Newsindex
Der Verlust der Verlierer
Medium: Frankfurter Rundschau
Datum: 30. 06. 2000
Keine Metapher mehr: Gewinnen ist zur gesellschaftlichen Realität geworden

Von Harry Nutt

Ribbecks Gestammel nach dem vorläufigen Ende der langen Erfolgsgeschichte des deutschen Fußballs kann als Indiz dafür genommen werden, dass aus dem Verlieren keine kollektive Energie mehr zu beziehen ist. Keine tragische Geste, die nach der Niederlage gegen Portugal haften geblieben wäre, kein umstrittenes Wembley-Tor, das einer jungen Generation die Fügung ins kollektive Schicksal erleichtern könnte. Das nächste Spiel ist nicht länger das schwerste.

Die Sportwelt, die bis vor kurzem innerhalb des gesellschaftlichen Zeichensystems überraschende Codewechsel anzuzeigen imstande war und neue Sozialtypen hervorzubringen vermochte, erweckt nunmehr den Eindruck, als suchte sie nach einer weniger folgenreichen Variante der körperlichen Selbstdarstellung. Verlieren ist keine Option der Sportakteure mehr, sie waren bloß dabei. Verlierer dieser Sorte gehen keineswegs leer aus, aber über das Spiel hinaus haben sie ihre symbolische Prägekraft verloren. Ihr schnöder Abgang von der Szene besagt kaum mehr, als dass auf ihrer Bühne nichts als die Ubiquität des Gewinnens gegeben wird.

Im Kontext sozialer Ordnungssysteme markierte das Gewinnen den Entscheidungspunkt einer dramatisierten Frage, die Rückschlüsse auf gesellschaftliche Zusammenhänge zuließ. Das Fernsehen wurde frühzeitig zum Guckkasten sozialer Prozesse. Quizsendungen wie Alles oder nichts? und Hätten Sie's gewusst? waren frühe Sinnbilder des Aufstiegsbegehrens der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Das erworbene Spezialwissen wurde gutachterlich bewertet und bei positivem Ergebnis mit dem jeweiligen Gratifikationssystem belobigt. Zur Bekräftigung sozialer Strebsamkeit begnügte man sich mit 8000 Mark. Das war bereits "alles". Mehr wäre in den 60er Jahren als unanständiger Angriff auf das Sozialgefüge verstanden worden. Das Ideal der Aufstiegs- und Leistungsgesellschaft wusste noch nichts von den mächtigen Fantasien des Ausstiegs in ein unbeschwertes Woanders- Sein.

Nicht zu den Gewinnern zu gehören, war kein Makel. Mit zunehmendem Gespür für den sich vollziehenden sozialen Wandel änderten sich jedoch allmählich die Gegenstandsbereiche des Quiz. Schon die Titel weiterer Ratesendungen wie Erkennen Sie die Melodie? und Kennen Sie Kino? deuteten auf die soziale Durchlässigkeit der symbolischen Spiele hin. Kennen und Erkennen meinte etwas anderes als Wissen. Im Kennen drückt sich die Fähigkeit des Aufsteigers aus, schnell und flexibel auf veränderte soziale Prozesse zu reagieren. Inzwischen rekurrieren nur noch wenige Gewinnspiele auf erworbene Fähigkeiten und Geschick. Allabendlich geht es um die Bekräftigung des Herrschaftsanspruchs der Cleveren. Private oder berufliche Schicksalsschläge sind gesellschaftliche Erfahrung hingegen kaum noch darstellbar.

