ONLINE-Selbsthilfegruppe | Samstags von 19 Uhr bis 21 Uhr

Mein Tagebuch Anthrazit

Begonnen von Anthrazit80, 07 Mai 2021, 10:12:42

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Hi Anthrazit!

ZitatIch habe alle Apps vom Handy gelöscht, höre keine Musik, keine Videos, kaum Nachrichten. Ich bin nur mit mir selbst.

Und das soll gut für Dich sein? Soziale Isolation? Komme am Samstag vorbei! Teile mit uns, was Dich bewegt. Vielleicht wird das Päckchen ja ein wenig leichter?



Gute 24 h
Olaf


(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

Hi Olli,

tatsächlich ist das eine gute Erfahrung des ,,sich selbst spürend" und ,,die Stille aushalten".

Ich schaue mal ob ich Samstag vorbeikomme. Dankeschön

Es sind jetzt wieder 10 Tage vergangen. Mir geht es körperlich schon besser, aber mental bin ich ziemlich am Boden. Ich habe jetzt viele Dinge eingesehen und reflektiert, zum Beispiel das ich jahrelang Alkohol funktional missbraucht habe. Ich denke auch, dass meine Glücksspiel Episode auch etwas mit meiner Persönlichkeitsstruktur zu tun hat.

Ich bin jetzt nochmal 2 Wochen krank geschrieben und meine Therapeutin wird meine VT in eine Tiefenpsychologische Therapie umwandeln. Parallel läuft noch die Trennung mit meiner Frau, was sehr schwer ist. Wir wollen alles einvernehmlich und friedlich lösen, aber da sind so viele Emotionen und Verletzungen....es ist eine Achterbahnfahrt.

Ich gehe jeden Tag zum Sport, ich nehme ab und tue viel. Aber allein dieses Aushalten des Zustands ist sehr schwer. Gestern kam auch eine Mail von unserem Personalbüro, dass ich ab der 7. Woche nur noch 70% Brutto bekomme, da setzt mich ganz schön unter Druck.

Was ich erlebt / erlitten habe, nennt man einen Multi-System Kollabs. Die Trennung von meiner Frau war sozusagen der letzte Schubser in einen high functional burnout.

Ich bin jetzt nackt, ohne Rüstung, ich fange von ganz unten wieder an. Aber ich bin nicht arbeitslos oder obdachlos, da fühle ich mich fast sogar schon privilegiert.

Ich nehme mir ab heute stärker das Thema Alkohol vor: über Jahre habe ich den immer als "Aus Schalter" benutzt. Ich bin nicht körperlich abhängig.

Hallo Anthrazit,

Dein Eintrag ins Tagebuch ergreift mich richtig. Es zeigt mir viele Parralenen zu meinem Leben auf, die ich Dir jetzt nicht aufzählen mag.
Das Bild, alleine und nackt darzustehen, aber - sich so selber wiederfinden, und so anzunehmen wie ich bin, - das ist ein Kernpunkt in meinem Leben geworden.

Für Dich wünsche ich, daß kein Suchtmittel Dich mehr überwinden kann, diese Versuchungen, das erste Glas, die erste Münze, wir können das stehen lassen.
Ich wünsche Dir viel Kraft und Mund und

schöne 24 Stunden

Andreas
Demut ist die anhaltende Ruhe im Herzen

Hallo Andreas!

Danke dir für den Zuspruch und deine Reflektion.

Du nennst es den Kernpunkt deines Lebens, für mich ist "Wer bin ich eigentlich?" gerade meine Kernfrage.

Wenn die Rüstung fällt, wenn alle Schutzmechanismen außer Betrieb sind...wer ist man dann noch?

Ich vermute (ob es für dich gilt, musst du selbst entscheiden), dass wir Menschen, die eine Rolle spielen, uns für unbesiegbar halten. Niemand und nichts kann uns brechen. Süchte? Ach was, das stecken wir weg. Die anderen sind die Loser. Ich? Niemals. Ich steck das weg.

DAS muss man nicht nur sehen, sondern das anerkennen und verinnerlichen. Ich merke jeden Tag, an dem ich mehr davon zurücklasse, dass es mir leichter wird. Auch wenn ich tief gefallen bin: es ist eine Chance!

#170
Lieber Anthrazit,

wie geht's Dir?
Ziehst Du Dich noch etwas zurück und nimmst Dir Zeit für Dich? Oder willst Du ab Montag wieder arbeiten?

Wie läuft's bei Deinem Dad?
Ich wünsch' Dir nen freundlichen und friedvollen, milden Umgang mit Dir selbst und dass Du bewusst tust, wonach Dir ist und was Dir gut tut.

Magst Du ein wenig schreiben, was Dich gerade umtreibt?

