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Riskantes Spiel
Medium: Berliner Morgenpost
Datum: 24. 1. 2000
Casinos wollen mit Automaten und Aktionen aus der Krise

Von Norbert Schwaldt

Berlin - Rien ne va plus - Nichts geht mehr. Als das "Große Spiel" der Casinos in Dresden und Leipzig im letzten Herbst dicht machte, ging ein Schock durch die gesamte Branche. Roulette und Black Jack waren in Sachsen plötzlich nicht mehr gefragt. Niemand in dem erfolgsverwöhnten Wirtschaftszweig hatte geglaubt, dass je Spieltische in Deutschland aufgegeben werden müssten. Zwar öffnen noch immer neue Spielcasinos, doch die Zeiten der Goldgräberei sind längst vorbei. Gab es 1953 erst 17 Spielcasinos, locken heute an die 60 Spielstätten Glücksritter an. Dabei ist der Casinobetrieb an einigen Orten schon ein Trauerspiel: Die Einsätze an den Tischen gehen zurück, die Einnahmen der Branche stagnieren.

Das Automatenspiel ist der Rettungsanker. In den meisten Spielbanken kommt mehr als die Hälfte der Bruttospielerträge von den Automaten. Im Ostseebad Heringsdorf sind es an die 60 Prozent. Da Umsatzstatistiken fehlen, müssen die Spielbankabgaben herhalten.Im vergangenen Jahr kamen zirka 1,2 Milliarden DM in die öffentlichen Kassen, nur wenig mehr als 1998. In den Jahren zuvor waren es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nur 1,21, 1,17 sowie 1,15 Milliarden DM.

Für die Länder und Kommunen, die bis zu 90 Prozent der Spieleinnahmen abschöpfen, sprudelt eine beliebte Steuerquelle schwächer. Berlin wurde vom Negativtrend bisher verschont. Die Finanzverwaltung rechnet für 1999 mit 142 Millionen DM, sechs Millionen DM mehr als im Vorjahr. In den beiden Vorjahren waren es 135 und 129 Millionen DM. Die Überlebensstrategien der Casino-Direktoren sind bunt. Baden-Baden setzt auf das Elitäre, das gesellschaftliche Ereignis. Und so kommen immerhin noch 80 Prozent der Einnahmen von den Tischen, wo Abendkleid und Smoking zum Outfit gehören. "Uns bläst der Wind ins Gesicht", räumt Direktor Ludwig Verschel ein. Die Direktion hat mit einem "Roulette Jackpot" und höheren Gewinnchancen an besonderen Tagen besondere Köder für die Gäste ausgelegt.

"Events" heißt allerorts das Zauberwort der Branche. Das Casino Berlin am Alexanderplatz veranstaltet eine "Smoker's Night" für Zigarrenfreunde sowie Übungsspiele für Debütanten. "Wir müssen viel mehr als bisher werben," sagt Direktor Kai-Uwe Rose. Er schaut sich derzeit nach einem neuen Standort um, weil die oberen Etagen des Forum-Hotels für die 130 Mitarbeiter und täglich im Durchschnitt 540 Besucher zu klein ist. Mit 47 Millionen DM lag der Umsatz 1999 nur eine Million DM über dem Vorjahresniveau. Einen Großteil des Umsatzes spielen die 85 Automaten im Erdgeschoss ein.

Bad Kissingen in Bayern setzt mit seinem Restaurant "Le Jeton" auf Gaumenfreuden. Neue Häuser wie in Stuttgart und Bad Oeynhausen entstanden gleich in Vergnügungsvierteln mit Restaurants, Kinos und Musicaltheatern. Das sichert die Laufkundschaft. So hat auch der Umzug der Spielbank Berlin vom Europa-Center an den Potsdamer Platz nach einigen Startschwierigkeiten einen Umsatzschub gebracht. Der bis zum Jahreswechsel amtierende Direktor Peter Hosemann hat dabei allerdings ein Branchentabu gebrochen. In sein "Casino Leger" dürfen die Spieler auch ohne das ansonsten obligatorische Jacket und Krawatte hinein. Hosemann berichtet von 1500 Besuchern am Tag, die über das vergangene Jahr bei Roulette, Poker oder Baccarat 133 (Vorjahr 109) Millionen DM einsetzten. Aber: "Es lief anfangs nicht rund"

Stolpersteine waren die Baustellen und die kühle Architektur der neuen Spielsäle, die behaglicher gemacht werden musste", sagt Hosemann, der 350 Mitarbeiter beschäftigt. Auch am Potsdamer Platz kommt das Automatenspiel in Fahrt. Hier haben sich die Umsätze in den letzten zehn Jahren verdoppelt und steuern schon 80 Prozent zum gesamten Geschäft bei. "Wir mussten aber sehr viel mehr in das Marketing investieren", räumt Hosemann ein. Hier liegt das Problem vieler Spielbanken. Die Gehälter der bundesweit 3000 Croupiers kommen üblicherweise aus dem Tronc, dem Topf an den Spieltischen, in den die Trinkgelder wandern, und nicht von den Automaten. An machen Abenden bleiben die Troncs fast leer.

An Einfällen für die Besucherwerbung fehlt es nicht. Die vom bevölkerungsreichen Ruhrgebiet profitierende Spielbank Hohensyburg lockt mit neuen Spielen wie das "Punto Blanco", das mit Zusatzchancen aufgepeppt wurde. So genannte "Erstbesucher" gelten als "Wachstumspotenzial", werden besonders an die Hand genommen und erhalten eine "Comeback-Einladung". Animation ist neues Lehrfach in Mitarbeiterschulungen. Es gibt aber auch Gewinner. Der Branchenführer WestSpiel, eine Tochter der Westdeutschen Landesbank in Münster, die sechs Spielorte - darunter das Casino am Berliner Alex - betreibt, spürt noch nichts von der Flaute. Die Besucherzahlen seien leicht gestiegen, sagt Sprecher Frank Mühr und begründet dies aber mit Aktionen zur Besucherwerbung. Mit 380 Millionen DM hätten die Spieler 1999 rund 40 Millionen DM auch mehr eingesetzt als im Vorjahr. WestSpiel plant sogar ein weiteres Casino in Duisburg. "Das geht aber nur noch in bevölkerungsreichen Regionen wie dem Ruhrgebiet", räumt Frank Mühr ein.

Wer allerdings wie in Dresden und Leipzig blind auf die Landkarte setzt, hat sich verspekuliert. Auch eine Branche, die vom Spiel lebt, braucht ein glückliches Händchen. Fahren die einen wie beim Pokern große Gewinne ein, muss es immer Verlierer geben.


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