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Rückschritte und Fortschritte

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Offline JoJo

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Rückschritte und Fortschritte
« am: 01 September 2021, 04:40:10 »
Hallo Leute,

Ich bin 30 komme aus dem Süden Deutschlands und bin spielsüchtig. Und das musste ich mir wieder richtig eingestehen. Den ich bin seit circa meinen 18 Lebensjahr dem Glücksspiel verfallen .

Angefangen hat es wie so oft durch Zufall und durch einen Gewinn, danach habe ich diesen Drachen lange gejagt.

Ich habe bereits in der Vergangenheit eine ambulante Therapie unternommen und war auch regelmäßig in einer SHG, ernsthaft bin ich gegen meine Sucht so um 2017 vorgegangen und bis Ende 2019 war ich auch fleißig am Ball und war bis auf kleinere Rückschläge am Anfang, auch die Zeit über spielfrei. Es lief also insgesamt ganz gut.

Ende 2019 bin ich beruflich bedingt in meine Heimatstadt zurück gezogen. Da die SHG an einem anderen weit entfernten Ort stattfand war mir nicht mehr möglich sie zu besuchen.
 
Zudem war ich eh durch Umzug und neuen Job beschäftigt, somit wurde ich fahrlässig. Ich wollte zwar mich auch weiterhin um eine neue SHG kümmern tat es aber nicht. Ich wurde hochnäsig, ich redete mir ein die Sucht besiegt zu haben.

Das dem natürlich nicht so ist wissen hier vermutlich alle.

Durch Corona fand ich eine Ausrede mich noch weniger um meine Abstinenz zu kümmern. Frei nach dem Motto ja ist eh Pandemie es finden keine Gruppen statt. Angefragt habe ich natürlich nicht.

So kam es wie es kommen musste und die Sucht holte mich wieder ein. Ich fing sobald es möglich war meine alten Spielhallen zu besuchen in denen ich bereits einen Großteil meiner jungen 20er verbrachte. Ich fing auch an online zu spielen, als die Welt stilllag.

Das positive dabei ist ich hab mich insoweit beherrschen können das ich keine Schulden aufgebaut habe. Jedoch habe ich mich jeglichen Luxus beraubt und meine Leidenschaften vernachlässigt. Ich habe mich viel kostbarer Zeit beraubt.

Ich bin auch frustriert und müde. Ich bin frustriert das mich die Sucht immer wieder einholt. Ich bin es auch leid den Kampf gegen die Sucht wieder auf mich zu nehmen.

Doch ich merke wie ich immer mehr die Kontrolle verliere und ich will nicht mein Leben in einer stinkenden Spiellunke verschwenden.

Ich gestehe mir ein das ich Spielsüchtig bin.
Ich gestehe mir ein das ich es auch immer bleiben werde.

Das positive ist immerhin ich fange nicht komplett von null dieses Mal an. Denn ich weiß was zu tun und was mir hilft.

Es hilft mir darüber zu reden auch das Schreiben hier, ich werde mir hier vor Ort Hilfe suchen und mich um einen Platz in einer neuen SHG bemühen.

Ich freue mich auf eure Eindrücke.


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Offline Olli

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Re: Rückschritte und Fortschritte
« Antwort #1 am: 01 September 2021, 06:45:42 »
Guten Morgen JoJo und herzlich willkommen!

Über Deinem Beitrag schwebt eine düstere Stimmung. Ich erkenne hier schon, dass Du Erfahrungen aus Deiner Therapie und der SHG einfließen lässt. Jedoch befürchte ich auch, dass es eher abgespult ist, als dass es aus dem Herzen kommt?

Du siehst den Erfolg aus Beidem, weshalb Du auch wieder zurück zur SHG möchtest. Doch es klingt wie ein Muss. Nein, Du musst nicht den Kampf gegen die Sucht aufnehmen, sondern die Freude Dein Leben selbstbestimmt und spielfrei genießen zu können. Das klingt hochgestochen, doch ich denke, Du weisst was ich meine - den Perspektivwechsel.

