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Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen

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Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen
« am: 28 Juli 2020, 21:12:34 »
Hey Leute, mein Name ist Milo und ich lese ab und zu das Forum mit und verfolge auch einige Geschichten (meistens wenn ich mal wieder verloren habe).
Ich würde ebenfalls gerne diesen Thread nutzen, um meinen Weg aus der Sucht zu beschreiben und meinen Weg dabei zu reflektieren, wenn das in Ordnung ist.

Aber erstmal möchte ich kurz meine Situation beschreiben und wie es dazu kam...

Zu mir:
Ich bin 25 Jahre und Student mit einem ganz vernünftigen Einkommen. Ich spiele seit dem ich 18 bin. Früher in Spielhallen, aber immer kontrolliert und mit Spaß. Vor einem Jahr (damals war ich 24) habe ich dann mal aus Spaß Online Slots probiert und, wie bei fast jeden, aus 15 Euro 2000 Euro gemacht. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch wie viel "Glück" das gewesen sein muss und ich habe bis Corona begann nicht mehr gespielt.
Mit Corona kam die Langeweile und ich hab es mal wieder versucht. Im April dann aus 50 Euro 2500 gemacht. Es ist komplett unnatürlich was da in deinem Gehirn abgeht. Ein künstliches Feuerwerk an Dopamin - ekelhaft. Naja, ich dachte: Du spielst noch etwas die nächsten Tage - zu dem Zeitpunkt immer noch kontrolliert - und es dauerte nicht lange da kam der nächste große Gewinn und mein Gehirn dachte sich unterbewusst, dass das wohl kein Glück oder Zufall mehr sei.
So, bis hierhin kann sich wahrscheinlich fast jeder von euch mit der Lage identifizieren. Nachdem ich das erste mal 1000 Euro an einem Tag verlor, war mir das erste mal schlecht, also so richtig - ihr kennt das Gefühl im Magen. Sofort installierte ich einen Blocker und dachte das Zeug fasst Du nie wieder an. Aber das Gehirn merkt sich, wo es sein Dopamin herbekommt. Und so fing ich nach wenigen Tagen an den Blocker zu umgehen.
An dieser Stelle kann ich bis heute vorspulen. Ich habe natürlich alle Gewinne verzockt und noch ordentlich was zusätzlich drauf gepackt. Aktuell habe ich meine Finanzen noch im Griff und reichlich Erspartes über. Im Mai, Juni und Juli habe ich aber jeweils das doppelte meiner Einkünfte verzockt. Also eine einfach Rechenaufgabe, was passiert, wenn es so weiter geht.
Das Finanzielle ist natürlich ärgerlich, aber stellt nicht den eigentlichen Grund dar, weshalb ich mich hier mitteile und mich an euch wende.

Mein Problem:
Meine Psyche leidet extrem. Aber was ist eigentlich das Problem? Wieso spiele ich immer wieder? Diese Frage stellen wir uns doch alle. Ich denke mein Gehirn hat sich einfach zu sehr durch die Reize des Glücksspiels verändert. Ich bin einfach süchtig nach dem Kick. Wenn ich mir vornehme 100 einzuzahlen und plötzlich bei 500 bin, ist es unmöglich geworden aufzuhören (was früher immer problemlos ging). Das Aufhören ist nicht vereinbar mit der entwickelten Gier nach Reizen und führt dazu, dass wieder alles verspielt wird. An diesem Punkt kommt aber erst mein größtes Problem. Denn jetzt geht die Jagd los und es wird doch noch ein bisschen eingezahlt. Moment! Hast du dir nicht vor 20 Minuten noch ein Limit gesetzt? Egal, keine Limits. Ich befinde mich im totalen Rausch. Ich habe Angst vor mir selber, wenn ich in diesem Zustand bin oder daran denke. Denn in diesem Moment verliere ich die Kontrolle über mein Handeln. Eine Tatsache die mich so wütend macht und mit meinen Prinzipien nicht vereinbar ist. Ich würde mich als selbstbewusst, rational und ehrgeizig bezeichnen. Aus diesem Grund macht es mich so sauer, dass so etwas wie Glücksspiel eine derartige Kontrolle über meine Psyche erlangt hat. Nach diesen Kontrollverlusten, also wenn ich "nüchtern" werde, kommt die Depression. Ihr kennt es. Es macht einen einfach fertig, müde und kaputt. Klare Gedanken fassen, selbstbewusst und/oder glücklich sein? Fehlanzeige. Ich brauche aber diesen klaren Kopf, da ich nebenbei selbstständig bin und eine tolle Freundin + Familie habe.
Ich habe bisher drei mal versucht aufzuhören und die Abstände zwischen dem Spielen wurden dabei immer länger (immerhin). 5 Tage, 7 Tage und 14 Tage. Heute bin ich rückfällig geworden. Es stellt sich heraus, dass ich nicht spielen, wenn es mir schlecht geht. Nein, den größten Spieldruck habe ich, wenn es mir gut geht und ich Langeweile habe.
All diese Probleme möchte ich in Form von Zielen angehen und mein Kapitel "Glücksspiel" hiermit beenden.

