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Was verstehst du unter/ wie erlebst du......... Stolz?

  • 4 Antworten
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Offline Olli

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Was verstehst du unter/ wie erlebst du......... Stolz?
« am: 11 November 2021, 16:19:36 »
Was verstehst du unter/ wie erlebst du......... Stolz?

Auf dem Vernetzungstreffen der Selbsthilfegruppen in NRW wurden folgende Fragen gestellt:

1. Welche Rolle spielt der Stolz bei der Entwicklung der spielsucht?

2. Inwieweit steht ein Spielsüchtiger sich mit seinem Stolz im Wege?

Bitte nur von Dir selbst schreiben und andere Antworten nicht kommentieren! Ich bin mal gespannt, welche Erfahrungen Ihr gemacht habt.
Gute 24 h
Olaf

(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

Re: Was verstehst du unter/ wie erlebst du......... Stolz?
« Antwort #1 am: 11 November 2021, 16:47:50 »
Also mich brachte der eigene Stolz dazu, die erlittenen Verluste nicht hinnehmen zu wollen. Sich als Verlierer zu verabschieden, kam deshalb nicht infrage. Ich wollte mit einem guten Gefühl aus dieser Sucht aussteigen. Dazu bedurfte es allerdings einen (sehr) hohen Gewinn, um die Dinge wieder zumindest etwas gerade zu rücken. Ich wollte einfach nicht als Verlierer und Loose abtreten, deshalb machte ich immer weiter.
"Nur wer weiß, woher er kommt, weiß, wohin er geht"
(Theodor Heuss)

Re: Was verstehst du unter/ wie erlebst du......... Stolz?
« Antwort #2 am: 11 November 2021, 17:14:03 »
Stolz im Zusammenhang mit der Spielsucht?
Spielt überhaupt keine Rolle,kommt nicht vor,nur Scham.

LG Wolke

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Offline andreasg

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Re: Was verstehst du unter/ wie erlebst du......... Stolz?
« Antwort #3 am: 11 November 2021, 17:28:19 »
Das einzige, auf das ich stolz bin, ist meine Geburtsadresse. Ein Platz in einem dicht bewohnten Stadtviertel in Hannover. Auf der Seite der (ehemaligen) Klinik halten sich die Trinker auf, auf der anderen Seite die Drogenabhängigen. Wer Methadon bekommt, trägt eine grüne Weste. Der Kinderspielplatz ist in einem gut gepflegten Zustand, und wirkt zur Groteske gradezu gut bürgerlich.
Stolz zu sein, ist die erbaute Mauer, sich Würde zu erschaffen, wo Diskriminierung und Ressertiment herrschen. Mein früherer Chef in der Firma pflegte den Satz: "wer kein Geld, hat kein Ansehen", da hatte ich immer die Maloche um das kleine Gehalt im Kopf, den Neid, die Unfähigkeit mich sachlich mit dem Thema Wertschätzung auseinander zu setzten. Lieber war ich ein Taugenichts, ein Cooler, ein Versager. Die Sehnsucht, das Geld zu verspielen, welches ich mir zu gewinnen hoffte, um mein Gehalt in dieser konstruierten Haltung aufzubessern, wuchs beständig in mir..2Im Fanblock im Stadion gehörte ich zu einer Clique, die schlicht und einfach: "die Säufer" hieß, das war, als säße ich auf einem mächtigen Thron: endlich gesehen, und beachtet zu werden. Später , in den Straßen,, außerhalb der Spielstätten, gab es Spielhallenbekannte, die mich über die Straße weg, mit: "Hallo Doktor" ansprach. Wenigstens hatte ich unter den Spielern ein gefälligeres Pseudonym, nur ein einziges Mal bin ich "Zocker" genannt worden.
Ich habe wohl schon geglaubt, das Spielen zu beherrschen, und "hatte mein Leben gut im Griff", oft bin ich angesprochen worden, daß wohl etwas mit mir nicht stimmen könnte. Ein Kollege bei einem früheren Arbeitgeber, griff mich am Arm, und schaute auf die Armbeuge, weil er Nadeleinstiche vermutete. Nein, Drogen sind mir erspart geblieben., und die Zivilfahnder sah ich wohl als "fehl am Platz" an. Fazit, ich hatte das Spielen im Griff, wußte auch genau, wann und wie ich mich umbringen würde, alles war bestens geplant!

Am Bahndamm stehend, ging gerade die Sonne auf, es war Sommer, die Vögel stimmten ihr Morgenlied an. Ich stieg in den Zug, und fuhr zu Polizei, erstattete Selbstanzeige, und der Beamte wies auf das Regal, mit den unzähligen Akten hin: "die sind allesamt von Spielern" so sein Kommentar. Das hat mir die Angst genommen, die Angst vor dem Sterben, vor dem Tod, ich lernte später den Satz: "Du darfst frei sein und Leben"

Wenn ich Heute auf meinen kleinen Fahrten irgendwo in eine Kirche gehe, am Gebetsaltar eine Kerze anzünde, und Danke sage, bin ich dann immer noch der weltfremde Sonderling?