Ich bin jetzt 15 Jahre spielfrei und am Anfang sah ich die SHG auch als Muss an. Doch ich fand Gefallen daran mich immer wieder neu zu entdecken. Das hätte ich alleine nie geschafft und das ist auch der Grund, wieso ich heute hier im Forum bin.
Jetzt am WE war ich auf einer Schulung. Puh, was war das anstrengend. Nicht nur körperlich, in einer Zweiergruppe während einer Übung sind wir 5 km gewandert. Diese Übung war in der Form neu für mich und ich setzte mich selbst unter Druck. Wir sollten etwas vom Gegenüber heraus finden. Die Zeit verstrich und irgendwie brachte ich gar nichts wirklich geistig zu Papier.
Von den 4 h waren nur noch 25 Minuten übrig und es standen lediglich ein paar Zeilen auf meiner Liste. Meine alte Prüfungsangst kochte kurz auf. Als ich jedoch wieder in der Gemeinschaft der Gruppe saß, da legte sich meine Nervosität und ich konnte meine Liste entspannt erweitern und das Ganze dann auch im Vortrag ausschmücken.
Diesen inneren Zwang habe ich lange nicht mehr verspürt. Diesen Kampf mein Bestes zu geben und zu zeigen.
Er war gar nicht nötig. Denn niemand erwartete etwas von mir. Ausgenommen ich selbst ...
Ich war und bin froh diese Erfahrung in der Gruppe gemacht zu haben.

Vielleicht hast Du ja Lust am Samstag in die Online-Gruppe zu kommen? Alles Wissenswertes darüber findest Du unter "Aktuelles und Termine".
Gute 24 h
Olaf

(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

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Offline JoJo

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Re: Rückschritte und Fortschritte
« Antwort #2 am: 01 September 2021, 13:45:14 »
Hallo Olli,

Vielen Dank für deine Rückmeldung.

Ja ich kann es nicht verneinen das es sich mehr nach einem gelernten Muster anfühlt das nicht wirklich verinnerlicht ist.
 
Ich weiß wie gut es mir nicht nur psychisch sondern auch körperlich ging, während meiner spielfreien Zeit. Ich habe auch das Problem das ich absolut die Relation zu Geld verloren habe. Diese würde ich auch wieder erlernen.

Ich merke wieder wie ich in ein Loch falle und ich weiß wie tief es noch werden kann, das alles macht mir auch unheimliche Angst. Ich merke wieder wie ich anfange Beruf, Freunde und hobbies zu vernachlässigen. 

Das alles weiß ich und will es ändern jedoch fühlt sich auch das für mich nicht aufrichtig an.

Ich bin leider nicht so motiviert wie beim ersten Anlauf vor ein paar Jahren, aber ich bin auch zum Glück nicht am selben Tiefpunkt angekommen. Ich will dort auch nicht sein, aber ich rechtfertige mein Verhalten oft damit das es mir aktuell ja viel besser geht.
Das ich wieder Probleme habe und mich schnurstracks auf eine Katastrophe hinbewege, wird von mir irgendwo ignoriert.

Ich fühle mich insgesamt sehr gespalten.

Ich habe aber immerhin ein Termin mit den lokalen Hilfestellen vereinbart und bemühe mich um einen Therapieplatz.

Ob ich am Samstag teilnehmen kann, weiß ich leider noch nicht. Ich bin da bereits mit Freunden verabredet weil mir das gut tut. In Stein ist jedoch nichts gemeißelt.

Nochmals danke für deine Rückmeldung. 


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Offline Olli

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Re: Rückschritte und Fortschritte
« Antwort #3 am: 01 September 2021, 14:01:17 »
Hi JoJo!

Zitat
Ich will dort auch nicht sein, aber ich rechtfertige mein Verhalten oft damit das es mir aktuell ja viel besser geht.