Meine Ziele:
- Zuerst täglich hier schreiben und meine Gedanken reflektieren. Später alle 2 Tage, dann wöchentlich und irgendwann gar nicht mehr. Ich halte viel von: Out of Sight - Out of Mind.
(Auch wenn man natürlich nie vergessen darf was war)
- 7 Tage - 14 Tage - 1 Monat - 1,5 Monate - 2 Monate spielfrei - Bis Jahresende spielfrei
- Geld wieder wertschätzen lernen
- Freude an einfachen Dingen wiederfinden (Natur, Unterhaltungen etc.)
- Eine sichere Methode für Spieldruck und Schwäche entwickeln (Ratschläge erwünscht)
- Im großen Ganzen einfach glücklicher und ausgeglichener werden
- XXX (Füllt hier gerne weitere Ziele ein, die ihr mir an Herz legt oder sinnvoll findet)

Zusätzliche möchte ich meine Stimmung regelmäßig anhand von ein paar Parametern auf einer Skala von 1-10 erfassen und fange damit direkt an:
(Ich weiß, dass es sich um ein emotionales Problem handelt, aber ich bin ein sehr analytischer Mensch und möchte es mal versuchen. Schreibt gerne, was ihr davon haltet.):

- Spieldruck: 1/10
- Allgemeine Zufriedenheit/Fröhlichkeit: 0/10
- Selbstbewusstsein: 3/10
- Konzentrationsfähigkeit: 1/10
- XXX (Füllt hier gerne weitere Parameter ein, die ihr sinnvoll findet)

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die sich wirklich alles bis hier durchgelesen haben.
Über jede Anmerkung und jede Form von Kritik oder Ratschlag bin ich dankbar.

Ich freue mich regelrecht der Sucht hiermit den Kampf anzusagen und zurück zu meinem Alten Ich zu finden.
Ich weiß, dass es möglich ist, da ich es von tiefster Überzeugung will.
Es ist mir außerdem wichtig, dass alleine zu schaffen. Ich will wieder lernen mit mir alleine klarzukommen - auch wenn ich mal alleine bin und keine Ablenkung habe, denn das wird ein lebenslang so sein.


Liebe Grüße
Milo

*

Offline Olli

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Re: Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen
« Antwort #1 am: 29 Juli 2020, 07:40:27 »
Hi Milo und herzlich willkommen!

Sehr analytisch das alles und strukturiert. Hier und da finde ich ein wenig Deiner Gefühlswelt in Deinen Worten, jedoch auch schon wieder eher distanziert.

Nun, ich dachte mir, als Du am Anfang geschrieben hast hier bereits öfters gelesen zu haben ... jetzt kommt es ... es fehlt immer noch ... hmmm, er vermeidet es ...
Und da ... am Schluss ... die enttäuschende Auflösung: Ich will es alleine schaffen ...
Also tauchte der Satz "Ich suche mir Hilfe in einer SHG oder Suchtberatungsstelle!" doch nicht auf.

Wie war das mit dem Selbstbewusstsein? Wo ist die Rationalität? Und wo ist der Ehrgeiz?
Damit ist es wohl doch nicht so weit her?

Wo ist der "aufrechte" Wunsch zur Veränderung? Der Mut? Die Entdeckerfreude? Der Wunsch zu lernen - sich selbst besser kennen zu lernen?

Ja, die Punkte, die Du da aufzählst, sind alle "nice", wie die Engländer oder Amis sagen. Sie hören sich hübsch an und die Listen lassen sich weiter und weiter führen.
Doch das alles hilft nun mal nicht, wenn Du Dich nicht wirklich mit Dir selbst konfrontierst. Es sind Blocker, die Du mit Leichtigkeit umgehen kannst.

Zitat
Ich weiß, dass es möglich ist, da ich es von tiefster Überzeugung will.

