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Freundin stellt sich vor

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Freundin stellt sich vor
« am: 25 März 2020, 02:21:33 »
Hallo!
Mein Freund hat leider das gleiche Problem wie du margin_call, er könnte wahrscheinlich eine fast deckungsgleiche Geschichte erzählen. Letztes Jahr war er fest entschlossen, das alles hinter sich zu lassen, bzw. nur noch langfristig in Aktien zu investieren (nachdem er diese Aktien-Oma im Fernsehen gesehen hat...). Er hat dieses Jahr wieder angefangen, erst Aktien, dann Hebelprodukte. Ich kenne ihn seit ca. zwei Jahren, davor hatte ich von all dem noch nie gehört. Ich habe versucht, das alles zu verstehen, er selbst kann es mir auch kaum wirklich erklären. Ihr könnt euch ja jetzt vorstellen, was jetzt durch die Coronakrise passiert ist... Heute hat er sich ganz seltsame Videos von solchen dubiosen Daytradern (?) mit Livechats angeschaut. Ich habe recherchiert und bin fassungslos und schockiert, wie Menschen systematisch über youtube etc in Fallen gelockt werden. Er wettet auch ab und zu auf Fußballspiele. Natürlich finden grad keine statt, Gott sei dank.

Ich war selbst wegen einer Krankheit in einer SHG und habe tolle Erfahrungen dort gemacht. Er hat sich jedoch bisher geweigert mitzukommen. Ich sehe leider für unsere Beziehung keine Zukunft, wenn das so weiter geht. Er hat natürlich immer eine total plausible Erklärung, seine Familie sei Schuld oder der gesellschaftliche Druck. Nachdem ich eure Artikel gelesen habe, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: er schläft immer schlecht, er kann mir nie gedanklich folgen, weil er immer woanders zu sein scheint (tête en air), er hängt IMMER IMMER IMMER am Handy. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fügen sich Kleinigkeiten zusammen: Wenn wir Filme oder Fernsehen über seinen Laptop streamen, kommt immer nur Werbung für Online-Casinos. Mir ist das früher nie aufgefallen.
Er sagt selber mittlerweile, „ja ich bin halt spielsüchtig“, nach dem Motto „deal with it“. Durch diese ganze Corona-Katastrophe bin ich arbeitslos geworden (weil erst seit kurzem selbstständig) und finanziell mehr oder weniger ab nächsten Monat von ihm abhängig. Er verdient sehr gut, ich wollte ihm bisher keinen Vorwurf machen, weil es sein Geld ist und nicht „unser“ Geld. Aber wie gesagt, durch diese Tradinggeschichte von heute sind jetzt wirklich alle Alarmglocken angegangen.

Ich frage mich: wie kann ich ihn dazu bringen, sich Hilfe zu holen? Ich habe auch schon vor einem halben Jahr SHG in anderen Nachbar-Städten gesucht, er will aber nicht hingehen. Durch meine eigene SHG weiß ich, dass gerade keine stattfinden. Was gibt es für Alternativen?

Soll ich seine Familie benachrichtigen? Ich habe leider immer das Gefühl, er macht Alleingänge und ist gerade jetzt eine tickende Zeitbombe, daher möchte ich lieber asap reagieren.

Soll ich ihm mit Trennung drohen, damit er den Ernst der Lage versteht? Oder schürt das eher noch mehr Verlustängste und bewirkt das Gegenteil?

Ihr könnt aus eurer Erfahrung sicherlich selbst am besten sagen, was wirklich hilft in diesem Moment.

Ich danke euch!

*

Offline Olli

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  • 3.327
Re: Freundin stellt sich vor
« Antwort #1 am: 25 März 2020, 06:21:39 »
Hi Freundin!

Herzlich willkommen!

Ich habe Deinen Beitrag von hier https://www.forum-gluecksspielsucht.de/forum/index.php?topic=3427.msg36003#msg36003 abgetrennt.
So können wir uns hier komplett auf Deine Geschichte - auf Deine Gedanken konzentrieren.

Zitat
Soll ich ihm mit Trennung drohen, damit er den Ernst der Lage versteht? Oder schürt das eher noch mehr Verlustängste und bewirkt das Gegenteil?

Bleibe bei Dir!

Bist Du glücklich, wie er sich verhält?
Bist Du zufrieden damit, die zweite Geige bei ihm zu spielen?
Möchtest Du, dass er sein Glückspielverhalten verändert?
Da gibt es bestimmt noch viele viele Fragen, die in die gleiche Richtung zielen.

Wenn Du das so, wie es gerade läuft nicht mehr mitmachen möchtest, dann ist es Dein gutes Recht, ja sogar Dir selbst gegenüber Deine Pflicht, Deine Grenzen zu benennen.
Und werden diese weiter überschritten - also nicht respektiert - dann ist es auch Dein Recht Konsequenzen zu benennen.

Dies kann auch die Androhung einer Trennung sein!

Nur solltest Du Dir auch ganz genau überlegen, ob Du die Androhungen im Fall der Fälle auch in die Tat umsetzen möchtest und kannst.
Denn nichts ist schlimmer, wenn er merkt, dass Du mit Dir "spielen" lässt.

