Hallo an alle,
ich war schon einmal hier im Forum. Das ist Jahre her. Damals habe ich Rat gesucht und wollte vor allem eines nicht akzeptieren: Dass ich meinen spielsüchtigen Mann nicht retten kann. Dass ich es nicht schaffen werde, ihn aus der Sucht herauszuholen.
Heute stehe ich nach 11 Jahren Beziehung, 6 Jahren Ehe und 2 Kindern vor den Trümmern meines Lebens. Gleichzeitig merke ich zum ersten Mal: Für mich kann es trotzdem weitergehen. Vielleicht sogar besser als je zuvor.
Die letzten 1,5 Jahre waren absolutes Chaos. Ironischerweise begann alles genau dann zu eskalieren, als eigentlich alles gepasst hat. Keine Schulden mehr. Drei Jahre spielfrei. Zukunftspläne. Eigentumskauf.
Dann kam der Rückfall. Natürlich nicht ,,aus dem Nichts", auch wenn es sich damals so angefühlt hat. Daraus wurde wieder eine daueraktive Spielphase mit maximal zwei Wochen angeblicher Abstinenz. Zusätzlich schlich sich Cannabis ein. Dann Alkohol. Spielen, kiffen, trinken, lügen. Ein endloser Kreislauf.
Im November letzten Jahres kam es dann zur Eskalation. Nach einem Streit wegen seiner Süchte hat er mich geschubst und gegen den Oberschenkel getreten. Ich habe die Polizei gerufen. Danach gab es ein 14-tägiges Betretungsverbot.
Selbst das wollte er anfangs nicht akzeptieren. Regeln waren für ihn schon immer eher Empfehlungen. Das zieht sich durch alles. Vom Rauchen am Bahnhof trotz Verbot bis hin zu wirklich ernsten Dingen.
Danach begann scheinbar die große Einsicht. Verhaltenstherapie, Spielsuchttherapie, Selbsthilfegruppe. Nach jeder Sitzung neue Ideen: Apps installieren, Sperren, Geld abgeben. Rückblickend glaube ich inzwischen, dass vieles davon nur Schadensbegrenzung war, damit er weiter irgendwie konsumieren konnte.
Das Spielen wurde irgendwann abgestellt. Dafür fand er andere Wege. Mit Lidl Pay konnte man Bargeld abheben und Gras kaufen. Die Aggressionen wurden schlimmer. Beschimpfungen, Drohungen, Schuldumkehr.
Und langsam fiel auch die ,,intensive Therapie" auseinander. Therapeut krank. Termin vergessen. Keine Lust. Die Verhaltenstherapie brach er ab, weil er zu spät abgesagt hatte und zahlen sollte. Der Therapeut bestand auf die Regeln. Mein Mann meinte darauf ernsthaft, Regeln würden für ihn in seiner Situation nicht gelten.
Wir haben die letzten Monate fast jeden zweiten Tag gestritten. Der Punkt, der in mir endgültig etwas zerstört hat, war folgender:
Er sagte mehrfach, ich hätte damals einen Fehler gemacht, als ich die Polizei gerufen habe. Wegen mir hätte er zwei Wochen nicht nach Hause gedurft und sei von seiner Familie getrennt worden.
Dass sein eigenes Verhalten diese Familie zerstört, sieht er bis heute nicht.
Stattdessen erklärt er mir, er sei doch ein guter Mensch. Er mache eh alles zuhause. Er habe nur ,,ein kleines Problem". Und ich solle nicht so herummeckern. Schließlich sei er ein Mann und ein Mann müsse sich sowas eigentlich nicht gefallen lassen.
In diesem Moment ist bei mir etwas zerbrochen.
Ich habe begonnen, die gesamte Beziehung zu hinterfragen. Nicht nur die Spielsucht. Sondern auch die Schuldzuweisungen, die Manipulation, die ständige Abwertung und sein Frauenbild.
Vor etwa einem Jahr habe ich selbst mit Therapie begonnen,Einzeln und in einer Angehörigengruppe. Anfangs war ich frustriert, weil ich keinen radikalen Schlussstrich ziehen konnte. Meine Therapeutin sagte immer wieder: Es muss nicht sofort radikal sein. Aber der Punkt wird kommen. Ich soll anfangen, mich um mich selbst zu kümmern.
Und genau das habe ich langsam begonnen.
Zuerst ganz banal: täglich 10.000 Schritte. Dann wieder schwimmen gehen. Mich Freunden und meinen Eltern öffnen. Ehrlich hinschauen, warum ich so lange geblieben bin.
Die Antwort war schmerzhaft einfach.
Ich bin mit Sucht aufgewachsen. Alkoholkranke Angehörige gehörten zu meinem Alltag. Ich habe früh gelernt, dass die Bedürfnisse des Süchtigen wichtiger sind als die eigenen. Dass man hilft, aushält, Verständnis hat und sich selbst zurückstellt.
In der Therapie konnte ich irgendwann laut sagen:
Es ist mir egal geworden, warum jemand süchtig ist.
Ich kann und will nicht mehr ständig Gefühle und Verhalten anderer Menschen analysieren.
