ONLINE-Selbsthilfegruppe | Samstags von 19 Uhr bis 21 Uhr

Start ins neue Leben

Begonnen von Durchbrenner, 14 Februar 2026, 09:16:57

Vorheriges Thema - Nächstes Thema
Hallo zusammen,

ich möchte mich nochmal ausführlicher vorstellen, weil ich gemerkt habe, dass mir Ehrlichkeit inzwischen wichtiger ist als mich gut darzustellen.

Ich bin spielsüchtig – und bei mir ist es nicht bei ,,ein bisschen verzockt" geblieben. Über die Jahre habe ich bei sehr vielen Online-Casinos und Wettanbietern gespielt und insgesamt mehrere hunderttausend Euro verspielt. Irgendwann ging es längst nicht mehr ums Gewinnen, sondern nur noch ums Hinterherjagen der Verluste. Dieses Denken kennen hier wahrscheinlich viele: nur noch einmal, dann höre ich auf. Genau das habe ich mir tausendmal gesagt.

Zusätzlich hatte ich auch ein Problem mit Substanzen. Drogen und Glücksspiel haben sich bei mir gegenseitig verstärkt: Unter Einfluss habe ich viel impulsiver gespielt, Risiken komplett ausgeblendet und viel höhere Einsätze gemacht. Nach Verlusten habe ich konsumiert, um nicht fühlen zu müssen – und im Rausch wieder weitergespielt. Ein Kreislauf aus Betäuben und Zocken, aus dem ich alleine nicht mehr rausgekommen bin.

Ich habe sehr lange behauptet, ich hätte kein Problem. Sogar bei meiner ersten Verurteilung habe ich noch gelogen und Hilfe abgelehnt. Während meiner laufenden Bewährung bin ich dann wieder rückfällig geworden und habe Straftaten begangen, um das Spielen zu finanzieren. Heute weiß ich, wie tief ich da schon drin war – ich habe nicht mehr nachgedacht, sondern nur noch funktioniert wie im Tunnel.

Jetzt stehe ich vor den Konsequenzen. Ein Gerichtsverfahren steht an und es kann gut sein, dass eine Haftstrafe auf mich zukommt. Davor habe ich Angst – aber gleichzeitig weiß ich, dass Weglaufen mich genau hierher gebracht hat.

Inzwischen bin ich in einer 155-tägigen Langzeittherapie. Dort arbeite ich nicht nur an der Abstinenz und Glücksspielsucht, sondern daran, überhaupt wieder ehrlich zu werden – mit mir selbst und anderen. Ich führe Tagebuch, mache Sport, gehe in Gespräche und versuche zu verstehen, warum ich Gefühle, Druck und Probleme immer betäubt habe statt sie auszuhalten. Auch Depressionen spielen bei mir eine Rolle.

Parallel laufen aktuell mehrere Klagen gegen verschiedene Anbieter wegen meiner Verluste. Über eine dieser Klagen hatte ich hier bereits kurz berichtet. Mir ist aber klar geworden: Selbst wenn davon irgendwann etwas zurückkommt, löst das mein eigentliches Problem nicht – die Sucht bleibt meine Verantwortung.

Am meisten schmerzt der Schaden, den ich angerichtet habe: Vertrauen zerstört, Beziehungslaune im Keller gewesen und Abstand zu meinen Kindern. Das lässt sich nicht einfach reparieren und ich muss lernen, Verantwortung zu tragen statt Ausreden zu suchen.

Ich bin hier, weil ich Austausch brauche mit Menschen, die dieses Suchtdenken kennen. Nicht Mitleid – sondern Realität. Wie ihr mit Schuld, Scham und den Konsequenzen umgeht und wie ihr abstinent geblieben seid, besonders wenn das echte Leben wieder anfängt.

Danke fürs Lesen. 
Durchbrenner

#1
Moin Durchbrenner,


Zitat von: Durchbrenner am 14 Februar 2026, 09:16:57

ich möchte mich nochmal ausführlicher vorstellen, weil ich gemerkt habe, dass mir Ehrlichkeit inzwischen wichtiger ist als mich gut darzustellen.



Hier würde ich nochmal einen anderen Gedanken aufgreifen.
Meinst Du denn das andere Deine Lügen nicht wahr genommen haben ? Du sitzt vor Gericht und lügst um gut da zu stehen ?
Das ist es nicht, es zeigt Dir nur,dass es Dir alles peinlich ist und Du schon weist was richtig oder falsch ist.