Nein, Milo, da machst Du Dir etwas vor. Du stellst nämlich Bedingungen. Du errichtest Grenzen, die Deine Emotionen schützen sollen.
Wo ist das Problem? Wovor hast Du Angst?
Schmeiße Deine Blockaden über den Haufen und dann kann es los gehen mit der Genesung.

Ca. 6 Jahre, bevor ich spielfrei wurde, ging ich in eine SHG. Sie hatte für mich eine Alibi-Funktion. Was dort erzählt wurde, betraf mich irgendwie nicht. Auch habe ich es zum Großteil nicht verstanden. Also saß ich meine Zeit dort einfach ab. Machmal ging ich hin, weil ich dachte - meine Liebsten haben ja alle Recht - ich muss da unbedingt was tun. Doch jetzt im Nachhinein betrachtet, wollte ich nur so tun, als würde ich etwas aktiv gegen meine Sucht und für mich tun. Unterm Strich wollte ich immer noch nur spielen.
Später, nach diesen 6 Jahren, wollte ich aufrichtig an mit arbeiten - ich war bereits spielfrei. Und siehe da, das, was ich damals nicht verstanden hatte (oder wollte), erreichte mich nun.
Mein Gott, was war das anstrengende geistige Arbeit - aber sie machte Spaß. Es ist ja nicht so, als ob wir noch nie Fahrrad gefahren wären und das Gleichgewichtsproblem dabei noch nie gelöst hätten. Oft haben wir nur vermieden Fahrrad zu fahren - nahmen lieber ein einfacheres Verkehrsmittel, wie den Bus zum Beispiel.
In der SHG sind wir wieder auf das Fahrrad gestiegen und mussten feststellen, dass es doch eigentlich ganz leicht ist.
Diese Erkenntnisse motiviren und machen Lust auf noch mehr Entdeckungen.
Ja, manchmal wird es auch schmerzlich in der SHG. Es sind die Situationen, in denen wir mit den weniger schönen Dingen an uns konfrontiert werden.
Doch wir machen das ja nicht, um uns selbst zu geißeln, wie beim Glückspiel. Wir machen es, um daraus zu lernen. Etwas künftig anders - besser zu machen.
Wir lernen zu akzeptieren wer wir sind. Menschen mit Stärken UND Schwächen.

Ich könnte hier noch ewig weiter schreiben, doch das wäre dann zu viel des Guten.

Daher komme ich auf die Frage zurück: Milo, was blockiert Dich ...?
Gute 24 h
Olaf

(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

Re: Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen
« Antwort #2 am: 29 Juli 2020, 10:51:58 »
Hi Olli,

vielen Dank für deine Antwort.

Du hast Recht, ich bin definitiv noch distanziert... Es ist aber auch das erste Mal, dass ich mich öffnen und meine Gedanken zu dem Problem, auch für mich, verbalisiere.
Den Gedanken mir aktiv Hilfe zu suchen, habe ich noch nie ernsthaft in Erwägung gezogen, um ehrlich zu sein. Ich sehe mich einfach noch nicht an der Stelle, der Suchtspirale und würde es gerne aus eigener Kraft versuchen. Es wäre aber der nächste Schritt, eine Beratungsstelle oder SHG aufzusuchen, wenn ich alleine scheitere.
Was blockiert mich? Das ist eine verdammt gute Frage. Ich denke, ich schäme mich einfach zu sehr. Zusätzlich würde es bedeuten, dass ich verlernt hätte eine intrinsische Motivation aus eigener Kraft zu entwickeln. Ein Gedanke, der mich auf jeden Fall blockiert - macht das Sinn? bzw. ist das verständlich?

Und da ... am Schluss ... die enttäuschende Auflösung: Ich will es alleine schaffen ...


Ich würde gerne wissen, wieso dich das ganze enttäuscht?

Zu heute:
Mir geht es nicht besonders gut oder schlecht. Natürlich schlecht geschlafen etc.
Spieldruck ist nicht vorhanden. Es wird auch ein paar Tage dauern, bis der Druck zurück ist.. kenne ich bereits - aber bereite mich diesmal darauf vor.
In meinem Kopf sind aktuell so viele Gedanken, die ich erstmal sortieren und einordnen muss.

- Spieldruck: 1/10
- Allgemeine Zufriedenheit/Fröhlichkeit: 2/10
- Selbstbewusstsein: 3/10
- Konzentrationsfähigkeit: 3/10

Ich gehe gleich erstmal ins Fitnessstudio und versuche zusätzlich wieder das regelmäßige Meditieren anzufangen (leider komplett vernachlässig während meiner Spielzeit).


