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Ich denke, ich brauche keine Hilfe - ist das normal?

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Ich denke, ich brauche keine Hilfe - ist das normal?
« am: 09 Februar 2019, 22:56:34 »
Hallo liebes Forum,

habe ich gerade eine verzerrte Sicht auf die Sucht? Ich weiß, dass ich spielsüchtig bin. Habe in den letzten Jahren mehrere 10k Euro verspielt. Habe immer mehr Kredite aufgenommen und vor kurzem, nach einem weiteren Kontrollverlust, musste ich feststellen, dass ich, finanziell gesehen, kurz vor dem Abhang stehe.

Ich recherchierte zum Thema Spielsucht, stoß auf dieses Forum, meldete mich bei der Online Suchtberatung und stehe seitdem in einem Austausch. Parallel versuche ich mittels CB einen mickrigen Teil meiner Verluste für einen Neuanfang wieder gut zu machen. Keine Ahnung, ob dies gelingen wird.

Nun zum Betreff: Nicht mehr gespielt habe ich seit ca. 3 Wochen, und nun fühlt es sich an, als bräuchte ich keine weitere Hilfe mehr. Ich verabscheue das, was ich getan habe. Realisiere immer klarer, was ich meiner Umwelt und mir durch das Spielen angetan habe. Habe keinerlei Spieldruck oder so. Aber mal ehrlich, das ist doch ein Trugschluss meinerseits. Ich erinnere mich gerade an ein Gespräch vor ca. 5 Jahren mit einem Kumpel, in dem ich zu Beginn meiner Spielzeit vermeldete, dass ich doch nur mit 30 Euro in die Spielbank gehe und, wenn alles weg ist, kein Problem damit habe, einfach zu gehen. Ich musste mich in den Monaten danach eines besseren belehren lassen.

Genauso jetzt. Ich fühle mich gerade so sicher, dass ich auf keinen Fall mehr irgendwo spielen werden. Auf der einen Seite durch die Klarheit meines Verfalls in den letzten Jahren, auf der anderen Seite dadurch, dass ich durch das CB ohnehin nie mehr spielen darf, da ich mich sonst strafbar mache. Das wirkt enorm bei mir. So denke ich es zumindest gerade.

Dennoch, das kann/wird doch nicht so einfach sein/werden. Mit ein paar Texten im Rahmen einer Onlineberatung und dem Bewußtsein darüber, was man angestellt hat, wird das nicht erledigt sein. Worauf muss ich mich einstellen? Was kommt kurzfristig, mittelfristig, langfristig auf mich zu?

Will wirklich aus dieser Scheiße heraus kommen!!!

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dev

Re: Ich denke, ich brauche keine Hilfe - ist das normal?
« Antwort #1 am: 09 Februar 2019, 23:10:32 »
hi schlechteversion,

ich hatte meinen rückfall ca. 1 monat nach meinem chargeback. habe zwar "nur" 200 eur verspielt, doch ich musste mir eingestehen, dass ich es nicht ohne externe hilfe schaffe...so bin ich nun in einer selbsthilfegruppe, welche mir ersteinmal halt gibt, bevor ich evtl. zum nächsten level (therapie) übergehe..

bedenk bitte, dass selbst-/fremdwahrnehmung bei jeder längerfristigen Sucht maßgeblich gestört werden. Der Realitätsverlust (Kontrollverlust nanntest du es) entsteht ja nicht direkt beim Zocken, sondern schon lange davor.. und wenn danach die Welt über einem zusammenbricht und man sich nachts oder morgens im Bett fragt "was hab ich da getan?" und man den tränen nah ist, dann ist es auch noch lange keine Rückkehr in die Realität... sondern vielmehr eine Vertiefung in den Realitätsverlust.. man bekommt (häufig) Depressionen.... und dann zurück zu einer realistischen Wahrnehmung seiner Person und der Umwelt zu gelangen.. das ist häufig ohne Hilfe nicht möglich...


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Offline taro

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Re: Ich denke, ich brauche keine Hilfe - ist das normal?
« Antwort #2 am: 10 Februar 2019, 00:53:41 »
Moin SV,

heute beim Norddeutschlandtreffen sprach jemand von der Serie "breacking bad".  Die mit Abstand beste Serie die ich jemals gesehen habe. Es geht dabei um einen Chemiker der ein freudloses Leben führt. Er erfährt das er Krebs im Endstadium hat. Er kommt mit der Drogenszene in Kontakt und macht ziemlich schnell den mit weitem Abstand saubersten Crack den der Markt je gesehen hat. Er kommt immer tiefer in die Drogenzene,  spielt eine immer größere Rolle. Zuerst sterben einige seiner Gegner, mit der Zeit kommen aber auch Menschen aus seinem Umfeld in Gefahr. Er macht trotzdem immer weiter. In der letzten Sendung trixt er noch einmal die Polizei aus um seiner Frau wichtige Informationen vor seinem Tod zu geben. Die ganze Familie musste inzwischen unter seinen experdaden leiden. Er sagte zu seiner Frau, "ich tat es für mich".

