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I am Sailing

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Offline andreasg

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I am Sailing
« am: 30 Juni 2019, 20:46:03 »
Heute war der Abschiedsgottesdienst unseres Gemeindepastors. Die Kirche war proppenvoll, und die Temperatur stieg und stieg und so auch die Tränenflut meiner Sitznachbarin und auch meine Emotionen. Als in der Predigt das "Gleichnis vom Verlorenen Sohn" (Lk.15,--) bin ich fast zusammengebrochen, griff nach meinerr Geldbörse und fischte meine GA - Gedenkmünze heraus, nahm sie in die Hand, und fühlte nach.
Ein Bild der Erinnerung kommt in mir hoch:
Es war der 30.Juni 1990, ich hatte in einer Videothek im Rotlichtviertel einen Erotik - Film geliehen. Zugegeben, ein sehr schön anzusehender, untermalt mit Panflötenmusik, daher der Titel, dem Song von Rod Stewart nach. Diesen Film gab ich adort einfach ab, ging durch die mir wohl vertraute Gasse, mit all' ihren Verlockungen, sah in eine Film - Peepshow kurz rein, wechselte den mitgebrachten 50 DM - Schein, sah meinen "Lieblingsautomaten" - der mit dem "Ragtime" und sagte mir: 5 DM - und dann weg! Nachdem ich das 9.. 5 DM Stück eingeworfen habe, kam ein Gruppenfreund in diese Räumlichkeit stellte sich neben mich, sah einfach nur meinem Spiel zu und sagte kein einziges Wort. Völlig genervt drückte ich auf den kleinen versteckten roten Knopf, und dann gingen wir beide raus, um die Ecke in ein Eiscafé. Ich sollte beide Portionen bezahlen, sagte der Freund, das tat ich auch, ich war ja komplett perplex. Im Eiscafé fanden wir wieder Worte, ich weiß nicht mehr was, aber es ist immer noch in meinem Bewußtsein, daß ich mit jemandem sprechen mußte, und das genau war mein Gewinn. Die 200,00 DM, die noch Zuhause lagen, haben mich nicht mehr angetriggert.

Soweit das Bild aus einer viel zu antiken Welt. Für das Chairgeback bin ich wohl zu früh geboren, oder ich verstehe es eben auch als adipöser Mensch so daß es etwas leckeres sein müsste, hätte es nur die ä - Punkte. Ich kann mich in aller Ernsthaftigkeit dort nicht hineinversetzen, weiß aber, wie wichtig es ist, sich mit diesem Thema zu befassen.
Entschuldigt bitte: 1990, da waren Waldsterben und Wiedervereinigung ie Themen, Heute sind es Klimakatastrophe und Flüchtlingskrise. Die Zeit ändert und wandelt sich, die Spielsucht grassiert, so die Niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen, nls, und ich sehe es am Straßenbid. Nein: der Merkur ist der Sonnennächste Planet, und ein Gorilla stehtr nicht im Maßanzug vor einem Sportwettgeschäft. Das sind Fakten, und keine Traumbilder, die ich ja als Spielsüchtiger kenne.

Eigentlich habe ich nichts mehr mit der Spielsucht am Hut! Loslassen und Gott überlassen! Als ich mich nach dem Bankett im Gemeindehaus verabschiedete, wurde ich genötigt, Häppchen mitzunehmen. Ohne Zögern tat ich das. Denn Morgen möchte ich einmal durch die ganze Stadt fahren, einen Gruppenfreund in der Medizinischen Hochschule am Krankenbett besuchen, und habe den heimlichen Wunsch, in seinem Meditationsbuch "Berührungspunkte" zu lesen. Vielleicht vorlesen und Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen? Das Zurückkommen ist für mich kein Weg mehr in die Spielstätten, sondern ein mich auf den Weg machen, an dem ich nicht mehr alleine bin. Darum mein Abendlied von J.G. Reinberger, das ich ebenfalls in einer großen Tiefe genieße.

Heute habe ich wieder viel positives gesehen, erleben können, und ich war einfach nur dabei. Einen Tag zur Zeit!

Die Arbeit an mir selber hat wieder Fahrt aufgenommen, ich habe wieder Freude am Leben, nicht weil ich mich irgendwo im Fokus, im Mittelpunkt sehe, es ist viel mehr Verständnis unf Lebensfreued im Kern, also im Mittelpunkt. Es ist nicht eiínfach, einem Menschen, der aufgrund seiner schweren MS - Erkrankung seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, die Hand zu geben, und in ein Buch ein paar Worte zu schreiben, was mir ja vehement schwerfällt, (ein paar) und von ganzem Herzen Danke sagen, aber Heute hatte ich die Freiheit dazu.
 Er wird in der Online - Seelsorge weiter tätig bleiben, und da dachte ich hier an unser Forum, und ich freue mich darüber.

