Glücksspielsucht => Tagebuch => Thema gestartet von: Anthrazit80 am 07 Mai 2021, 10:12:42

Titel: Mein Tagebuch Anthrazit
Beitrag von: Anthrazit80 am 07 Mai 2021, 10:12:42
Hallo zusammen!

Ich habe einmal für mein Tagebuch einen neuen Post gemacht. Meine Geschichte findet ihr hier:

https://www.forum-gluecksspielsucht.de/forum/index.php?topic=4826.0

Ich möchte das gerne entkoppeln, weil ich erst jetzt an dem Punkt bin, wo ich ehrlich und aufrichtig bereit bin, nicht mehr zu spielen.

Ich hatte vor 2 Tagen mein Aufnahmegespräch bei "Check dein Spiel" und führe seitdem dort ein Tagebuch. Da ich aber zuvor in diesem Forum mein erstes Coming Out hatte und ich denke, dass dieses Tagebuch hier auch anderen helfen kann,
werde ich quasi doppelt Tagebuch führen. Hier womöglich etwas ausführlicher und freier. Ich habe meiner Therapeutin auch den Link zu meinem Eintrag geschickt.

Ich befinde mich nach dem Aufnahmegespräch immer noch in einer Phase des "bewusst machens", d.h. durchlaufe ich gedankliche viele Situationen, wo ich die Kontrolle verloren habe und denke über die Gründe nach. Auch mache ich mir Situationen aus der Anfangszeit bewusst.

Ich höre den Podcast "glücklich süchtig", lese sehr viel in Foren und schaue Videos von Austeigern, z.B. finde ich Patrick Laslop toll https://www.youtube.com/channel/UCq9KZKN6xsgt8z87GA0AfZg

Bin also derzeit gut beschäftigt. Ans Spielen denke ich wenig bis gar nicht. Ich habe eher Angst an die Zeit (Beim Rauchen ist das auch erst nach 3 Monaten kritisch), wo ich das womöglich wieder etwas lapidarer betrachte.
Aber auch das mache ich mir bewusst.

Auch versuche ich Schamgefühle zwar zuzulassen, aber mich nicht zu vereinnahmen. Was passiert ist, ist passiert. Ich kann es nicht mehr ändern.

Habt einen schönen Tag!
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: Anthrazit80 am 08 Mai 2021, 10:07:59
Ich schreibe weiter mein Tagebuch (bei Check dein Spiel täglich - hier ab und zu) und setze mich sehr bewusst und aktiv mit meinem Problem auseinander. Hatte gestern Abend einen kleinen Trigger, als mir ein Youtube-Video von einem Slot Streamer vorgeschlagen wurden. Habe kurz innegehalten, ganz bewusst darüber nachgedacht und gegen meine Hand geschnippst (Verwirrung der Sinne). Dann habe ich ganz normal das gemacht, was ich machen wollte.

Gestern kam auch meine Steuerrückzahlung, was meine finanziellen Sorgen derzeit in Luft auflöste. Habe mich sehr gut gefühlt und mir geschworen, das Geld auf keinen Fall anzurühren.

Was ich verloren habe, habe ich verloren - das kann ich nicht mehr ändern. Aber was vor mir liegt, kann ich jetzt beeinflussen.Ich kann ganz bewusst - und dieses ehrlich und wirkliche bewusst machen ist wichtig - daran arbeiten, nicht in alte Muster zu verfallen.

Wichtig ist für mich vor allem, zu verstehen, warum ich gespielt habe. Ich rufe mir deshalb auch extra viele Momente ins Gedächtnis.
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: Anthrazit80 am 09 Mai 2021, 06:42:54
Gestern, an einem Samstag, hatte ich zum ersten Mal fast keine Gedanken an das Spielen. Ich konnte wirklich alles genießen und konnte auch meiner Frau die volle Aufmerksamkeit schenken. Es war ein tolles Gefühl und ein toller Tag!
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: Peter Schmidt am 09 Mai 2021, 15:40:48
Hi =)

Ich habe mir mal dein Tagebuch durchgelesen und wünsche dir viel Glück. Ich hoffe das hilft.
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: Anthrazit80 am 10 Mai 2021, 12:13:39
Danke Peter!

