In Deutschland gibt es 100.000 Abhängige/
Schulungen für Casino Angestellte
VON MICHAEL DONHAUSER
Münster (dpa). "Nichts geht mehr", sagt der Croupier, wenn im Spielcasino die
Zeit für die Einsätze am Roulette-Tisch um ist und die Kugel ihre letzten Bahnen
zieht. Für viele der Spieler hat der Satz jedoch auch noch eine andere
Bedeutung. Für Tausende von Roulette- und Baccara-Begeisterten ist ihr Hobby zur
Sucht geworden.
Immer mehr Geld müssen sie zwanghaft einsetzen, immer mehr verlieren sie -bis
zum wirtschaftlichen Ruin und zur Beschaffungskriminalität.
Auf 100.000 schätzen Experten die Zahl der Spielsüchtigen in Deutschland. Der
Trend geht deutlich von der Automaten-Höhle zum mondän wirkenden Spielcasino.
Die Firma West-Spiel in Münster, Betreiber von sechs staatlich anerkannten
Spielbanken in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bremen und Berlin, hat das Problem
angepackt. "Wir sehen langfristig keine Basis darin, wirtschaftlich von Gästen
abhängig zu sein, die sich ruinieren", sagt Firmensprecher Bernd Hochheuser.
Deshalb unterziehen sich die Croupiers des Unternehmens, bei dem die Gäste
allein 1998 341 Millionen Mark verloren haben, künftig speziellen Schulungen
unter wissenschaftlicher Anleitung.
Auffällige Zocker sollen erkannt und gezielt angesprochen werden, Broschüren mit
Adressen von Suchtberatungsstellen liegen aus. Hohe Einsätze, der Drang,
Verluste wieder gut machen zu wollen und die steigende Frequenz der
Spielbank-Besuche sind etwa Indizien für drohende Suchtgefahren.
Mit der Erkenntnis von West-Spiel ist zumindest ein Teil der Forderungen
erfüllt, die Ilona Füchtenschnieder, Vorsitzende des bundesweiten Fachverbandes
für Glücksspielsucht in Herford, seit Jahren stellt. Neben dem nach ihrer
Ansicht zu laxem Umgang mit Ausweiskontrollen und regelrechten Anfeuerungsgesten
der Croupiers an die Spieler, ist das viel größere Problem jedoch die
Finanzierung des Casino-Personals.
Der so genannte Tronc, der Trinkgeldtopf für die Angestellten, ist die
Hauptquelle für deren Bezahlung. Kommt viel Geld in den Tronc, geht es den
Croupiers gut. "Warum sollten sie also jemanden vom Spielen abhalten", fragt
Füchtenschnieder. Gerade die Zocker, die ihr ganzes Hab und Gut setzen, lassen
nach ihrer Erfahrung gerne auch einmal ein hübsches Sümmchen in den Topf
wandern. Jetons für mehrere tausend Mark sollen nach saftigen Gewinnen schon auf
einen Schlag im Säckel der Spieltisch-Wärter verschwunden sein. Hochheuser
widerspricht zumindest teilweise. Gerade die Süchtigen seien bei den Croupiers
unbeliebt, weil sie beim Trinkgeld auf jede Mark achteten.
Der Ansatz zu einer Lsung des Problems wäre für die Spielsucht-Expertin die
Festanstellung der Croupiers und damit die Abschaffung des Tronc. "Unmöglich",
sagt dazu Bernd Hochheuser. Das Betreiber-Unternehmen müsse mehr als 80 Prozent
des Spielgewinnes als Steuer an das jeweilige Bundesland abführen. "Der Tronc
ist die Basis des Casinowesens von Anfang an", sagt er. Allerhöchstens eine
Gesetzesänderung könne die Ausgangslage ändern.
Doch dass die Bundesländer ihre Einnahmen von weit mehr als einer Milliarde Mark
jährlich aus den insgesamt 49 Spielbanken in Deutschland schmälern lassen
wollen, glaubt kaum jemand.