Schon so manche Verlustangst hat ein Umdenken bewirkt.
Dies ist ja schließlich Sinn und Zweck einer Konsequenz.
Der Gegenüber soll reflektieren, ob er das, was er hat, wirklich verlieren möchte.
Er macht sich Gedanken darüber, was ihm wichtiger ist.

Und ja natürlich kann das auch nach Hinten losgehen. Es ist aber auch eben verbunden mit einer Entscheidung.
Sollte diese gegen Dich ausfallen, dann kannst Du Dir aber auch sicher sein, dass Du so nicht weiter mit ihm leben kannst.
Also war die Androhung richtig.

Ein wenig Egoismus ist hier absolut richtig am Platz!
Gute 24 h
Olaf

(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

Re: Freundin stellt sich vor
« Antwort #2 am: 25 März 2020, 08:59:04 »
Hallo Freundin, danke für deinen Bericht. Es ist schon so, dass dank dem Virus zuviele Leute zuhause sind und unter Umständen mehr Zeit (und ängste) haben und dadurch rückfällig werden oder verstärkt weiterspielen.

Was ich dir aus meiner Sicht sagen kann, also als süchtiger der alles seiner Partnerin verheimlicht hat: Ich musste selber an den Punkt kommen und einsehen, dass ich ein Problem habe. Dadurch konnte ich mein dunkles Geheimnis anvertrauen und gemeinsam (zum glück gemeinsam) Wege suchen, Finanzen neu ordnen usw.
Ich hatte vorher dauernd Angst, dass sie es selber herausfindet. Was wäre geschehen? Ich hätte bestimmt zerknirscht getan, Reue und Besserung versprochen und dies sicherlich eine Weile eingehalten. Wenn ich das Problem aber nicht einsehe hätte ich mich vermutlich früher oder später über sie geärgert und trotzdem weitergemacht.

Damit will ich sagen:  Dein Freund muss einsehen, dass er ein Problem hat und, egal wie viel er verdient, er früher oder später ein diesem Forum landet. Wenn du ihm drohst ihn zu verlassen könnte es dazu führen, dass er jetzt einknickt, aber sein Tun noch heimlicher durchführt. Auch falls er nicht in Schulden gerät, sein Zeitvertreib absorbiert ihn dermassen, dass du dich vernachlässigt fühlst.

Wie olli gesagt hat, Egoismus ist nicht nur schlecht. überlege dir wie viel du ertragen und erleiden kannst. Finanzielle Sicherheit ist natürlich gut, wenn es aber zu stark an deiner Seele nagt nützt dir das auch nichts. Meiner unprofessionellen Ansicht nach ist es nicht falsch, nochmals ein intensives Gespräch zu führen. Grundsätzlich ist es sein Geld, es ist aber nicht verkehrt ihn darauf aufmerksam zu machen dass man Geld sinnvoller verwenden kann aber vor allem dass du dich vernachlässigt fühlst. Drohen musst du nicht. Aber überlege dir deine weiteren Schritte und Konsequenzen davon. Könntest du kurzfristig irgendwo anders unterkommen wenn es sein muss? Was machst du, wenn er jetzt etwas verspricht, es sich aber nichts ändert?

Viel Erfolg und Kraft, erzähl doch mal wies weiterging.

*

Offline Wolke

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Re: Freundin stellt sich vor
« Antwort #3 am: 25 März 2020, 09:24:51 »
Hallo Freundin,

wenn du ihm mit Trennung drohst und du aber auch gerade in einer misslichen Lage bist,dann sorge für dich schon mal vor,denn sonst sitzt du ohne Wohnung und Job auf der Straße und dann geht es dir schlechter wie ihm. Es ist völlig richtig,dass du auf dich achten und Grenzen setzen musst,sprich es aber erst aus,wenn du es selbst durchsetzen kannst und es mit allen Konsequenzen trägst und ersträgst.

Wenn er nicht aufhören möchte zu spielen ,kannst du so viel auf ihn einreden wie du möchtest,er wird es nicht tun. Im Gegenteil,er wird mehr spielen und wenn ihm was nicht passt,wird er dir die Schuld geben.

 Wenn er aufhören möchte und er um Hilfe bittet,dann reich ihm die Hand,aber achte weiterhin auf dich.

LG Wolke

Re: Freundin stellt sich vor
« Antwort #4 am: 26 März 2020, 14:39:28 »
Hallo Freundin,

das Muster ist altbekannt, Du kannst sogar die Süchte austauschen.
Auch stoffliche Süchte laufen nach einem ähnlichen Muster ab.

Dass er nie gedanklich bei Dir ist, ist nachvollziehbar. Es gibt Wichtigeres.

Weißt Du was?

Ich war 10 Jahre tablettenabhängig (gelte mittlerweile als "geheilt"), bin spielsüchtig nach Fussballwetten (auch wenn ich derzeit nicht mehr spiele) und habe reichlich Erfahrung mit diesem ganzen Dreck machen dürfen, obwohl ich ansonsten eigentlich relativ normal lebe.

