Keine Metapher mehr: Gewinnen ist zur gesellschaftlichen
Realität geworden
Von Harry Nutt
Ribbecks Gestammel nach dem vorläufigen Ende der langen Erfolgsgeschichte des
deutschen Fußballs kann als Indiz dafür genommen werden, dass aus dem
Verlieren keine kollektive Energie mehr zu beziehen ist. Keine tragische Geste, die
nach der Niederlage gegen Portugal haften geblieben wäre, kein umstrittenes
Wembley-Tor, das einer jungen Generation die Fügung ins kollektive Schicksal
erleichtern könnte. Das nächste Spiel ist nicht länger das schwerste.
Die Sportwelt, die bis vor kurzem innerhalb des gesellschaftlichen Zeichensystems
überraschende Codewechsel anzuzeigen imstande war und neue Sozialtypen
hervorzubringen vermochte, erweckt nunmehr den Eindruck, als suchte sie nach
einer weniger folgenreichen Variante der körperlichen Selbstdarstellung. Verlieren
ist keine Option der Sportakteure mehr, sie waren bloß dabei. Verlierer dieser
Sorte gehen keineswegs leer aus, aber über das Spiel hinaus haben sie ihre
symbolische Prägekraft verloren. Ihr schnöder Abgang von der Szene besagt kaum
mehr, als dass auf ihrer Bühne nichts als die Ubiquität des Gewinnens gegeben
wird.
Im Kontext sozialer Ordnungssysteme markierte das Gewinnen den
Entscheidungspunkt einer dramatisierten Frage, die Rückschlüsse auf
gesellschaftliche Zusammenhänge zuließ. Das Fernsehen wurde frühzeitig zum
Guckkasten sozialer Prozesse. Quizsendungen wie Alles oder nichts? und Hätten
Sie's gewusst? waren frühe Sinnbilder des Aufstiegsbegehrens der
bundesrepublikanischen Gesellschaft. Das erworbene Spezialwissen wurde
gutachterlich bewertet und bei positivem Ergebnis mit dem jeweiligen
Gratifikationssystem belobigt. Zur Bekräftigung sozialer Strebsamkeit begnügte
man sich mit 8000 Mark. Das war bereits "alles". Mehr wäre in den 60er Jahren als
unanständiger Angriff auf das Sozialgefüge verstanden worden. Das Ideal der
Aufstiegs- und Leistungsgesellschaft wusste noch nichts von den mächtigen
Fantasien des Ausstiegs in ein unbeschwertes Woanders- Sein.
Nicht zu den Gewinnern zu gehören, war kein Makel. Mit zunehmendem Gespür für
den sich vollziehenden sozialen Wandel änderten sich jedoch allmählich die
Gegenstandsbereiche des Quiz. Schon die Titel weiterer Ratesendungen wie
Erkennen Sie die Melodie? und Kennen Sie Kino? deuteten auf die soziale
Durchlässigkeit der symbolischen Spiele hin. Kennen und Erkennen meinte etwas
anderes als Wissen. Im Kennen drückt sich die Fähigkeit des Aufsteigers aus,
schnell und flexibel auf veränderte soziale Prozesse zu reagieren. Inzwischen
rekurrieren nur noch wenige Gewinnspiele auf erworbene Fähigkeiten und
Geschick. Allabendlich geht es um die Bekräftigung des Herrschaftsanspruchs der
Cleveren. Private oder berufliche Schicksalsschläge sind gesellschaftliche
Erfahrung hingegen kaum noch darstellbar.
Aufpassen ist alles
Tatsächlich kann heute jeder gewinnen, beinahe täglich. Große Gelderwartungen
werden keineswegs mehr nur jenen zugestanden, die den Einsatz an der Börse
wagen. Die Übergänge von Spiel- zu realen Wirtschaftshandlungen sind fließend.
Das Wirtschaftsleben kann längst als Teil der Popkultur wahrgenommen werden,
und das Kleine Einmal Eins der Optionen wird als Mitmachspiel in Szene gesetzt.
