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Heilung für "Pokeristi"?
Medium: Stuttgarter Zeitung
Datum: 20.12.1999
Spieler-Spital

"Pokeristi" nennt man sie in Italien, die hartnäckigen Pokerspieler. So mancher von ihnen hat Haus und Hof verspielt. Seit es Video-Poker gibt, ist die Zahl der Süchtigen noch gestiegen. Aber zu dem vom Spielteufel Besessenen zählen natürlich auch andere Gruppen: Brave Bürger, die bei Pferdewetten ihr Gehalt verplempern, oder Bonvivants, die sich am Roulette-Tisch ruinieren. Ob es in Italien mehr krankhafte Spieler gibt als in anderen Ländern, steht dahin. Jedenfalls habe man "das Problem erkannt", betonen Psychologen in Piemont. Ebendort, in Ivrea, wird deshalb ein Therapiezentrum gegründet, das- erstmals in Italien - auch reumütige Spieler aufnimmt.

Sie sollen unter demselben Dach leben wie die Opfer traditioneller Suchtkrankheiten, nämlich Trinker und Fixer. "Pokeristi werden zusammen mit Rauschgiftabhängigen geheilt", berichtet die Zeitung "La Stampa" über das Spieler-Spital. Zu den Mitarbeitern des Zentrums gehört der Pychotherapeut Sarino Arico'. Seine Theorie: Glücksspiel sei eine krankhafte Sucht, bei der wie bei anderen psychischen Krankheiten der Wunsch nach Selbstzerstörung vorherrscht.

Will der Spieler nicht bloß gewinnen? Nein, behauptet Arico', er habe insgeheim Freude am Verlieren, er wolle eine Niederlage erleiden, auch im weiteren Sinne. Da setzt der Versuch zur Entwöhnung, zur Heilung an: mit Einzel- und Gruppentherapie, unter Einbeziehung der Familie.

In Italien, genauer: in San Patrignano bei Rimini, gibt es das größte Drogen-Entwöhnungszentrum in Europa sowie Dutzende kleinerer therapeutischer Einrichtungen. Dort verfolgt man das Experiment von Ivrea mit Interesse. Unterdessen verfallen immer mehr Bürger dem Spielteufel. Allein für genehmigte Spiele, besonders Lotto und Pferdewetten, geben die ,"italiani" dieses Jahr umgerechnet fast 40 Milliarden Mark aus; hinzu kommen die Umsätze der illegalen Spielhöllen. Kürzlich gewann ein Glückspilz aus einem Provinznest bei Rom umgerechnet 86 Millionen Mark. Er knackte den dicksten Jackpot in der europäischen Lottogeschichte.

Von Bernhard Hülsebusch


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