Ich will nicht mehr Mutter für erwachsene Männer sein. Und ich will nicht mehr ständig darüber debattierenn.
Ich will Nein sagen dürfen.
Und genau das habe ich langsam begonnen zu üben. Nein zu sagen.
Grenzen setzen.
Benennen, was ich will und was ich nicht mehr will.
Und vor allem: Konsequenzen wirklich umsetzen.
Denn daran bin ich früher immer gescheitert.
Mein ,,Happy End" ist aktuell dieses:
Ich habe den Mietvertrag gekündigt, alles organisiert, eine Wohnung für mich und die Kinder gefunden, Vertrag unterschrieben und ziehe am 1.6. aus.
Die letzten Wochen gab es nochmal alles:
Weinen, Betteln, Versprechen, Drohungen, Beschimpfungen.
Vor einer Stunde hat er mich wieder massiv beleidigt. Ich wollte ruhig bleiben, habe es aber nicht geschafft. Irgendwann ist alles aus mir herausgebrochen. Ich habe geschrien. Ich bin nicht stolz darauf. Aber zum ersten Mal habe ich die ganze Wut rausgelassen.
Sein Kommentar danach:
,,Siehst du, du kannst dich nicht stoppen, das machst du immer."
Und wisst ihr was?
Ja. Ich kann mich nicht mehr stoppen, endlich ein besseres Leben für mich und meine Kinder zu wollen.
Ich schreibe das hier aus zwei Gründen:
Erstens, weil es gut getan hat, das alles einmal aufzuschreiben.
Und zweitens, weil ich gerne von Angehörigen hören würde:
Welche Phase der Trennung war für euch die schwierigste?
Wie habt ihr euch geholfen? Welchen Rat könnt ihr mir geben?
Und wie lange hat es gedauert, wirklich zu akzeptieren, dass die Trennung endgültig ist, selbst wenn der Süchtige irgendwann doch alles verändert?
Danke fürs Lesen.
Hallo Träumerin ,
ich kann dir deine Fragen nicht beantworten, aber ich möchte dir trotzdem gerne ein paar Worte dalassen.
Es ist unvorstellbar, was du durchgemacht hast.
Lass dir von niemandem einreden , dass es dein Fehler war .
Das war es nicht !!
Es ist egal , ob er das irgendwann einsieht .
Er hat , spätestens beim Einsetzen körperlicher Gewalt , jede Grenze überschritten .
Dass du jetzt an dich und deine Kinder denkst , ist der einzig richtige Weg.
Du bist mit Sucht in deiner Familie ausgewachsen - das willst du für deine Kinder nicht !
Und für dich auch nicht mehr !
Wann immer du an dieser Entscheidung zweifeln solltest , lies dir deinen eigenen Text hier durch und erinner dich an deine Verzweiflung, Trauer , Wut , aber vor allem an deine Entschlossenheit .
"Ich kann mich nicht mehr stoppen , ein besseres Leben für mich und meine Kinder zu wollen"
Vergiss das nie !
Sei stolz auf dich und den Weg , den du jetzt mit deinen Kindern gehen wirst .
Was würden deine Kinder daraus lernen , wenn du in dieser Situation bei ihm bleiben würdest ?
Sie würden lernen, dass es normal ist , wenn man in einer Beziehung so behandelt wird ! Sie würden denken , dass das in Ordnung ist und im schlimmsten Fall irgendwann selbst so eine Beziehung führen .
Das willst du für sie nicht .
Zeig ihnen , dass man für sich einstehen muss und dass niemand das Recht hat , einen so zu behandeln .
Du bist auf dem richtigen Weg.
Ich wünsche dir viel Kraft für diese Zeit !
Ich hoffe , es melden sich hier auch noch ein paar Angehörige mit ihren Tipps !
Fühl dich gedrückt
Dein Text hat mich gerade wirklich emotional getroffen.
Nicht nur wegen der Spielsucht — sondern wegen dieser ganzen Dynamik dahinter. Dieses ständige Hoffen, Verstehen, Retten wollen. Dieses Gefühl, immer noch mehr Geduld, noch mehr Liebe, noch mehr Verständnis geben zu müssen, obwohl man selbst längst am Ende ist.
Ich erkenne mich in so vielen deiner Gedanken wieder. Vor allem darin, wie man irgendwann merkt, dass man nicht mehr Partnerin ist, sondern Therapeutin, Mutter, Krisendienst und emotionales Auffangnetz in einer Person. Und trotzdem bleibt man, weil man immer wieder denkt: ,,Vielleicht schafft er es diesmal wirklich."
Besonders berührt hat mich, wie ehrlich du beschrieben hast, dass in dir irgendwann etwas zerbrochen ist. Ich glaube, diesen Moment kennen viele Angehörige. Nicht als plötzlichen Knall, sondern eher als leises inneres Aufgeben. Der Moment, in dem man versteht, dass Liebe allein niemanden retten kann.
