Glücksspielsucht > Glücksspielsucht Allgemein

Jakobsweg und Spielsucht

(1/2) > >>

Eva54:
Guten Morgen,

schon lange trage ich den Gedanken in mir, den Jakobsweg zu gehen – diesen uralten Pilgerpfad, der seit Jahrhunderten Menschen aus aller Welt anzieht. Ziel ist Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens, wo die Gebeine des Apostels Jakobus ruhen sollen.

Ich möchte den Camino Francés laufen, die bekannteste Route: Von Roncesvalles, über die Pyrenäen, einmal quer durch Nordspanien, bis hin nach Santiago – rund 800 Kilometer lang, voller Landschaften, Geschichten und Begegnungen.

Die Vorbereitung läuft bereits leise an. Da ist der Rucksack, der alles fassen soll, aber bitte nicht mehr als nötig. Packen will gelernt sein, sonst verwandelt sich die Pilgerreise schnell in einen Umzug auf dem Rücken. Ein Zelt soll mit – nicht zum Dauercamping, sondern für den Notfall, wenn die Herbergen voll sind. Und auch das Training gehört demnächst dazu: 20 bis 30 Kilometer pro Tag – das klingt viel, ist aber machbar und ich bin fit . Zum Glück sind Ruhetage eingeplant, denn meine Füße werden vermutlich öfter „Pause!“ rufen als mein Kopf.

Ist jemand von euch schon einmal den Jakobsweg gelaufen? Welche Erfahrungen, Gedanken oder vielleicht auch ganz praktische Tipps würdet ihr mir mit auf den Weg geben?

Besonders dankbar bin ich dafür, dass der Weg ausgezeichnet ausgeschildert ist. Denn ehrlich gesagt: Mit meinem Orientierungssinn würde ich sonst vermutlich fleißig im Kreis laufen, während die anderen schon längst in Santiago ankommen.

Bevor man den äußeren Jakobsweg geht, sollte man eigentlich zuerst den inneren gehen. Klingt poetisch – und auch ein bisschen nach Endlos-Projekt. Denn wenn ich alle Stationen meines Lebens innerlich ablaufen müsste, bevor ich starten darf, dann komme ich wohl erst mit 102 Jahren an.

Wie ist der Weg denn zu betrachten? Es gibt ja verschiedene Ansätze:

Aus philosophischer Sicht betrachtet geht man den Jakobsweg nicht, um irgendwo anzukommen, sondern um sich selbst auf dem Weg zu begegnen.

Aus mystischer Sicht ist er ein symbolischer Lebensweg, auf dem jeder Schritt eine Brücke zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren schlägt.

Aus religiöser Sicht ist der Jakobsweg eine Pilgerfahrt zu den Wurzeln des Glaubens, in der Hoffnung auf Vergebung, auf Heilung, auf eine tiefere Begegnung mit Gott.

Aus literarischer Sicht  erscheint der Weg immer wieder als Metapher für das Leben selbst: eine Reise voller Prüfungen, Begegnungen, Umwege und unerwarteter Offenbarungen. Autoren greifen den Jakobsweg auf, um von Transformation zu erzählen – um äußerlich ein Ziel zu erreichen, und dabei innerlich verwandelt werden.

Und da es ja hier ein Forum ist bei dem es um Glückspielsucht geht :

"Spielsucht ist ein Spiegel menschlicher Existenz" (Zitat), der aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden kann.:

Aus philosophischer Sicht zeigt sich darin das uralte Spannungsfeld zwischen Freiheit und Abhängigkeit. Der Spieler glaubt, frei zu entscheiden und merkt nicht oder zu spät, dass er längst vom Spiel bestimmt wird.

Aus mystischer Sicht ist Spielsucht eine verirrte Sehnsucht. Der Spieler sucht in der Sportwette oder im Aufleuchten der Automaten nach Erfüllung, nach dem großen Augenblick, in dem alles Sinn ergibt und übersieht, dass das eigentliche Geheimnis nicht im Zufall liegt, sondern im Inneren.

Aus religiöser Sicht ist Spielsucht eine Form von Götzendienst. Wo eigentlich Vertrauen in Gott und in das Leben sein sollte, entsteht Vertrauen in Quoten und Wahrscheinlichkeiten. Das Casino wird zur Kathedrale, die Automaten zu Altären, doch die versprochene Erlösung bleibt leer.

Und literarisch betrachtet ist Spielsucht ein unerschöpflicher Stoff. Von der Antike bis in die Gegenwart erzählt die Literatur vom Menschen, der alles setzt und doch am Ende sich selbst verliert, ein tragisches Drama zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

Ich bin dann mal am Anfang...

Eva


Ilona:
Guck mal Eva,

das könnte dich interessieren https://www.spielsucht-erfahrung.de/jakobsweg-2010. Und gestern lief im TV (auf One) ein sehr schöner Spielfilm über den Jakobsweg.

LG Ilona

Roy1234:
Ja die Eva.... Du bringst das Forum auf ein gutes Niveau und bist für mich ein weiterer Beweis, dass nicht nur leicht unterbelichtete Menschen spielsüchtig werden. Weil intelligente machen ja so etwas nicht.

Dein Vorhaben ist sehr ambitioniert und ich hoffe, so Du es umsetzt, Du lässt uns daran teilhaben. Ich persönlich bin gar nicht religiös, aber ich denke diese Reise ist anspruchsvoll und spannend.

