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Wie erlebst Du ... in Deiner Abstinenz die einstige aktive Zeit?

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Offline Olli

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Wie immer in dieser Reihe bitte nur über sich selbst reden. Nachfragen bitte nur bei Unklarheiten.

Wie erlebst Du ... in Deiner Abstinenz die einstige aktive Zeit?

Wie fühlt es sich an, an diese Zeit zu denken?
Wieso hat so mancher den Eindruck, dass diese Zeit schon unwahrscheinlich weit weg erscheint, obwohl doch erst ein paar Wochen/Monate vergangen sind?
Was könnten die Hintergründe sein bei Euch?
Ist dieses Gefühl gut ... oder doch schlecht?

Vielleicht fällt Euch ja auch noch mehr ein ... dann raus damit ... :)
Gute 24 h
Olaf
(Dreamcatcher)

(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

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Offline DEKA

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Re: Wie erlebst Du ... in Deiner Abstinenz die einstige aktive Zeit?
« Antwort #1 am: 21 Januar 2024, 16:08:29 »
Ich vermute, dass die Zeit so weit weg scheint, weil die Zeit nach der Zockerzeit gefühlt langsamer vergeht. Mehrere tausend Euro runterspielen im Rausch? Eine Sache von 1-2 Stunden, gefühlt 10 Minuten. Danach verzweifelt und mit Scham behaftet darauf hoffen, dass man irgendwie durchkommt bis zur nächsten Miete? Eine Ewigkeit.

Hoffentlich war das verständlich und nachvollziehbar ausgedrückt. Kann die Gedanken dazu nicht ganz in Worte fassen im Moment.

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Offline andreasg

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Re: Wie erlebst Du ... in Deiner Abstinenz die einstige aktive Zeit?
« Antwort #2 am: 21 Januar 2024, 17:15:40 »
Zur Zeit ist das Wort: "Vertrauen" in mir wirksam. Ich glaube es ist so einfach da, weil ich Zeit für mich entdecke und diese auch finde.
Die Bereitschaft, Groll, Dünkel und Zweifel einfach - sein zu lassen, den Kopf aufzurichten,
und den Augenblick zu genießen,

das ist ein gangbarer Weg in die Gnesung..

Einen Tag zur Zeit.
Demut ist die anhaltende Ruhe im Herzen

Re: Wie erlebst Du ... in Deiner Abstinenz die einstige aktive Zeit?
« Antwort #3 am: 21 Januar 2024, 21:12:27 »
Wie ich die Zeit danach erlebe? Ich frage mich wie ich alles schaffen konnte inklusive zocken? Oder habe ich vieles nicht gemacht, links liegen gelassen? Bei mir verrinnt die Zeit so schnell und ich erlebe so viel Ablenkung, schöne und nicht so schöne, dass ich an zocken eigentlich seit einiger Zeit gar nicht denke. Allerdings denke ich im Sinne von AndreasG sehr oft am Abend diesen Tag den hast du wieder spielfrei geschafft. Ich lese hier allerdings nach wie vor sehr viel, immer neue Schicksale und versetze mich in diese Gefühlswelten. Ich versuche auch gerne zu helfen mit meinen geringen Möglichkeiten weil ich ein langjähriger Profi an Unheil bringen war. An die OC'S denke ich eigentlich nur wenn ich im CB Bereich bin und das dann sehr negativ. Auch dieser Punkt hilft mir sehr. Im Endeffekt erlebe ich meine alte und hoffentlich nie wiederkehrende Zeit als sinnlos verschwendete Zeit. Mein Ziel für mich persönlich ist das wieder gutmachen auf Zukunftsperspektive. Die Vergangenheit ist wie und wo sie ist, nicht mehr änderbar. Die Zukunft kann ich gestalten und da hilft wiederum die Denke an die vergangenen Zeiten.

LG Roy

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Offline Rubbel

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Re: Wie erlebst Du ... in Deiner Abstinenz die einstige aktive Zeit?
« Antwort #4 am: 22 Januar 2024, 09:45:21 »
Wie ich heute die ehemalige Zeit erlebe, in der ich aktive Glücksspielsüchtige war?
--gar nicht! Ein Glück auch!--
Und eine Wertung aus heutiger Sicht fällt mir auch schwer. Irgendwann hatte ich überhaupt kein Verlangen mehr - und das ist alles, was mir diesbezüglich heute wichtig ist.
Das war ein langer Weg. Jetzt habe ich einen neuen, davon befreiten Weg.
« Letzte Änderung: 22 Januar 2024, 09:47:50 von Rubbel »
--Meist ist Geist geil--

Re: Wie erlebst Du ... in Deiner Abstinenz die einstige aktive Zeit?
« Antwort #5 am: 26 Januar 2024, 19:27:34 »
Bin seit 3 Monaten circa "abstinent". Wenn man das nach 3 Monaten so nennen kann. Es kitzelt einen schon: komm schon, nur ein bisschen, nur kurz, etc. Zum GLück war ich bisher stark. Aber ich schiebe nicht nur Affen (wie man so sagt), ist ein bisschen wie mit dem Rauchen aufhören (habe ich auch hinter mir): die ersten Tage schlimm, irgendwann checkt man, dass man ganz anders durchatmen kann. Ich verkrieche mich nicht mehr so viel wie früher, bin mehr mit Kumpels unterwegs. Fühlt sich gut an.

