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Die Kehrseite der Glücksspiel-Glitzerwelt
Medium: Der Bund / CH
Datum: 24. 01. 2001
SPIELSUCHT / Die Lockerung des Spielbankengesetzes hat zur Folge, dass immer mehr Glücksspielerinnen und Glücksspieler süchtig werden - auch im Kanton Bern. Letztes Jahr haben 174 Betroffene oder ihre Angehörigen bei der «Berner Gesundheit» Hilfe gesucht. Nun läuft eine spezielle Präventions- und Behandlungskampagne an.

• WALTER DÄPP, SUSANNA REGLI

Geldspielautomaten, die wie Drogen wirken, Glücksspiele, die vielen Unglück bringen: Die Spielsucht wird auch im Kanton Bern zu einem immer grösseren Problem. Heidi Fritschi, Regionalleiterin der «Berner Gesundheit» und seit 1995 Fachfrau für die Spielsucht-Problematik, nennt Zahlen: 1999 hätten sich hier 81 Betroffene oder Angehörige gemeldet, im vergangenen Jahr hätten (bis Ende Oktober) schon deren 174 um Hilfe und Unterstützung nachgesucht.

Diese Verdoppelung der Betreuten-Zahl innerhalb eines Jahres sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass Spielsucht nicht mehr derart tabuisiert sei wie früher und dass die Beratungsstellen der «Berner Gesundheit» in Bern, Thun, Biel und Burgdorf immer bekannter würden.

Attraktiveres Angebot

Vor allem aber habe die Lockerung des Spielbankengesetzes zu einer Attraktivierung des Spielangebots in den Kasinos geführt. Entsprechend habe die Zahl jener zugenommen, die den Verlockungen erlägen: «Dort, wo es Kasinos gibt, ist die Zahl der Hilfesuchenden deutlich grösser als anderswo - auch bei der Spielsucht spielt die Verfügbarkeit der ,Droge' eine grosse Rolle.» 90 Prozent der Klienten seien übrigens Männer, altersmässig liege der Schwerpunkt seit Jahren zwischen zwanzig und dreissig Jahren. Die Zahl der Betroffenen nehme also zu. «Die Arbeit wird uns jedenfalls nicht ausgehen», sagt Heidi Fritschi, «vor allem auch, wenn ich an die bald entstehenden Grand Casinos mit unbeschränkten Spieleinsätzen, an Börsenspiele und an Internetgambling denke.» Und die Dunkelziffer sei gross: Studien hätten ergeben, dass ein bis zwei Prozent der Bevölkerung eines Landes mit entsprechendem Glücksspielangebot süchtig spielten - das hiesse, dass im Kanton Bern 10 000 bis 20 000 Menschen dieses Problem hätten.

Der Teufelskreis

Unter «süchtig spielen» versteht Heidi Fritschi nicht etwa ein gelegentliches «Gamblen», nein: «Süchtig spielen heisst, sich selber und seiner Umgebung, seinen nächsten Angehörigen grossen Schaden zuzufügen - und trotzdem weiterzuspielen. Es bedeutet, dass man immer wieder ins Spielkasino gehen muss, bis alles, was man bei sich hat, verspielt ist.» In die Beratung kämen Spielsüchtige aber meist erst dann, wenn ihr Schuldenberg schon erdrückend gross geworden sei. Die Glücksspielsucht habe in den meisten Fällen sehr rasch gravierende soziale Folgen: «Die Betreffenden isolieren sich, ihre Beziehungen leiden, es tauchen grosse finanzielle Probleme auf, es gibt Schwierigkeiten am Arbeitsplatz - bis hin zum Stellenverlust.» Und fatalerweise sähen die Betroffenen meist nur einen möglichen Ausweg aus dem Teufelskreis: Das erneute Spielen - in der Hoffnung, sie könnten mit einem Spielgewinn endlich alle Probleme wieder lösen und alle Schulden tilgen. Doch: «Mit Spielen lassen sich Schwierigkeiten, die durch eben dieses Spielen entstanden sind, nicht lösen. Die Leute müssen vom Irrglauben wegkommen, sie könnten mit Spielen wieder zurückholen, was sie beim Spielen verloren haben.»

