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Glücksspielsucht => Glücksspielsucht Allgemein => Thema gestartet von: Kastanie90 am 24 Januar 2026, 14:12:28

Titel: Stationäre Therapie
Beitrag von: Kastanie90 am 24 Januar 2026, 14:12:28
Hallo zusammen,

ich möchte gar nicht so lang ausholen mit der Vorgeschichte etc. Nur grob zur Einordnung:

Mein Freund ist seit so ca. 15 Jahren glücksspielsüchtig. Vor zehn Jahren war er das erste Mal in stationärer Therapie für 10 Wochen. Die Abstinenz hat nicht unbedingt lang gehalten, er hat immer mal wieder gespielt. Dann auch wieder eine zeitlang nicht usw.

Wir sind 2023 zusammen gekommen und gleich am Anfang hat er mir von seiner spielsucht erzählt (bevor wir offiziell entschieden haben, eine Beziehung zu führen). Ich hab ihm damals gesagt, dass ich mir Gedanken mache, mich informiere darüber und wir dann noch mal sprechen. Ich habe mich dann für eine Beziehung mit ihm entschieden (er war zu dem Zeitpunkt auch kein aktiver Spieler). 1 1/2 Jahre später, also Anfang 2025, lief es dann auf seiner Arbeit gar nicht gut. Er ist rückfällig geworden. Gebeichtet hat er es mir ein halbes Jahr später. Wie hoch die Schulden wirklich sind, habe ich dann nach und nach erfahren. Wir haben einige Maßnahmen recht schnell unternommen:

1. Gemeinschaftskonto gekündigt
2. meine Eltern eingeweiht
3. Kontozugriff von mir auf sein Konto, kein Dispo, keine Kreditkarte mehr für ihn
4. OASIS Sperre hatte er schon, wir haben möglichst online versucht, alles zu sperren mit ,,NextDNS"
5. Schuldnerberatung angefragt
6. wir waren gemeinsam bei einer suchtberatungsstelle
7. Er ging anfangs zur SHG (das macht er nicht mehr, wobei ich es auch verstehen kann; ich war auch einmal dabei und es passte einfach nicht. Die Gruppe war zu klein und es kamen zu unregelmäßig Leute)
8. er ist in psychologischer Behandlung (kognitive Verhaltenstherapie)
9. das wichtigste und darum soll es eigentlich gehen: Er geht bald in stationäre Therapie (in ca. drei Wochen)
10. er nimmt antidepressiva (hat er damals vor der ersten stationären Therapie auch genommen)

Ich würde schon sagen, wir haben es halbwegs im Griff, aber es ist natürlich schwer (ich gehe seit Dezember auch in Therapie, u. a. auch deshalb).

Mir fällt besonders auf, dass er sehr angespannt ist, dünnhäutig und tatsächlich aktuell auch sehr misstrauisch anderen Menschen gegenüber. Und es kommt viel hoch aus seiner Vergangenheit, darüber spricht er auch teilweise. Ich merke einfach, es kommt viel hoch, weil er vermutlich weiß, er muss bald vieles ,,aufmachen" in der Therapie.

Ich wollte einfach nur mal fragen, ob das ,,normal" ist? Ich mach mir einfach Sorgen um ihn. Er schläft kaum noch, maximal drei Stunden ,,die Nacht". Das in Anführungszeichen, weil er in den frühen Morgenstunden eigentlich erst zum schlafen kommt. Und dann eben nur kurz. Er geht seinem Hobby viel nach, um sich abzulenken und wie er sagt, er braucht jetzt einfach mal kurz ein Erfolgserlebnis, weil alles gerade so schwer ist. Außerdem trinkt er auch viel Alkohol aktuell. Darüber haben wir auch gesprochenen und er weiß auch, dass das nicht gut ist. Er sagt, er kommt einfach sonst gar nicht zur Ruhe und er weiß auch, dass das schon Richtung suchtverlagerung geht, aber er hat einfach noch keinen anderen Weg gefunden.

Ich möchte auch nicht, dass er jetzt die innerliche Einstellung hat ,,ich bekomm eh bald geholfen". Aber irgendwo versteh ich's ja auch. Er ist jetzt seit ca. einem halben Jahr glücksspielfrei, aber ohne sog. Werkzeugkasten. Dann ist es ja auch verständlich, dass er gerade einfach nur irgendwie versucht zu überleben. Aber ja, wie gesagt, ich mach mir einfach Sorgen.