Halte euch auf dem Laufenden!

Milo

*

Offline Olli

  • *****
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Re: Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen
« Antwort #3 am: 29 Juli 2020, 11:55:00 »
Hi Milo!

Zitat
In meinem Kopf sind aktuell so viele Gedanken, die ich erstmal sortieren und einordnen muss.

Sehe das, was ich da oben geschrieben habe, bitte nicht als Kritik. Es geht mir nämlich genau um den zitierten Punkt.
Dafür möchte ich Dir Anregungen liefern.
Dieses sortieren und einordnen ist nämlich vollkommen richtig und auch essentiell.

Zitat
Ich würde gerne wissen, wieso dich das ganze enttäuscht?

Weil ich die Suchthilfe, in welcher Form auch immer, als das wirkungsvollste Werkzeug für zufriedenstellnde Verbesserungen ansehe.

Dabei ist es vollkommen egal, an welcher Stelle der Suchtspirale Du Dich (oder irgendwer sonst) befindet.
Fakt ist, Du hast ein Problem bei Dir festgestellt. Das muss gelöst werden, damit es eben nicht mehr belastet.

Hast Du das Auto kaputt, dann suchst Du Dir eine Werkstatt.
Hast Du ein Bein gebrochen, dann gehst Du zum Orthopäden, der Dich vielleicht noch einem Chirurgen vorstellt.

Ich könnte hier noch viele alltägliche Beispiele aufführen, und jedes Mal würdest Du ohne Scham die dort angebotene Hilfe annehmen.
Doch hier geht es um Deine Psyche - und schon ist die Scham im Spiel und blockiert.

Gerade war eine Pressekonferenz im TV, bei der eine Studie vorgestellt wurde, die einen Anstieg des pathologischen und riskanten Internetgebrauchs und Gamings bei Jugendlichen durch die Corona-Krise aufführte.
Keine der Jugendlichen hat sich "etwas dabei gedacht", als sie durch z.B. Langeweile etwas gemacht haben, was heutzutage in geregelten Bahnen eigentlich üblich ist.
Sollen sich jetzt 600.000 Jugentliche lt. Hochrechnung schämen? Sollen sich die Eltern schämen, die das alles erlaubt haben?

Wenn sich alle schämen würden, dann zieht sich jeder in sich selbst zurück und es findet keine Kommunikation mehr statt.
Die ist aber essentiell. Wir brauchen neue Blickwinkel. Wir brauchen Resonanzen. Wir brauchen Lösungen ...
Woher sollen wir uns die besorgen, wenn wir das Problem rein intrinsisch angehen?

Da muss ich Dir ganz klar sagen: Ohne Deine intrinsischen Fähigkeiten IN der Suchthilfe, wird es auch nicht dort zu Veränderungen in Dir kommen.

Zitat
Es wäre aber der nächste Schritt, eine Beratungsstelle oder SHG aufzusuchen, wenn ich alleine scheitere.

Was hatte ich zu Bedingungen geschrieben? :)

Nein, im Ernst ... Solche Aussagen wirst Du hier im Forum alleine hundertfach finden. Jeder möchte es erst einmal "alleine" versuchen.
Ist Dir aber auch bewusst, dass diese Bedingung in Dir ein Scheitern bereits voraussetzt? Zumindest zum Teil?
Das ist nicht nötig.
So manch einer denkt sich "ja, aber wenn ich scheitere, dann schade ich ja nur mir selbst und niemand anderen".
Da muss ich dann einhaken und fragen: Wie wichtig bist Du Dir selbst?
Ist es denn weniger schlimm, wenn Du fällst als jemand anderes?

Leider ist es ein vielverbreitetes Gedankengut erst einmal alles selbst zu versuchen.
Gott sei Dank gibt es aber auch Menschen, die das anders sehen. Ob sie sich das zum Beruf gemacht haben oder als Betroffene anderen Betroffenen unter die Arme greifen wollen.
Es gibt sie - sie sind überall. Sie kommen bloß nicht auf Dich zu - Du musst zu ihnen gehen.

Wenn Du hier die Beiträge durchstöberst, dann wirst Du etliche Resonanzen von Personen finden, die sich Unterstützung in der Suchthilfe gesucht haben.
Was haben sie sich erst innerlich gewehrt - und dann ... alles war ganz anders, positiver, als das Kopfkino es einem vorgegaukelt hatte.