Gestern war ja der erste warme Tag des jahres und es war wunderbar. Ich war den ganzen Tag mit meiner Frau im Garten. Ich hatte wirklich seit langer Zeit mal wieder ein unbeschwertes Gefühl und fühlte mich sehr gut.

Es fühlt sich toll an, dass ich mit dem Geld meiner Steuerrückzahlung nun wirklich sinnvolle Dinge mache. Ich habe mir weiterhin vorgenommen, mich jeden Tag mit meinem Problem auseinander zu setzen und nie wieder zu spielen.

Ich habe verstanden, dass man eigentlich nur glücklich sein kann, wenn man das Spielen hinter sich lässt weil das Spielen etliche andere Probleme mit sich bringt.

Ich schreibe auch weiterhin mein Tagebuch bei Check dein Spiel. Das Programm geht vorerst 4 Wochen und dann schaue ich mal wie es läuft. Die Charitas habe ich als Backup auch noch.

Euch allen eine spielfreie Zeit und einen tollen Tag!
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: Anthrazit80 am 14 Mai 2021, 07:29:31
Hi, mal wieder ein Update. Ich bin weiter spielfrei und habe bei meinem Programm bei Check dein Spiel das erste Feedback erhalten.

Es gibt immer wieder einmal Momente, wo ich mich gedanklich dabei ertappe, wie ich nicht unbedingt ans Spielen denke, aber daran, wie ich ein Video auf Youtube schaue. Ich lasse den Gedanken zu, er vergeht aber wieder von selbst.

Interessant finde ich, dass ich bei Youtube keine Glücksspiel Videos mehr vorgeschlagen bekomme. Evt. ein Präventiv-Mechanismus, den die implementiert haben, nachdem man sich durch Google-Suchanfragen (Youtube gehört Google) mit Glücksspielsucht beschäftigt hat.

Ansonsten läuft es gut und ich hoffe euch auch.

Eine spielfreie Zeit!
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: andreasg am 14 Mai 2021, 09:41:02
Hallo Antrazibo,

ich habe neulich mein Google Konto gecheckt, wegen dem Hacker im Untergrund, und dabei mich auch bei You Tube durchgearbeitet. Dort habe ich auch in den Einstellungen, wie beschrieben, Videovorschläge abbestellt. Bei mir geht es z.B. um Cgrsh und Fail Videos, als etwas, was Hohn und Spott in aggressiver Form bei mir auslösen kann.
Ich habe mich ja auch mal hinter den Spieler am Automaten gestellt, und mir was ins Fäustchen gelacht, wenn sein Spiel nicht erfolgreich war.
Deshalb: gut so, Dir diesen Mist nicht anzusehen, es ist im Empfinden schlimmer, das das eigene Ausüben des Geld - verspielens.

schöne 24 Stunden
Andreas
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: P-Toni am 14 Mai 2021, 19:00:06
In 10 Jahren lässt der Algorithmus dann wieder grüßen, das Internet vergisst ja bekanntlich nicht.

Schön, dass du dich so aktiv mit deiner Sucht auseinandersetzt und hier regelmäßig schreibst. Diese Regelmäßigkeit tut gut. Ich bekomme sie nicht ganz hin, bin aber bemüht da ich weiß, dass es wichtig ist seine Sucht nicht aus den Augen zu verlieren. Sonst schnappt sie wieder zu und das wollen wir nicht.

Mir ist es erst unlängst passiert. Ein richtiger Rückfall, aber ich hab meine Lehren daraus gezogen und hoffe spielfrei zu bleiben.