War das bei euch anderen auch so, dass die letzten Wochen vor der stationären Therapie richtig hart waren?

Ich danke euch schon mal für die Antworten.
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: andreasg am 24 Januar 2026, 15:05:40
Hallo Kastanie,

schön, daß Du zu uns gefunden hast. Ja, das ist eine schwere Zeit, aber auch eine sehr wichtige im Leben. Und richtig bemekt, es geht ja primär nicht um ihn, sondern um Dich! Also meine Rückfrage lautet: wer hat den Fahrplan der THerapievorbereitungen erstellt, und wer hat den Werkzeugkasten in Ordnung gebracht?

Ich bin kein Fan von Antidepressiva, und das liegt trotz Depressionen nicht an der dunklen Starre im Gehirn, sondern an meiner Herz - Kreislauferkrankung, daß ich keine nehme. Daß die Selbsthilfegruppe nicht läuft, ich kann es verstehen, die Spielsucht ist ja eingentlich nur eine Bagatelle... (wehe - wenn das der Admin liest),, nein das Forum berichtet viel von den vielen existenziellen Gefahren der Spielsucht, das ist ein muß, für jede, jeden, der an dem Thema arbeitet! Es ist wohl möglich, daß der Austausch untereinander sich im Online - Bereich etabliert, weil ja nicht mehr im www. gezockt wird!

Für meine Klinikaufenthalte wurde ich gehalten, einen Motivationsbericht zu schreiben, bevor über die Aufnahme entschieden wurde. Und dieses Manuskript habe ich mit einem Freund aus meiner Selbsthilfegemeinschaft erarbeitet. Ich mußte meine Koffer packen, mich beim Arbeitsamt abmelden, mir Nachbarschaftshilfe für die Wohnungsversorgung suchen, eine Reisebereitschaft vom Facharzt bescheinigen lassen, mich um die Fahrkarten, das Reisegepäck, etc. kümmern, das war alles der pure Streß, und das Warmup für die Therapie, denn dort ging es halt richtig zur Sache!. Ich war in allen Kliniken bereits spielfrei, war trocken, und in meiner zentralen Kliniktherapie wurde ich rauchfrei, sa war vor über 22 Jahren so.

Ich kenne keine Psychosomatische, die schlicht und einfach ein Ruhekissen darstellt. Es komen in der Abstinenz Gefühle hoch, die ja (in der Sucht) tief vergraben wurden, und über die bislang nie gespochen werden durfte. Diese nun auf dem Silbertablett zu präsentieren, das geht über die Grenzen, und das braucht Training in jeder Form.

Ich wünsche ein Gutes Gelingen für Euch

Andreas
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: FredHH am 24 Januar 2026, 15:12:23
Moin Kastanie,

ich hatte mich seinerzeit riesig darauf gefreut. Fühlte mich so unheimlich "entlastet".
Endlich passiert mal was,endlich kann ich alles loswerden.
Aber genau genommen war ich dann nur dort, weil meine damalige Frau mit Scheidung drohte.
Geholfen hat es leider nicht, das dauere noch weitere 20 Jahre bei mir.

Sehr bedenklich finde ich, Alkohol als "Beruhigung" zu trinken.
Schiimmer geht es meiner Meinung nach nicht.
Da fehlt auch komplett das Suchtverständnis bei deinem Freund.

Immerhin bewegt sich was
VIel Erfolg euch beiden
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: Kastanie90 am 24 Januar 2026, 15:18:05
Danke für deine warmen Worte und deine schnelle Antwort, Andreas!

Also einen Werkzeugkasten hat er eigentlich gar nicht. In seiner aktuellen Therapie haben sie mit einer Liste an Vorschlägen angefangen. Da sollte er ankreuzen, was ihn evtl. ansprechen könnte. Aber so richtig weitergekommen, ist er, was das angeht, eigentlich nicht.

Und zu dem Fahrplan der Therapievorbereitung...also da gibt es soweit ich weiß keinen so richtig. Wir waren damals gemeinsam bei einer Beratungsstelle und die Sozialarbeiterin dort hat mit ihm gemeinsam eine Klinik rausgesucht, dort angefragt und alles aussenrum hat er mit der Versicherung geklärt etc. Auf der Arbeit ist er freigestellt...letzte Woche kam ein Brief von der Klinik (mit packliste und noch mal grob erklärt, wie das so ungefähr abläuft dort). Aber das war's auch schon...gäbe es da eigentlich ,,mehr"?
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: Kastanie90 am 24 Januar 2026, 15:20:01
Hallo FredHH, auch dir danke für deine schnelle Antwort.