Schön formuliert, doch eigentlich sagt dieser Satz ja recht wenig aus, da er relativ ist.
Die Frage ist doch, ob es Dir gut geht und ob Du damit zufrieden bist?!

Eigentlich ist diese Frage aber obsolet, denn Deine Stimmung und Deine Worte geben die Antwort schon vor.

Schön übrigens, dass Du Dich dem Hilfesystem wieder anschließt!

Kein Stress mit Samstag ... :)
Gute 24 h
Olaf

(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

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Offline JoJo

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Re: Rückschritte und Fortschritte
« Antwort #4 am: 02 September 2021, 15:12:45 »
Hallo Olli,

Ehrlich gesagt weiß ich selbst nicht wie es mir geht momentan verspüre ich harten suchtdruck, ausgelöst so blöd es klingt durch meine Impfung.

Ab heute sind meine zwei Wochen rum, und ich kann theoretisch einfach so in jede spielhölle gehen. Die sucht in mir versucht es mir wie ein Zeichen oder Symbol aufzuzeigen, frei nach dem Motto heute hast du bestimmt Glück.

Der vernünftige Mensch (der ich ja eigentlich bin) weiß das es Humbug ist, doch die Sucht ist nicht vernünftig.

Ich schaffe mir Abhilfe indem ich diese Gedanken hier äußere und nach Feierabend habe ich mich bereits mit Freunden verabredet wir gehen ins Kino und ins Restaurant. ( so kann man seine Freiheiten doch auch besser auskosten).

Am Montag habe ich mein erstes Beratungsgespräch. Ich bin genauso nervös wie damals, es fühlt sich auch alles irgendwie merkwürdig an. 

Generell fühle ich mich sehr aufgewühlt und meine Gefühle sind durcheinander. So recht weiß ich selbst nicht was ich will.

Ich weiß nur momentan das ich nicht spielen möchte.

Ich will nicht stundenlang vor dem Gerät sitzen und meinen Geld dabei zuschauen wie es schrumpft.

Meine sozialen Kontakte und meine hobbies in den Hintergrund schieben.

Selbst bei Gewinnen habe ich jegliche Kontrolle schon längst verloren, da werden einfach Einsätze erhöht und ein neuer Meilenstein geschaffen,  bei dem Mann sagt (ab Summe X hole ich raus) das ganze geht so lange weiter bis man auf null ist.

Leider merke ich das ich beim weiten nicht so gefestigt bin, wie ich es gedacht habe.   

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Offline Olli

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Re: Rückschritte und Fortschritte
« Antwort #5 am: 02 September 2021, 16:08:49 »
Hi JoJo!

Zitat
Ehrlich gesagt weiß ich selbst nicht wie es mir geht momentan verspüre ich harten suchtdruck, ausgelöst so blöd es klingt durch meine Impfung.

Nö ... klingt nicht blöde ... habe es heute schon wieder in einem anderen Thread geäußert ... Du dieskutierst innerlich mit der Sucht. Jede Diskussion ist aber zum Scheitern verurteilt. Gut ist es, dass Du den heutigen Abend schon mal verplant hast. Doch was ist mit gerade jetzt? Hier schreiben ist auch prima - reicht es denn?
Was wäre denn, wenn Du gesperrt wärest für Spielhallen? Hier gibt es einen Sperrantrag:  https://rp-darmstadt.hessen.de/sites/rp-darmstadt.hessen.de/files/Musterantrag_auf_Selbstsperre%20V2.pdf
Du kannst ihn ausfüllen, ausdrucken, einscannen und wieder abschicken. Entweder per Post  an:

RP Darmstadt
Sperrsystem OASIS
Luisenplatz 2
64283 Darmstadt

oder per Mail an: spieleranfragenoasis@rpda.hessen.de   oder: oasis@rpda.hessen.de

