Spieler-Spital
"Pokeristi" nennt man sie in Italien, die hartnäckigen
Pokerspieler. So mancher von ihnen hat Haus und Hof verspielt.
Seit es Video-Poker gibt, ist die Zahl der Süchtigen noch
gestiegen. Aber zu dem vom Spielteufel Besessenen zählen
natürlich auch andere Gruppen: Brave Bürger, die bei
Pferdewetten ihr Gehalt verplempern, oder Bonvivants, die sich
am Roulette-Tisch ruinieren. Ob es in Italien mehr krankhafte
Spieler gibt als in anderen Ländern, steht dahin. Jedenfalls habe
man "das Problem erkannt", betonen Psychologen in Piemont.
Ebendort, in Ivrea, wird deshalb ein Therapiezentrum gegründet,
das- erstmals in Italien - auch reumütige Spieler aufnimmt.
Sie sollen unter demselben Dach leben wie die Opfer
traditioneller Suchtkrankheiten, nämlich Trinker und Fixer.
"Pokeristi werden zusammen mit Rauschgiftabhängigen geheilt",
berichtet die Zeitung "La Stampa" über das Spieler-Spital. Zu
den Mitarbeitern des Zentrums gehört der Pychotherapeut
Sarino Arico'. Seine Theorie: Glücksspiel sei eine krankhafte
Sucht, bei der wie bei anderen psychischen Krankheiten der
Wunsch nach Selbstzerstörung vorherrscht.
Will der Spieler nicht bloß gewinnen? Nein, behauptet Arico', er
habe insgeheim Freude am Verlieren, er wolle eine Niederlage
erleiden, auch im weiteren Sinne. Da setzt der Versuch zur
Entwöhnung, zur Heilung an: mit Einzel- und Gruppentherapie,
unter Einbeziehung der Familie.
In Italien, genauer: in San Patrignano bei Rimini, gibt es das
größte Drogen-Entwöhnungszentrum in Europa sowie Dutzende
kleinerer therapeutischer Einrichtungen. Dort verfolgt man das
Experiment von Ivrea mit Interesse. Unterdessen verfallen
immer mehr Bürger dem Spielteufel. Allein für genehmigte
Spiele, besonders Lotto und Pferdewetten, geben die ,"italiani"
dieses Jahr umgerechnet fast 40 Milliarden Mark aus; hinzu
kommen die Umsätze der illegalen Spielhöllen. Kürzlich gewann
ein Glückspilz aus einem Provinznest bei Rom umgerechnet 86
Millionen Mark. Er knackte den dicksten Jackpot in der
europäischen Lottogeschichte.
Von Bernhard Hülsebusch