So danke ich Euch für das Teilen.

one day at a time steht übrigens. auf meine GA - Münze
Demut ist die anhaltende Ruhe im Herzen

Re: I am Sailing
« Antwort #1 am: 01 Juli 2019, 13:19:45 »
Ich danke dir für die Geschichte, Andreas.


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Offline andreasg

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Re: I am Sailing
« Antwort #2 am: 15 Juli 2019, 08:39:30 »
Hallo ihr Lieben,

habe eine ziemlich schlaflose Nacht hinter mir, und vorm Hahnenkrähen ging die Grübelei wieder los...
Meine Esssuchtgruppe steckt in einer tiefen Krise, und ich checkte meine Möglichkeiten ab. Am 28.07. wollen wir eine Gruppeninventur machen, und wenn ich der einzige Teilnemer im Meeting bin, ist ja alles perfekt: Dann bin ich ja der Intendant, der Schauspieldirektor, der Regisseur, der Hauptdarsteller, der Bühnenbildner, der Belechter in Personalunion. Nur das Blumenmädchen und das begeisternd applaudierende Publikum fehlen dann noch.
Ich habe das Bild von diesem Spektakel aus dem Buch "Emotions Anonymous" , eine Selbsthilfegemeinschaft für Seelische Gesundheit - mehrmals gelesen, und das umschreibt die Schwierigkeiten, Entscheidungen für sich und sein Leben zu fällen und zu verantworten.

Eingedenk meiner Spielabstinenz weiß ich, daß ich ja Entscheidungen für mein Leben finden kann, und diese auch umzusetzen vermag. Donnerstag war ich in einem Bahnhofsladen außerhalb, 'ne Flasche Wasser kaufen, da saß jemand, in dem Geschäft und spielte an zwei deutlich erkennbaren Geldautomaten. "Ach, so sehen die Dinger Heutzutage aus" , dachte ich nur , die Wasserpulle schnell zur Kasse bringend. Der Respekt ist da, und nimmt auch seinen Platz in mir Raum, das Triggern ist aber nicht dagewesen.

Samstag war ich zu einem Arbeitsmeeting meiner GA - Gemeinschaft. Es war für mich so intensiv, daß ich es mir zur Hausarbeit machen möchte, es in dem Rundbrief der Gemeinschaft zu schreiben. Inhaltlich geht es mir darum, wie gehe ich mit "Neuen" um?


Wenn ich mich erinnere: Sommer 1994, ich habe die Sonntage gehasst, die verfluchte Einsamkeit, keine Freundin, kein Händchenhalten am Stadtsee, kein Ausgehen, kein gemeinsamer Kinobesuch, nur warten, daß endlich Montag Morgen ist, zur üblichen Maloche eilen! Vor Verzweiflung bin ich eben in die Esssuchtgruppe gegangen. Ich öffne die Tür, und sehe den Raum voller bildschöner junger Frauen! Eine Teilnehmerin, kam auf mich zu , sie hatte ein besonderes Lächeln, als sie mich ansah um mich zu begrüßen, und so nahm ich im Stuhlkreis Platz.

Als 10 Jähriger Junge stellte ich fest, daß ich dicklich wurde. Ich war nie eine Sportskanone, Turnen war nie mein Lieblingsfach in der Schule. Ich erinnere mich, daß ich eine Zeit abends zur Turnstunde ging, dort ziemlich unglücklich am Reck hing, und beschwerlich auf dem Barren rumlag, es war eine Freude. Ein vorher schmalbrüstiger Schulfreund entwickelte sich aber sichtbar muskulär zu einer stattlich ansehnlichen Gestalt. Ich war noch nicht einmal neidisch, ich war eigentlich abgestumpft. "Alle anderen sind besser als ich, ich kann eben gar nichts"!. Das einzige was schön war, war Zuhause das Abendbrot. Die Mutter machte ich reichlich leckere Schnittchen. In der Schule die Turnstunden, der quälende Schulwettkampf, die Anfeuerungsversuche der Schulkameraden, aber dann die unglaubliche Scham in dem Duschraum, bis hin zum Penisneid in der Pubertät. Ich habe gegessen, weil ich mich schämte, Dick zu sein. Ergo gab es keine Tanzpartnerin, und weiter keinen "ersten Kuss", nur eine heimliche Liebe, die unausgesprochen blieb. (50 Jahre später sprach sie mich in der Stadtbahn an, heute sind wir auf Stay-Friends vereint).
Bezeichnend aber ist: die ersten Groschen, die ich in einen Spielautomaten geworfen habe, hingen in einer Imbissstube! Die Esssucht war bei mir vor der Spielsucht am Zuge, sie nimmt einen zentralen Platz in meiner Suchtstruktur ein. Die Spielsucht ist meine Kopfsucht, daher beherrscht sie meine Gedanken und Gefühle in ihrer Dominanz. Alle meine weiteren Süchte leiten sich in dem Ornigramm entweder vom Kopf oder vom Bauch her ab. Das Herz sitz im Zentrum der Achse und leidet und freut sich mit. Ich bin ja Herzrisikopatient, und übermorgen wieder beim Doktor, deswegen!

