Optionsscheine setzten, die "eindeutigen
Glücksspielcharakter" hätten. Die "abnorme Entwicklung an den Börsen" und der
"magische Glauben an Aktien" hätten die Risiken für labile Spekulanten noch
gesteigert, sagte der Psychologe. Selbst Ökonomen kritisierten bereits die
Irrationalität und gefährliche Magie der Märkte.
Wie viele Börsianer sich mittlerweile unter den 150 000 Spielsüchtigen in
Deutschland befinden, ist laut Ärzte-Zeitung bislang kaum zu beziffern.
Schätzungen zufolge suchten derzeit zwei Prozent der Spekulanten
Selbsthilfegruppen und ambulante Einrichtungen auf. Der Leiter der
Verhaltenstherapie-Ambulanz der Uniklinik Hamburg-Eppendorf, Iver Hand, betonte,
Anleger und Broker, die in "blindwütiges Handeln verfallen, gehören in ärztliche
Behandlung". Selbst hochintelligente Leute bekämen ihr Verhalten an der Börse
nicht mehr in den Griff. Die Spekulation könne sich zu einer gefährlichen
Zwangskrankheit auswachsen. Menschen mit krankhaftem Ehrgeiz oder
Machtstreben seien besonders gefährdet, in die Falle zu tappen.