Da der Anschluss der Anbieter an OASIS sich noch etwas hinziehen kann, würde ich Kopien davon, als solche auch markiert, an die Spielhallen in Deiner Umgebung senden. Sie sind zu Kontrollen verpflichtet. Machen sie das nicht, dann belege dem örtlichen Ordnungsamt Deine Sperre und teile die fehlende Kontrolle mit. Das wird dann teuer für den Anbieter.
Wie war es denn bisher, wenn Du z.B. kein Geld zum Spielen hattest oder die Möglichkeit zu Spielen durch Pflichteinhaltungen nicht möglich war.
Da war weniger Suchtdruck vorhanden ... oder?  Weniger bis keiner ...
Mit der Sperre machst Du nichts Anders ... Du entziehst Dich der Spielmöglichkeit ... und die Nervosität verfliegt.

Zitat
Am Montag habe ich mein erstes Beratungsgespräch. Ich bin genauso nervös wie damals, es fühlt sich auch alles irgendwie merkwürdig an.

Prima ... da hast Du aber zügig einen Termin bekommen. Wieso fühlt es sich merkwürdig an? Weil Du denkst, dass Du "versagt" hast? Sie jetzt "noch einmal" in Anspruch nehmen musst?
Paperlapapp ... Eine Deiner Stärken - eine Deiner Ressourcen ist es, Dir trotzdem Hilfe zu suchen! Na dann bist Du eben rückfällig geworden uns dann nimmst Du eben noch mal die Hilfe an.  Du bist da nicht der Erste und Du wirst auch nicht der Letzte sein. Roundabout gehört das alles mit zur Sucht.
Zudem fängst Du ja nicht von Vorne an, sondern knüpfst da an, wo Du stehen geblieben bist. Du arbeitest wieder an Dir ...

Zitat
Ich will nicht stundenlang vor dem Gerät sitzen und meinen Geld dabei zuschauen wie es schrumpft.
Meine sozialen Kontakte und meine hobbies in den Hintergrund schieben.
...
Ich weiß nur momentan das ich nicht spielen möchte. 

#grummel# ... Wieso eigentlich müssen wir immer alles mit Negationen versehen? ... Machen es uns negative Ziele nicht deutlich schwerer daran fest zu halten? Mir ging es genauso damals ...

1. Ich möchte meine Lebenszeit sinnvoll verbringen.
2. Ich möchte Freude in meiner Lebenszeit verspüren.
3. Ich möchte meine sozialen Kontakte pflegen und genießen.
4. Ich möchte meinen Hobbies nachgehen, weil sie mir Freude bereiten und einen Ausgleich zum Alltag schaffen.
...
x. Ich möchte spielfrei leben!
...

Zitat
Selbst bei Gewinnen habe ich jegliche Kontrolle schon längst verloren, da werden einfach Einsätze erhöht und ein neuer Meilenstein geschaffen,  bei dem Mann sagt (ab Summe X hole ich raus) das ganze geht so lange weiter bis man auf null ist.

Klaro ... vollkommen normales Suchtverhalten ... und es beinhaltet die Diskussion mit der Sucht ... ;)

Zitat
Leider merke ich das ich beim weiten nicht so gefestigt bin, wie ich es gedacht habe.

Das wird wieder ... hast es doch schon einmal geschafft ...
Gute 24 h
Olaf

(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

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Offline JoJo

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Re: Rückschritte und Fortschritte
« Antwort #6 am: 03 September 2021, 03:04:47 »
Hi Olli,

Danke für den Hinweis mit dem selbstauschluss, ich werde das definitiv machen. Ich hoffe das ich mir damit zusätzlich eine mentale Hürde einbaue.

Denn seien wir ehrlich falls es hart auf hart kommt interessiert das leider die wenigsten Hallen in der Umgebung und die OCs schon drei mal nicht.

Das macht mir auch ehrlich Sorgen, weil so blöd es klingt ich habe lieber einen Rückfall in einer Halle als im OC denn da können die Verluste schnell extrem ausfallen. Was aber wieder aufzeigt das ich mir doch irgendwie eine Hintertür offen lasse. Diese Gedanken muss ich schließen, ich will Spielfrei sein aber irgendwie macht mir der Gedanke auch nie wieder zu spielen total sorgen. Warum weiß ich ehrlich gesagt nicht.

