Newsindex
Überfälle nach Bonnie und Clyde-Manier
Medium: Rhein-Neckar Zeitung
Datum: 21. 03. 2001
Raubdezernat klärt vier Banküberfälle auf

Enge Zusammenarbeit zwischen Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft Heidelberg führten zur Aufklärung einer Bankraubserie aus den Jahren 1996 bis 1999. Der 40-jährige Hauptverdächtige und ein 55-jähriger Komplize befinden sich auf Antrag der Staatsanwaltschaft in Haft. Gegen eine 48-jährige mutmaßliche Mittäterin wurde der Haftbefehl gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt. Auf die Spur des Mannes waren die Heidelberger Kriminalbeamten im Jahr 1999 durch einen Hinweis der Kripo Reutlingen gekommen. Dort war der Hauptverdächtige im Rahmen einer Ringalarmfahndung nach einem Banküberfall aufgefallen und es ergaben sich Verdachtsmomente, dass der Mann einst im Raum Heidelberg gewohnt und dort Banküberfälle begangen habe.

Damit begann ein langwieriges Ermittlungspuzzle des Raubdezernates der Heidelberger Kriminalpolizei, an dessen Ende nun vier geklärte Bankraubfälle stehen. Folgende Sachverhalte sind bisher bekannt:

Fall 1: Ein jetzt 40-jähriger Maler und Lackierer, der im Tatzeitraum noch im Rhein-Neckar-Kreis wohnte, wartete am Morgen des 20. Mai 1996 vor der Sparkasse Heidelberg am Universitätsplatz auf das Eintreffen der Beschäftigten, bedrohte diese mit einer Schusswaffe und verschaffte sich so Zugang zur Bank. In der Bank hielt er insgesamt 12 Beschäftigte etwa eine Stunde lang als Geiseln fest. Nach Eintreffen der Bankangestellten, die die Schlüssel zum Tresorraum besaßen, zwang er diese, den Tresor zu öffnen und entkam mit einer Beute von 485.000 DM. Den Fluchtwagen fuhr seine damalige, jetzt 48-jährige Lebensgefährtin. Ein 55-jähriger Komplize, der dem Hauptverdächtigen Maskierungs- und Tatmittel besorgt hatte, versteckte ihn anschließend für einige Zeit und erhielt dafür 150.000 DM aus der Beute. Mit dem Rest der geraubten Summe finanzierte das Paar die Spielsucht des Haupttat-verdächtigen sowie einen aufwendigen Lebensstil (Autos, Urlaub etc.).

Fall 2: Das Geld reichte jedoch nicht lange, denn bereits am 12. Januar 1998 versuchten es der 40-Jährige und seine Lebensgefährtin bei der gleichen Bank erneut. Dieses Mal schlug die Vorgehensweise des Haupttatverdächtigen fehl, da im Gebäude arbeitende Handwerker auf ihn aufmerksam wurden und ihm die weitere Tatausführung zu "heiß" erschien. Er musste ohne Beute fliehen. Wiederum fuhr die Lebensgefährtin das Fluchtauto.

Fall 3: Daraufhin plante der 40-Jährige einen Banküberfall im südwürttembergischen Raum, da ihm ein weiterer Versuch im Raum Heidelberg zu riskant erschien. Seine Wahl fiel auf die Sparkasse Pfullingen, bei der er am 12. Februar 1998 mit der gleichen Masche - dieses Mal im Alleingang -182.000 DM erbeutete. Seiner Lebensgefährtin, die ihre Unterstützung für diesen Überfall versagt hatte, erhielt aus "alter Verbundenheit" 20.000 DM aus der Beute. Auch der 55-jährige Komplize, der beim Ausbaldowern und der Organisation der Tatmittel geholfen hatte, wurde mit einem größeren Geldbetrag bedacht. Der Rest wanderte - meist erfolglos - über die Roulettetische verschiedener Spielkasinos.

Fall 4: Am 01. Juli 1999 überfiel der 40-Jährige die Sparkasse Pfullingen ein zweites Mal. Von den 122.000 DM Beute erhielt der 55-Jährige 20.000 DM. In den Fällen 3 und 4 sperrte der Räuber vor seiner Flucht die verängstigten Angestellten in der Toilette ein. Ende November vergangenen Jahres gelang es schließlich, den 40-Jährigen in seiner Wohnung in Steinheim an der Murr unter Einsatz eines Spezialkommandos festzunehmen. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Heidelberg wurde Haftbefehl erlassen. Er ist für Polizei und Justiz kein Unbekannter, verbüßte er doch in der Zeit zwischen 1988 bis 1993 bereits eine mehrjährige Haftstrafe wegen fünf Banküberfällen im Raum Ludwigsburg.

Wie der Hauptverdächtige in seinem zwischenzeitlich abgelegtem Geständnis offenbarte, waren noch weitere Überfälle auf Geldinstitute beabsichtigt, die lediglich daran gescheitert sein sollen, weil beim Ausbaldowern weiterer Tatobjekte zunächst keine "passende" Bank mehr gefunden werden konnte. Bei der Tatausführung will der Haupttatverdächtige zur Einschüchterung der Bankangestellten stets nur eine Schreckschusswaffe verwendet haben. Eine solche wurde bei Durchsuchungen nicht gefunden. Obwohl der Haupttatverdächtige und seine ehemalige Lebensgefährtin umfangreiche Geständnisse ablegten, schweigt der 55-Jährige, der im Dezember 2000 in Crailsheim festgenommen wurde, bisher zu allen Tatvorwürfen. Das Trio wartet nun auf seinen Prozess vor dem Landgericht Heidelberg. Die Anklage ist bis Anfang April zu erwarten.


Newsindex