Hoch ist die Dunkelziffer der Spielsüchtigen, sagt Ralf Barsties.
Mit dem Leiter des Fachbereichs Sucht beim Diakonischen Werk
sprach Jens Tönnesmann
Wo hört das Spielen aus Lust und Laune auf, wo fängt die
Spielsucht an?
Barsties: Süchtig ist, wer erst aufhört zu spielen, wenn das ganze Geld
verbraucht ist und nur daran denkt, wie er wieder an Geld zum Spielen
kommt. Und es sich schließlich beschafft - durch Lügen, Leihen oder
sogar Stehlen.
Ist jeder, der hin und wieder fünf Mark in einen Automaten wirft,
gefährdet?
Barsties: Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren mit
Spielsüchtigen. Es sind überwiegend Männer zwischen 20 und Mitte 30.
Vielen fehlen von Anfang an soziale Kontakte. Sie wissen nicht wohin
mit ihrer Zeit und gehen irgendwann in eine Spielhalle. Oft gewinnen sie
anfangs und bleiben dann hängen - an den Automaten, die sie belohnen,
ihnen ein Herz zeigen, eine Ersatzbeziehung aufbauen.
Wie können diese Menschen wieder "trocken" werden?
Barsties: Jemand, der spielsüchtig ist, ahnt das als Erster. Aber er ist
der Letzte, der es wahrhaben will. Viele Betroffene versuchen erstmal,
den Absprung alleine zu schaffen. Je öfter sie scheitern, desto tiefer
sinkt ihre Selbstachtung und umso schwieriger wird ein Eingeständnis
gegenüber anderen. Sie müssen einsehen, dass Fortschritte nur in
kleinen Schritten möglich sind und sie Hilfe von Profis brauchen. Dieser
Punkt ist oft erst nach Jahren erreicht, die Dunkelziffer der
Spielsüchtigen dementsprechend hoch.
Wie sieht die professionelle Hilfe der Suchtberatung aus?
Barsties: Die meisten Spieler kommen erst zu uns, wenn sie in einer
existenziellen Krise stecken. Zunächst versuchen wir, diese akuten
Probleme gemeinsam in den Griff zu bekommen. Wir raten dem
Süchtigen, nur noch so wenig Geld wie möglich bei sich zu tragen, die
Geld-Verwaltung Angehörigen oder Freunden anzuvertrauen und sich an
die Schuldnerberatung zu wenden. Ein Muss ist außerdem die
Selbsthilfegruppe "Anonyme Spieler", wo "Profis aus Erfahrung"
weiterhelfen. Sind diese ersten Schritte getan, müssen neue Interessen
und Freunde gefunden werden - sozusagen neue Glücksmomente.
Wie groß ist die Rückfallgefahr?
Barsties: Alkohol und Drogen kann man irgendwie umgehen. Aber Geld,
gewissermaßen das Suchtmittel der Spieler, gehört zum Alltag. Die
Gefahr eines Rückfalls ist immer vorhanden. Entscheidend ist, wie man
damit umgeht: Wenn man schon beim Gedanken, in die Spielhalle zu
gehen, einen anderen Betroffenen aus der Selbsthilfegruppe anruft, hilft
das oft schon.
Wie gehen Angehörige am besten mit Spielsüchtigen um?
Barsties: Machtkämpfe und Anklagen nach dem Motto "Hör auf oder ich
verlasse dich" helfen nicht weiter, sondern erhöhen die Spannung.
Effektiver ist es, die eigenen Beobachtungen mitzuteilen und Kritik zu
üben, anstatt tatenlos zuzusehen.
Wer süchtig ist oder als Angehöriger Hilfe benötigt, kann bei den
Remscheider Suchtberatungsstellen in der Schulgasse 3, 0 21 91/
927 463, und der Bermesgasse 11, 66 33 99, einen Gesprächstermin
vereinbaren oder montags zwischen 15 und 18 Uhr in die Sprechstunde
kommen.