Alleine meine erste Antwort oben hat Deine Gehirnzellen ans Arbeiten gebracht. Nun stelle Dir mal vor, wir säßen uns an einem Tisch gegenüber.
Wir hätten nicht nur virtuellen Kontakt, sondern würden unsere Gesten, Mimiken und damit auch Emotionen zeigen. Das wäre doch weit intensiver - nicht wahr?
Da gäbe es kein Verstecken - keinen Rückzug, wenn sensible Themen angesprochen werden.
Das bringt Dich weiter ...

Es gibt für Dich keinen Grund sich zu schämen. Sei stolz, dass Du das Problem angehen möchtest - aus eigenem Antrieb heraus!
« Letzte Änderung: 29 Juli 2020, 11:58:25 von Olli »
Gute 24 h
Olaf

(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

Re: Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen
« Antwort #4 am: 29 Juli 2020, 12:54:55 »
Hey Olli,

mir sind deine direkten Fragen bewusst und sie bezwecken auch genau das was sie sollen - deshalb schonmal vielen Dank!

Ich verstehe, dass die Suchthilfe das effektivste Werkzeug ist. Es ist ja auch kontrovers genug, dass ich hier schreibe: "Ich möchte es alleine schaffen." Wozu schreibe ich hier dann? Ich könnte ja genauso gut ein ein privates Tagebuch führen, wenn ich keine Hilfe benötige. Aber ich habe mich schließlich aktiv dazu entschlossen hier zu schreiben, um eben genau solche Anregungen, wie von Dir, zu erhalten.

Dieses Forum stellt doch somit auch erstmal eine Form der Suchthilfe dar oder?

Re: Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen
« Antwort #5 am: 29 Juli 2020, 15:29:54 »
Hi Milo, willkommen im Club wo niemand Mitglied sein möchte. Deine Geschichte kenne ich gut, auch der Punkt wo du jetzt bist.
Du versuchst nun, mathematisch und sachlich an dein Problem ranzugehen. Vielleicht klappt das, vielleicht auch nicht. Blöd ist nur, wenn das sachliche so gut funktionieren würde dann wären die Casinos allesamt pleite. Du hast es ja bei deiner spielerei gesehen: Lange zeit kann man kontrolliert spielen, vielleicht auch mit Listen usw. Ohh was habe ich Listen geführt, excel ausgefüllt, Roulette Anleitungen gelesen usw. Irgendwann kommen aber unsere Triebe, unsere Körperchemie (vermutlich noch gepaart mit Alkohol und Lebenskrise, also optimale Mischung) und wir kommen in den Rausch. Genau das schreiben hier sehr viele.

Leider geht das auch umgekehrt, wenn du wirklich im Forum gelesen hast dann hast du auch die Rückschläge mitgekriegt. Es geht lange gut, dann kommt dieses und jenes und hops ist der gute Wille weg und das Geld auch.

Warum schreibe ich diesen Sermon? Ich sage nicht SHG ist eine magische Lösung, aber zusammen gehts besser. Baue dir (solange du noch sachlich denken kannst) alle möglichen Hürden ein. Keine Hürde ist unüberwindbar, aber jede noch so kleine Hürde kann helfen, dich vom einzahlen abzuhalten.
Betblocker installieren. Konten im OC sperren, Paypal, skrill etc sperren, die braucht man nicht. Kreditkarte anweisen nicht an OCs einzuzahlen, Banken ebenso (ja, die wissen genau wer der Finanzpartner ist und können das blockieren, sollte auch in DE gehen).
Mir hilft am meisten jemand zu haben, der die Kontenauszüge anschaut, merkwürdige Bezüge würden zu unangenehmen Diskussion führen.

Wenn du einer dieser Punkte nicht machst dann sei ehrlich zu dir: Du lässt dir eine Hintertüre offen.

Und es wird dir helfen, auch in real dich jemandem zu öffnen. Muss keine SHG sein, kann meiner Meinung auch zB ein Seelsorger sein, sonstige Vertrauensperson usw.

Ehrlich gesagt, dieses Forum ist zwar nett, aber die Wahrscheinlichkeit dass sich jemand danach erkundigt wie es dir geht ohne vorherigen Eintrag ist gering. Eine Vertrauensperson kann genau das tun. Einfach mal fragen: Wie geht es dir....

