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Das Zittern an der Börse kann zur Droge werden
Medium: Frankfurter Rundschau
Datum: 26. 06. 2000
Psychologen warnen Spekulanten vor Spielsucht

Mit Sorge beobachten Psychologen das anhaltende Aktienfieber in Deutschland. In der Ärzte-Zeitung warnten am Wochenende mehrere Experten vor allem die so genannten Feierabend-Börsianer davor, in die Suchtfalle zu tappen.

FRANKFURT A. M., 25. Juni. Fachleute machen beim Verhalten von Aktien-Spekulanten eindeutige Parallelen zur Spielsucht aus. "Viele mögen den prickelnden Reiz der Ungewissheit, unabhängig vom Ausgang der Spekulation, ähnlich Roulettespielern", sagte der Psychologe Gerhard Meyer von der Universität Bremen dem Fachblatt. Ein erfolgreiches Geschäft erzeuge Machtfantasien und die Hoffnung auf weitere Gewinne. Laufe der Markt jedoch gegen den Spekulanten, machten sich Angst und Verzweiflung breit, die durch neuerliche Abschlüsse auszublenden sei - und so müsse Geld für neue lustvolle Erwartungen her, erklärte Meyer. Besonders gefährdet seien die so genannten Day-Trader, die auf hoch spekulative Termingeschäfte wie Optionsscheine setzten, die "eindeutigen Glücksspielcharakter" hätten. Die "abnorme Entwicklung an den Börsen" und der "magische Glauben an Aktien" hätten die Risiken für labile Spekulanten noch gesteigert, sagte der Psychologe. Selbst Ökonomen kritisierten bereits die Irrationalität und gefährliche Magie der Märkte.

Wie viele Börsianer sich mittlerweile unter den 150 000 Spielsüchtigen in Deutschland befinden, ist laut Ärzte-Zeitung bislang kaum zu beziffern. Schätzungen zufolge suchten derzeit zwei Prozent der Spekulanten Selbsthilfegruppen und ambulante Einrichtungen auf. Der Leiter der Verhaltenstherapie-Ambulanz der Uniklinik Hamburg-Eppendorf, Iver Hand, betonte, Anleger und Broker, die in "blindwütiges Handeln verfallen, gehören in ärztliche Behandlung". Selbst hochintelligente Leute bekämen ihr Verhalten an der Börse nicht mehr in den Griff. Die Spekulation könne sich zu einer gefährlichen Zwangskrankheit auswachsen. Menschen mit krankhaftem Ehrgeiz oder Machtstreben seien besonders gefährdet, in die Falle zu tappen.


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