Auf denvieln Deutschlandtreffen der Anonymen Spieler (GA), die ich besuchen durfte, fühlte und fühle ich immer wieder und mehr diese Solidarität, die Mauern durchbricht, Groll Ressertiments, Ängste wegnimmt. Ich habe die Freiheit meine Minderwertigkeitsgefühle abzulegen, und mittendrin  am Leben teilzuhaben.

See me feel me, touch me, hearl me

Andreas
Demut ist die anhaltende Ruhe im Herzen

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Offline Olli

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Re: Was verstehst du unter/ wie erlebst du......... Stolz?
« Antwort #4 am: 11 November 2021, 20:00:22 »
Bei der Entwicklung meiner Spielsucht spielte Stolz durchaus eine Rolle. Gerade am Anfang der Gewöhnungsphase, versuchte ich über Anerkennung meinen Stolz zu genießen. Probleme gab es da ja nicht ... zumindest finanziell ...
Viele meiner Freunde und Bekannten spielten. Wir puschten uns auf, wenn wir zusammen in der Kneipe am Automaten spielten.
Wer die Kiste hochgedrückt bekam, der war der Held ... da wir aber zusammen spielten, waren wir es dann wieder doch beide.
Verloren wir, dann war der Verlust ja schon geteilt und schmerzte auch nur halb so dolle ...

Dann lernte ich jemanden kennen, der mich in die Welt der Spielhallen einführte. Es war eine andere Welt und irgendwie entfachte es auch ein wenig Stolz in mir überhaupt dorthin gehen zu können. In einem echten Casino war ich aber nur ein einziges Mal, in Monte Carlo auf einer Tour des Tambourcorps. Da mussten wir für 20 DM Geld tauschen und verspielen. Mehr wechselte ich nicht ein, da ich ja schon meine Fassade wahren wollte. Mit hat das Ambiente aber auch nicht gefallen und die Automaten dort auch nicht.
Und so bin ich nicht nur aus Selbstschutz in Deutschland solchen Lokalitäten fern geblieben.

Stand mir mein Stolz im Wege? Aber sicher ... Schämte ich mich nicht schon selbst genug meiner Lügen? Ich habe mir viel selbst beigebracht in meiner beruflichen Laufbahn. Doch hier beim Glücksspiel klappte die Nutzung dieser Resource nicht. Ich wollte mir einen Rest von Stolz bewahren und eben nicht zugeben, dass ich machtlos dem Spielen gegenüber war. Es war ein Stolz auf eine falsche Fassade, doch das war mir nicht klar.
Mir sollte doch keiner erklären, wie Scheiße ich war ... das wusste ich doch selbst. Dass die porfessionelle und die Selbsthilfe aber ganz anders vorgehen, wusste ich nicht und wollte ich auch nicht wissen. Mein selbst gesponnener Kokon war schön mollig warm ...

Ich hatte das Glück, wenn ich das überhaupt so formulieren darf, dass in meiner Anfangszeit der Abstinenz einige langjährig Abstinente rückfällig geworden sind, darunter auch mein Proteger ...
Das hat mich davor bewahrt aus meinem Stolz über meine Abstinenz Hochmut zu züchten. Es gibt da ein wunderschönes Zitat, weiss aber nicht, von wem es stammt: Hochmut ist die Blindheit vor dem blinden Pfleck!

Mir wurde ja schon in der Kindheit Lob gegeben, es aber brutal entzogen, wenn ich etwas machte, was dem anderen nicht schmeckte. Das macht nicht nur mißtrauisch bei Lob - es macht es mir ungemein schwer Lob anzunehmen. Natürlich sind hier Glaubenssätze im Spiel ... die falschen ...
Mitllerweile nehme ich das Lob an und sehe dann, was passiert. Dann mache ich mich damit eben verletzlich. Was ist das denn für ein Leben nicht stolz auf etwas Geleistetes zu sein?

Ich bin sicher nicht stolz auf meine Spielsucht, doch ich bin stolz darauf, was ich daraus entwickelt habe. Ohne meine Sucht hätte ich mich nie und nimmer mit mir so viel beschäftigt. Das ging nicht ohne Euch alle dort draussen, die meinen Weg gequert haben. Ich darf von jedem Einzelnen lernen.

Beim Vernetzungstreffen sollten wir ein kreisrundes Stück Papier mit 10 cm Durchmesser bereit legen und eine Schnur von 40 cm.
Dann sollten wir auf dieses Papier drauf schreiben, worauf wir stolz sind. Es kamen einige Punkte auf dieser Medaille zusammen.
Der Wichtigste aber war: "Mein Sosein!"

Ich denke, dass doch genau das das Ziel eines Jeden sein sollte ... oder nicht?

Bitte nicht auf die Frage antworten, nur darüber nachdenken!
Gute 24 h
Olaf

(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

 

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