Also, wie geht es dir jetzt? Bleib stark auf deinem Weg und hör auf dein hart verdientes Geld den Casino Bossen nachzuschmeissen


Re: Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen
« Antwort #6 am: 30 Juli 2020, 11:05:40 »
Guten Morgen Milo,

stark, dass du dein Problem erkannt hast und auch dagegen vorgehen möchtest. Nach deinen Beiträgen kommt es mir so vor, als ob du gegen die Sucht kämpfen möchtest. Stellst deine Geschütze auf und los kann der Krieg gehen. Aus Erfahrung möchte ich dir sagen, dass dieser Krieg so nicht zu gewinnen ist. Anstatt die Sucht zu bekämpfen, solltest du lernen mit ihr zu leben. Sie wird stets ein Teil von dir sein, sie ist somit nicht auslöschbar wie so mancher Feind. Ich kann dir ebenfalls aus Erfahrung sagen, dass mit der nötigen Unterstützung von Hilfestellen (Familie, Therapie, SHG, Suchtberatung und was es noch alles gibt) ein grandioses Leben vor dir steht, mit der Sucht, jedoch ohne sie auszuüben....

Ich wünsch dir was, Milo, pack es an!

aT

Re: Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen
« Antwort #7 am: 31 Juli 2020, 10:54:01 »
Hallo zusammen,

ich hatte gestern den Tag komplett voll mit Aktivitäten und hab mich daher nicht gemeldet.
Heute ist Tag 3 an dem ich spielfrei bin. Mir geht es psychisch soweit ganz gut. Ans Spielen denk macht mich einfach nur traurig und ich verspüre keinerlei Druck.

Vielen Dank auch für eure beiden Beiträge!

@Wombelero Ich habe mir sämtliche Hürden jetzt eingebaut, wie du schon sagst, um mir aktiv jede Hintertür zu versperren.
Zusätzlich, weiß mittlerweile auch ein guter Kumpel von mir Bescheid. Das tat wirklich gut, das Ganze mal mit jemand von Angesicht zu Angesicht zu besprechen.

@aT Mit dem Auslöschen hast du denke ich mal Recht. Ich möchte die Sucht aber gar nicht auslöschen, sondern aktiv bekämpfen, meinetwegen auch mit allen "Geschützen", die mir zur Verfügung stehen. Irgendwann geht bestimmt trotzdem die Munition aus und dann müssen doch andere Methoden her, das weiß ich. Die Sucht als einen Teil von mir zu sehen, fällt mir (noch) nicht leicht. Aber danke für deinen netten Worten, denn ich habe auf jeden Fall noch große Träume und möchte das beste aus meinem Leben machen.

Update Tag 3:
- Spieldruck: 1/10
- Allgemeine Zufriedenheit/Fröhlichkeit: 5/10
- Selbstbewusstsein: 7/10
- Konzentrationsfähigkeit: 4/10

Ich werde mich morgen wieder melden. Heute treffe ich mich mit Freunden und wir ziehen etwas um die Häuser - ich freue mich mega drauf.

Milo

Re: Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen
« Antwort #8 am: 02 August 2020, 11:25:02 »
Hey Milo, also zuerst möchte ich dich einfach mal LOBEN! Du traust dich deine Probleme offen und ehrlich anzusprechen. Das ist schon mal ein absolut wichtiger Punkt in die richtige Richtung. Aber was ich noch beeindruckender finde ist die reflektierende Art, wie du deine Probleme erkennst und damit umgehst. Die Idee deine Stimmung/Emotionen in einer Skala auszudrücken finde ich ebenso bemerkenswert. Durch diese hast du auch die Möglichkeit den Verlauf deiner Stimmung zu beobachten. Vielleicht wird dir das in naher Zukunft noch weiter motivieren. Auch wunderbar, dass du deine Freunde eingeweiht hast. Wie Olli gesagt hat, ist das etwas, was du überhaupt nicht alleine machen musst! Hol dir Freunde, Familie ins Boot und arbeitet zusammen daran. Ihr schafft das zusammen. Es ist viel stärker so etwas zusammen zu meistern und nicht alleine. Ebenso wenig wirkst du schwächer, weil du Leute hast die dir helfen. Sie wollen dir auch helfen und zusammen werdet ihr es auf jeden Fall schaffen.
Außerdem finde ich die Idee, mit dem meditieren wunderbar. Meditation hat auf Menschen eine absolut einschlagende Wirkung - man fühlt den Körper, man fühlt die Seele und man kann so den Geist und den Körper in Einklang bringen. Meditation hilft mir schon lange mich mehr zu verstehen. Deshalb lege ich dir ans Herz auf jeden Fall wieder mit der Meditation anzufangen. Außerdem empfehle ich dir vor allem die geführte Meditation. Hierdurch bekommt man nochmal zusätzlichen Halt durch eine weitere Person. Falls du es benötigst, habe ich hier eine gute Anleitung gefunden, mit der man meditieren lernen und verstehen kann. https://www.medmeister.de/gefuehrte-meditation/ Ich weiß, dass du es schaffen kannst. Du kannst ein Vorbild sein und absolut motivierend sein! Viele sollten sich anschauen, wie du mit dem Problem und der Thematik umgehst. Ich wünsche dir viel Glück auf deiner Reise. Mich hast du auf jeden Fall schon mal beeindruckt!!