Letztes Jahr hab ich erst erkannt, dass ich ein Problem mit dem Spielen habe und hatte es gestoppt. Mein letztes Spiel vor dieser Erkenntnis brachte sogar einen "Gewinn", mit einem Nervenkitzel den ich mir lieber erspart hätte. Dann 10 Monate nicht gespielt und kurz vor meiner Therapie dachte ich, einmal geht noch, danach kannst du ja nicht mehr... und habe tatsächlich einen kleinen Betrag "gewonnen".

Danach sind wieder Monate vergangen, stationäre Therapie abgeschlossen, ein paar Wochen ein mulmiges Gefühl und dann dachte ich, dass ich sicher bin. Nix da!

In einem Moment hat es mich überkommen und ich war so schnell im alten Muster drinnen.  Einzahlen, verlieren, nachschießen und erhöhen. Das ein paar mal wiederholt in einer Nacht und der Schaden war angerichtet. Obwohl ich mir schon so sicher war, dass mir das nicht mehr passieren kann.
Naja ich hatte mich geirrt und meine Abstinenz hat von dem Punkt an neu angefangen.

Ich bin jetzt wachsamer, achte auf Warnsignale und bin mir erst jetzt bewusst, dass ich niemals eine 100%ige Sicherheit haben kann, dass mir so etwas nicht wieder passiert. Drum sei immer Achtsam, auch wenn du dich schon in Sicherheit wiegst.
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: Anthrazit80 am 17 Mai 2021, 08:35:23
Hi P-Toni,

tatsächlich habe ich mehr Angst vor der Zeit in 3 Monaten, als jetzt. Das ist wie mit dem Rauchen aufzuhören. Und was die Beständigkeit angeht, das Programm bei Check dein Spiel hilft mir da sehr, weil ich dort jeden Tag Tagebuch schreiben muss.

Aber das reicht mir nicht.

Gestern habe ich mit meinem Freund gesprochen, der mich damals "zum Spielen gebracht hat". Auch er hat eine maßlose und Kontrollverlustphase durchlebt und aufgehört. Das Gespräch fand ich super, weil ich so noch einmal alte Muster und Situationen reflektieren konnte.

Ich weiß ja nicht, ob es bei Sucht verschiedene Ausprägungen gibt, aber mittlerweile denke ich darüber gar nicht mehr nach. Ich habe ein Problem und ich muss an mir arbeiten. Und das am besten jeden Tag.
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: Determination am 20 Mai 2021, 13:57:24
Hey Anthrazit80,

wieso hast Du Angst vor der Zukunft?

Natürlich ist die Zukunft gespickt mit Unwissenheit, aber mit der Sicherheit, diese ohne das Spielen bewältigen zu können! Um noch etwas anzutragen, was Du zu Deiner Genesung tun könntest - Dein Defizit ergründen, welches Du mit dem Spielen zu kompensieren versuchst. Um Dir ein Beispiel zu geben - mein Defizit ist mein Selbstwertgefühl. Ich bin sehr versessen, daran zu arbeiten. Auch wenn es 1. sehr viel Arbeit ist und 2. sehr viel Überwindung kostet.

Die Gedanken über die verschiedensten Ausprägungen hab ich mir auch schon gemacht. Es ist bei jedem Suchtkranken anders, demnach muss auch jeder seinen eigenen Weg finden.

Lass mal wieder was von Dir hören. :)
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: Olli am 20 Mai 2021, 14:56:07
Hi!

Zitat
Um Dir ein Beispiel zu geben - mein Defizit ist mein Selbstwertgefühl. Ich bin sehr versessen, daran zu arbeiten. Auch wenn es 1. sehr viel Arbeit ist und 2. sehr viel Überwindung kostet.

Aber 3. auch von Erfolg gekrönt ist! :)
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: Anthrazit80 am 22 Mai 2021, 08:55:21
Hi Determination,

warum ich gespielt habe, habe ich schon ergründet: Langeweile, für den Kick und das schnelle Glücksgefühl.