Trotzdem bin ich jetzt in Beratung udn werde das regelmäßig durchziehen. Hört dieses Kitzeln irgendwann auf? Ich hoffe es...

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Offline Olli

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Re: Wie erlebst Du ... in Deiner Abstinenz die einstige aktive Zeit?
« Antwort #6 am: 27 Januar 2024, 09:21:06 »
Wenn ich an kitzeln denke, dann denke ich auch an die Person, die mich kitzelt. Es ist eine Interaktion, bei der Spaß und Lachen das Ziel ist.
Wenn ich an meine "Diskussionen mit der Sucht" denke, dann vergeht mir das Lachen. Naja ... irgendwann tue ich es doch wieder, denn diese Zeiten sind vorbei und das Lachen jetzt ist das Begrüßen der Abstinenz ... jeden Tag aufs Neue ... nur für 24 h!
Ich muss nicht ewig spielfrei bleiben. Aber für heute darf ich mir das erlauben!

Zur Frage ... ich weiss, dass ich 20 Jahre gespielt habe. Jetzt sind es bald 18 Jahre, die ich abstinent bin. Je mehr Zeit vergeht, desdo surrealer erscheint es mir überhaupt gespielt zu haben. Doch die Erinnerungen sind da. Ein Teil davon glorifiziert das Glücksspiel auch immer noch. Ach, was war das toll, als ich damals in der Mittagspause in der Spielhalle war und ein ortsansässiger Kabarettist fütterte die ganze Halle. Dort durfte, nein musste ich bis zur 100 rauf die Risikoleiter bedienen.
Irgendwie machen mich diese Gedanken aber auch traurig. Wie wir alle wissen, ist diese Betrachtung ja eben auch nur eine Seite der Medaille. So denke ich auch an die Zeit zurück, als ich mich des Nachts ins Elternhaus zurück schlich und zu Bett ging. Ich erinnere mich, wie ich tat, als wäre ich sofort eingeschlafen, als die Tür aufging und meine Mutter nachsah, ob ich zuhause war.
Ich erinnere mich, wie ich den Betrug beging ... wie ich versuchte ihn nicht zu begehen und dabei an meiner Sucht scheiterte. Ich erinnere mich, wie ich Ängste ausstand, die ich niemandem wünsche. Freiheit war meine Ausrede ... dabei war ich gar nicht frei ... ich war mein Leben lang bis zum Tag meines Umdenkens getrieben. Getrieben nach der Sucht, getrieben nach Anerkennung, betrieben so akzeptiert zu werden, wie ich bin.
Wenn ich heute zurück denke, dann frage ich mich oft, wann ich eigentlich mal Zeit hatte - oder mir genommen habe - nur für mich?
Und damit meine ich nicht die Zeit der Suchtausübung. Eigentlich nie ... Ich mochte mich absolut nicht. Wieso sollte ich dann Zeit mit mir verbringen?
Ich denke an meine Schulzeit zurück. als mir meine Mutter sagte: "Du bist doch nicht dumm, Du bist nur faul!" Was für eine "Verurteilung" ... Der Satz bezog sich auf meine Noten bei Fremdsprachen. Englisch, Französich, Russisch und ein wenig Latein.
Ich konnte da üben, wie ich wollte ... ich bekam die Grammatik und das Vokabular einfach nicht übereinander. Einzeln bekam ich es hin ,,, zusammen aber nicht ... Schon damals trug ich Zeitungen aus und ich half regelmäßig meinem Vater, der schwarzarbeiten ging für die Familie. Ich hielt das Haus und den Garten in Schuss und ich half auch hier auf den vielen Baustellen, derren Erledigungen sich über Jahre hinzuogen.
War ich wirklich "faul" ... ích denke da ein klares Nein! ...
Ich sehe mich selbst oft in der Gestalt derjenigen, die in der Kneipe heute noch ihre Sucht ausleben. Es sind nette Menschen, doch sie merken nicht, was sie sich selbst antun. Ich sehe Helmut, wie er in die Kneipe kommt, ohne eine Begrüßung auf den Lippen. Die Augen sind auf die Automaten gerichtet und die müssen so schnell wie nur möglich "gesichert" werden. Ist das Geld erst einmal eingeworfen, dann wird realisiert, dass eine Begrüßung nun doch erst einmal angesagt ist.
Manchmal höre ich Helmut reden, was er denn alles aus den Automaten rausgedrückt hatte an einem Abend. Dass er aber von 17 bis 0 Uhr alle Automaten gleichzeitig gefüttert hatte, ohne Unterbrechung, das wird verschwiegen. Auch, dass er dies bereits an 2 oder 3 anderen Tagen in dieser Woche gemacht hatte.
Ich sehe ihn, wenn er mit seiner Frau herein kommt und dann die Automaten links liegen lässt. Er spielt immer noch ... aber nur ein Bruchteil von dem, was er sonst spielt.
Ich bekomme mit, wie er teils mehrfach des Abends zu seinen Banken fährt, um "Nachschub" zu holen.
In all solchen Erzählungen sehe ich mehr oder weniger mich selbst. Und sagte ich es schon ... es macht mich traurig.