Per Losentscheid werden Gewinner in ein sorgloses Leben befördert. Das
pädagogisch wertvolle "Ohne Fleiß kein Preis" ist einem olympischen "Dabeisein"
gewichen. Die einflussreichen Symbolhersteller Fernsehen und Sport betreiben die
große Inklusion, zu der es keine Alternative mehr zu geben scheint. Einschalten
kann jeder, und die Fähigkeit, dabei zu sein, reicht als Kompetenznachweis aus.
Aufpassen ist alles. Radiohörern fällt für die Nennung eines Losungswortes und
des passenden Sendernamens ein stattliches Barvermögen zu, und an jeder Ecke
winken Rubbellos, Bingospiel und Tombola mit attraktiven Zwischenziehungen.
Anstelle kleiner Preise werden die spielerisch herbeigeführten kleinen und großen
Triumphe des Alltags mit Geldwerten kurzgeschlossen.
Selbst beim Zappen durch die Programme entkommt man nicht länger den
Glücksregungen werdender Jungmillionäre. Das Prolofernsehen, das in reinster
Form auf RTL2 zu haben ist, feiert seine Erfolge unterdessen mit einem
permanenten Casting der bislang vom Starsystem weniger berücksichtigten
Milieus. Live und auf allen Kanälen werden so die Ressourcen emotionaler
Intelligenz und des Authentischen als derzeit heißeste Eigenschaft freigesetzt und
abgeschöpft. Es geht um die Erschließung und Exploration performativer Rohstoffe.
Statt der Mühsal des Gelingens kommt es zuallererst auf Präsenz an. Gestand
man den Big Brother-Helden während ihres 100-Tage-Aufenthalts im Container die
erbrachte Zwangskommunikation als Arbeitsleistung unumwunden zu, so wird die
Lizenz zum Abkassieren beim Ratespiel mit Günther Jauch auf RTL schon durch
das Bestehen eines Multiple-Choice-Tests erteilt.
Die Gratifikation des Dabeiseins findet keineswegs nur im Fernsehen statt.
Gewinnen ist der gesellschaftliche Normalfall, und der Wechsel zwischen den
sozialen Klassen, folgt man der Sparkassen-Werbung ("Mein Haus, mein Auto,
mein Pferd"), vollzieht sich bereits vollständig nach den Regeln des Quartettspiels.
Da überrascht es nicht, dass die Branche, in der das Gewinnen ursprünglich
anzusiedeln ist, sich auch ökonomisch im Aufwind befindet. Die Ausgaben der
Deutschen für Glücksspiele haben sich in den letzten zehn Jahren etwa verdoppelt.
51 Milliarden Mark, so schätzt der Wirtschaftswissenschaftler und staatlich
konzessionierte Buchmacher Norman Albers, fließen jährlich in die legalen
Glücksspiele wie Lotto, Spielautomaten und Spielbanken, während große Summen
darüber hinaus in unerlaubte Spielen und auf Konten ausländischer
Sportwettenanbieter investiert werden. Und während der Staat weiterhin über die
Pflege des Glücksspielmonopols wacht, bietet das Internet den imaginären Raum
einer durchgehend geöffneten Daddelhalle. Das Spielverhalten hat sich
dahingehend verändert, dass in der Regel Spiele mit hoher Spielfrequenz boomen.
Aber auch in Bereichen der Dienstleistungsbranche haben sich einige Anbieter
bereits vollständig an der Ökonomie des Gewinnspiels orientiert. Wer fahrlässig
unangemeldete Telefongespräche annimmt und ein paar Fragen zur Akzeptanz des
Euro beantwortet, dem kann es widerfahren, dass er eine Reise nach, sagen wir,
Malta gewinnt. Die Aussicht auf Gewinn blendet zu sehr, als dass sich spätere
Reue verhindern ließe. Aber die übliche Beschwerdepraxis geht ins Leere. Nicht
einmal Betrug lauert hier, man hat bloß eine Reise im Zeichen des Gewinns
gebucht. Den Flug nach Malta muss man zum Preis eines Komplettarrangements
selbst bezahlen. Aufkeimende Unzufriedenheit über Komfort und Unterbringung
wird milde gestimmt durch den Verweis auf die Gratisgabe. Diese neue Form der
Distribution entlastet den Konsumenten über den Umweg des Gewinns von der
Pflicht zum kritischen Verbrauch.