Re: Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen
« Antwort #9 am: 03 August 2020, 10:48:05 »
Hallo zusammen,

ich melde mich wieder mit einem Update:

Heute ist Tag 6 an dem ich spielfrei bin. Die letzten zwei Tage war ich viel mit Freunden und Familie beschäftigt und hatte von morgens bis abends keine Zeit ans Spielen zu denken oder mich hier zu melden. Tagsüber denke ich jeden Tag etwas weniger ans Spielen, aber heute Nacht lag ich im Bett und mir schossen wieder tausende Gedanken durch den Kopf. Eigentlich ist man einfach nur müde und möchte schlafen, aber der Kopf denkt sich: Jetzt rekapitulieren wir doch mal deinen dümmsten Momente und rechnen das Geld hoch, das du verloren hast. Es hat ewig gebraucht, bis ich eingeschlafen bin, aber es hat sich trotzdem etwas wie eine Art Verarbeitung meiner Probleme angefühlt. Habt ihr auch solche Moment, wenn ihr einschlaft und wie wertet ihr das?

Heute morgen ging es mir wieder super. Ich freue mich auf den Tag und wieder mit der Arbeit anzufangen. Aktuell würde ich sagen, dass ich eher eine Wut bzw. einen Ekel gegen das Spielen entwickle. Ich weiß aber, dass die schweren Momente noch auf mich warten. Nämlich gerade dann, wenn ich Langeweile hab oder meine Abneigung gegen das Spielen abnimmt. Daher mache ich mir täglich bewusst, was ich möchte und wohin ich will.

@Knappe_11 vielen Dank für deine Worte. Es freut mich, wenn ich neben mir noch andere motivieren kann, ihre Probleme anzugehen. Ich selbst habe bspw. den Werdegang von Mlappa mitverfolgt und mich dann inspirieren lassen.
Zur Mediation: Ich teile deine Meinung absolut und danke dir für den Link. Aktuell habe ich eine recht bekannte App mit Familienabo (ebenfalls geführt und für diverse Situationen). Für solche Dinge geben ich gerne Geld aus, denn dort ist es sinnvoll investiert - und nicht bei den Casinos...

Update Tag 6:
- Spieldruck: 1/10
- Allgemeine Zufriedenheit/Fröhlichkeit: 7/10
- Selbstbewusstsein: 8/10
- Konzentrationsfähigkeit: 6/10


*

Offline Max

  • ***
  • 89
Re: Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen
« Antwort #10 am: 03 August 2020, 20:06:10 »

....Tagsüber denke ich jeden Tag etwas weniger ans Spielen, aber heute Nacht lag ich im Bett und mir schossen wieder tausende Gedanken durch den Kopf. Eigentlich ist man einfach nur müde und möchte schlafen, aber der Kopf denkt sich: Jetzt rekapitulieren wir doch mal deinen dümmsten Momente und rechnen das Geld hoch, das du verloren hast. Es hat ewig gebraucht, bis ich eingeschlafen bin, aber es hat sich trotzdem etwas wie eine Art Verarbeitung meiner Probleme angefühlt. Habt ihr auch solche Moment, wenn ihr einschlaft und wie wertet ihr das?


Hallo Milo,

das ist ganz normal und wahrscheinlich bei jedem gleich.
Gerade in der ersten Zeit nach dem Verlust ärgert man sich und will (oft kann man auch gar nicht wegen fehlender Mittel) erstmal nicht spielen. Man hasst die Zockerei regelrecht und schwört sich damit aufzuhören. Die Erkenntnis, dass man am Ende immer verliert überlagert jeden Suchtdruck (zumindest war das bei mir so). Erst dann, wenn es einem wieder besser geht, wenn man wieder "in der Spur" ist, sich wohl fühlt, Geld hat und einem vieleicht gerade etwas langweilig ist... DANN genau dann meldet sich die Sucht. Das ist der anfälligste Punkt, denn "ein Fuffi geht schon".. und wenn man dann mit dem "Fuffi" auch noch gewinnt, ist man schnell wieder im Flow... beim Verlust eventuell auch, aber da ist die Hürde glaube etwas höher für das Teufelchen...