Nun in dieser Serie so spannend beschrieben sah mein Leben genauso aus. In meinem Leben traute ich mich nicht die kleinsten Risiken einzugehen. Darum ging ich spielen.
Das illegale Pokern auf der Reeperbahn war eine folge der Sucht,  ich hatte dabei oft große Ängste, trotzdem bin ich immer wieder hin, hätte ja auch weiterhin Legal im Spielcasino spielen können, hab ich aber nicht. Die Geldbeschaffung mit extremer krimineller Energie und mit Angst sowohl um mein Leben als auch das der anderen.
Tatsächlich tat auch ich diese ganzen Dinge für mich.  Dabei spürte ich mich,  weil ich mich in meinem Leben nicht traute Risiken einzugehen.

Das verspielte Geld scheint am Anfang so wichtig,  ist aber tatsächlich das unwichtiges.  Sicher läßt cargeback ein ähnliches Gefühl aufflammen. Es geht jedoch immer nur um mein Leben.  Traue ich mich,  mein Lernen zu leben,  Risiken einzugehen?  Wie lange dauert das? Ich hab mal gehört,  und es auch selbst erfahren, der Weg raus dauert genauso lange,  wie der Weg rein. Dann muss ich aber auch mit der gleichen Leidenschaft dabei sein.

Der Weg in die SHG war bei mir ein guter Anfang.

Taro

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Offline TAL

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Re: Ich denke, ich brauche keine Hilfe - ist das normal?
« Antwort #3 am: 10 Februar 2019, 03:39:38 »
Hallo SchlechteVersion (wovon eigentlich?),

was die Serie angeht, stimme ich da zu. Auf Platz zwei folgt bei mir übrigens 'The Americans'. Auch hier führen die Protagonisten ein Doppelleben, und das so lange, daß sie sich immer mal wieder fragen, wofür eigentlich. Weil es nunmal so ist. Die anfängliche Euphorie war verflogen, die Ernüchterung kam, und die Zweifel. Was blieb, waren hohle Floskeln, um sich einzureden, das Richtige zu tun. Trotzdem haben sie bis zum Ende dran festgehalten. Es gab kein Zurück, die eingetrichterte Denkweise ließ es nicht zu. Dabei hätten sie einfach nur die Karten auf den Tisch legen müssen.
Die beiden waren KGB-Agenten in den USA während der 80er.


Und ja, du hast in der Tat eine verzerrte Sicht auf die Sucht und die langfristigen Auswirkungen. Aber das ist normal, das haben oder hatten wir wohl alle. Das Problem haben andere, mir geht's blendend, ich hab's im Griff...
Kenn ich. Mindestens eins davon sage ich mir ständig.
Ich bin ein ziemlicher Blender. Am besten bin ich übrigens darin, mich selbst zu täuschen.
Wer einmal den von dir beschriebenen Kontrollverlust erlebt hat, sollte sich stets bewußt sein, daß es jederzeit wieder dazu kommen kann.
Spieldruck habe ich auch lange nicht gehabt. Es wäre aber mehr als naiv, zu glauben, daß das jetzt immer so bleiben wird. Der Schock über den 'Abstieg', die Reue und Selbstzweifel und das abstoßende Gefühl... all das kann plötzlich einfach vergessen sein, die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Dann kommt die Nostalgie, das 'So-schlimm-war's-doch-gar-nicht'. Oder die simple Frage.... wozu überhaupt das Ganze?
Wenn nötig, ist die Sucht nämlich geduldig - wir hingegen sind es nicht. Das macht es zu einem ungleichen Kampf, den man besser gleich seinlassen sollte. Man zieht sonst irgendwann den Kürzeren.

Es wäre ja schön, wenn es einfach mal vorbei wäre... die meiste Zeit fühlt es sich ja auch so an. Ich kann 100mal eine Straße langgehen und bemerke die Örtlichkeiten nichtmal. Beim 101. Mal tue ich es dann aber doch... Reingehen will ich nicht, das Gefühl ist eindeutig negativ. Aber warum bin ich dann überhaupt stehengeblieben? Was passiert, wenn ich noch länger hier stehe?

Ein Rückfall passiert nicht einfach so. Auf dem Weg dorthin fangen wir schonmal an, uns selbst zu betrügen, um die Weichen zu stellen. Ich hab einen Heidenrespekt davor, ich möchte mich nie wieder dort wiederfinden. Weder physisch noch psychisch.