Und weißt du was? Ich finde nicht, dass dein ,,Ausrasten" dich schwach macht. Ich glaube eher, dass da ganz viel Schmerz, Erschöpfung und jahrelang runtergeschluckte Wut herausgekommen ist. Du hast so lange funktioniert. Irgendwann kann ein Mensch einfach nicht mehr.
Dass du jetzt gehst, eine Wohnung organisiert hast und anfängst, dich selbst wieder wichtig zu nehmen, finde ich unglaublich stark. Wirklich. Gerade wenn man mit Suchtstrukturen groß geworden ist, fühlt sich Abgrenzung oft erst einmal falsch oder egoistisch an — obwohl sie eigentlich Selbstschutz ist.
Und ich möchte dir einfach sagen: Du bist damit nicht allein. Wirklich nicht. Es gibt viele von uns, die diese Dynamiken kennen, die sich selbst viel zu lange verloren haben und irgendwann an diesen Punkt gekommen sind. Dein Text hat mir gerade sehr das Gefühl gegeben, verstanden zu werden — und vielleicht gibt er auch anderen Angehörigen genau dieses Gefühl.
Meine Geschichte kannst du hier nachlesen. Ich habe nach 17 Jahren Ehe erst den Absprung geschafft und nun bin ich seit 16 Monate und 3 Tage getrennt, Scheidung läuft. Und ich habe endlich Frieden im Kopf.
Und zweitens, weil ich gerne von Angehörigen hören würde:
Welche Phase der Trennung war für euch die schwierigste?
Für mich war/ist die schwierigste Phase nicht unbedingt die eigentliche Trennung gewesen, sondern dieses Dazwischen.
Wenn man emotional eigentlich schon erschöpft ist, aber trotzdem noch hofft, versteht, wartet oder Verantwortung fühlt.
Dieses Loslassen im Kopf geht oft viel schneller als im Herzen.
Ich kann das gar nicht in Phasen einteilen glaube ich. Es war nicht schwer ihn gehen zu lassen (bei uns ist er ausgezogen, ich habe seine Sachen gepackt und und ihn vor die Tür gesetzt mit Ansage aber), als dann die Tür ins Schloss fiel war ich Erleichtert. Eine Last die Abgefallen ist. Dieser Zustand hielt eine Weile an, zwischendurch hatte ich aber Trauer. Das kommt ab und an noch hoch. Trauer um die Tatsache das er nicht der Mann sein kann den ich mir wünsche. Er war mal die Liebe meines Lebens. Die ist gestorben. Die gibt es nicht mehr und die kommt auch nicht zurück. Das ist ein Trauerprozess.
Wir Frauen gehen nicht von jetzt auf gleich, es gab vorher viele Phasen, die du auch beschrieben hast. Wenn wir aber dann an dem Punkt sind wo wir das durchziehen, ist es auch schon abgeschlossen.....
Wie habt ihr euch geholfen? Welchen Rat könnt ihr mir geben?
Mir hat tatsächlich geholfen, irgendwann aufzuhören, ständig alles verstehen oder retten zu wollen.
Ich musste lernen, dass Mitgefühl wichtig ist — aber nicht auf Kosten der eigenen Kraft.
Was mir außerdem hilft:
Abstand, auch emotional
mit Menschen reden, die mich nicht verurteilen
mich nicht für meine Grenzen schuldig fühlen
und mir bewusst machen, dass Liebe allein leider nicht jede Problematik lösen kann
dieses Forum
meine Arbeit
Mein Rat wäre: Hör auch auf dich selbst. Nicht nur darauf, wie es dem anderen geht. Man verliert sich sonst irgendwann komplett.
Meine Kinder geben mir viel Halt, Freunde.
Und wie lange hat es gedauert, wirklich zu akzeptieren, dass die Trennung endgültig ist, selbst wenn der Süchtige irgendwann doch alles verändert?
Ich erlebe das sich nicht viel ändert. Auch nach der Trennung nicht. Für mich war nach Durchführung der Trennung eigentlich auch schon klar das es entgültig ist, dafür habe ich viel zu lange viel zu oft erlebt das sich nichts verändert. Das ich auf der Strecke bleibe. Was das alles über die Jahre mit mir gemacht hat. Das ich so nicht mehr will und nicht mehr kann. Zu akzeptieren das er nie der Mann wird den ich für mich brauche, das dauerte eine Weile. Aber es ist ok. Alleine sein ist schön, es bringt Frieden und nur ich entscheide wer in mein Leben tritt und diesen Frieden teilen darf.
Danke Isabell- deine Geschichte habe ich gelesen und ich wünsche dir vom Herzen, dass du auf diesem Weg bleibst und weiterhin stolz auf dich bist!
Danke ansh- auch deine Geschichte habe ich gelesen und sowas von mitgefühlt... Ich konnte mich in jeder Situation hineinvwrsetzten und vor allem deinen Schmerz spüren... Irgendwo in der Mitte deiner Geschichte habe ich dann begonnen dich anzufeuern und gegen Ende habe ich dann wirklich eine Hand in die Luft gehoben und laut gejubbelt :) Ich freue mich für dich, dass du es geschafft hast und hoffe, dass du dein Leben täglich genießen kannst.