Auf jeden Fall:
Viele, viele Grüße,
Rubbel
--Meist ist Geist geil--

Hallo! Mal ein Update von mir:

Ich bin weiter krank geschrieben. Mein Hausarzt unterstützt das und meine Therapie wurde nunmehr in eine tiefenpsychologische Therapie umgewandelt. Es braucht einfach Zeit. Ich brauchte auch lange, um das zu verstehen.

Mir geht es körperlich gut und mental bin ich einigermaßen gefestigt. Ich habe feste Routinen etabliert und komme mittlerweile wieder zurecht.

Am 17.1. (das war mein letzter Eintrag hier) habe ich beschlossen, dass ich mich in neuer Mensch sein möchte. Ich will dieses Mal aktiv und bewusst an mir arbeiten. Die Basis dafür ist geschaffen, es liegt aber noch viel Arbeit vor mir.

Ich habe seit dem 17.1. keinen Alkohol mehr getrunken und nehme mir jeden Tag vor, dass auch erstmal nicht mehr zu tun. Ich will Druck und Probleme aushalten können und bewältigen können und nicht betäuben.

Ich bin sehr dankbar über diese Auszeit. Es gibt noch sehr viel zu tun: u.a. ist meine Wohnsituation noch nicht optimal und ich muss Bewältigungsstrategien bei Stress und Gedankenkreise entwickeln.

Was mir sehr hilft und was mich erdet ist der Sport. Das ist meine Konstante gerade.

Das war es erstmal.

Hallo Anthrazit80,

ich bin dankbar, dass du mich/uns an deinem Leben teilhaben lässt. Einträge hier im Forum stoßen bei mir oft etwas an und manchmal fühle ich mich in meinem Empfinden sehr verbunden.

Besonders angesprochen hat mich deine Aussage, dass dich der Sport erdet. Das ist bei mir auch so. Mich spüren, atmen, leben - all das hilft mir enorm. Ich Sein und doch Teil eines großen Ganzen.

LG,
Babs




Hallo Tagebuch, Hallo an alle stillen Mitleser und Begleiter!

Wieder ist Zeit vergangen. Ich bin nun an Tag 53 ohne Alkohol angekommen. Ich bin erstmal bis Mitte März krankgeschrieben und in Krankengeld-Bezug.

Mittlerweile habe ich verstanden, dass meine GS-Sucht damals nur ein Symptom von vielen war, aber keine Ursache für meine Probleme.

Der Burnout Ende letzten Jahres war der finale Zusammenbruch meiner Lebensumstände und des Wegschiebens meiner Persönlichkeit. Diese Krise war/ist hässlich und das Schlimmste, was mir je passiert ist. Aber sie war notwendig!

Ich habe erkannt, dass Süchte alleine nicht das Problem sind. Sie sind das Resultat von ständigen Fluchtversuchen vor einem selbst.

Ich bin mir sicher, dass jeder Süchtige nicht nur einfach die Sucht als Problem hat, sondern im Grunde einen ständigen Kampf mit sich selbst führt.

Dieser ,,Burnout" (tolles anerkanntes Modewort) ist nichts weitere als eine Krise. Und eine Krise ist ein durch Körper und Geist erzwungenes Ereignis, endlich Dysbalancen des wahren Ich's in Ordnung zu bringen.

Ich nehme mir jetzt weiter die Zeit, die ich brauche. Ich habe mir am 17.1. geschworen, dass ich sowas nie wieder erleben will und ich endlich richtig an mir arbeiten muss.

Für die, die meine Geschichte schon länger verfolgen, wird sich eröffnen, dass ich diese Krise eigentlich schon immer verschleppt habe: Zunächst mit der Einsicht des GS-Problems, dann Alkoholmissbrauch, dann Beziehungsprobleme und und und...

Alles Bausteine für die perfekte Krise.

Hallo Anthazit,

schön, daß Du 53 Tage und Heute trocken vom Alkohol bist. Ich sehe es ahnlich wie Du auch: Die Wurzel und die Ursache der Suchterkrankung liegt im Tiefen verborgen, und der Motor der die Sucht am laufen hält sind Faktoren wie Groll und Angst!

Das Thema Born out... Früher hieß das "Managerkrankheit", Heute definiert es sich als (Berufsschul) - Lehrerkrankheit. Behandelt wird Burn out, bildlich gesprochen, in Fachkliniken für Privatpatienten, eben mit dem Befund "Bournout und Depressionen", was in den Rezessionen nach Aufenthalt im Sanatorium klingt.

Wir Glücksspielsüchtigen können einen totalen Zusammenbruch erleben, und der hat zur Folge, die Tür zur Abstinenz zu öffnen. Ich bin damals in der Selbsthilfe von Meeting zu Meeting gegangen, um mich wiederzufinden, und spielfreiheit zu gewinnen. Die Kliniken kamen später, um Ängste und Groll zu überwinden.
Soweit mein Einwurf in Dein Tagebuch.

Ich wünsche Dir eine wunderbare abstinente Zeit

Andreas
Demut ist die anhaltende Ruhe im Herzen

Danke für deinen Kommentar, Andreas!

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