Man braucht schon eine sehr gute Abwehrstrategie für diese Situation. Ich glaube da hat Oli auch Recht, wenn er sagt, dass einem hier eine SHG sehr hilft.
Ich persönlich bin so rausgekommen, weil meine Schwelle, online zu zocken so hoch ist, dass es derzeit undenkbar ist, dass ich das jemals wieder machen werde. Mittlerweile bin ich 23 Monate und 13 Tage (20.08.2018 war das letzte Mal) online spielfrei. Ohne SHG, trotz mehrerer Rückschläge, weil es bei mir immer so ablief wie oben beschrieben. Aber meine Hürde ist derzeit wirklich so hoch, dass ich denke geheilt zu sein.

Viel Glück, bleib dran und sei gefeit vor dem Teufelchen!

Max

Re: Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen
« Antwort #11 am: 05 August 2020, 10:23:57 »
Guten Morgen zusammen,

seit heute habe ich mein erstes Ziel erreicht und bin 7 Tage spielfrei.

Eigentlich wollte ich mich bereits gestern Abend melden, denn es ging mir wirklich schlecht irgendwie.
Es ist komisch zu beschreiben... Als würde ich längere Zeit keine Zigarette mehr geraucht haben. Regelrecht psychosomatische Auswirkungen, also schlechte Stimmung, reizbar und Kopfschmerzen. Ich habe mich dann dabei erwischt, wie ich daran dachte, dass jetzt nach so einem langen Arbeitstag eine entspannte Runde Casino befriedigend wäre. Ich hätte nicht mal Lust gehabt um Geld zu spielen, aber noch bevor ich diesen Gedanken weiterführen konnte, kamen auch die Vernunft und meine Motivation zurück. Es hat mich regelrecht motiviert, dass es mir schlecht ging, denn so merke ich, dass sich in meinem Kopf etwas tut. Natürlich ist es anstrengend, aber ich kann jedem empfehlen, diese Anstrengung als etwas Positives und Wertvolles zu betrachten. Daher hier das Update zu gestern:
Update Tag 7:
- Spieldruck: 5/10
- Allgemeine Zufriedenheit/Fröhlichkeit: 3/10
- Selbstbewusstsein: 5/10
- Konzentrationsfähigkeit: 2/10

Heute morgen ging es mir wieder besser.

@Max Vielen Dank für deine Antwort! Die Hürde / Schwelle ist denke ich ein wichtiger Punkt. Es sollte doch sogar so sein, dass es irgendwann keine Option mehr darstellt? aber davon bin ich sicherlich noch weit entfernt. Ich gratuliere zu fast 2 Jahren Spielfreiheit - ein Ziel, das ich auch erreichen möchte. Wie lässt du deine Hürde "wachsen" bzw. wie hältst Du Sie über so lange Zeit aufrecht und lässt Sie nicht in Vergessenheit geraten?

Liebe Grüße
Milo

Re: Das Gehirn und die Kontrolle zurückerkämpfen
« Antwort #12 am: 08 August 2020, 14:23:28 »
Hey Leute,

heute bin ich 11 Tage spielfrei und es geht mir großartig. Das Wetter ist einfach herrlich und ich erfreue mich wieder den einfachen Dingen des Lebens.
Es ist aber nicht alles rosig 24/7. Gestern habe tatsächlich ein YouTube Video über Casinos geöffnet, weil mir Langweilig war und ich auch neugierig war, was mit mit passiert, wenn ich es ansehe. Aber nach nicht mal 10 Sekunden kamen wieder Selbsthass und Ekel hoch und ich habe es sofort ausgemacht.

Mich würde außerdem mal ein ganz anderen Thema interessieren. Was haltet Ihr von Pornographie? Ich habe auch seit 11 Tagen mit dem Mist aufgehört, da ich denke es löst ähnliche unnatürliche Reaktionen im Gehirn, wie die Spielsucht aus - bzw. erkenne ich hier einige Parallelen. Sagt mir gerne mal eure Meinung hierzu!

Update Tag 11:
- Spieldruck: 2/10
- Allgemeine Zufriedenheit/Fröhlichkeit: 8/10
- Selbstbewusstsein: 8/10
- Konzentrationsfähigkeit: 8/10

Liebe Grüße und genießt das Wetter!
Milo

 

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