Hallo KRAECHEN,
vielen lieben Dank für Deine Worte und Dein Willkommen.
Ich weiß, wie schwer es ist, zu wissen, was man tun sollte – und es dann auch wirklich zu tun. Schon wenn man verliebt ist, ist das manchmal kaum auszuhalten. Aber wenn es um das eigene Kind geht, das man so sehr liebt, dass es fast weh tut, dann ist es unbeschreiblich hart. Dein Herz sagt: „Ich will ihn retten, koste es, was es wolle.“ Und ich kann diesen Impuls nur zu gut verstehen.
Als meine Tochter drei Jahre alt war, wollte sie ihre Hand in den heißen Backofen stecken, weil es drinnen so schön geflimmert hat. Mein entschiedenes „Nein“ hat damals Tränen, Wut und sogar die Drohung ausgelöst, sie würde ausziehen.
Meine andere Tochter wollte mit zehn Jahren unbedingt ein echtes Hello-Kitty-Tattoo. Auch hier gab es ein klares „Nein“.
Damals hat keine von beiden verstanden, warum. Heute sind sie mir dankbar – dankbar für ein „Nein“, das sie vor Schaden bewahrt hat.
Bei Deinem Sohn ist es schwieriger, weil er erwachsen ist. Du hast nicht mehr die Macht, einfach ein „Nein“ durchzusetzen. Aber vielleicht hilft Dir dieses Bild:
Dein Sohn sitzt in einem tiefen, dunklen Loch. Du liebst ihn so sehr, dass Du denkst: „Ich springe zu ihm runter, damit er nicht alleine ist.“
Doch wenn Du hinunterspringst – mit all Deinen Sorgen, Deinem Geld, Deiner Energie – sitzt ihr beide unten fest. Niemand kann Euch rausziehen, und Dein eigener Halt geht verloren.
Was Dein Sohn braucht, ist nicht, dass Du mit ihm unten bist. Er braucht jemanden, der oben bleibt, stark steht – und ein Seil knüpft. Ein Seil aus Geduld, Liebe, klaren Grenzen und der Bereitschaft, zu helfen, wenn er selbst die Hand ausstreckt. Das Seil musst Du von oben hinunterlassen – er muss es aus eigener Kraft ergreifen und hochklettern.
Ich weiß, es bricht Dir das Herz. Aber Kinder – auch erwachsene Kinder – haben das Recht, im Leben zu scheitern. Manchmal ist das der einzige Weg, aus dem eigenen Loch herauszufinden.
Und Du? Du musst auf Dich achten, damit Du das Seil knüpfen kannst.
Hol Dir Luft: Spaziergänge, Bewegung, ein Hobby, das Dir Freude macht.
Rede mit Menschen, die Dich verstehen.
Setze klare Grenzen – finanziell, emotional, zeitlich – ohne Dich schuldig zu fühlen.
Suche Dir professionelle Unterstützung, wenn es zu schwer wird.
Finde eine Angehörigengruppe vor Ort oder nimm an Online-Meetings teil – Du bist nicht allein!
Nur wenn Du oben bleibst, kannst Du ihm helfen, wieder ans Licht zu kommen.
Herzlichst
Eva