Also er freut sich auch auf die Therapie, das kam in meinem Text gar nicht rüber...nur jetzt so kurz vor Beginn ist er einfach extrem angespannt...war das bei dir auch so? Ich will dir nicht zu nahe treten, du musst natürlich nicht antworten...ich will keine Grenzen überschreiten!


Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: FredHH am 24 Januar 2026, 16:02:30
Nee ich war nicht angespannt. Und keine Sorge, immer raus mit den Fragen. Egal was.
Ich antworte in der Regel "brutal" ehrlich,was nicht immer jedem schmeckt.
Also wenn Fragen und du wirklich eine Antwort möchtest, immer her damit.
Gibt hier auch noch viele andere, die dich / euch sicher gern unterstützen.
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: Olli am 24 Januar 2026, 16:40:16
Hi und willkommen!

ZitatWir haben einige Maßnahmen recht schnell unternommen

Wer hat das alles denn initiiert? Er oder Du? Na, da bin ich ja wieder mit der Tür ins Haus gefallen ... :)

Es ist prima, dass er es Dir damals erzählt hatte, als er sich selbst auf der "sicheren" Seite fühlte. Doch als die Sucht den Rückfall einforderte, da war es mit der Ehrlichkeit denn doch nicht so dolle. Ein halbes Jahr konnte er seiner Sucht frönen und hat Dich dann auch nach Strich und Faden angelogen.
Natürlich weiß ich, dass hier die Scham und die Schuld, das dynamische Duo, wieder ihren Tribut gefordert haben.
Wie kam das Ganze denn raus? Hat er sich merkwürdig verhalten? Gab es auf einmal "Zahlungsschwierigkeiten beim Arbeitgeber"?
Oder ist gar der Geldtransporter der Bank auf der Autobahn in einen Unfall verwickelt worden und umgestürzt. sodass der Geldautomat nicht aufgefüllt werden konnte? Oder ist er auf Dich zugekommen und hat sich Dir anvertraut?

Ich werde immer hellhörig, wenn eine Angehörige mir berichtet, dass "wir" doch so viel in die Wege geleitet haben. Zumeist ist es die Angehörige, die den Spieler in Watte packt und ihm die Arbeit abnehmen möchte. Dann besteht der betriebene Aufwand beim Angehörigen aus Arbeit und der beim Betroffenen aus Stagnation und Prokrastination!

Meine Frage zielt also darauf ab, ob Du selbst genug auf Dich achtest. Dass Du selbst eine Therapie anstrebst, ist dafür bestimmt ein gutes Indiz.

Da z.B. ein Geldmanagement immer gemeinsam gemacht wird und ein Redebedürftiger auch immer eine Anlaufstelle benötigt, kann das "wir" auch absolut berechtigt sein.

Wie siehst Du das?


Edit: Oh Gott ... hoffentlich hat keiner meinen Schreibfehler gesehen ... habe ihn ganz schnell korrigiert ... :)
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: Rubbel am 24 Januar 2026, 17:41:41
Hallo Kastanie,

(rein interessehalber:) Habt Ihr Euch im Internet kennen gelernt? Was heißt: wir haben uns entschieden, eine Beziehung zu führen?? Und was haben Deine Eltern mit seiner Suchterkrankung zu tun??

(es gibt ja auch einen Unterschied zwischen Partnerschaft und Beziehung ...) und darauf möchte ich auch hinaus.
Was ich lese von DIR klingt nach Verständnis und Nachgiebigkeit, Fürsorge und Verantwortung ... *sorry* ... wie 'mütterlich'.
Bist Du nie wütend, enttäuscht, sauer, aggressiv - geht Dir das alles nicht auch auf die Nerven??
Was, wenn er alles selbst in die Hand nähme und letztendlich die Sucht besiegen würde? Wäre er dann vielleicht ein ganz neuer Mensch an Deiner Seite?
Ich kann Dir versprechen: Löst er sich von der Sucht und kümmert sich selbst, fällt seinSchuldgefühl bald weg, und im Zweifel nervt dann irgendwann eher jemand, der sich kümmern will - so wie Du.
Du hast ja sogar Verständnis für den Alkohol(miss)gebrauch zum Einschlafen!!