Für mich ist klar, dass ihr als Paar noch länger damit zu tun haben werdet.

Wenn Dein Freund noch im Modus "Komm halt damit klar!" ist, sind Deine Möglichkeiten zur Intervention nur sehr beschränkt.

Wenn er wirklich so viel Zeit vor dem Kram verbringt und nicht in der Lage ist, sein Handy mal für 2 Stunden wegzulegen, dann sieht es nicht gut aus.

Unangekündigt trennen würde ich mich auf keinen Fall! Das kann (und wird) ihn vermutlich noch tiefer reinreissen.

Aus finanziellen Gründen an der Beziehung festhalten? Ebenfalls auf keinen Fall!

Seine Eltern ungefragt informieren?
Bist Du wahnsinnig?!?!
Das wäre vermutlich ein großer Vertrauensbruch, selbst wenn Du ihn damit evtl helfen würdest.

Ich würde mit ihm offen ein Gespräch suchen.
Ist natürlich schwer, weil es schnell in einer Spirale aus (gegenseitigen) Vorwürfen und Rechtfertigungen enden wird. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Versuchen sollte man es, aber am besten in ruhiger Atmosphäre, also nicht, wenn er grad mal wieder am Zocken ist.

Wenn er Dir diese Daytrading-Geschichten nichtmal selbst erklären kann, hat er es vermutlich selbst nie verstanden.
Ihm wird es sicherlich vorrangig um den Kick gehen, um die Flucht aus der Realität.

Ich weiß nicht, mit welchem Problem Du zu kämpfen hast bzw hattest (SHG?), aber ziemlich sicher wird Dein Freund das als "Schutzschild" benutzen, wenn ihr diskutiert bzw euch streitet. So nach dem Motto: "Kehr Du erstmal vor Deiner eigenen Tür!"

Bleibt also noch ein Brief, den Du ihm schreiben könntest. Stelle ihn noch nicht vor vollendete Tatsachen jetzt, dafür ist es wohl noch zu früh. Sprich mit ihm, sag ihm, dass es Dich stört, was Du dabei empfindest usw...

Auf keinen Fall sollte die Diskussion an dem Punkt enden, an dem er sagt: "Das ist MEIN Geld!" und Du nimmst es hin, weil Du abhängig von ihm bist.

Ich könnte mir vorstellen, dass Du Unbehagen spürst, wenn Du mir ihm streitest, weil Du evtl Angst hast, er könne zu (s.o.!)?

Man sollte es nicht eskalieren lassen, aber man muss eine rote Linie für sich finden.

Der weitere Ablauf wird zu 99% so aussehen:
Wenn er eines Tages einsieht, dass er ein Problem hat und Du ihn ggf verlassen könntest, kommt entweder die Trotzreaktion ("Dann hau doch ab, alle lassen mich allein, wenns drauf ankommt!"). Oder es kommt das große emotionale Versprechen ("Ja, ich habe ein Problem. Ja, ich suche mir Hilfe!").
Ab diesem Punkt wird nochmal einige Zeit vergehen, bis irgendwas passiert. Und vermutlich wird er erstmal so weitermachen wie bisher.

Was er braucht, ist eine Einsicht in die Gründe für die Zockerei!
Ist es Langeweile?
Ist es der Wunsch nach dem vermeintlichen 'easy money'?
Ist es der Kick?
Ist es Frustration im real life?

Darauf kann er dann aufbauen.
Aber selbst wenn er die Ursache kennt und daran arbeitet, bleibt so eine Sucht oft noch als Gewohnheit bestehen, wenn man nicht selber massiv interveniert.

Ich schlage vor, Du sprichst erstmal mit ihm und schaust dann, wie es weitergeht.
Das macht am meisten Sinn, weil es kein Patentrezept gibt.

Und von voreiligen Schlüssen halte ich gar nichts.

Ich habe halt selber Erfahrung damit gemacht. Meine damalige Freundin hat sich von jetzt auf gleich getrennt, als es mir sehr schlecht ging. Sie hatte selbst einige massive Probleme, bei denen ich sie jahrelang unterstützt habe
Als ich dann tablettenabhängig geworden bin und Hilfe gebraucht hätte, hat sie mich nach vielen guten Jahren relativ zügig abserviert, weil sie damit nicht umgehen wollte.
Das war hart für mich und hat dazu geführt, dass ich mich vollends hängen ließ und in ein tiefes Loch gefallen bin, aus dem ich erst nach vielen Jahren wieder rausgekommen bin.

Ich habe mich dann auch  auf diesem Gebiet weitergebildet (Beziehungskonflikte, Streit etc.) und nun erkenne ich halt auch meinen eigenen großen Anteil an der Geschichte.
Das war aber lange nicht möglich. Ich wollte es nicht sehen, habe alle Schuld auf die Gesellschaft, meine Kindheit usw geschoben. Also komplett unreif.

Aber das gehört dazu. Man braucht solche Erfahrungen, um zu reifen.

Bleib am Ball und berichte weiter!


 

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