Als ich kein Geld hatte fiel es mir natürlich deutlich einfacher spielfrei zu bleiben.

Ich beobachte in mir gerade so einen Zweikampf auf der einen Seite weiß ich wie schön das Leben ist, wenn es nicht durch die sucht bestimmt ist. Andererseits frage ich mich ob ich wirklich, Spielfrei sein will.

Als ich das letztes Mal so eine große Anstrengung unternommen habe, Spielfrei zu sein. Bin ich am Tiefpunkt angekommen. Sowohl finanziell wie auch seelisch.

Dieses mal will ich es gar nicht soweit kommen lassen, denn diesmal habe ich auch mehr zu verlieren.

Ansonsten verlief der Tag recht schön, und wirklichen suchtdruck habe ich nicht mehr verspürt nur ein Unwohlsein. Das sich unter anderem in Schlaflosigkeit äußert.

Aber ich nehme mir es jetzt vor konsequenter zu sein und alle Hintertüren zu schließen.


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Offline Olli

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Re: Rückschritte und Fortschritte
« Antwort #7 am: 03 September 2021, 06:51:14 »
Moin JoJo!

Eine Sucht ist das unbändige Verlangen eine bestimmte Handlung auszuführen, wobei die Rationalität dabei vollkommen ausgeschaltet wird.

Umso wichtiger ist es also in den Zeiten ohne oder nur mit verhältnismäßig geringem Verlangen die Rationalität zu nutzen.
Zusätzlich bin ich aber auch überzeugt davon, dass wir trotzdem in jeder Phase der "Handlung" jederzeit intervenieren und sie damit stoppen können. Je früher dies geschieht, desdo einfacher funktioniert es.

Zitat
Diese Gedanken muss ich schließen, ich will Spielfrei sein aber irgendwie macht mir der Gedanke auch nie wieder zu spielen total sorgen. Warum weiß ich ehrlich gesagt nicht.

Das Glücksspiel übt eine Funktion aus. Diese heraus zu finden, das ist unsere Aufgabe auf dem Genesungsweg. Dabei ist aber genau dieser Weg das Ziel. Das hast Du damals zu Zeiten der Therapie, so denke ich, auch erfahren. Ein Fehler ist leider dann oft, dass wir hochmütig werden und den Weg nicht weiter beschreiten. Er hat ja Erfolg gebracht - wieso also auch nicht? Zurück zur Normalität!
Nun, es gilt nicht nur die Ersatzfunktion auszuschalten, sondern auch zu lernen achtsam mit uns zu sein. Was bezwecken unsere Gedanken? Was unsere Gefühle? Wie gehe ich damit um? In welchem Bereich nutze ich die Ersatzfunktion und kann sie auf gesunde Weise doch durchleben, ohne dass gleich die Welt untergeht?

Das Prinzip der Ersatzhandlung ist eigentlich eine Überlebensstrategie. Wir Menschen haben nun mal nur eine kurze prägende Zeit in der Erziehung, in der wir alles Mögliche lernen sollen. Je nach sozialem Umfeld ist der Lehrstoff aber schon beschränkt.
Wie gehe ich dann also in einer bestimmten Situation mit einem bestimmten Gefühl um? Besonders, wenn diese beiden vielleicht noch negativ behaftet sind? Wir greifen dann zu dem, was wir schon kennen. Und wenn wir z.B. mit dem Glücksspiel schon in Berührung gekommen sind, dann erinnern wir uns, dass es "Spaß" gemacht hat ... es positive Gefühle hervor gerufen hat - wir alles um uns herum vergessen konnten - zumindest für einen Moment.
Doch wenn da ein Problem existiert, also ein Defizit zwischem dem Erwarteten und dem tatsächlich Erlebten, und dieses Problem nicht gelöst oder verarbeitet wird, dann greifen wir immer wieder zur Ersatzhandlung und landen so schlussendlich in eben unserer Sucht.

