SPIELSUCHT / Die Lockerung des
Spielbankengesetzes hat zur Folge,
dass immer mehr Glücksspielerinnen und
Glücksspieler süchtig werden - auch im
Kanton Bern. Letztes Jahr haben 174
Betroffene oder ihre Angehörigen bei
der «Berner Gesundheit» Hilfe gesucht.
Nun läuft eine spezielle Präventions-
und Behandlungskampagne an.
WALTER DÄPP, SUSANNA REGLI
Geldspielautomaten, die wie Drogen
wirken, Glücksspiele, die vielen Unglück
bringen: Die Spielsucht wird auch im
Kanton Bern zu einem immer grösseren
Problem. Heidi Fritschi, Regionalleiterin
der «Berner Gesundheit» und seit 1995
Fachfrau für die Spielsucht-Problematik,
nennt Zahlen: 1999 hätten sich hier 81
Betroffene oder Angehörige gemeldet,
im vergangenen Jahr hätten (bis Ende
Oktober) schon deren 174 um Hilfe und
Unterstützung nachgesucht.
Diese Verdoppelung der Betreuten-Zahl
innerhalb eines Jahres sei unter
anderem darauf zurückzuführen, dass
Spielsucht nicht mehr derart tabuisiert
sei wie früher und dass die
Beratungsstellen der «Berner
Gesundheit» in Bern, Thun, Biel und
Burgdorf immer bekannter würden.
Attraktiveres Angebot
Vor allem aber habe die Lockerung des
Spielbankengesetzes zu einer
Attraktivierung des Spielangebots in
den Kasinos geführt. Entsprechend
habe die Zahl jener zugenommen, die
den Verlockungen erlägen: «Dort, wo es
Kasinos gibt, ist die Zahl der
Hilfesuchenden deutlich grösser als
anderswo - auch bei der Spielsucht
spielt die Verfügbarkeit der ,Droge' eine
grosse Rolle.» 90 Prozent der Klienten
seien übrigens Männer, altersmässig
liege der Schwerpunkt seit Jahren
zwischen zwanzig und dreissig Jahren.
Die Zahl der Betroffenen nehme also zu.
«Die Arbeit wird uns jedenfalls nicht
ausgehen», sagt Heidi Fritschi, «vor
allem auch, wenn ich an die bald
entstehenden Grand Casinos mit
unbeschränkten Spieleinsätzen, an
Börsenspiele und an Internetgambling
denke.» Und die Dunkelziffer sei gross:
Studien hätten ergeben, dass ein bis
zwei Prozent der Bevölkerung eines
Landes mit entsprechendem
Glücksspielangebot süchtig spielten -
das hiesse, dass im Kanton Bern 10 000
bis 20 000 Menschen dieses Problem
hätten.
Der Teufelskreis
Unter «süchtig spielen» versteht Heidi
Fritschi nicht etwa ein gelegentliches
«Gamblen», nein: «Süchtig spielen
heisst, sich selber und seiner
Umgebung, seinen nächsten
Angehörigen grossen Schaden
zuzufügen - und trotzdem
weiterzuspielen. Es bedeutet, dass man
immer wieder ins Spielkasino gehen
muss, bis alles, was man bei sich hat,
verspielt ist.» In die Beratung kämen
Spielsüchtige aber meist erst dann,
wenn ihr Schuldenberg schon
erdrückend gross geworden sei.
Die Glücksspielsucht habe in den
meisten Fällen sehr rasch gravierende
soziale Folgen: «Die Betreffenden
isolieren sich, ihre Beziehungen leiden,
es tauchen grosse finanzielle Probleme
auf, es gibt Schwierigkeiten am
Arbeitsplatz - bis hin zum
Stellenverlust.» Und fatalerweise sähen
die Betroffenen meist nur einen
möglichen Ausweg aus dem
Teufelskreis: Das erneute Spielen - in
der Hoffnung, sie könnten mit einem
Spielgewinn endlich alle Probleme
wieder lösen und alle Schulden tilgen.
Doch: «Mit Spielen lassen sich
Schwierigkeiten, die durch eben dieses
Spielen entstanden sind, nicht lösen.
Die Leute müssen vom Irrglauben
wegkommen, sie könnten mit Spielen
wieder zurückholen, was sie beim
Spielen verloren haben.»