Ich kann nur appelieren an Dich: Lass den Dingen und IHM jetzt freien Lauf und denk an Dich - und erwarte auch keinen regelmäßigen Briefwechsel während der stat. Therapie!
Und definiere für vor allem DICH Grenzen, dann hat er auch übrigens eine wahre Chance eigene Verantwortung zu erlernen und einzuüben.

Auch wenn Dir meine Sichtweise gar nicht gefällt (ich denke an Co-Abhängigkeit),
wünsche ich Euch viel Kraft und
alles Gute!

VG Rubbel

Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: TAL am 24 Januar 2026, 18:13:51
Hallo Kastanie,

Rubbel trifft es da ziemlich gut. Ich habe zwar keine Therapie gemacht, mir ging dieses 'bemuttern' aber ziemlich schnell auf die Nerven (das tat es auch vorher schon, nur war es in meiner aktiven Zeit recht 'praktisch').  Es fiel mir zunehmend schwerer, mein Gegenüber 'ernstznehmen'.

In so einer Situation ist es allerdings schwierig, die 'Mitte' zu finden. Viele Paare schaffen das nicht.

Das nur mal kurz, habe gerade nicht viel Zeit, weil ich gleich los muß.
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: Kastanie90 am 24 Januar 2026, 18:49:58
Ich versuche mal, alles in einer Antwort zu verfassen...

Ich beginne mal mit Olli:

Es ist auf jeden Fall ein großer Vertrauensmissbrauch. Auf der einen Seite habe ich Verständnis, weil es eine Sucht ist, auf der anderen Seite wurde mein Vertrauen missbraucht und das muss auch erstmal wieder aufgebaut werden. Das dauert definitiv seine Zeit...und ehrlich gesagt, freue ich mich auch, wenn er in Therapie geht. Also natürlich auch für ihn, aber wenn ich ganz ehrlich bin, freu ich mich vor allem für mich. Weil ich die Zeit genauso brauche. Mein Nervensystem ist natürlich auch auf Alarmstufe und das schon seit Monaten. Ich möchte mich darin aber nicht verlieren, weil ich auch weiß, ich bin ihm keine Hilfe, wenn ich mich selbst aufgebe. Ich möchte nicht bestreiten, dass das anfangs so war. Aber ich hab wirklich viel dafür getan und richtig viel an mir gearbeitet, dass das nicht passiert (deshalb auch die Therapie für mich).

Es ist so, dass ich am Anfang recht schnell zu ihm gesagt habe, dass er dann vermutlich in Therapie muss (nicht stationär, sondern einfach regelmäßig zur Psychologin gehen). Ich habe mich dann aber schnell zurückgehalten, weil ich eben wollte, dass er es selbst entscheidet. Innerlich war für mich aber das genau die Grenze. Also hätte er gesagt, er macht keine Therapie, hätte ich meine Grenze gezogen (das hab ich ihm aber so nicht gesagt, weil ich ihm nicht drohen wollte).

Von ihm kam dann, dass wir zur Suchtberatung gehen (er hat mich gefragt, ob ich ihn begleiten kann). Er sagte, er habe das damals bei der ersten Therapie auch so gemacht und würde sich da einfach gerne von einer Beratungsstelle Unterstützung holen wollen. Die haben uns dann auch die ganzen Maßnahmen vorgeschlagen (Online so gut wie möglich sperren, Konten trennen etc). Und dann kam recht schnell seine Entscheidung, in stationäre Therapie zu gehen.

Nur bei dem Geldthema hatte ich schon den Hut auf. Weil ich nicht "eingesehen" habe (das klingt abgeklärter, als es sich tatsächlich angefühlt hat), dass er mich quasi mit runterzieht. Wobei das Geldthema, so wie wir es bisher handhaben, nicht auf Dauer so stattfinden kann (also ich hab aktuell quasi den Hut auf). Aber er muss definitiv den Umgang damit lernen.

Also was ich eigentlich damit sagen möchte: Ich weiß, ich muss auf mich achten. Ich finde es richtig schön, dass so viele das hier auch betonen...und ihr habt ja auch voll recht damit...das ist auf jeden Fall auch Arbeit von meiner Seite. Er ist mit seiner Sucht beschäftigt, ich bin damit beschäftigt, einen Weg zu finden, Grenzen für mich zu ziehen, die gesund sind (für mich und für uns beide dann) und grundsätzlich muss natürlich das Vertrauen wieder aufgebaut werden. Das dauert seine Zeit, auch hier bin ich aber eben auch darauf angewiesen, dass er mir zeigt, dass ich ihm Vertrauen kann. Das ergibt sich mit der Zeit aus Taten...ich beobachte und versuche, so oft wie möglich auch meine eigenen Grenzen zu reflektieren.