Mittlerweile habe ich eine große Distanz aufgebaut und kann das viel objektiver betrachten.

Aktuell läuft es super bei mir. Bin weiterhin spielfrei, pflege mein Tagebuch bei "Check dein Spiel" und fülle meine Zeit mit sehr sinnvollen DIngen.

Ich bin auch sehr glücklich darüber, dass ich endlich genug Geld über habe und auch das erste Mal das Gefühl habe, ich kann finanziell planen.

Gestern war ich wirklich das erste Mal richtig glücklich und zufrieden mit mir und der Welt und das ohne Alkohol oder Spielen.

Der Weg hat sich gelohnt und ich kann wirklich nur jedem empfehlen, dass Thema ernsthaft anzugehen. Vor allem wenn man eine gewisse Distanz zum SPielen hat, öffnet das noch einmal die Augen.
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: Anthrazit80 am 09 Juni 2021, 09:16:42
Hallo zusammen!

Ich bin jetzt über einen Monat spielfrei. Ich habe mein Tagebuch bei Check dein Spiel etwas vernachlässigt, aber ich versuche es zu pflegen.

Ich habe mittlerweile einen enorm großen Abstand zum Spielen gewonnen, das alleine hat mir sehr geholfen, Dinge anders zu betrachten. Ich stelle mir nunmehr die Frage, wie ich in all den Jahren nur so blöd sein konnte, meine wertvolle Zeit
und mein Geld mit dem Zocken zu verschwenden. Mein ärger über mich selbst ist schon abgeklungen, aber es gehört auch dazu.

Ich schaue weiterhin "Aussteiger Videos" auf Youtube und lese in Foren.

Aber ich muss wachsam und konsequent bleiben.

Ich wünsche euch eine spielfreie tolle Zeit! Und so langsam ist Corona ja durch und Normalität kehrt wieder ein :)
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: andreasg am 09 Juni 2021, 09:27:13


Ich wünsche euch eine spielfreie tolle Zeit! Und so langsam ist Corona ja durch und Normalität kehrt wieder ein :)

Na Ja, irgendwie haben Spielsucht und Corona einen gemeinsamen Nenner: beide machen schwer krank, beide sind tödlich, keiner kann die Mutationen einschätzen, beide sind Global, und vor beiden brauchen wir viel Schutz.
Der Nachteil der Spielsucht ist: es hilft hier keine Spritze, aber die Maske trägt der Spieler in Suchtausübung vor seinem wahren Gesicht. :-[

Ich wünsche einen wunderschönen Tag, Heute  :)
Andreas
Titel: Re: Mein Tagebuch
Beitrag von: Anthrazit80 am 30 Juni 2021, 11:53:37
Hallo zusammen!

Wieder ein Update: Ich bin weiterhin spielfrei und habe derzeit ein ziemlich ausgefülltes Leben. Wir haben uns Papageienvögel zugelegt und am Wochenende arbeite ich weiter im Gartenhaus.

Ich denke ab und zu noch ans Spielen, verwerfe aber sofort den Gedanken weil ich die Konsequenzen kenne. Als ich mir einmal alle Verluste hochgerechnet habe, das war bitter.

Ansonsten geht es mir gut. Der Abstand zum Spielen ist sehr wichtig. Ich habe auch das Programm Check dein Spiel absolviert, meine Suchtberaterin war zufrieden mit mir.

Wünsche euch eine spielfreie und gesunde Zeit!
Titel: Re: Mein Tagebuch Anthrazit
Beitrag von: Anthrazit80 am 16 Juli 2021, 01:12:04
Liebe Leute,

Mir geht es ausgesprochen gut und ich denke mittlerweile gar nicht mehr an das Spielen. Ich spare und sammle Geld für die wichtigen Dinge im Leben.

Ich fühle mich glücklich und befreit. Wenn ich ans Spielen denke, dann denke ich eher an mein Tagebuch hier.