Sich selber Eintritt verwehren
Im Zentrum der Bemühungen stehe
auch in der Spielsucht das Bestreben,
mit einer breiten Palette von
Massnahmen die Süchtigen zur
Abstinenz zu bewegen. Freiwillige oder
unfreiwillige Eintrittssperren für
Süchtige in Spielkasinos würden im
Kanton Bern mittlerweile recht gut
befolgt, die Zusammenarbeit mit den
Kasinobetreibern sei in den
vergangenen Jahren vielversprechend
angelaufen. So hätten die
Swiss-Casinos im vergangenen Jahr
gesamtschweizerisch immerhin 1300 -
freiwillige oder unfreiwillige - Sperren
ausgesprochen. Diese Sperren dauerten
vorerst - ob freiwillig oder unfreiwillig -
ein halbes Jahr, erst dann könne ein
gesperrter Spieler den Antrag stellen,
wieder zugelassen zu werden.
Die Kontrollen seien zwar nicht
lückenlos, doch auch die Spielkasinos
hätten ein Interesse daran, sich
ernsthaft mit der
Spielsucht-Problematik zu befassen und
ethischen Vorgaben nachzuleben.
«Kasinos», sagt Heidi Fritschi, «kommen
heute nicht mehr darum herum, so zu
handeln - nur schon ihrem Image
zuliebe. Wenn sie eine Konzession
erhalten wollen, müssen sie
nachweisen, was für präventive
Massnahmen sie treffen. Alle Kasinos
müssen ein Sozialkonzept vorlegen.
Doch letztlich stehen und fallen alle
Bemühungen natürlich mit der
Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben.»
Das Pilotprojekt
Dass Suchtprävention und Kasinos
zusammenarbeiten, wollte
Gesundheitsdirektor Samuel Bhend
gestern mit einer Pressekonferenz «am
Tatort», im Kursaal Bern, beweisen. Er
stellte ein Pilotprojekt im Bereich
Spielsucht vor, bei dem die
Gesundheitsdirektion mit der Stiftung
Contact Netz, mit der Stiftung Berner
Gesundheit und dem Blauen Kreuz
zusammenarbeitet. Ein Projekt, so
Bhend, mit dem die
Gesundheitsdirektion «Neuland» betrete
- «erprobte Behandlungskonzepte liegen
noch nicht vor».
Das Pilotprojekt dauert zwei Jahre. In
dieser Zeit soll einerseits der Bedarf an
Prävention- und Behandlungsangeboten
erhoben, andererseits die bereits
bestehenden Angebote der
Öffentlichkeit bekannt gemacht werden.
Rund drei Millionen Franken will die
Gesundheitsdirektion für das Pilotprojekt
aufwenden. Das Geld kommt nicht aus
der Staatskasse, sondern aus dem
Fonds für Suchtprobleme, der aus
Abgaben der Spielkasinos gespiesen
wird.
Online-Sucht
sur. In der Schweiz gelten rund 50 000
Netzsurferinnen und -surfer als
onlinesüchtig oder zumindest gefährdet.
Onlinesüchtige verbringen wöchentlich
dreissig Stunden und mehr im Netz. Sie
nutzen Internet-Casinos, Chatrooms,
E-Commerce, Porno-Sites und
Internet-Games.
Konsequenzen dieser Sucht zählte an
der Medienkonferenz Jakob Huber,
Geschäftsleiter von Contact Netz, auf:
Depressionen, Einsamkeit,
Verschuldung, Familien- oder
Schulprobleme, Arbeitsschwierigkeiten,
Jobverlust. Hilfsangebote gebe es in der
Schweiz praktisch keine, so Huber.
Contact Netz wird im Rahmen der
Behandlung und Prävention von
Spielsucht (siehe Haupttext) ein Projekt
für Onlinesüchtige starten. Es ziele auf
Prävention, Früherkennung und
Behandlung von Online-Sucht, sagte
Huber. «Neben der Faszination soll die
Öffentlichkeit auch auf die Gefahr des
Internets aufmerksam gemacht
werden.»
Fachstellen für Suchtprobleme der
Stiftung Berner Gesundheit: Region
Bern: Eigerstrasse 80, 3007 Bern,
Telefon 031 370 70 70. Region
Oberland: Krankenhausstrasse 14E,
3600 Thun, Telefon 033 225 44 00.
Region Berner Jura/Seeland: J.
Verresius-Strasse 18, 2502 Biel, Telefon
032 329 33 70. Region
Emmental/Oberaargau: Bahnhofstrasse
90, 3400 Burgdorf, Telefon 034 427 70
70.
Immer weiter spielen - in
der Hoffnung, ein Gewinn
löse die Probleme:
Spielsüchtige befinden
sich im Teufelskreis.
Valérie Chételat