Zu Rubbel:

Wir kennen uns quasi vom Dorf, haben aber nie so wirklich viel miteinander zu tun gehabt. Wir sind uns dann so richtig über den Weg gelaufen, weil ich eine Wohnung gesucht habe und ich Kontakt mit ihm aufgenommen habe, weil mir gesagt wurde, er kennt jemanden, der eine Wohnung hat, die gerade frei ist...usw.

Wir haben uns oft getroffen, uns kennengelernt, tiefgründige Gespräche geführt und da hat er mir dann eben auch gesagt, dass er unter Spielsucht leidet. Ich hab für mich entschieden, dass "Risiko" einzugehen und natürlich darauf gehofft, dass er ehrlich mit mir ist.

Und ja, ich bin wütend, teilweise auch aggressiv. Enttäuscht in dem Sinne, dass er mich angelogen hat, ja. Und nicht alles muss unter dem Deckmantel "ja ich bin halt süchtig" laufen, darüber sprechen wir oft. Ich teile mich trotzdem mit und ich riskiere auch mal einen Streit etc. Dass er mich angelogen hat, liegt hinter uns. Aber ich habe ihm auch gesagt, dass Ehrlichkeit jetzt das Wichtigste ist. Dass ein Rückfall dazu gehört, er es mir aber eben frühzeitig (und mit frühzeitig haben wir vereinbart, in den nächsten 24 Stunden nach Rückfall) mitteilt und wir dann gemeinsam Maßnahmen ergreifen (Stabilität finden, Hilfe holen etc.).

Ich kann nicht in die Zukunft sehen. Aber natürlich hoffe ich, dass er mir in Zukunft die Wahrheit sagen wird. Die Angst schwingt mit, mein Vertrauen ist noch nicht wieder zu 100% zurück. Aber mir bleibt aktuell nichts anderes übrig, als ihm den Vorschuss an Vertrauen zu geben. Wenn ich das nicht tun würde, dann wäre die Beziehung irgendwie sinnlos. Was passiert, wenn er mich anlügt und wie meine Grenze dann aussehen wird, weiß ich nicht. Mein Kopf sagt ganz rational, dass ich dann gehen muss. Ob ich dann wirklich nach meinem Kopf entscheiden kann, weiß ich nicht. Und ich hoffe wirklich sehr, dass ich in diese Situation nicht kommen werde.

Dass ein Rückfall passieren wird, macht mir eigentlich keine Angst. Mir macht nur Angst, dass er es wieder so lang verheimlicht.

Ich möchte den Weg mit ihm gehen und ich möchte, dass wir beide daran wachsen. Das ist mein größter Wunsch. Ich wünsche mir für uns, dass er seine Muster erkennt und auflöst und genauso wünsche ich das auch von mir.

Und ja, du hast so recht. Ich lass den Dingen und ihm jetzt freien Lauf...so kann es funktionieren...nur so...
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: Kastanie90 am 24 Januar 2026, 18:54:06
...noch ein kurzer Nachtrag wegen meiner Eltern: Mir war wichtig, es meinen Eltern zu sagen, weil ich diese Stütze für mich selbst wollte. Ich wollte das nicht allein tragen. Und wir haben es dann tatsächlich auch gemeinsam gesagt (er war damit einverstanden, hat anfangs keine Luftsprünge gemacht und hat auch gesagt, er macht das jetzt wirklich nur mir zu Liebe).

Ob das für ihn persönlich gut oder schlecht war (oder für unsere Beziehung), muss ich ehrlich sagen, ist mir egal. Ich habe das in dem Moment gebraucht und ich bin froh, dass meine Eltern Bescheid wissen. Sie verurteilen ihn nicht, wir können immer sprechen, aber sie sind auch nicht aufdringlich oder so. Sie sind einfach für uns da (mental/emotional).

Vielleicht liegt es auch daran, dass mein Bruder 10 Jahre in Therapie war wegen Depressionen. Da kennt man zumindest ein bisschen den Umgang (mit Sucht natürlich noch mal ganz anders!) aber ich sag mal die "Offenheit" ist gegeben.
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: Kastanie90 am 24 Januar 2026, 19:05:00
Hallo Tal,

danke für deinen Beitrag. Dazu möchte ich unbedingt ergänzen, dass er dass tatsächlich auch fast genau so zu mir gesagt hat.