Ich übe die Achtsamkeit jeden Tag und es gibt immer wieder Neues, was mich fordert. Da bin ich heilfroh, dass ich mir ein System aufgebaut habe, auf welches ich zurückgreifen kann. Einen Pool aus Wissen und Erfahrungen bei Menschen, die dies auch gerne teilen!

Es ist also nicht verwunderlich, dass Du so ambivalent bist. Das ist normal in unserer Situation. Die Wenigsten sprechen es aber so wie Du aus! Respekt! Das ist eine mächtige Ressource, die da in Dir steckt. Schön weiter nutzen ... :)
Gute 24 h
Olaf

(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

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Offline JoJo

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Re: Rückschritte und Fortschritte
« Antwort #8 am: 05 September 2021, 16:36:10 »
Hallo Olli,

Ich muss gestehen das ich gestern leider spielen war. Ich habe mir gesagt das ich im diesen Forum wie auch zu mir absolut ehrlich sein will.

Gestern hatte ich eigentlich den ganzen Tag schön mit Freunden verplant als Sie mir jedoch plötzlich abgesagt haben (aus Krankheit oder weil das Leben manchmal dazwischen funkt) war ich so frustriert das ich das Spielen als einzigen Ausweg betrachte habe.

Dabei möchte ich klarstellen das meine Freunde keine Schuld trifft oder sonstiges, ich habe immerhin die bewusste Entscheidung meinen Frust und Langeweile durchs spielen zu betäuben.

Das ich ja auch in die Online SHG gehen hätte können, ja daran habe ich nicht gedacht. Den der Gedanke zu spielen vernebelte bereits alles. 

Nun das ganze hat aber auch was recht positives, ich habe davor unheimliche Angst vor der Abstinenz gehabt.

Angst davor sich mit mir und meiner Sucht auseinander zu setzen und Angst davor nicht einen einfachen Ausweg zu haben um meine Gefühle  zu betäuben.

Doch als in dort vor Ort war merkte ich, wie ein Gefühl des Ekels und der Abscheu sich in mir ausbreitete.

Ein Gefühl das mich mit allesamt seiner Negativität regelrecht zerfraß. Ich war nur noch genervt und angewidert, sei es von den Geräuschen, Gerüchen oder Gesprächen.

Ich bin mir nun sicherer wie jemals zuvor das ich diese Gefühle nicht mehr haben möchte.

Ich möchte positive Gefühle und auch wenn es schwer ist mit schlechten Emotionen einen gesunden Umgang finden.

Ich bin in meiner Entscheidung spielfrei zu sein bewusster den je. 

Ich versuche dadurch nicht das was gestern geschehen ist zu rechtfertigen oder es gar gut zu reden, aber es war der letzte Tropfen den ich gebraucht habe um mir vor Augen zu führen,
dass ich wirklich spielfrei sein möchte.

Dabei geht es mir auch nicht um das finanzielle, denn genügend Suchtmittel (Geld) ist bei mir noch glücklicherweise vorhanden.

Es geht mir um mein psychisches Wohlbefinden.

Ich habe eindeutig festgestellt das die Zockerei mir nichts positives geben kann.

Das ich absolut machtlos bin und keinerlei Kontrolle in dieser Situation habe.

Es hat mir verdeutlicht das ich wirklich spielfrei leben möchte.

Habe ich am Samstag morgen noch die Gedanken gehabt, meinen Beratungstermin abzusagen, bin ich mir heute bewusster den je das ich Platz für meine Genesung schaffen möchte.

Das ich sie in den Vordergrund stellen möchte und ein gesundes glückliches und insbesondere  selbstbestimmtes Leben führen möchte.

Daher fühle ich mich heute seit Langem gut und das wichtigste ist, ich habe keine Angst mehr vor der Abstinenz oder dem Weg den ich bestreiten muss um ein Spielfreies Leben zu leben.