Genau hier würde ich ansetzen. Im ersten Schritt bleibe nur bei Dir, schaue Dir Deine Werte an, die Du hast, aber anscheinend nicht kennst.
Ich habe mir die Charaktereigenschaften ausgedruckt. Mir 10 davon aufgeschrieben, wie ich meine, die auf mich zutreffen.
Dann 5 und dann 3.  Danach überprüft, ob ich danach lebe. Puuhhh

Gut da zu stehen, ich weiß schon wie Du das meinst, dennoch weißt Du doch gar nicht was oder wie Dein Umfeld bewertet.
Da versuchte ich z.B. immer mein jeweiliges Umfeld zu "lesen" und entsprechend zu handeln, um was zu erreichen ? Genau.
Dauerhaft klappte das nicht, da meine Erwartungshaltungen nicht erfüllt wurden. Ich verstand die Welt nicht mehr und hielt das nicht aus.

Ich will darauf hinaus, dass Du Dich erst kennen muss, akzeptieren solltest und das aushalten kannst.
Wenn Du dann nach Deinen Werten denkst und handelst, bist Du automatisch ehrlich nach außen.

Hier geht es nicht darum, dass Du mit einem Stempel auf der Stirn durch die Gegend läufst ( Polysüchtiger) ,
sondern um Dich als Mensch. Durch die Sucht oder bei Dir Süchte, versteckten wir uns nur, meist vor uns selbst.

Wenn Du kein Respekt vor Dir, vor Deinen Werten hast, wer soll dann Respekt vor Dir haben ? Und genau das fordern wir
unbewusst oder bewusst im außen ein.

Es gilt also das alles im Kopf zu verankern. Schritt für Schritt.

Und ja, ich bin nach meiner Therapie schneller in alte Muster gefallen, als ich gucken konnte.
Impulsivität ist ein starkes Alarmzeichen.

Warum fühle ich gerade was ich fühle ? Was macht das mit mir ?

Wenn ich da im "Einzelunterricht" saß, tat mir das Gespräch gut, ich konnte alles loswerden, geändert hat es
aber nichts. Da bin ich dann auch oft drauf reingefallen oder habe mich selbst und andere, dadurch das es meine
Bezugspersonen wussten, in Sicherheit gewogen, ich mach ja was.

Alles was ich zu derzeit erzählte und berichtete kannte ich ja schon, warum soll es denn nun anders sein ?

Ich musste also mich selbst erst verstehen und kennen lernen, um vom Spiel loszukommen.
Ich stellte mir also andere Fragen, wie was hat Ereignis x mit mir gemacht ? ( In der Kindheit. z.B.)
Also losgelöst von den Dingen die, die Sucht mit sich bringt. Iwas trieb mich ja dahin und
ließ mich daran festhalten, solange bis nur die Probleme, aus der Sucht entstanden, präsent waren.


Das ist alles ein hartes Stück Arbeit, aber es geht und es befreit, nahm mir den Druck.

Zeitgleich musste ich natürlich auch die Suchtproblematiken bearbeiten. Es wurde aber einfacher je mehr
ich mich selbst verstand.


Ich hoffe Du kannst mir folgen ?

Lieben Gruß
André








Ich möchte klarstellen, dass ich vor Gericht damals nicht gelogen habe.
Bei meiner ersten Verurteilung habe ich die Auflage erhalten, eine Therapie wegen meiner Substanzabhängigkeit zu machen.

Daraufhin bin ich zur Caritas gegangen. Dort habe ich jedoch der Mitarbeiterin klargestellt, dass bei mir keine Abhängigkeit besteht. Aufgrund dieser m Angabe, meine Sucht nicht als Sucht zu akzeptieren, hat sie ein Schreiben an das Gericht verfasst, wodurch die Therapieauflage aufgehoben wurde.

Rückblickend war das ein Fehler von mir. Ich wollte mir die Therapie damals ersparen und habe meine Problematik nicht akzeptiert. Heute weiß ich, dass die Abhängigkeit tatsächlich bestanden hat und ich Hilfe gebraucht hätte.

Moin,

ah okay. Dann habe ich das falsch verstanden, sorry.
Darum ging es mir nun auch nicht.