Also vor allem am Anfang, als ich mich so mehr oder weniger in dieses Suchtthema reingestürzt habe. Da haben wir dann auch darüber gesprochen und er sagte mir, dass das "bemuttern" nicht gut ist. Dass er versteht, dass ich dadurch irgendwie Kontrolle haben möchte, aber dass das einfach nicht gut ist. Dass er in seinem Tempo gehen muss und er da (leider) keine Rücksicht drauf nehmen kann, dass mir das vielleicht manchmal zu langsam ging. War für mich natürlich extrem schwer, weil ich erstmal misstrauisch war und dachte ok, er möchte mich damit jetzt manipulieren (wisst ihr wie ich meine?). Aber dadurch, dass er ja dann wirklich tätig wurde und wirklich Therapie etc. angegangen ist, konnte ich das ablegen. Ich würde sagen, er ist mir da entgegegen gekommen, aber ich musste auch lernen, ihn "machen zu lassen".

Bewusst "Vergangenheit", weil diese Gespräche wirklich am Anfang stattfanden. Ich würde sagen, mittlerweile ist die Kommunikation schon wieder auf Augenhöhe und ich bemuttere nicht mehr.
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: Kastanie90 am 24 Januar 2026, 19:13:13
...tut mir leid, ich schreib hier total viel und vielleicht auch total durcheinander...auch noch mal ein Nachtrag, wie ich es erfahren habe:

Es sind einige Briefe bei uns zu Hause eingetrudelt, also mit einige meine ich wirklich richtig viele. Und die waren dann aber am nächsten Tag dann immer alle direkt weg. Und da wurde ich schon etwas stutzig (hab aber noch gar nicht ans Spielen gedacht). Irgendwann war ein einziger Brief noch offen auf dem Schreibtisch (aber falschherum, so dass ich nicht lesen konnte, was drin stand). Mit viel Überwindung hab ich ihn umgedreht und gesehen, dass es ein Inkasso Brief von "Terd". Dann hab ich gegoogelt und solangsam ist es mir gedämmert.

Anfangs hab ich ihn gefragt, ob etwas nicht stimmt und er mir etwas sagen möchte. Das hat er verneint.

Irgendwann hab ich dann geradeheraus gefragt, ob er gespielt hat. Erst sagte er nein und gefühlt drei Minuten später ist er dann zusammengebrochen. Und so nahm das alles seinen Lauf...
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: TAL am 25 Januar 2026, 01:59:04
Normalerweise halte ich mich bei Angehörigen zurück, weil ich sehr vieles an deren Verhaltensweisen nicht verstehe, und daher immer etwas... mhh... 'unempathisch'... rüberkomme. Was wahrscheinlich sogar gar nicht ganz falsch ist, aber eben auch nicht hundertprozentig richtig.
Manche Spieler hingegen glauben, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Das wäre mir auch zu anstrengend. Deren 'Denke' kann ich daher ehrlicherweise auch nicht immer nachvollziehen. Von daher...
... egal, ich bin etwas angetrunken, also versuche ich es trotzdem.

Würde mir jemand vor einer möglichen Beziehung sagen, er sei spielsüchtig, wäre das für mich heute ein Ausschlußkriterium. Allerdings wäre das vor meiner eigenen 'Karriere' wahrscheinlich noch nicht der Fall gewesen. Zu sagen, sowas sei 'naiv', wäre daher wohl etwas unfair, auch wenn ich das beim Lesen eben dachte.

Es wird hier (und anderswo) viel und oft von 'Schuld' gesprochen. "Du trägst keine Schuld.", oder "Laß dir bloß keine Schuldgefühle einreden, er manipuliert dich nur."
Das ist prinzipiell absolut korrekt, keine Frage. Dennoch würde ich sagen: zu einer solchen Beziehung gehören immer zwei. 'Topf und Deckel', oder wie man das sagt. Und das genau ist oftmals das Problem. Denn Personen wie ich ziehen Personen wie dich an - und umgekehrt. Es ist das, was in unserer jeweiligen 'Komfortzone' liegt. Das Gewohnte.
Was dann entsteht, würden sogenannte Experten wohl eine 'toxische Beziehung' nennen, an der man sich im Laufe der Zeit völlig 'aufreibt'. Das kann ja niemand ernsthaft wollen. Es sei denn, er ist süchtig, und hat einen Vorteil davon. Ähm...