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Offline Olli

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Re: Rückschritte und Fortschritte
« Antwort #9 am: 05 September 2021, 19:22:22 »
Hi JoJo!

Schöne Worte sind das ... aber es sind auch nur Worte. Mal sehen, ob Du nun Taten folgen lässt.

Ich war übrigens gestern alleine im Meeting - es hat also nicht stattgefunden. Wir hätten Deinen Frust abbauen können.
Die Zeit vergeht so schnell, wenn wir erst einmal so ins Schwatzen kommen über unsere Erfahrungen. Das alles auch noch unter dem Siegel der Verschwiegenheit.
Es existiert niemand, der Dich heilen kann. Das geht nur durch Dich alleine. Das schließt Anregungen von außen aber nicht aus.
Die brauchst Du und wenn möglich aus allen erdenklichen Richtungen. Du musst aber damit beginnen!

Beginnen ist eine Handlung. Ist der Sperrantrag schon ausgefüllt und abgeschickt? Hast Du einen Zettel in der Geldbörse - oder am Küchenschrank oder an der Wohnungstür als Erinnerung für Deine Ziele und als potentiellen Hemmschuh für Handlungen, die Dich wieder in die Suchtausübung treiben?
Hast Du Dir Chilligummibärchen gekauft und davon immer ein oder zwei am Mann?

Wenn Du aktiv nichts veränderst, dann wirst Du Dich auch nicht verändern. Dann wirst Du beim nächsten Mal den Termin bei der Suchtberatung tatsächlich nicht wahrnehmen und ihn gegen einen Termin in der Spielhalle tauschen - genau wie gestern.

Setze Dir selbst Mahnmahle auf Deinem Weg. Mit Handlungen! Dann kannst Du immer sagen: Das habe ich schon gemacht - und das habe ich schon erreicht!
Gute 24 h
Olaf

(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

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Offline JoJo

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Re: Rückschritte und Fortschritte
« Antwort #10 am: 06 September 2021, 15:57:52 »
Hallo Olli,

Vorhin sind die ersten Taten gefolgt ich war bei dem Beratungsgespräch und es lief insgesamt sehr gut. Ein Termin für ein zweites Beratungsgespräch wurde auch bereits vereinbart.

Den Sperrantrag schicke ich auch ab, sobald ich kann.

Momentan fühle ich mich gut und habe das Ziel der Spielfreiheit eindeutig vor Augen. 

Ich weiß selbst das mein Verhalten am Samstag nicht richtig war und versuche es auch nicht zu beschönigen.

Ich wünsche dir noch eine schöne Woche.

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Offline JoJo

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Re: Rückschritte und Fortschritte
« Antwort #11 am: 07 September 2021, 17:13:39 »
Hallo an alle,

Heute ist ein guter Tag hab meinen Sperrantrag ausgefüllt und abgeschickt. Hab mich auf 99 Jahre sperren lassen. Weil man ansonsten bei unbefristet sich theoretisch nach einem Jahr entsperren kann.

Als ich gestern mit einer Freundin spazieren war wirkte es bizarr auf mich, wo überall Automaten standen die mir im vorbei gehen auffielen.

Ein nicht Spieler sieht sowas nicht.

Ich war jedoch sehr froh nicht selbst derjenige zu sein der davor saß.

Heute werde ich den Feierabend und das schöne Wetter genießen.

Ich denke ich werde auch mal ein Tagebuch eröffnen. Das ich aktuell halte.

Ich wünsche euch schöne 24 Stunden.

PS. Olli falls diesen Samstag eine online SHG stattfindet gib mir bitte Bescheid ich würde sehr gerne teilnehmen.

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Offline Olli

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Re: Rückschritte und Fortschritte
« Antwort #12 am: 07 September 2021, 18:35:15 »
Bescheid! ;)
Gute 24 h
Olaf

(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

 

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