Es war nur ein Beispiel, setzt da sonst was anderes ein. ( Freundin, Freund oder was auch immer )


Lieben Gruß

André

#4
Hallo,

ich möchte mich kurz mal einbringen.

Hallo Durchbrenner,
dass Du so offen schreibst, ist - egal ob identifizierbar oder nicht - eine mutige Aktion!
(wünschenswert für so viele andere Forenmitglieder ebenso)

... und das ist als ein Wegbereiter für alles, was vor Dir liegen mag, anerkennenswert. Ich nehme an, die 155 Stunden - gut 3 Jahre - bezeichnen eine Analyse, oder? Ich bin ja eine Verfechterin der Analyse geworden ... durch meine eigene. Und wenn die 'Chemie stimmt', dann wird Dir das auf jeden Fall helfen.

Ja, das kann und wird, gerade auch, wenn es um tiefsitzende frühe Verletzungen geht, teils auch wehtun.
Du hast damit allerdings auch die allerbesten Chancen wichtig(st)e Erkenntnisse zu erlangen, die Dein Leben und Deinen Umgang mit Dir selbst erleichtern, Dich freier werden lassen und erweiterte Blickwinkel anzunehmen. Das gilt auch für Deine Sicht auf Dein Umfeld und zwischenmenschliche Zusammenhänge.
Grundsätzlich bist Du nach einer Analyse nicht 'fertig', aber Du hast keine Last, sondern Lust, weiter zu lernen ...

Es bleibt also zu hoffen, dass Du Dich öffnest und tatsächlich auf Dauer Veränderung anstrebst, denn das ist JETZT DEINE CHANCE! (keine Sorge: Du wirst nicht in Deiner Persönlichkeit 'umgekrempelt' oder ein Langweiler :) Ganz im Gegenteil). Also tu das jetzt  nicht aus strategischen Gründen, sondern ganz egoistisch für Deine und eine viel bessere Zukunft.

Charaktereigenschaften sind auch nicht gut oder schlecht. Es kommt nur darauf an, was wir aus ihnen machen, wie wir sie nutzen, in welche Bahnen wir sie lenken.

Ich kann nicht schreiben, ich wünschte, Du würdest nicht verurteilt, weil ich auch gar nicht weiß, was Du so 'getan' hast. Vor allem weiß ich  nicht, ob ein Freispruch Dir gut täte oder Dich eher leichtsinniger werden ließe.
Das A und O ist die Therapie. Sie ist das beste, und das mit Sicherheit(!!), was Du jetzt hast.

Ich wünsche Dir das Allerbeste!
VG Rubbel

--Meist ist Geist geil--

Vielen Dank für Deine offenen und wertschätzenden Worte, Rubbel.

Ich finde es wirklich stark, dass Du Deine eigenen Erfahrungen so ehrlich einbringst – das macht Mut. Die 155 Tage sind bei mir keine klassische Analyse, sondern eine Langzeit-Reha. Aber im Kern geht es wahrscheinlich um etwas sehr Ähnliches: sich selbst verstehen lernen und Dinge aufarbeiten, vor denen man lange weggelaufen ist.

Du hast recht – angenehm ist das nicht immer. Es tut teilweise weh, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, gerade wenn man merkt, was man verdrängt oder kompensiert hat. Aber genau darin liegt wohl auch die Chance. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, nicht nur Symptome zu bekämpfen, sondern an Ursachen zu gehen.

Und nein – ich mache das nicht (mehr) aus strategischen Gründen oder wegen eines Gerichts. Am Anfang war der Druck sicher ein Auslöser, aber inzwischen merke ich, dass ich das für mich brauche. Ich will verstehen, warum ich bestimmte Entscheidungen getroffen habe und wie ich in Zukunft anders handeln kann.

Was am Ende juristisch passiert, weiß ich nicht. Aber unabhängig davon möchte ich danach nicht wieder derselbe Mensch sein wie vorher – eher jemand, der bewusster lebt und Verantwortung wirklich trägt.

Danke Dir auf jeden Fall für Deine Worte und den Zuspruch.

Hallo Durchbrenner ...

jetzt ist ein Monat rum - und wie geht's Dir?
Gibt es Neuigkeiten? Bist Du in Reha?

Weißt Du, wie es nun weitergeht (Gericht und so)?

Meld' Dich doch mal :)

VG Rubbel
--Meist ist Geist geil--

Wir danken dem AOK Bundesverband für die Finanzierung des technischen Updates dieses Forums