Aufpassen ist alles

Tatsächlich kann heute jeder gewinnen, beinahe täglich. Große Gelderwartungen werden keineswegs mehr nur jenen zugestanden, die den Einsatz an der Börse wagen. Die Übergänge von Spiel- zu realen Wirtschaftshandlungen sind fließend. Das Wirtschaftsleben kann längst als Teil der Popkultur wahrgenommen werden, und das Kleine Einmal Eins der Optionen wird als Mitmachspiel in Szene gesetzt. Per Losentscheid werden Gewinner in ein sorgloses Leben befördert. Das pädagogisch wertvolle "Ohne Fleiß kein Preis" ist einem olympischen "Dabeisein" gewichen. Die einflussreichen Symbolhersteller Fernsehen und Sport betreiben die große Inklusion, zu der es keine Alternative mehr zu geben scheint. Einschalten kann jeder, und die Fähigkeit, dabei zu sein, reicht als Kompetenznachweis aus. Aufpassen ist alles. Radiohörern fällt für die Nennung eines Losungswortes und des passenden Sendernamens ein stattliches Barvermögen zu, und an jeder Ecke winken Rubbellos, Bingospiel und Tombola mit attraktiven Zwischenziehungen. Anstelle kleiner Preise werden die spielerisch herbeigeführten kleinen und großen Triumphe des Alltags mit Geldwerten kurzgeschlossen.

Selbst beim Zappen durch die Programme entkommt man nicht länger den Glücksregungen werdender Jungmillionäre. Das Prolofernsehen, das in reinster Form auf RTL2 zu haben ist, feiert seine Erfolge unterdessen mit einem permanenten Casting der bislang vom Starsystem weniger berücksichtigten Milieus. Live und auf allen Kanälen werden so die Ressourcen emotionaler Intelligenz und des Authentischen als derzeit heißeste Eigenschaft freigesetzt und abgeschöpft. Es geht um die Erschließung und Exploration performativer Rohstoffe. Statt der Mühsal des Gelingens kommt es zuallererst auf Präsenz an. Gestand man den Big Brother-Helden während ihres 100-Tage-Aufenthalts im Container die erbrachte Zwangskommunikation als Arbeitsleistung unumwunden zu, so wird die Lizenz zum Abkassieren beim Ratespiel mit Günther Jauch auf RTL schon durch das Bestehen eines Multiple-Choice-Tests erteilt.

Die Gratifikation des Dabeiseins findet keineswegs nur im Fernsehen statt. Gewinnen ist der gesellschaftliche Normalfall, und der Wechsel zwischen den sozialen Klassen, folgt man der Sparkassen-Werbung ("Mein Haus, mein Auto, mein Pferd"), vollzieht sich bereits vollständig nach den Regeln des Quartettspiels. Da überrascht es nicht, dass die Branche, in der das Gewinnen ursprünglich anzusiedeln ist, sich auch ökonomisch im Aufwind befindet. Die Ausgaben der Deutschen für Glücksspiele haben sich in den letzten zehn Jahren etwa verdoppelt. 51 Milliarden Mark, so schätzt der Wirtschaftswissenschaftler und staatlich konzessionierte Buchmacher Norman Albers, fließen jährlich in die legalen Glücksspiele wie Lotto, Spielautomaten und Spielbanken, während große Summen darüber hinaus in unerlaubte Spielen und auf Konten ausländischer Sportwettenanbieter investiert werden. Und während der Staat weiterhin über die Pflege des Glücksspielmonopols wacht, bietet das Internet den imaginären Raum einer durchgehend geöffneten Daddelhalle. Das Spielverhalten hat sich dahingehend verändert, dass in der Regel Spiele mit hoher Spielfrequenz boomen.

Aber auch in Bereichen der Dienstleistungsbranche haben sich einige Anbieter bereits vollständig an der Ökonomie des Gewinnspiels orientiert. Wer fahrlässig unangemeldete Telefongespräche annimmt und ein paar Fragen zur Akzeptanz des Euro beantwortet, dem kann es widerfahren, dass er eine Reise nach, sagen wir, Malta gewinnt. Die Aussicht auf Gewinn blendet zu sehr, als dass sich spätere Reue verhindern ließe. Aber die übliche Beschwerdepraxis geht ins Leere. Nicht einmal Betrug lauert hier, man hat bloß eine Reise im Zeichen des Gewinns gebucht. Den Flug nach Malta muss man zum Preis eines Komplettarrangements selbst bezahlen. Aufkeimende Unzufriedenheit über Komfort und Unterbringung wird milde gestimmt durch den Verweis auf die Gratisgabe. Diese neue Form der Distribution entlastet den Konsumenten über den Umweg des Gewinns von der Pflicht zum kritischen Verbrauch.