Also... richtig. Das Schlüsselwort lautet 'Augenhöhe'. Das zu erreichen, nachdem die Beziehung vorher jahrelang von irgendwelchen Abhängigkeiten geprägt war, ist nicht einfach. Im Grunde genommen kann man ja sagen, ihr kennt euch gar nicht 'wirklich'. Da ist es gut möglich, daß einem von euch (oder auch Beiden) die neue / alte 'Version' des Anderen überhaupt nicht gefällt.
Spielfrei zu werden (und das gilt wohl für jede Sucht) ist keine leichte Aufgabe, absolut nicht. Da kann ich keine Kompromisse machen, keine Rücksicht nehmen. Im Idealfall ist es andersrum genauso, und auch du sagst nein, wenn dir etwas nicht paßt, statt alles hinzunehmen. Da sieht man dann schnell, ob es zukünftig geht, oder nicht.

Nur leider ist es oft eben nicht so. Ein Spieler, der wirklich ernsthaft dabei ist, ist da oftmals viel 'weiter' als sein Umfeld. Was ja auch kein Wunder ist, denn er ist ja derjenige, der etwas ändern muß, der sich mit sich selbst beschäftigen muß. Angehörige hingegen glauben oft, Spielfreiheit des Partners würde bedeuten, sie bekommen jetzt die 'guten Seiten' des Partners ohne die 'schlechten'. Nur gehörten auch die vermeintlich 'guten' Seiten zur Fassade dazu. Auch sie waren sehr wahrscheinlich nicht alle authentisch, sondern nur Teil der Show, die nötig war, um die Sucht zu schützen. Also ja, auch das gehört zur Manipulation.
Am Ende ist es dann etwas ganz Anderes, 'Neues', und das funktioniert dann nicht immer.
Das meinte ich mit "Nicht alle schaffen das."

Meine bessere Hälfte mußte auch erst lernen, daß ich kein kleines Kind bin. Die Tatsache, daß ich noch andere 'Baustellen' habe, die mich im Alltag tatsächlich einschränken, machte es nicht leichter. Es ist ein sehr schmaler Grat zwischen Bevormundung und Hilfe.

Du hast das also schon richtig erkannt, zumindest rein gedanklich und rational: Taten statt Worte. Und Hilfestellung ja, aber keine komplette Übernahme der Verantwortung. Plus die Gewißheit, daß er das mit der Therapie nicht für dich tut, sondern für ausschließlich sich selbst. Denn deine Meinung zählt da nicht.

Ich wäre an seiner Stelle übrigens wahrscheinlich auch sehr aufgeregt vor einer stationären Therapie, nur würde man das bei mir (leider) nicht unbedingt merken. Das ist also nicht ungewöhnlich. Und es zeigt zumindest, daß er weiß, daß er nicht bloß seine 'Zeit absitzen' muß, bis er geheilt ist, sondern daß sowas mit Arbeit verbunden ist, auch mit sehr unangenehmer.

Gedunde Skeosis ist da noch eine ganze Weile angebracht, und ob es hilft, wird die Zeit zeigen. Da ist Geduld gefragt. Und darin seid ihr wahrscheinlich Beide nicht sehr gut.
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: Kastanie90 am 25 Januar 2026, 11:43:55
Dass sich die guten Seiten vielleicht auch ändern, das hatte ich ehrlich gesagt gar nicht auf dem Schirm. Und dass die vermutlich auch zu seinem Konstrukt gehören / gehörten. Aber ja, macht natürlich Sinn.

Ich bin gespannt, welchem Menschen ich begegne, wenn er das alles hinter sich lassen kann und auf dem Weg dahin muss ich ,,einfach" schauen, ob mir das gefällt oder nicht (und natürlich andersrum). Ich denke wir werden uns beide verändern. Für uns persönlich (hoffentlich) positiv. Ob es dann langfristig auch für unsere Beziehung positiv sein wird, wird sich zeigen. Ich hoffs natürlich sehr, aber nicht (mehr) blind.

Also ich bin wirklich froh, hier reingeschrieben zu haben. Ihr seid alle sehr empathisch und die ehrliche und direkte Art ist genau das, was ich gebraucht habe und was ja Empathie nicht ausschließt :-) vielleicht finden noch ein paar den Weg in diese Unterhaltung und berichten davon, wie sie sich kurz vor der Therapie gefühlt haben.