Was ich niemals vergessen darf ist, wie mein erster Eindruck, das erste reale Bild , das sich mir eingebrannt war, als ich den Raum einer Selbsthilfegruppe betreten habe. So , wie ich begrüßt worden bin, so möchte ich auch andere, in ihren Ängsten, Sorgen, Zweifeln begrüßen, und wenn es mir möglich ist, auch ein wenig von meinen Erfahrungen auf dem Weg zu  Kraft und Hoffnung begleiten.

Vielleicht werde ich am 28. Juli abends den Schlüssel zwei mal umdrehen, wenn ich den Gruppenraum schließe, im Herzen bleibt immer eine Tür offen.

Ich bin traurig, das ist im Hier und Jetzt, und das darf sein.  :'(

Ich weiß aber, daß ich Heute einen wunderbaren Tag vor mir habe, an dem ich nicht Spielen gehen brauche, und den ersten zwanghaften Bissen sein lassen kann.
Es ist vielleicht gut, eine Cäsur zu machen, dort wo sie angesagt ist. Nach einem Klinikaufenthalt 2009 bin ich 4 Jahre nicht in meiner Spieler Gruppe gewesen. Die Gruppe hat  damals geschlossen, und Heute reißen sich die Gruppenmitglieder um die Dienste, die ein Gruppenleben erst ermöglichen.
Darauf möchte ich mich besinnen,
Einen Tag zur Zeit. ;)

Danke für das Teilen
Andreas


Demut ist die anhaltende Ruhe im Herzen

Re: I am Sailing
« Antwort #3 am: 15 Juli 2019, 13:39:49 »
Hallo Andreas,

du bist für mich ein Phänomen, obwohl wir altersmäßig nicht so weit auseinander sind. 29 Jahre spielfrei, dann bin ich wahrscheinlich tot oder bettllägerig.

Ich habe letztens einen Mann kennengellernt, der geht seit 1977 in die AA Gruppe. Er hatte ganz wenig Geld, hatte sich an seinem neuen Wohnort eine neue Gruppe gesucht und besucht trotzdem auch noch seine alte Gruppe, die 60 Kilometer entfernt tagt. Ich konnte ihn verstehen, nicht aus mir heraus, sondern durch deine Geschichten.

Sehr schade um eure Esssucht Gruppe. Ich kämpfe auch etwas mit meinem Gewicht und wenn es mal besser läuft, schaut immer mein Freund Jojo für eine längere Zeit vorbei.

Ich verfasse nicht gerne so lange Texte, aber freue mich immer, von dir zu lesen.

Viele Grüße

Re: I am Sailing
« Antwort #4 am: 15 Juli 2019, 14:56:32 »
Machst das auch wenn dein WC einen Bewegungsmelder hat der bei Annäherung das Licht in der Schüssel anmacht?^^

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Offline andreasg

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Re: I am Sailing
« Antwort #5 am: 15 Juli 2019, 16:39:18 »
Leben und Leben lassen,  ihr Lieben,

warum haben die Schotten keine Kühlschränke?
weil niemand so genau weiß,  ob beim Schließen der Kühlschranktür dss Lämpchen im Inneren ausgeht!
Koschte spoare, koschte wasch wolle..
Darum werden im Ländle auch fleißig Kühlschränke gebaut.

Danke für Deine Worte Balduin,
bei mir dind es nun 29 Jahre spielfreiheit.
Gehe seit 25 Jahren in die Esssuchtgruppe.
Es wird Zeit, diese loszulassen,,
und wenn es sein soll, in treue Hände geben.

Einen optimistisch freundlichen Gruss
Andreas
Demut ist die anhaltende Ruhe im Herzen

 

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