Ich bin, wie ich bin ... ich kann die Vergangenheit nicht mehr ändern. Ich kann den verspürten Schmerz nicht mehr lindern, den bei Anderen und auch mir selbst. Mir bleibt nichts anderes übrig, als es zu akzeptieren.

Selbst das Rauchen, was ich ja auch gerade mal erst vor 27 Monaten aufgegeben habe, ist so weit weg, als wären es schon 20 Jahre. Dabei habe ich doch 40 Jahre geraucht ... habe Rituale rund ums Rauchen gelebt und immer weiter ausgeweitet. Habe mein Leben nach dem Rauchen ausgerichtet. Und heute? Gestern wieder auf der Rückfahrt nach Hause rauchte mein Schwager im Auto bei ein wenig geöffnetem Fenster. Es fiel mir auf, ja ... , aber es macht mir nichts ... der Qualm, der in meine Nase zog, löste in mir nichts aus ... kein Verlangen ... keine Nostalgie ... aber auch keine Traurigkeit. Vielleicht, weil ich niemanden anderes damit geschadet habe wie beim Glücksspiel? Keine Ahnung ...

Was mich auf Abstand zum Glücksspiel gebracht hat, das war eindeutig das Reden. Nicht etwa das mit meinen Liebsten, die hätten und haben mich nie verstanden. Aber das Reden mit Anderen, die das Gleiche oder Ähnliches erlebt haben, war hilfreich.
Wenn ich hier von SHGs rede und von dem Bedienen dürfen an einem Erfahrungspool, dann ist das genauso gemeint. Es ist keine Art Miss Tilli, die mir die Hand in Spüli drückt, damit meine Haut samtig wird. Es ist nicht wie die Reklame eines OCs, welche ich gestern gehört habe und wo es darum ging, den Kunden "verantwortungsvolles Spielen" auf ihrer Seite näher zu bringen (Es ist nur die halbe Wahrheit, denn die Gesellschaft und auch die Branche tragen ebenso Verantwortung, von der aber keine Rede war.)
Der Erfahrungspool ist wie eine Schatztruhe, aus der ich mich bedienen kann ... aber nicht muss. Vielleicht mag ich ja den goldenen Armreif? Dann nehme ich mir den heraus. Oder ist es die Halskette, die ich mir heute um den Hals lege? Was aber soll ich mit dem Kelch machen? Dafür habe ich keine Verwendung! Den lasse ich in der Truhe liegen!

Durch den Input von außen bin ich ins Überlegen gekommen. Im Grunde habe ich mir hier die Zeit "nur für mich" genommen. Ich habe meine Überzeugungen geprüft. Manche habe ich behalten, andere über den Haufen geworfen und dann wieder bin ich an neue gelangt. Eigentlich ist es ein Prozess, der hoffentlich nie enden wird.
Dieser Prozess in mir sorgt dafür, dass die Zeit der Suchtausübung so weit weg erscheint ... und so surreal.

Wenn ich also gefragt werde, ob das Kitzeln jemals aufhört, dann antworte ich gerne und aus Überzeugung ... begebe Dich auch in diesen Prozess. Nutze alles, was Du bekommen kannst. 



Gute 24 h
Olaf
(Dreamcatcher)

(Da ich kein Jurist bin, darf ich auch keine Rechtsberatung machen oder Handlungsanweisungen geben.
Ich gebe hier lediglich unverbindlich meine Meinung und Erfahrungen wieder.)

Re: Wie erlebst Du ... in Deiner Abstinenz die einstige aktive Zeit?
« Antwort #7 am: 27 Januar 2024, 14:05:01 »
Danke für die ausführliche und sehr ermutigende Antwort, Olli! Ich hoffe, dass ich eines Tages da bin, wo Du jetzt bist. Liebe Grüße

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Offline Toms

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Re: Wie erlebst Du ... in Deiner Abstinenz die einstige aktive Zeit?
« Antwort #8 am: 08 Februar 2024, 13:06:07 »
Hallo lange ist das zocken her, heute gibt es keine nicht eine Sekunde die ich damit verschwenden möchte.
Ich habe kapiert ich kann nicht mehr kontrolliert spielen, ich kann auch nicht mehr gewinnen nur verlieren.

Vieles hat geholfen, sich klar zu machen was es bedeutet Abstinent zu sein und ein zufriedenes Leben zu führen.
Menschen um mich zu haben mit den ich über viele Jahre sprechen kann und helfen kann und das schon über 4 Jahrzehnte lang, ein schönes Leben Abstinenz über 38 Jahre lang zu sein.

Nebenbei die kippen brauche ich auch nicht mehr, war schwerer aufzuhören als das zocken.

Liebe Grüße
Schöne 24h

 

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