Sich selber Eintritt verwehren

Im Zentrum der Bemühungen stehe auch in der Spielsucht das Bestreben, mit einer breiten Palette von Massnahmen die Süchtigen zur Abstinenz zu bewegen. Freiwillige oder unfreiwillige Eintrittssperren für Süchtige in Spielkasinos würden im Kanton Bern mittlerweile recht gut befolgt, die Zusammenarbeit mit den Kasinobetreibern sei in den vergangenen Jahren vielversprechend angelaufen. So hätten die Swiss-Casinos im vergangenen Jahr gesamtschweizerisch immerhin 1300 - freiwillige oder unfreiwillige - Sperren ausgesprochen. Diese Sperren dauerten vorerst - ob freiwillig oder unfreiwillig - ein halbes Jahr, erst dann könne ein gesperrter Spieler den Antrag stellen, wieder zugelassen zu werden. Die Kontrollen seien zwar nicht lückenlos, doch auch die Spielkasinos hätten ein Interesse daran, sich ernsthaft mit der Spielsucht-Problematik zu befassen und ethischen Vorgaben nachzuleben. «Kasinos», sagt Heidi Fritschi, «kommen heute nicht mehr darum herum, so zu handeln - nur schon ihrem Image zuliebe. Wenn sie eine Konzession erhalten wollen, müssen sie nachweisen, was für präventive Massnahmen sie treffen. Alle Kasinos müssen ein Sozialkonzept vorlegen. Doch letztlich stehen und fallen alle Bemühungen natürlich mit der Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben.»

Das Pilotprojekt

Dass Suchtprävention und Kasinos zusammenarbeiten, wollte Gesundheitsdirektor Samuel Bhend gestern mit einer Pressekonferenz «am Tatort», im Kursaal Bern, beweisen. Er stellte ein Pilotprojekt im Bereich Spielsucht vor, bei dem die Gesundheitsdirektion mit der Stiftung Contact Netz, mit der Stiftung Berner Gesundheit und dem Blauen Kreuz zusammenarbeitet. Ein Projekt, so Bhend, mit dem die Gesundheitsdirektion «Neuland» betrete - «erprobte Behandlungskonzepte liegen noch nicht vor». Das Pilotprojekt dauert zwei Jahre. In dieser Zeit soll einerseits der Bedarf an Prävention- und Behandlungsangeboten erhoben, andererseits die bereits bestehenden Angebote der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Rund drei Millionen Franken will die Gesundheitsdirektion für das Pilotprojekt aufwenden. Das Geld kommt nicht aus der Staatskasse, sondern aus dem Fonds für Suchtprobleme, der aus Abgaben der Spielkasinos gespiesen wird.

Online-Sucht

sur. In der Schweiz gelten rund 50 000 Netzsurferinnen und -surfer als onlinesüchtig oder zumindest gefährdet. Onlinesüchtige verbringen wöchentlich dreissig Stunden und mehr im Netz. Sie nutzen Internet-Casinos, Chatrooms, E-Commerce, Porno-Sites und Internet-Games.

Konsequenzen dieser Sucht zählte an der Medienkonferenz Jakob Huber, Geschäftsleiter von Contact Netz, auf: Depressionen, Einsamkeit, Verschuldung, Familien- oder Schulprobleme, Arbeitsschwierigkeiten, Jobverlust. Hilfsangebote gebe es in der Schweiz praktisch keine, so Huber. Contact Netz wird im Rahmen der Behandlung und Prävention von Spielsucht (siehe Haupttext) ein Projekt für Onlinesüchtige starten. Es ziele auf Prävention, Früherkennung und Behandlung von Online-Sucht, sagte Huber. «Neben der Faszination soll die Öffentlichkeit auch auf die Gefahr des Internets aufmerksam gemacht werden.»

Fachstellen für Suchtprobleme der Stiftung Berner Gesundheit: Region Bern: Eigerstrasse 80, 3007 Bern, Telefon 031 370 70 70. Region Oberland: Krankenhausstrasse 14E, 3600 Thun, Telefon 033 225 44 00. Region Berner Jura/Seeland: J. Verresius-Strasse 18, 2502 Biel, Telefon 032 329 33 70. Region Emmental/Oberaargau: Bahnhofstrasse 90, 3400 Burgdorf, Telefon 034 427 70 70.

Immer weiter spielen - in der Hoffnung, ein Gewinn löse die Probleme: Spielsüchtige befinden sich im Teufelskreis. Valérie Chételat


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