Ich hoffe, dass alle die hier mitlesen, sich motivieren lassen, den Scheiss sein zu lassen.

Es ist wunderschön so.

Ich wünsche euch eine spielfreie Zeit und einen tollen Tag.

Bis bald!
Titel: Re: Mein Tagebuch Anthrazit
Beitrag von: Anthrazit80 am 19 Juli 2021, 11:20:42
Hallo liebes Tagebuch,

am Wochenende bin ich schwach geworden und habe aus einer Laune heraus wieder gespielt. Aber an einem Automaten in einem Döner.

Ich war mit meinem alten Kumpel unterwegs, mit dem ich damals mal gezockt habe. Wir hatten ne Menge Spaß wie in alten Zeiten und haben dann auch an einem Automaten gezockt.

Es war nicht viel (30€) aber ich fühlte mich am nächsten Tag schlecht und habe mich über mich selbst geärgert. Ich habe es auch meinem Freund gesagt, dass mich die Situation vor allem emotional berührt, weil ich mir vorgenommen habe, nie wieder zu spielen. Er sagte mir, er wusste nicht wie ernst ich das meinte und entschuldigte sich.

Als ich spielte hatte ich auch gar keine richtige Freude daran. Gottseidank gibt es ja Einsatzgrenzen und krasse Spielpausen an den Dingern.

Mittlerweile ärgere ich mich zwar noch, aber nehme es Rückschlag hin und werde noch wachsamer sein.

Ich wünsche euch einen guten Wochenstart!
Titel: Re: Mein Tagebuch Anthrazit
Beitrag von: Olli am 19 Juli 2021, 11:46:54
Hi Anthrazit!

Danke, dass Du diesen Vorfall hier einstellst.

Auch wenn es "nur" 30 € waren, so würde ich das Ganze trotzdem ernst nehmen.
Wie oft hast Du hier berichtet, wie schön es doch ohne spielen ist und dann kommt die Gelegenheit und Du spielst.
Klar wird Dich Dein Freund getriggert haben, doch er war es ja nicht alleine.
Ohne die Bereitschaft zu spielen hätte er ja sgaen können, was er wollte. Doch Du hast die Entscheidung getroffen.
Ist es also wirklich so einfach mit "schwach werden" und "aus einer Laune heraus"?
Deine Reaktion tags darauf zeigt ja, dass Du eigentlich spielfrei sein willst. Du hast gegen Deine Werte und Ziele verstoßen, deshalb das schlechte Gefühl.
Doch in dem Moment, als es geschah, da war das alles Dir egal. Es gab sicherlich den Moment, wo Du sie Dir ins Bewusstsein gerufen hast, um sie dann zu verdrängen.
Was hat Dir das Spielen also in dem Moment mehr gebracht und warum?
Ich finde, dass ist eine interessante Frage, die Du Dir da stellen darfst. Die Antworten bieten die Möglichkeit, dass es kein "tags darauf" mehr mit schlechten Gefühlen gibt.
Titel: Re: Mein Tagebuch Anthrazit
Beitrag von: Anthrazit80 am 20 Juli 2021, 17:16:34
Hi Olli!

Schön zu wissen, dass du hier still mitliest.

Ich sehe das mittlerweile als Learning auf meinem Weg. Ich schätze mich selbst nicht als "Supersuchti" ein, aber dieses Ereignis hat mir gezeigt, dass man
durch Überheblichkeit und Nachlässigkeit schnell schwach werden kann.

Ich muss da einfach an meiner Achtsamkeit arbeiten und vor allem "Nein" zu sagen. Situationsvermeidung und Abstand sind auf jeden Fall zwei nützliche Helfer,
aber alleine durch Abstinenz ist es nicht getan.