Du kannst mit dem Spielen aufhören, was aber auf Dauer viel schwerer ist, ist das verschrobene Denken abzustellen. Es ist eingebrannt in meinem Kopf. Ich hab Jahre damit verbracht, mich selbst bewußt um Kopf und Kragen zu bringen. Das ist mehr als nur ein Zustand temporärer Verwirrung. War die Klappe erstmal gefallen, hat mich auch nichts mehr aufhalten können... moralisch schonmal gar nicht. Jetzt soll sich das geändert haben...? Aber sicher doch.... !!

Man verrennt sich in Belanglosigkeiten bei einer verzerrten Wahrnehmung des Gesamtbildes. Außerdem ist es unabdingbar, Akzeptanz zu lernen. Man kann nichts bekämpfen, was ein Teil von einem selbst ist. Der bestmögliche Dauerzustand wäre also eine Koexistenz zu meinen Bedingungen (für das Leben selbst ist es wiederum genau andersrum. Da geht es eher darum, zu akzeptieren, daß die Bedingungen eben nicht von mir gestellt werden). Dorthin zu gelangen ist ohne externe Hilfe aber extrem schwierig.

Re: Ich denke, ich brauche keine Hilfe - ist das normal?
« Antwort #4 am: 10 Februar 2019, 03:53:35 »
Moin
Ich kann mich meinem Vorredner nur anschließen.

Ich denke so gut wie jeder wird dieses Gedanken irgendwann gehabt haben. Jedoch bringen sie dir nichts wenn der suchtdruck steigt (Auslöser bei jedem unterschiedlich oft Stress) wie schon gesagt wurde... Nach einem richtig bescheidenen Tag gehst von der Arbeit nach Hause total. Entnervt und gestresst und geht's an deiner ehemaligen Halle vorbei und bleibst stehen... Da ist bei vielen schon game over in einer frühen Phase... Ich fahre jeden Tag insgesamt 30 min länger mit dem Bus... Um mir solch eine Situation zu ersparen auch nach 4 Jahren der Abstinenz. Alleine begebe ich mich auch gar nicht erst in die Nähe.
Direkt nebenan ist eine super Bar wo viele Freunde gerne hingehen... Ich habe damals gesagt da kann ich nicht hin... Entweder wir gehen woanders hin oder ich komme nicht mit... Natürlich mit einer Erklärung dazu... Generell gehe ich sehr offen damit um gegenüber jedem.

Und um genau so zu denken und vorallem vorbereitet zu sein kann ich dir nur nahe legen dir Hilfe zu suchen und sie vor allem zu wollen.

Stark bleiben und die Krankheit akzeptieren. Behutsam Aber vorallem bewusst  damit leben:)
Lg

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Offline Gonzo

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Re: Ich denke, ich brauche keine Hilfe - ist das normal?
« Antwort #5 am: 10 Februar 2019, 08:44:11 »
Moin SV,
Letzten Sommer dachte ich auch so, hat anfangs auch geklappt, dann kam der Rückfall, es war noch nicht mal eine Stresssituation und die Sache wurde schlimmer, die Krankheit, das Verlangen ist da und ich hab den Eindruck es will durch die kleinstd Öffnung wiedrr raus.

Mir hilft die SHG sehr, auch wenn ich nicht oft hin kann.

Grüße

Re: Ich denke, ich brauche keine Hilfe - ist das normal?
« Antwort #6 am: 11 Februar 2019, 14:41:07 »
Hallo an alle,

ich danke euch für eure Schilderungen und Ratschläge. Und vor allem für das Sensibilisieren. Aktuell ist es noch so, dass ich aus der Beobachtung meiner selbst feststellen kann, dass ich spielsüchtig bin. Ob ich die Sucht bereits akzeptiert habe, bezweifele ich noch. Ich nehme sie wahrscheinlich noch zu sehr auf die leichte Schulter. Eure Texte helfen mir, dies nicht zu tun.

Allerdings habe ich gefühlt, wie mächtig und böse sie sein kann. Wozu sie mich bringt. Vielleicht fürchte ich auch die Auseinandersetzung, weil ich weiß, dass ich im Zweifel keine Chance haben werde.

Noch denke ich so, habe aber die Hoffnung, dass sich dies mit der Dauer der Abstinenz ändern wird.

Ich bin sehr froh über dieses Forum, schaue oft her und versuche mich zu beteiligen. Allein das hilft mir viel. Ich freue mich daher, auch in Zukunft hier einen Austausch zu finden.

LG
SchlechteVersion (von mir)

 

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