Ich danke euch allen!!
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: Rubbel am 25 Januar 2026, 12:13:46
Hallo Kastanie,

ja, was TAL Dir schrieb, ist wertvoll, weil sie ehrlich schreibt und aufräumt mit so vielen Floskeln und Vorurteilen. Das tut allerdings nicht jede/r.
Besser Du lernst, beides voneinander zu trennen und nicht außer Acht zu lassen, dass viele Leute - auch hier - nicht die Offenheit aufbringen oder ihre eigene nicht mal wahrnehmen. ist ja auch aufwändig und geht nur mit ehrlicher Selbstreflektion.

Frag doch erst mal Dich selbst, welches Eure Verbindung ist, was sie ausmacht, was sie wichtig macht. Wenn es bei ehrlicher Betrachtung so ist, dass Deine Stütze und Dein Wunsch nach 'Unentbehrlichkeit' vorherrschen, ist das eh keine haltbare Basis.
Wenn er sich an Dich anlehnt, weil ihm klar ist, dass Du nicht loslassen kannst oder willst, dass Du ihm z.B. weiterhin Alkohol als Beruhigungsmittel zugestehst, dann bedeutet das irgendwann sehr viel Leid, das Ihr Euch ggs. antut.

Was Deine Frage nach den Gefühlen vor Therapie angeht ... wie würde Dein Partner selbst sie denn beschreiben? DArauf kommt es an. Kann er das? Ist er offen oder lässt er Dich mutmaßen?
Die Gefühle sind sicher nicht einfach fassbar und widersprüchlich.

VG Rubbel
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: Kastanie90 am 25 Januar 2026, 12:30:06
Hallo Rubbel,

ja, er sagt selbst, dass er merkt, dass viel hochkommt. Und dass er das alles eigentlich noch nicht aufmachen will. Er sagt, er möchte das in der Therapie machen, weil er das Umfeld um sich herum braucht, um halbwegs ,,geordnet" in die Themen zu gehen. Er sagt auch, er weiß, was auf ihn zukommt, deshalb freut er sich auch darauf. Er sortiert gerade und teilt sich sehr viel mit. Gleichzeitig ,,ermahnt" er sich oft auch selbst. Er sagt, er will eigentlich noch gar nicht so tief rein, weil es halt extrem anstrengend ist und er das sowieso bald 12 Wochen lang macht und er eigentlich die Zeit davor halbwegs mit mir genießen möchte.

Aber ich bin froh, dass er sich mitteilt. Er sagt selbst, dass er das eigentlich nie konnte, ohne verurteilt zu werden oder ,,nicht gesehen" zu werden. Ich denke, da ist er zumindest innerlich schon einen großen Schritt nach vorne gegangen...
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: FredHH am 25 Januar 2026, 13:37:15
Zitat von: Kastanie90 am 25 Januar 2026, 12:30:06
ja, er sagt selbst, dass er merkt, dass viel hochkommt. Und dass er das alles eigentlich noch nicht aufmachen will. Er sagt, er möchte das in der Therapie machen, weil er das Umfeld um sich herum braucht, um halbwegs ,,geordnet" in die Themen zu gehen. Er sagt auch, er weiß, was auf ihn zukommt, deshalb freut er sich auch darauf. Er sortiert gerade und teilt sich sehr viel mit. Gleichzeitig ,,ermahnt" er sich oft auch selbst. Er sagt, er will eigentlich noch gar nicht so tief rein, weil es halt extrem anstrengend ist und er das sowieso bald 12 Wochen lang macht und er eigentlich die Zeit davor halbwegs mit mir genießen möchte.

ich werf' mal was in dem Raum. Er eiert herum, um dich ruhig zu stellen.
Für mich alles Ausreden und es wird absolut nichts passieren.
Dein Freund ist weit entfernt davon, abstinent werden zu wollen.

Natürlich wünsch ich euch, dass ich komplett Unrecht habe.
Titel: Re: Stationäre Therapie
Beitrag von: Kastanie90 am 25 Januar 2026, 14:40:13
Danke für deine ehrliche Einschätzung.

Ich gehe da auch nicht blind rein. Für mich ist gerade wichtig, dass ich sein Verhalten über die Zeit beobachte und gleichzeitig auf meine eigenen Grenzen achte. Mehr kann ich im Moment nicht tun.