LG
Titel: Re: Mein Tagebuch Anthrazit
Beitrag von: Anthrazit80 am 03 August 2021, 10:36:52
Hallo liebes Tagebuch,

leider habe ich heute keine guten Neuigkeiten für dich. Ich habe aus Langeweile und Überheblichkeit wieder in einem Online Casino gespielt und dummerweise auch noch gewonnen.
Ich habe auch den Eintrag hier vor mich her geschoben weil ich mich geschämt und geärgert habe. Aber ich muss das loswerden.

Mittlerweile ist alles wieder weg und ich fühle mich schlecht und enttäusch von mir selber.

Wie konnte ich so einen Aussetzer haben? Wo war meine Vernunft? Wieso dachte ich, dass dieses Mal alles anders wird?

Jetzt, Tage später, begreife ich das erst und frage mich, wieso ich das gemacht habe. Ich bin nicht mal wütend, ich bin enttäuscht von mir und bedrückt.

Ich versuche diesen Rückfall als Teil meines Weges zu sehen.
Titel: Re: Mein Tagebuch Anthrazit
Beitrag von: Olli am 03 August 2021, 11:07:56
Hi "Supersuchti"! :)

Wieso rede ich Dich so an? Ich denke mir, dass Du tief in Dir drin immer noch keine Krankheitseinsicht hast.
Du merkst zwar rein rational, dass da ein "Problemchen" ist, doch eigentlich ist es gar nicht so schlimm.
Wieso solltest Du sonst weiter machen? Knapp zwei Wochen nach dem letzten Rückfällchen nun der Nächste.
Wieso sperrst Du Dich nicht in OASIS, machst kein Geldmanagement ... machst eben "nichts"?
Du hast Fragen, die Du Dir nicht beantworten kannst. Eines kann ich Dir verraten ... mit dem Willen alleine funtioniert es nicht Abstand zum Glückspiel zu gewinnen und sich so zu festigen. Wir sind ja gerade häufig sehr willensstark. Nur was nutzt der Wille alleine, wenn die Gefühlslage gepaart mit Deinen erlernten Reaktionen darauf, den Willen in alle möglichen Himmelsrichtungen ausschlagen lässt? Auch entgegen Deiner Ziele und Werte? Ist das nicht der Grund für Deine Scham hier zu schreiben?
Genesung ist ein Lernprozess. Dabei werden Erfolge gefeiert und es werden Niederlagen eingesteckt.
Erinnere Dich an Deine Schulzeit, Anthrazit. Was hast Du getan, wenn es in einem Fach nicht so funktionierte, wie es sollte?
Hast Du Dich da nicht auf die Hinterbeine gesetzt und gebüffelt? Wenn das nicht gereicht hat, dann hast Du Dir Nachhilfe genommen. (Gerne kannst Du auch hier den Konjunkiv einsetzen.)
Genesung ist manchmal wie Mathe. Ich hatte in meiner Fachabizeit einen Freund, mit dem ich regelmäßig geübt habe.
Kurz vor den Abiklausuren saßen wir wieder zusammen und mein Freund kam vom Hölzchen aufs Stöckchen.
Letztlich landete er nach langem hin und her bei der Frage: Warum ist minus mal minus eigentlich plus ... ?
Wir beschäftigten uns mit Integral- und Differenzialgleichungen und dann kommt diese Frage?
Meine Antwort: Manchmal muss man die Regeln nicht verstehen. Man muss sie akzeptieren um sie dann anwenden zu können.
Für Deine Genesung gilt auch für Dich die Akzeptanz Deines Problems. Wenn Du sie nicht erreichst, beschäftigst Du Dich mit Fragen, die Dich von der eigentlichen Lösung der Gleichung ablenken. Wenn Du aber die Akzeptanz erreichst, dann gehst Du an die Lösung der Gleichung heran und beantwortest Dir vielleicht auch die Fragen, an denen Du gerade jetzt knabberst.

Anthrazit: Es gibt keinen Grund sich zu schämen! Daher bin ich froh, dass Du geschrieben hast.
Jetzt komme aber auch mal in die Puschen und mache die Selbstsperre. Was hälst Du davon?