Casinos wollen mit Automaten und Aktionen aus
der Krise
Von Norbert Schwaldt
Berlin - Rien ne va plus - Nichts geht mehr. Als das
"Große Spiel" der Casinos in Dresden und Leipzig im
letzten Herbst dicht machte, ging ein Schock durch
die gesamte Branche. Roulette und Black Jack waren
in Sachsen plötzlich nicht mehr gefragt. Niemand in
dem erfolgsverwöhnten Wirtschaftszweig hatte
geglaubt, dass je Spieltische in Deutschland
aufgegeben werden müssten. Zwar öffnen noch immer
neue Spielcasinos, doch die Zeiten der Goldgräberei
sind längst vorbei. Gab es 1953 erst 17 Spielcasinos,
locken heute an die 60 Spielstätten Glücksritter an.
Dabei ist der Casinobetrieb an einigen Orten schon
ein Trauerspiel: Die Einsätze an den Tischen gehen
zurück, die Einnahmen der Branche stagnieren.
Das Automatenspiel ist der Rettungsanker. In den
meisten Spielbanken kommt mehr als die Hälfte der
Bruttospielerträge von den Automaten. Im Ostseebad
Heringsdorf sind es an die 60 Prozent. Da
Umsatzstatistiken fehlen, müssen die
Spielbankabgaben herhalten.Im vergangenen Jahr
kamen zirka 1,2 Milliarden DM in die öffentlichen
Kassen, nur wenig mehr als 1998. In den Jahren
zuvor waren es nach Angaben des Statistischen
Bundesamtes nur 1,21, 1,17 sowie 1,15 Milliarden
DM.
Für die Länder und Kommunen, die bis zu 90 Prozent
der Spieleinnahmen abschöpfen, sprudelt eine
beliebte Steuerquelle schwächer. Berlin wurde vom
Negativtrend bisher verschont. Die Finanzverwaltung
rechnet für 1999 mit 142 Millionen DM, sechs
Millionen DM mehr als im Vorjahr. In den beiden
Vorjahren waren es 135 und 129 Millionen DM. Die
Überlebensstrategien der Casino-Direktoren sind
bunt. Baden-Baden setzt auf das Elitäre, das
gesellschaftliche Ereignis. Und so kommen immerhin
noch 80 Prozent der Einnahmen von den Tischen, wo
Abendkleid und Smoking zum Outfit gehören. "Uns
bläst der Wind ins Gesicht", räumt Direktor Ludwig
Verschel ein. Die Direktion hat mit einem "Roulette
Jackpot" und höheren Gewinnchancen an besonderen
Tagen besondere Köder für die Gäste ausgelegt.
"Events" heißt allerorts das Zauberwort der Branche.
Das Casino Berlin am Alexanderplatz veranstaltet
eine "Smoker's Night" für Zigarrenfreunde sowie
Übungsspiele für Debütanten. "Wir müssen viel mehr
als bisher werben," sagt Direktor Kai-Uwe Rose. Er
schaut sich derzeit nach einem neuen Standort um,
weil die oberen Etagen des Forum-Hotels für die 130
Mitarbeiter und täglich im Durchschnitt 540 Besucher
zu klein ist. Mit 47 Millionen DM lag der Umsatz
1999 nur eine Million DM über dem Vorjahresniveau.
Einen Großteil des Umsatzes spielen die 85
Automaten im Erdgeschoss ein.
Bad Kissingen in Bayern setzt mit seinem Restaurant
"Le Jeton" auf Gaumenfreuden. Neue Häuser wie in
Stuttgart und Bad Oeynhausen entstanden gleich in
Vergnügungsvierteln mit Restaurants, Kinos und
Musicaltheatern. Das sichert die Laufkundschaft. So
hat auch der Umzug der Spielbank Berlin vom
Europa-Center an den Potsdamer Platz nach einigen
Startschwierigkeiten einen Umsatzschub gebracht.
Der bis zum Jahreswechsel amtierende Direktor Peter
Hosemann hat dabei allerdings ein Branchentabu
gebrochen. In sein "Casino Leger" dürfen die Spieler
auch ohne das ansonsten obligatorische Jacket und
Krawatte hinein. Hosemann berichtet von 1500
Besuchern am Tag, die über das vergangene Jahr bei
Roulette, Poker oder Baccarat 133 (Vorjahr 109)
Millionen DM einsetzten. Aber: "Es lief anfangs nicht
rund"
Stolpersteine waren die Baustellen und die kühle
Architektur der neuen Spielsäle, die behaglicher
gemacht werden musste", sagt Hosemann, der 350
Mitarbeiter beschäftigt. Auch am Potsdamer Platz
kommt das Automatenspiel in Fahrt. Hier haben sich
die Umsätze in den letzten zehn Jahren verdoppelt
und steuern schon 80 Prozent zum gesamten Geschäft
bei. "Wir mussten aber sehr viel mehr in das
Marketing investieren", räumt Hosemann ein. Hier
liegt das Problem vieler Spielbanken. Die Gehälter
der bundesweit 3000 Croupiers kommen
üblicherweise aus dem Tronc, dem Topf an den
Spieltischen, in den die Trinkgelder wandern, und
nicht von den Automaten. An machen Abenden
bleiben die Troncs fast leer.
An Einfällen für die Besucherwerbung fehlt es nicht.
Die vom bevölkerungsreichen Ruhrgebiet
profitierende Spielbank Hohensyburg lockt mit neuen
Spielen wie das "Punto Blanco", das mit
Zusatzchancen aufgepeppt wurde. So genannte
"Erstbesucher" gelten als "Wachstumspotenzial",
werden besonders an die Hand genommen und
erhalten eine "Comeback-Einladung". Animation ist
neues Lehrfach in Mitarbeiterschulungen. Es gibt aber
auch Gewinner. Der Branchenführer WestSpiel, eine
Tochter der Westdeutschen Landesbank in Münster,
die sechs Spielorte - darunter das Casino am Berliner
Alex - betreibt, spürt noch nichts von der Flaute. Die
Besucherzahlen seien leicht gestiegen, sagt Sprecher
Frank Mühr und begründet dies aber mit Aktionen
zur Besucherwerbung. Mit 380 Millionen DM hätten
die Spieler 1999 rund 40 Millionen DM auch mehr
eingesetzt als im Vorjahr. WestSpiel plant sogar ein
weiteres Casino in Duisburg. "Das geht aber nur noch
in bevölkerungsreichen Regionen wie dem
Ruhrgebiet", räumt Frank Mühr ein.
Wer allerdings wie in Dresden und Leipzig blind auf
die Landkarte setzt, hat sich verspekuliert. Auch eine
Branche, die vom Spiel lebt, braucht ein glückliches
Händchen. Fahren die einen wie beim Pokern große
Gewinne ein, muss es immer Verlierer geben.