LG Roy

andreasg:
Hallo Eva,

was soll ich sagen: ich habe vor langer Zeit einmal einen Film gesehen, von einem jungen kräftig gebauten Oberbayern, der von Daheim aus nach Santiago de Compastella über die Schweizer Hochalpen, das Französische Hochland und die Pyrenäen lang sein Ziel erreichte, und später sich im Golf von Biscaja sich von den Strapazen erfrischte. Das war sehr eindrucksvo9ll, unnd mir wurde deutlich, daß dieser Weg keine Touristenattaktion ist.
Vielleicht hat er eine Philosophie vom Apalachian - Trail in den USA, der ja quasi auch ein Pilgerweg zum eigenen Ich anbietet, aber keinen religiösen Anspruch erhebt?

Die Traumwelt eines Spielers: ein Evergreen - Thema. Ich denke an ein Kinderbuch zu meiner Zeit, als jedes Kind in eine Luftblase gebettet wurde, um im Schutzraum der Fantasie der harten Realität des Lebens zu entschweben...
Ich glaube, da ist keine Sehnsucht nach unermesslichem Reichtum und kein Hunger nach Macht der Motor. Beide sind ja nur Vehikel, die durch die Mißachtung von Anstand, Sitte, Vernunft und Vertrauen ins Spiel gebracht werden.

Ein Ziel der Genesung ist die Demut, nach Wahrheit zu forschen , und bei sich selbst anzukommen,

schöne 24 Stunden
Andreas

Christian86:
Moin Eva,
ich bin den Weg 2022 gelaufen...
Ich bin natürlich auch wegen der Spielsucht (Sportwetten) dort gelandet! Und was soll ich sagen, es hat geholfen!
Ich habe über 20 Jahre gezockt wie ein Weltmeister, Beziehungen scheitern lassen, Leute belogen und hintergangen. Therapien und Selbsthilfegruppen haben haben mir nur temporär geholfen. Ich hätte es nicht gedacht, aber ich hoffe, dass ich das Thema mit Ende 30 abhaken kann.

Selbst auf der Fahr zum Jakobsweg habe ich noch online gezockt... Quasi ein Abschiedszocken.

Zum Jakobsweg selbst, kann ich dir nur den Rat geben, egal aus welchem Grund du laufen willst, mach es!
Für mich war es quasi der erste richtige Urlaub oder Reise alleine.

 Ich hatte viel zu viel Gepäck mit. 25 kg. Inklusive Zelt und Wasser. Das war relativ viel. Oder wie alle sagten, viel zu viel :D

Ich bin mit dem Deutschland-Ticket damals von Hamburg nach Koblenz gefahren, habe dort einen Freund besucht, dann nach Kehl und von da aus nach Straßburg gelaufen, mit dem TGV nach Paris und Bordeaux, dann nach Bayonne und mit der Bimmelbahn nach St.Jean, dem Startpunkt. Ich wollte nicht einfach in den Flieger steigen und am Jakobsweg aussteigen. Ich war also schon eine Woche nach St. Jean unterwegs.
Ich muss dazu sagen, ich hatte auch 10 Wochen Urlaub insgesamt....

Verlaufen habe ich mich auf dem Weg tatsächlich glaube ich nur ein oder 2 mal, nach Logrono in einem Park, allerdings reden wir hier über 2,3 Kilometer. Der Weg ist wirklich gut mit Pfeilen markiert. Da gibt's auch Apps die dir den Weg auf den Meter genau zeigen (Camino Nija) hatte ich, da werden dir Herbergen und Raststationen angezeigt.

Wenn du fit bist, werden dir nur die ersten 2 Etappen in den Pyrenäen und zum Schulss nach Osobreiro, oder Cruz de Ferro etwas fordern. Das ist schon anspruchsvoll. Der Rest ist relativ gut machbar und eher flach bis wellig.

Ganz günstig fand ich den Trip allerdings nicht. Man zahlt für die Pilgerherrbergen (teilweise schlafen 250 Leute in einer riesigen Halle) ca. 10-15 Euro pro Nacht und in den privaten Herrbergen meist 30-50. Das summiert sich also über einen Monat. Gegessen habe ich meist was aus dem Supermarkt oder man hat mal mit anderen Pilgern gekocht. Je nach Budget kann man also nach seinem Geschmack pilgern.

Man kommt wirklich toll mit anderen Leuten ins Gespräch, allerdings hat es bei mir 4,5 Tage gedauert, bis das Englisch wieder saß ;D

Noch heute habe ich ganz viele tolle Kontakte aus Spanien, Italien, Dänemark und Portugal, die ich alle besuchen durfte nach dem Jakobsweg.

Ich bin übrigens nach meiner Ankunft in Santiago noch nach Finesterra gelaufen und dann nach Porto. Hatte noch Zeit übrig!

Für den reinen Jakobsweg braucht man ca. 30 Tage realistisch... und creme dir morgens die Füße mit Hirschtalk ein, ich hatte ungelogen keine einzige Blase auf meinen insgesamt 1611km. Allerdings bin ich auch mit Sandalen gelaufen. Einige hatten ihre neuen Wanderschuhe anscheinend nicht eingelaufen und sind schon am ersten oder zweiten Tag nicht mehr weitergelaufen.

Ich glaube als Frau soll der Weg auch sehr sicher sein. Zumindest habe ich das gelesen und ich habe auch von keiner Frau gehört, dass sie sich unsicher gefühlt hat. Auch die Polizei patroliert teilweise auf den Wegen. Allerdings in abgelegeneren Gegenden, damit niemand verdurstet oder umkippt ;)

Fals ich von meinen Klagen Geld sehe, sieht mich der Camino auch wieder! 8)

LG Christian

Navigation

[0] Themen-Index

[#] Nächste Seite

Zur normalen Ansicht wechseln