Die Metaphorik des sportlichen Sieges hat sich so umfassend durchgesetzt, dass
Verlierern die Sichtbarkeit allein noch in tragischen Durchbrüchen zugestanden
wird. Man wird nicht darum herum kommen, die anhand des Hamburger
Todesfalles vom Montag dieser Woche entbrannte Diskussion um Kampfhunde im
Zeichen sozialer Deklassierung zu lesen. Die stigmatisierten Hunde dienen in den
einschlägigen Abstiegsmilieus weniger als Bewaffnung denn als Signal erwarteter
Anerkennung.
Auch wenn der Pitbull als das Böse aufscheint und kurzerhand aus der Welt
geschafft werden soll, ist er doch bloß Teil des Dresscodes derer, die ohne ihn
unsichtbar blieben. Die Diskussion um Zuchtverbot und Halter-Führerscheine ist so
gesehen auch eine um soziale Exklusion. Die Zweidrittelgesellschaft errichtet ihre
Grenzen nicht allein durch den Zugang zum Arbeitsmarkt, sondern immer auch
durch Deutungshoheiten. Soweit zu beobachten war, kamen in den Berichten über
den schrecklichen Unfall von Hamburg-Wilhelmsburg Sprecher aus dem
betreffenden Milieu nicht zu Wort.
Kasuistik des Scheiterns
Will man angesichts solcher Ereignisse nicht in die Falle sozialtherapeuthischer
Erklärungen tappen, wird es darauf ankommen, nach neuen Beschreibungsformen
des Verlierens zu suchen. Erste literarische Erkundungen liegen bereits vor. Die
Berliner Schriftsteller Helmut Höge, Thomas Kapielski und Freunde betreiben in
diesem Sinne schon seit geraumer Zeit eine Kasuistik des Scheiterns, die vor ihrer
eigenen Lebenswirklichkeit nicht halt macht. Unter dem Namen Berliner Ökonomie
haben sie eine alltagstaugliche Philosophie des Sich-Durchwurschtelns entwickelt,
die Scheitern als Chance begreift und Mehrwert aus vielfältigen Formen der
Verschwendung bezieht.
Die Berliner Ökonomie beschreibt das Verfahren eines investiven Potlatschs.
Immer geben die Wirtschaftssubjekte mehr aus als einzunehmen ist. Die Berliner
Ökonomie trägt dem Umstand Rechnung, dass die Auf- und Abstiegsverläufe auf
der sozialen Skala undurchsichtiger geworden sind. Die Soziologie hat bereits den
Begriff des gewinnenden Verlierers (Martin Doehlemann) hervorgebracht, und im
Bewusstsein des Verlierers hat sich eine Gedichtzeile Wolf Wondratscheks
festgesetzt, derzufolge Siegen nur der Anfang einer anderen Qual sei. Aber bei
aller Mühe, die Schwingungen einer komplexer gewordenen Strickleiter des
Sozialen kenntlich zu machen, läuft man Gefahr, die verlierenden Verlierer aus den
Augen zu verlieren.
Am nachhaltigsten ist das gegenwärtige Bild des Verlierers als das Milieu der
Überflüssigen bislang von der Berliner Schriftstellerin Gabriele Goettle
ausgearbeitet worden. In ihren demnächst als Buch erscheinenden Studien zur
urbanen Armut rekonstruiert sie mit den Mitteln literarischer Sympathetik und
kühler Affirmation in immer wieder neuen Anläufen der Beschreibung, des
Verzeichnens und Hinhörens eine Würde der gesellschaftlichen Verlierens, das als
oppulentes Gegenbild zur Allgegenwart des Gewinnens gelesen werden kann.
Goettles Welt hat sich bislang radikal der Gewinnsphäre entzogen. Als Autorin
spielt sie im literarischen Quartett der Lesungen und Interviews nicht mit. Diese
Abstinenz gehört bereits zu ihrer Arbeitsmethode. Über einen Zeitraum von drei
Jahren hat sie das Personal ihrer gesellschaftlichen Gegen-Talk-Show in der
Suppenküche einer Kreuzberger Kirchengemeinde versammelt. Die Gespräche
über offene Beine und das große Ganze aus dem Ruder gelaufener Lebensentwürfe
entwickeln das Schema vom sozialen Durchkommen noch einmal neu.