Die Metaphorik des sportlichen Sieges hat sich so umfassend durchgesetzt, dass Verlierern die Sichtbarkeit allein noch in tragischen Durchbrüchen zugestanden wird. Man wird nicht darum herum kommen, die anhand des Hamburger Todesfalles vom Montag dieser Woche entbrannte Diskussion um Kampfhunde im Zeichen sozialer Deklassierung zu lesen. Die stigmatisierten Hunde dienen in den einschlägigen Abstiegsmilieus weniger als Bewaffnung denn als Signal erwarteter Anerkennung.

Auch wenn der Pitbull als das Böse aufscheint und kurzerhand aus der Welt geschafft werden soll, ist er doch bloß Teil des Dresscodes derer, die ohne ihn unsichtbar blieben. Die Diskussion um Zuchtverbot und Halter-Führerscheine ist so gesehen auch eine um soziale Exklusion. Die Zweidrittelgesellschaft errichtet ihre Grenzen nicht allein durch den Zugang zum Arbeitsmarkt, sondern immer auch durch Deutungshoheiten. Soweit zu beobachten war, kamen in den Berichten über den schrecklichen Unfall von Hamburg-Wilhelmsburg Sprecher aus dem betreffenden Milieu nicht zu Wort.

Kasuistik des Scheiterns

Will man angesichts solcher Ereignisse nicht in die Falle sozialtherapeuthischer Erklärungen tappen, wird es darauf ankommen, nach neuen Beschreibungsformen des Verlierens zu suchen. Erste literarische Erkundungen liegen bereits vor. Die Berliner Schriftsteller Helmut Höge, Thomas Kapielski und Freunde betreiben in diesem Sinne schon seit geraumer Zeit eine Kasuistik des Scheiterns, die vor ihrer eigenen Lebenswirklichkeit nicht halt macht. Unter dem Namen Berliner Ökonomie haben sie eine alltagstaugliche Philosophie des Sich-Durchwurschtelns entwickelt, die Scheitern als Chance begreift und Mehrwert aus vielfältigen Formen der Verschwendung bezieht.

Die Berliner Ökonomie beschreibt das Verfahren eines investiven Potlatschs. Immer geben die Wirtschaftssubjekte mehr aus als einzunehmen ist. Die Berliner Ökonomie trägt dem Umstand Rechnung, dass die Auf- und Abstiegsverläufe auf der sozialen Skala undurchsichtiger geworden sind. Die Soziologie hat bereits den Begriff des gewinnenden Verlierers (Martin Doehlemann) hervorgebracht, und im Bewusstsein des Verlierers hat sich eine Gedichtzeile Wolf Wondratscheks festgesetzt, derzufolge Siegen nur der Anfang einer anderen Qual sei. Aber bei aller Mühe, die Schwingungen einer komplexer gewordenen Strickleiter des Sozialen kenntlich zu machen, läuft man Gefahr, die verlierenden Verlierer aus den Augen zu verlieren.

Am nachhaltigsten ist das gegenwärtige Bild des Verlierers als das Milieu der Überflüssigen bislang von der Berliner Schriftstellerin Gabriele Goettle ausgearbeitet worden. In ihren demnächst als Buch erscheinenden Studien zur urbanen Armut rekonstruiert sie mit den Mitteln literarischer Sympathetik und kühler Affirmation in immer wieder neuen Anläufen der Beschreibung, des Verzeichnens und Hinhörens eine Würde der gesellschaftlichen Verlierens, das als oppulentes Gegenbild zur Allgegenwart des Gewinnens gelesen werden kann. Goettles Welt hat sich bislang radikal der Gewinnsphäre entzogen. Als Autorin spielt sie im literarischen Quartett der Lesungen und Interviews nicht mit. Diese Abstinenz gehört bereits zu ihrer Arbeitsmethode. Über einen Zeitraum von drei Jahren hat sie das Personal ihrer gesellschaftlichen Gegen-Talk-Show in der Suppenküche einer Kreuzberger Kirchengemeinde versammelt. Die Gespräche über offene Beine und das große Ganze aus dem Ruder gelaufener Lebensentwürfe entwickeln das Schema vom sozialen Durchkommen noch einmal neu.


Newsindex